Kick it like Einstein: Leben wie ein Infrarotastronom in Frankreich, magnifique!

Galaxienentwicklung

"Magnifique" schiesst mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich spektakuläre Bilder wie zum Beispiel vom Rosetta Nebel, die vom Weltraum-observatorium Herschel  stammen, betrachte. Die Aufnahme in Abbildung 1 kommt vom Team um meiner französischen Kollegin Frédéric Motte aus der astronomischen Abteilung SAp (Service ‘dAstrophysique) des Institutes CEA-Irfu (Commisariat à l’Énergie Atomique-Institut de recherche sur les lois fondamentales de l’Univers).

Die Mission des Infrarotsatelliten Herschelheute vor einem Jahr mit einer Ariane 5 auf seine Reise geschickt – ist bisher ein grosser Erfolg, und Frankreich spielt dabei eine tragende Rolle. Der Anteil Frankreichs an den wissenschaftlichen Instrumenten von Herschel beträgt um die 20-25%. Sieben von 42 Herschel ‘Key’-Beobachtungsprogramme (mit mehr als 100 Stunden) leiten und koordinieren Astronomen französischer Institute, fokussiert auf Beobachtungen des Interstellaren Mediums und Sternentstehungsbieten in unserer Galaxies aber auch auf Untersuchungen von Galaxien im jungen Universum. 

Abbildung 1: Herschel Aufnahmen mit den Instrumenten PACS und SPIRE eines Teils des Rosetta Nebels (Quelle: Herschel Konsortium PACS &SPIRE, HOBSY Program).

Die Grand Nation ist nicht nur im Fussball sondern auch in der Astrophysik ein Schwergewicht. Das Institut CEA-Irfu, eines der wichtigsten astrophysikalischen Institute Frankreichs, befindet sich etwa 30 km südlich von Paris in Saclay und ist an zwei von drei Instrumenten von Herschel, PACS (Photometer Detector Array and Spectrometer) und SPIRE (Spectral and Photometric Imaging Receiver), beteiligt. Zusammen decken beide Instrumente einen Wellenlängenbereich von 60 bis 700 mikrometer im Infraroten ab. Zu PACS steuerte CEA vor allem die Detektoren für die Kamera bei. Diese Detektorelemente nennen sich Bolometer und messen vereinfach gesagt, die abgebende Energie der auf den Detektoren ankommenden Photonen. CEA ist weltweit führend in dieser Technologie. Es ist auch erwähnenswert, dass das CEA schon beim Vorgänger von Herschel, ISO (Infrared Space Observatory) tatkräftig beteiligt war und zwar als PI-Institut (PI: Principal Investigator) unter der Leitung der späteren ESO Direktorin (1999-2007) und IAU (Internationl Astronomical Union) Präsidentin (2006-2009), Frau Dr. Catherine Cesarsky. Auch beim sehnsüchtig erwarteten Nachfolger vom HST (Hubble Space Telescope), dem JWST (James Webb Space Telescope), ist das CEA-IRFU mit involviert.
 
In meinem Arbeitsgebiet, der Erforschung von Galaxien mit intensiver Sternentstehung, den sogenannten Infrarotgalaxien, spielt die Gruppe Kosmologie und Galaxienentwicklung, in der ich am CEA-Irfu (Commisariat à l’Énergie Atomique-Institut de recherche sur les lois fondamentales de l’Univers) unter der Leitung von David Elbaz forsche, eine weltweit führende Rolle. Dieser französische Astrophysiker, der kürzlich mit der Entdeckung eines "nackten Quasars" auch in Deutschland zum Beispiel im Spiegel für Schlagzeilen sorgte, leitet ein Beobachtungsprogramm extrem tiefen Aufnahmen von den sogenannten GOODS Feldern, (siehe auch Post von Carolin Liefke über Deep Surveys bei KosmoLogs) an denen ich auch arbeite werde.
 
Meine franzosischen Kollegen sind bezüglich Herschel nicht nur an wissenschaftlicher Front aktiv. Das CEA betreibt zusammen mit dem CNRS und CNES (CNRS:Centre de la national recherche scientifique; CNES:Centre national d’études spatiales), den französischen Äquivalenten von DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) und DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt), betreiben eine Herschel gewidmete Webpage. Diese Seite kann ich wärmstens empfehlen – auch wenn sie in französisch ist! Hier findet man nicht nur faszinierende Aufnahmen von Herschel sondern auch Videos, in denen französische Astrophysiker ihre Herschel Projekte vorstellen, aber auch die Instrumente von Herschel erklären. Die Videos dreht der französische Filmemacher Pierre-Francois Diko. Er arbeitet seit etwa zwei Jahren auf freiberuflicher Basis für das CEA. Der Filmemacher begleitet die CEA-Astrophysiker immer wieder bei ihrer Arbeit, auch auf Dienstreisen wie zum Beispiel vergangene Woche als wir auf der Herschel Konferenz in Noordweijk waren, wo die ersten Herschel Ergebnisse vorgestellt wurden.
 
Dass die Öffentlichkeitsarbeit einen hohen Stellenwert geniesst, zeigte sich auch im vergangenen Jahr aus Anlass des Jahres der Astronomie. Zum Beispiel konnten Reisende der Nahverkehslinie RER B an den Wänden der Station Luxembourg in Paris riesige und zugleich faszinierende astronomische Aufnahmen bestaunen. Das IAP (Institut d’astrophysique de Paris) leitete diese aus sechs Bildern bestehende Ausstellung, die ein echter Blickfang war, siehe auch Abbildung 2. 
  
Abbildung 2: Aufnahme in der RER Station Luxembourg von J. Mouette/IAP.
 
Noch ein Wort zur Stellensituation. Wie in Deutschland auch wäre es ohne Drittmittel gar nicht möglich die Datenflut wie von einem Projekt in der Dimension von Herschel annähernd zu bewältigen. Wissenschaftler am CEA mit festen Stellen werden entweder direkt von CEA oder vom CNRS (dem französischen Äquivalent zur DFG) bezahlt. Jedes Jahr schreibt zum Beispiel die CNRS feste Stellen in der Astrophysik für ganz Frankreich aus – im vergangenen Jahr etwa ein Dutzend. Diese Stellen sind personenbezogen, was bedeutet, dass Wissenschaftler die eine CNRS-Stelle haben sich das Institut (in Absprache) aussuchen können und der Institutswechsel innerhalb Frankreichs ist erlaubt ohne die Stelle zu verlieren. Im Vergleich zu Deutschland haben ich den Eindruck, dass es in Frankreich "einfacher" ist eine Festanstellung als Astrophysiker zu bekommen.  Dies liegt auch sicherlich daran, dass das Zahlenverhältnis zwischen Doktoranden, Postdocs und Festangestellten ausgewogener zu sein scheint.
 
Abschliessend ist zu sagen, dass die französische astronomische Gemeinschaft sehr zufrieden mit Herschel ist und erwartungsfroh in die Zukunft dieses Weltraumobservatoriums schaut. Im Gegensatz dazu sind die Hoffungen auf ein gutes Abschneiden der ‘Les Bleus’ eher gedaempft.
 
 

Bis zum nächsten Blog,

Euer Helmut Dannerbauer

Helmut Dannerbauer

Veröffentlicht von

Der promovierte Astrophysiker Helmut Dannerbauer – wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg – fokussiert sich in seinem Blog auf die Erforschung von Galaxien und deren Entwicklung im jungen Universum.

1 Kommentar

  1. Merci pour ton reportage!

    Salut Helmut!
    Danke für Deinen interessanten Artikel. Auch in meinem Bereich, der Infrarot-Interferometrie, ist Frankreich sehr aktiv beteiligt bzw. in vielen Projekten führend. Ich habe den Eindruck, dass es in Frankreich mehr Stellen für die wissenschaftliche Unterstützung von Projekten, z.B. Software-Entwicklung gibt. So gibt es für uns Interferometer z.B. das Jean-Marie Mariotti Centre (jmmc.fr), das Tools zur Vorbereitung und Auswertung interferometrischer Beobachtungen erstellt.
    Viele Grüße aus dem ESO-Gästehaus Santiago…
    Leo

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