Ente im Iran gesichtet?

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Plasmen im Mittelpunkt
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Nach längerer Abwesenheit hier melde ich mich wieder zurück. Genutzt habe ich die Zeit, um meine Promotion abzuschließen und einen 3-monatigen Forschungsaufenthalt in den USA zu verbringen. An meinem ersten Tag wieder zurück in Deutschland stieß mich ein Kollege auf eine durchaus interessante Meldung bei Spiegel online: Der Iran will bis 2020 seinen eigenen Fusionsreaktion bauen.

In dem Artikel wird ein gewisser “Asghar Sediksade” zitiert, welcher Chef des iranischen Kernfusionszentrums sein soll. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich hier um einen Tippfehler oder die “Übersetzung” des Namens handeln soll, aber es ist wohl “Asghar Sediqzadeh” gemeint. Unter dieser Schreibweise landet man reichlich google-hits und nach einigem “Herumgeklicke” kommt man zu dem Schluss, dass es eine “Ursprungsmeldung” (hier der Link zum download der Meldung) der iranischen Nachrichtenagentur ISNA gibt, wie auch in dem Spiegel online Artikel behauptet. Gemäß dieser Meldung hat Herr Sediqzadeh am 24. Juli verlauten lassen, dass sein Land sich mit dem Design und der Konstruktion von Fusionsreaktoren wissenschaftlich auseinandersetzt.

Zudem hat der Chef der “Atomic Energy Organization of Iran” (AEOI) verkündet, dass man das Projekt mit 8M$ Startbudget versorgt hat. Außerdem sei es kein Problem den Etat jederzeit zu erhöhen. Ein Satz, den man als Wissenschaflter nicht allzu häufig hört 😉 Der Chef der AEOI räumt zwar ein, dass man große Schritte vollbringen müsse, er sei aber zuversichtlich, dass sein Land in 10 bis 15 Jahren eine nukleare Energieversorgung besitzen werde. Nun, “große Schritte” ist eine sehr passende Beschreibung, heißt doch der aktuell im Bau befindliche Experiementierreaktor ITER – über den ich noch berichten werde – übersetzt “der Weg”. ITER kostet ca. 15 G€, was das Startbudget des iranischen Programm um mehr als 3 Größenordnungen übersteigt. Die hohen Kosten werden durch die Größe von ITER verursacht. Diese Größe aber ist für einen Reaktor nach dem Prinzip von ITER unabdingbar. Der Reaktor der Iraner müsste also einem anderen Konzept folgen.

Da in der Meldung der ISNA nicht mehr Informationen enthalten sind, können wir also zunächst einmal festhalten, dass Spiegel online reichlich spät über diese Meldung berichtet – ob sie der Nachricht vorher nicht allzuviel Glauben geschenkt haben und auf das Sommerloch gewartet haben?

Kommen wir aber zum Inhalt der Meldung: In Iran wird sehr wohl Grundlagenforschung im Bereich der Plasmaphysik durchgeführt, die teilweise auch fusionsrelevant ist, ich habe da mal einige Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften von iranischen Physikern gelesen. Leider kenne ich diese Wissenschaftler nicht persönlich und habe auch keine email-Adressen von ihnen, um sie nach dieser Meldung zu befragen. Auf den iranischen Plasmaphysik-Webseiten hier und hier findet man keine Information über ein forciertes experimentelles Kernfusionsforschungsprogramm. Ich vermute daher mal, dass es sich hier im wesentlichen um eine Zeitungsente handelt. Ich könnte mir vorstellen, dass der Forschungsetat tatsächlich um 8M$ erhöht wurde, diese Erhöhung allerdings so “verpackt” wurde, dass man sie medienwirksam präsentieren kann. Sollte ich noch einen iranischen Plasmaphysiker erreichen, werde ich berichten!

Alf Köhn-Seemann

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Alf Köhn-Seemann hat in Kiel Physik studiert und in Stuttgart über Mikrowellenheizung von Plasmen promoviert. Von 2010 bis 2015 war er dort als Post-Doc tätig. Nach mehreren Forschungsaufenthalten im englisch-sprachigen Raum, arbeitet er von 2015 bis Ende 2017 am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching. Seit Ende 2017 forscht und lehrt Alf Köhn-Seemann wieder an der Uni Stuttgart.

8 Kommentare

  1. Könnte es gar sein …

    … dass die Forschungsvorhaben des Iran eher auf die Entwicklung solcher Applikationen von fusionsbasierten Energieumwandlungen abzielen, die nicht in einem umschlossenen Kraftwerk stattfinden, eine aktive Funktionsdauer im Millisekundenbereich aufweisen und üblicherweise per Flugzeug oder Rakete zu ihrem Einsatzort transportiert werden?

  2. Nachtrag:

    Nachtrag:

    Eigentlich könnte man die Abwärme von unterirdischen Nuklearwaffentests auf die gleiche Weise nutzen, wie die geothermische Energie.

    1 Megatonne TNT-Äquivalent ergeben 4,184*10^15 Joule.

  3. Zweiter Nachtrag:

    Zweiter Nachtrag:

    4*10^15 J / ( 10^9 J/s * 86400 s/d ) = 46 d

    Ein Kernkraftwerk mit 10^9 W thermischer Leistung würde alle 46 Tage eine Megatonne verbrauchen.

  4. @Michael
    dafür müsste der Iran ja erst einmal im Besitz von Kern_spaltungs_waffen sein, ich denke, dass können wir wohl ausschließen. Hoffe ich.
    Ansonsten schön gesprochen bzw. geschrieben!

    @Karl
    naja, man _könnte_ es sicherlich versuchen, allerdings hoffentlich nicht auf unserem Planeten 😉
    Wobei Geothermie ja eher eine langfristig und konstante Wärmequelle ist, im Gegensatz zu einer Atombombenexplosion, was die Nutzbarmachung zusätzlich (zu den Nachteilen, die Atomwaffen so mit sich bringen…) erschwert.

  5. Tippfehler – Name

    Im Prinzip stimme ich zu – nur ein Hinweis zum Namen: das muss kein “Tippfehler” sein. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es keine eindeutige Transkription von Farsi (oder Arabisch) ins lateinische Alphabet. Dass ein Name verschieden geschrieben wird ist also keinesfalls ungewöhnlich, eher die Regel.

    Übrigens gibt es auch in der Wissenschaftsgeschichte hierzu ein interessantes Beispiel: der im Mittelalter bedeutende islamische Wissenschafter “Al Tabari”/”At Tabari”. Erklärung ist hier zwar etwas komplexer, dennoch…

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