Wissenschaft und ihre (wechselnden) Begriffe

Gábor Paál hat drüben in seinem Blog unter dem Titel “Das Ende des Staunens – Ist die Ära der großen wissenschaftlichen Entdeckungen vorbei?” eine Diskussionsrunde auf SWR2 besprochen (die ich zugegebenermaßen nichtgehört habe). Ich will mich jetzt nicht daran abarbeiten, was mich am Text stört[1]. vielmehr ist mir beim Lesen etwas anderes aufgefallen, das vielleicht noch in die Diskussion gehört.

Die eigentliche Frage ist doch: Wie kommt man, quasi zeitgleich mit den neuesten atemberaubenden Bildern von Pluto und Tschuri, in Zeiten fast fotografischer Karten des Tiefseebodens oder auch molekülgenauen Bilder einzelner Zellen überhaupt auf die Idee, man könnte das “Ende des Staunens” ausrufen? Ausgerechnet jetzt?

Ich vermute, der entscheidende Punkt sind weniger die Entdeckungen als vielmehr die veränderte Ideenwelt, in der sie stattfinden. Nicht den wissenschaftlichen Ergebnissen selbst fehlt das Revolutionäre, sondern den Begriffen, in die wir solche Resultate fassen. Die nämlich folgen den Moden ihrer jeweiligen Zeit. Jene großen Weltentwürfe, die Gábor gegen Ende seines Beitrags aufmarschieren lässt, machen da keine Ausnahme. Ich will nicht sagen, dass ihre Zeit vorbei ist, aber wissenschaftliche Erkenntnis betrachten wir heute eben meist erst einmal anders – zum Beispiel utilitaristisch, wie ja in dem Artikel auch anklingt[3].

Landschaftsform auf Pluto: Staunen ohne Ende. Bild: NASA/JHUAPL/SWRI

Landschaftsform auf Pluto: Staunen ohne Ende. Bild: NASA/JHUAPL/SWRI

Auch Paradigmenwechsel sind, scheint’s, aus der Mode gekommen. Die recht junge Erkenntnis, dass fast alle Welten im Sonnensystem bis heute aktiven Veränderungen unterworfen sind, wäre dem letzten Jahrhundert sicherlich ein Paradigma wert gewesen. Und dass die Mikroorganismen auf und in uns unseren Körper quasi mit steuern, hätte man in den 60ern oder 70ern zweifellos “symbiotic turn” genannt. Mindestens[4].

Das 20. Jahrhundert war geprägt von politischen und kulturellen Revolutionen, von Weltentwürfen und dem zugehörigen Begriffskanon. Die Naturwissenschaften folgen solchen Trends genauso wie viele andere Bereiche der Gesellschaft. Aber irgendwann ändert sich die Mode. Man ist dieser Tage misstrauisch geworden, was begriffliche und andere Revolutionen angeht, auch in den Naturwissenschaften. Nach der ungefähr fünfzehnten Iteration irgendwelcher -omics heben die meisten über Paradigmenwechsel nur noch amüsiert die Brauen.

Insofern ist die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts eben die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts: Wo man vor dem Millennium noch die Paradigmen wechselte wie seine Unterwäsche, steht man heute wieder auf den Schultern von Riesen. Naturwissenschaft ist nach heutiger Wahrnehmung mehr kontinuierlicher Prozess als Abfolge von Umwälzungen, und sowohl Geldgeber als auch Öffentlichkeit schätzen das Konkrete höher als das Grundsätzliche.

Nie zuvor hatten wir so effektive Mittel, den Ozean der Unwissenheit trockenzulegen: Das Staunen fängt jetzt erst richtig an. Was sich zuerst einmal geändert hat, ist die Ideenwelt, in der Wissenschaft stattfindet, und die Weise, wie die Gesellschaft Forschungsergebnisse rezipiert. Heute verändert Wissenschaft nicht so sehr Weltbilder, sondern nur noch die Welt.
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[1] Wenn man Amundsen schon erwähnt, ist die Parallele zu New Horizons eigentlich kaum vermeidbar. Und die Trennung zwischen Messverfahren und technischen Fortschritten im viertletzten Absatz macht mir Zahnschmerzen[2].

[2] OK, die Zahnschmerzen kommen zugegebenermaßen von der Kiefer-OP.

[3] Mir scheint es auch eine bloße Frage der Perspektive zu sein, ob wir die Kränkungen durch die Wissenschaft nun als weltanschaulich oder ethisch begreifen. Wie nah sich das ist, kann man wunderbar in der bioethischen Diskussion über Chimären beobachten.

[4] Davon, dass man seit ein paar Jahren sogar die elektronische Struktur einzelner Moleküle direkt abbilden kann, ganz zu schweigen.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt Menschen die empfinden es als ein Wunder, wenn irgendwo eine Marienstatue weint. Es gibt Menschen die kommen in’s Staunen wenn sie Bilder der Pluto-Oberfläche sehen. Das ist individuell unterschiedlich. Ich z.B. werde weder von dem einen noch dem anderen berührt. Warum auch? Nichts davon ist für mein Leben wichtig.

  2. Pingback:MuliWiki · Blog 385

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