Wettermanipulation: Riesenmauern gegen Tornados

Fischblog

Mit den aktuellen Tornado-Schäden und Todesopfern in den USA stellt sich wie jedes Jahr die Frage, was man gegen solche Naturkatastrophen unternehmen kann. Und da ein gesundes Maß an Größenwahn hat so einer Unternehmung noch nie geschadet hat, schlägt ein amerikanischer Forscher vor, mehrere dreihundert Meter hohe Mauern quer über die Great Plains von Nordamerika zu bauen.

Das Schöne an der Idee: Sie ist nicht nur hinreißend beknackt, sondern zeigt auch, dass halbe Bildung gelegentlich mehr Unheil stiftet als gar keine. Der Mann mit Hut hat es heute ganz gut zusammengefasst:

tweet

Der Urheber der Anti-Tornado-Mauern, Rongjia Tao, ist anscheinend ein durchaus ernstzunehmender Materialforscher, der sich mit Elektrorheologie befasst.[1] Was Tornados angeht, hat er allerdings das, was man gerne mal als “gesunde Halbbildung” bezeichnet (d.h. keine Ahnung).

Tao vertritt die Ansicht, die Tornados im mittleren Westen entstünden, weil warme und kalte Luftmassen aus Nord und Süd in der Tornado Alley “zusammenprallen” würden. Als mildernden Umstand kann man immerhin geltend machen, dass es eigentlich in fast allen Medien so propagiert wird. Daraus schlussfolgert er messerscharf: Wenn man also hohe Mauern in Ost-West-Richtung quer zur Zugbahn der Luftmassen baut, schwächt man diese Kollision ab – und damit auch die Tornados. Das erzählt er alle Jahre wieder zu Beginn jeder neuen Tornado-Saison, zuletzt im März bei der American Physical Society.

Keiner hat die Absicht, Taos Mauern zu errichten

Leider ist das Konzept von Tao völlig ungeeignet, Tornados zu verhindern, wie Meteorologen immer wieder betonen. Das liegt schon daran, dass die Idee vom Zusammenprall tropischer und arktischer Luftmassen als Ursache von Tornados falsch ist. Es steht trotzdem fast überall so, und verzweifelte Meteorologen haben jetzt sogar ein Paper darüber veröffentlicht, dass die Story so nicht stimmt und die Medien sie doch bitte nicht dauernd weitererzählen sollen.

In China gibt es laut Tao deutlich weniger Tornados. Bild: Severin Stalder, CC BY-SA 3.0
In China gibt es laut Tao deutlich weniger Tornados. Bild: Severin Stalder, CC BY-SA 3.0

Tornados entstehen nämlich unter sehr unterschiedlichen Umständen. Ein bekannter Mechanismus hängt mit der Taupunktlinie zusammen – einer Grenze, an der sich ähnlich warme, aber unterschiedlich feuchte Luftmassen treffen. Auch eine vertikale Grenze zwischen feuchten und trockener Warmluft erzeugt gerne Gewitter, und sogar ein Hurrican kann Superzellen hervorbringen.

Klassische Fronten mit großen Temperaturgegensätzen, wie sie beim Zusammentreffen tropischer und arktischer Luft auftreten, scheinen das Risiko für Tornados eher zu verringern. Zwar entstehen an solchen Luftmassengrenzen viele Unwetter, die hohe Temperaturdifferenz verhindert aber unter Umständen sogar, dass sich die klassischen Tornado-erzeugenden Superzellen überhaupt bilden – in solchen Fällen entsteht laut Literatur eher eine geschlossene Sturmfront, in der sich kaum Tornados formen.

So wie es aussieht würde Taos Plan nicht nur keine Tornados verhindern – würden seine Mauern die Luftmassen so verlangsamen, dass sich ihre Temperaturen vorm Zusammentreffen annähern, stiege womöglich sogar das Risiko von Superzellen und Tornados. Das ist eine hübsche Schlusspointe, aber natürlich pure Spekulation.

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[1] Ich hab nicht genauer geguckt, aber es scheint darum zu gehen, magnetische Teilchen in Flüssigkeiten zu suspendieren und so das Fließverhalten mit Magnetfeldern zu beeinflussen.

Lars Fischer

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

12 Kommentare

  1. “As evidence, he points to China – where only three tornadoes were recorded last year, compared to 803 in the US.”
    James Morgan, BBC News (Der erste Link im Artikel)

    Wäre ich nicht drauf gekommen, wegen der Chinesischen Mauer gibt es dort keine Tornados.

    Aber was soll´s, selbst wenn die “Great Walls of America” Tornados nicht verhindern könnten, der “Great Wall of China” hat schließlich ebenso nicht vor den Mongolen geschützt. Und zu einer Touristenattraktion würden die Ruinen allemal auch.

    • Der Zusammenhang war mir völlig entgangen, das hab ich gleich mal mit aufgenommen. Danke für den Lacher am Morgen.

  2. In berlin gab es seit den 60er Jahren wenig bis gar keine Tornados, jetzt nach 20 jahren ohne Mauer ist eines klar: ohne ist es zugiger

  3. Frage: Würden die Anti-Tornado-Mauern errichtet, wenn sie wirkungsvoll wären?
    Ich behaupte nein: Die letzte Macht, die umweltverändernde Megaprojekte ohne Rücksicht auf Verluste errichtete, war die Sowjetunion, welche unter anderem denTurkmenbaschi-Kanal baute, der für 40% des Wasserverlusts des Aralsees verantwortlich ist (1960 war sein Volumen noch 1060 Kubikkilometer, heute sind es noch 75) ). Gut, auch der chinesische Dreischluchtendamm kann noch dazu gezählt werden.
    Es gibt zwar Veränderungen der Umwelt im grossen Massstab, aber meist nicht als geplantes Projekt, sondern als unbeabsichtigte Nebenwirkung. Beispiele sind das Ersetzen des indonesischen Regenwalds durch Palmölplantagen oder der Abbau von Ölsand in Kanada, der ganze Landstriche beeinträchtigt.
    Ein Megaprojekt, das den Klimawandel stoppen soll, nämlich die Bewaldung der Sahara und des australischen Outbacks mit Eukalyptus zur CO2-Fixation wird wohl nie realisiert werden allein schon wegen den enormen Kosten der nötigen Meerwasserentsalzungsanlagen.

  4. Nichts gegen diesen Artikel, ein Dank an dieser Stelle, die Sache mit dem dreihundert Meter hohen “Tornado-Abwehrdamm” muss nicht ernst gemeint sein, sondern deutet eher auf Marketing hin, abär, persönlich geprägte Anmerkung:
    Was soll ‘der Mann mit Hut’, der auch oder primär: Werbetexter ist, hier zur Sache beibringen? (Beliebt mag er sein, wenn auch nicht bei allen, no prob…)

    MFG
    Dr. W

    • Ganz einfach: Er hat im richtigen Moment das getwittert, was ich gerade gedacht hatte, und ich brauchte noch ein optisches Element zum Auflockern. Also keine wirklich tiefe Begründung.

  5. Übrigens: die USA sind verglichen mit Europa geradezu mit Extremwettern gesegnet, man denke nur an die Hurrikane, Tornados, Blizzards, ice storms und Hitzewellen.
    In Europa gibt es dagegen pro Jahr insgesamt weniger als 5 Tornados, als Tornado-Jäger muss man also in die USA auswandern.

  6. Hmm, wenn ich das Paper richtig verstehe, dann erklärt die Idee mit dem Zusammentreffen von warmen feuchten und kalten trockenen Luftmassen immerhin warum das Potential für Tornados in den USA höher ist als in Europa – aber auf kontinentaler Laengenskala. Aber der Temperaturgradient ist nicht die direkte Ursache für Tornados, die sind eine Groessenordnung drunter und haben eher mit dem Zusammenspiel von vertikaler Scherung in Temperatur und Wind und der Umwaelzfaehigkeit der Luftmassen vor Ort zu tun und das sind eben eher lokalere Phaenomene.

    So ne Mauer koennte also nie bestimmte Tornados verhindern. Um das Potenzial solcher Tornados grundsaetzlich zu vermindern muesste mensch grundlegend an der Topographie schrauben, also ein paar neue Bergkettten hochziehen oder wegplanieren. So groessenwahnsinnig ist keiner.

    Wenn ich das richtig verstehe, wie gesagt.

    • Wenn man das so allgemein auslegt, stimmt das natürlich. Aber wenn man so einen allgemeinen Maßstab für Ursachen anlegt, dann verliert der Begriff ein bisschen seine Bedeutung, finde ich. Schließlich prallen überall auf der Welt alle möglichen Luftmassen zusammen, und je nach lokalen Bedingungen passiert mal Dieses, mal Jenes.

  7. Vermutlich werden solche Riesenmauern demnächst auch unter Wasser eingesetzt, um Tsunamis zu unterbinden. Und im Weltraum wäre auch noch Platz, ihr wisst schon: Diese pösen Meteoriten.. 🙂

  8. Alpenneid?

    Ein wenig versteh ich Idee schon. Der große Unterschied zwischen Amerika und Europa liegt darin, dass in Amerika groß Bergketten in Nord-Süd-Richtung, in Europa in West-Ost-Richtung verlaufen.
    Das bedeutet, dass ein polarer Kaltluftstrom relativ locker bis nach Florida fließen kann und dort für vereiste Orangen sorgt. In Europa ist bei den Alpen Schluss, da gibt es dann Salzburger Schnürlregen nördlich der Alpen und Föhn südlich der Alpen.

    Grüße aus dem gerade verregneten Wien 😉

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