Was klebt am Touchscreen eines Smartphones?

Regelmäßige Fischblog-Leser wissen ja inzwischen: Die meisten Menschen waschen sich nach der Eiablage nicht die Hände und verteilen so ihre Darmflora auf allen verfügbaren Oberflächen. Demnach müssten auch Smartphones messbar fäkalverschmiert sein[1]. Traurigerweise hat das – zumindest meines Wissens – bisher noch niemand hieb- und stichfest nachgeprüft: Wie stark die Bakteriengesellschaften von Telefon und Darm wirklich übereinstimmen, ist unbekannt. Aber es gibt Grund zur Hoffnung, denn ein erster kleiner Schritt in diese Richtung ist jetzt gemacht.

Und zwar haben sich jetzt drei Forscher der Frage angenommen, ob man das Telefon mikrobiologisch schon als Teil des menschlichen Körpers betrachten kann. Man kann. Die Bakteriengesellschaft auf dem eigenen Telefon ist der an den Fingern erkennbar ähnlich – mit 22 Prozent übereinstimmenden Bakterientaxa im Vergleich zu 17 Prozent bei fremden Telefonen. Das klingt erst mal nicht nach allzu viel, aber wenn man den mengenmäßig irrelevanten Long Tail voller obskurer Bazillen weglässt und nur die wichtigsten Gruppen betrachtet, sind es dann über 80 Prozent Übereinstimmung.

Kot oder nicht Kot?

So wahnsinnig überraschend ist das jetzt natürlich nicht, dass die Bakterien, die an den Pfoten kleben, auch am Telefon auftauchen, viel interessanter wäre natürlich die Frage, wie viele davon auch einen rektalen Migrationshintergrund haben. Leider gibt die Studie darüber nur bedingt Aufschluss, aber da hier auch keiner in den Darm reingeguckt hat, ist das natürlich nicht überraschend. Das was man so in der Studie nachlesen kann, spricht allerdings nur teilweise für einen hohen Fäkalanteil.

Einerseits machen Bacteriodes-Arten einen nennenswerten Teil der Funde sowohl auf Telefonen als auch Fingern aus – und die sind obligat anaerob, deswegen würde ich nicht erwarten, große Mengen davon außerhalb von Körperhöhlen anzutreffen. Andererseits fehlen Clostridien anscheinend ganz, und Bifidobakterien seh ich auch nirgends. Enterobakterien und Lactobacillus wiederum, beides einigermaßen prominente Darmkeime, findet man anscheinend auf Telefonen wieder, wenn auch in vergleichsweise kleinen Mengen.

Ein ganz interessanter Fund wiederum ist Neisseria. Hier bitte keine vorschnellen Schlussfolgerungen über die Versuchspersonen – N. gonorrhoeae ist nur eine Art von ungefähr einem Dutzend Neisserien, die auf dem Menschen leben. Allerdings sind die Viecher Schleimhautbewohner, und man kann trefflich spekulieren, aus welchem Feuchtgebiet die Probanden sie auf ihr Smartphone geschmiert haben.

Mit 17 Teilnehmern ist diese “Studie” leider kaum mehr als eine Voruntersuchung zu einer ernsthaften Arbeit, insofern fällt es mir schwer, die Detailergebnisse zum Beispiel zur Geschlechterdifferenz ernst zu nehmen. Immerhin dürfte das Hauptergebnis robust sein, dass es signifikante Übereinstimmungen zwischen den Bakteriengemeinschaften von Hand und Smartphone gibt. Für alles Andere und besonders für die Frage nach den Fäkalien gilt: Weitere Forschungen sind notwendig.

Freiwillige vor!

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[1] Weswegen ich meinen Telefondesinfizierer auch nicht mit der B-Arche wegschicken würde. Wenn ich einen hätte.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Die meisten Menschen waschen sich nach der Eiablage nicht die Hände und verteilen so ihre Darmflora auf allen verfügbaren Oberflächen.”

    Das ist schon mal eine Vorannahme, die durchaus hinterfragbar ist – nicht etwa die Fakten anzweifelnd (Mehrheit wäschst sich nicht die Hände), sondern den hier gefolgerten Schluss daraus:

    “und verteilen so ihre Darmflora auf allen verfügbaren Oberflächen”

    Das wäre nur wahrscheinlich, wenn die Personen während des Ausscheidungsvorgangs oder danach mit “ihrem Ei” in händische Beührung kämen.

    Kundiger Umgang mir neuzeitlichem Toilettenpapier verhindert genau das.

    Dies bedenkend, entpuppt sich der Artikel als “Link Bait”, denn die Ergebnisse der Betrachtungen / ansatzweise Beforschungen bestätigen die These offenbar nicht.

    “Ganzheitlich gesehen” halte ich die Verstärkung der Paranoia vor Bakterien, Dreck, Scheisse etc. für ein Übel. Wir sind trotz Zivilisation immer noch Teil der Natur, ein listiges Tier… und wenn wir mit den Basics unserer materiallen Bakterien-Úm- und Innenwelt nicht mehr zurecht kommen, werden wir schnell von diesem Planeten verschwinden!

    • Bakterien durch richtigen Gebrauch des Toilettenpapiers in Schach halten dürfte ebenso scheitern wie Viren in Schach halten in dem man in die Hände niesst anstatt ins Freie.
      Nun damit kann man selber schon zurechtkommen, aber es heisst eben doch, dass das Smartphone etwas so intimes ist wie die eigene Unterhose oder die Binde. Und die würde man ja auch nicht mit anderen tauschen

    • Gegen den Vorwurf des Linkbaitings verwahre ich mich. Im Titel steht exakt das, was die Studie auch liefert, und man kann das dann auch im Beitrag nachlesen. Dass dabei die Darmbakterien interessanter sind als ein paar versprengte Epidemis-Streptokokken, bedarf glaube ich keiner Erläuterung.

      Und dass Fäkalien beim Hintern Abwischen an den Fingern landen (und von da in der weiteren Umgebung) ist gut belegt. Stichwort Schmierinfektion. Dass Klopapier dagegen hilft, ist Aberglaube. Im Gegenteil, das Klopapier auf benutzten Klorollen ist oft bereits kontaminiert.

  2. Was Lernen wir,ned labern wascht euch die Hände einfach öfter mal,nicht ihr die vielleicht regelmäßig dran denkt sind das problem sondern Leute die nix davon halten die Verteilens auf Türklinken auf Drückern vom Klo,Wasserhähne unter Klobrillen.Aber rein Bakteriell betrachtet sind Tastaturen,Tabletts das schlimmste,man müsste sich davon noch viel mehr ekeln als ein leicht schmutziges Klo.Aber solange man nur seine eigenen Bakterien auf dem Ding hat ist es weniger Problematisch als wenn das Teil durch die Gegend gereicht wird.Grad da sollten Eltern ihren Hygiene Wahn mal ernst nehmen und nicht an Orten die für das Immunsystem relevante Bakterien hat.Zb “Erde fressen” ,Pfützenwasser oder “Sandkuchen” 🙂
    Auch ein Bad muss nicht keimfrei sein,sondern sauber.

  3. Pingback:Markierungen 06/26/2014 | Snippets

  4. Mensch Lars Fischer, muss das sein?
    Gerade wäre ich fast abgewürgt vor lauter lachen ob der “Eiablage” und des “rektalen Migrationshintergrundes”. Langsam beruhige ich mich aber wieder 😉
    Ansonsten kann ich mich nur “Burn” anschließen!

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