Warum setzt man noch keine Phagen gegen Infektionen ein?

Kennen wir seit Jahren, können wir mitsingen: Osteuropa, lange in Vergessenheit geraten, hochspezifisch, Therapie der Zukunft gegen resistente Bakterien. Das geht jetzt aber schon so lange, dass mich immer wieder Leute fragen, was denn nun wirklich ist mit den Bakteriophagen. Heute hat mich Matthias Warkus auf Facebook wieder einmal wegen des Themas angestupst.

Die Frage dort ist zwar etwas konkreter (über die EHEC-Epidemie von 2011) als die im Titel, haut aber in dieselbe Kerbe: Wenn die Phagen so super sind, warum nutzt sie kaum jemand? Der FAZ-Artikel von 2014 ist relativ typisch darin, dass die Autorin regulatorische Hürden als Problem zitiert und ansonsten vage bleibt. Eine weitere Schwierigkeit fällt hier und in den meisten anderen Beiträgen unter den Tisch, vermutlich weil die meisten Artikel (der hier zitierte sogar im Titel) diesen Punkt als große Stärke der Phagentherapie herausstellen: Ihre Spezifität.

Was macht die Phagentherapie nun so interessant? Zum einen ihre erstaunliche Spezifität. Bakteriophagen infizieren nur bestimmte Bakterienarten. Sie fahren keinen Großangriff wie die meisten Antibiotika, die auch die Darmflora angreifen.

Wenn man von der klassischen Antibiose und den Resistenzen kommt, klingt es erstmal wie ein uneingeschränkter Vorteil, dass die Bakteriophagen auf eine einzige Bakterienart, oft sogar auf einen einzigen Stamm spezialisiert sind. Das hat in der Praxis aber auch Nachteile.

Stellen wir uns den klassischen Anwendungsfall für Antibiotika vor: Mama kommt mit Klein-Fritzchen zum Arzt, Klein-Fritzchen hat ne Mittelohrentzündung. Kein Problem, wir haben ja unsere hochspezifischen Phagen.[1] Dummerweise gibt es eine ganze Latte von Keimen, die Mittelohrentzündungen verursachen können.

Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können einen Abstrich machen und rausfinden, was für einen Keim wir da genau vor uns haben. Das dauert aber ne Weile, und in vielen Fällen haben wir nicht mal eben so zwei, drei Tage Zeit, um auf die Analytik zu warten.

Alternativ könnte man natürlich einfach den Patienten mit einem Gemisch aus Bakteriophagen gegen alle denkbaren Erreger bewerfen. Aber erstens muss man die erstmal haben, und zweitens ist das dann eher nicht mehr die angepriesene hochspezifische Therapie. Nicht zu vergessen: auch gegen Phagen bilden sich Resistenzen.

Wenn es nicht mehr um Klein-Fritzchens Ohrenschmerzen geht, sondern um sehr schwere und langwierige Erkrankungen wie Verbrennungen oder offene Wunden, dann lohnt sich natürlich der Aufwand. Die EU zum Beispiel fördert ein Phagenprojekt bei Verbrennungen, das gerade jetzt ausläuft. Das allerdings sind Nischenanwendungen, und damit kommen wir zum zweiten Problem.

Je spezifischer so ein antibakterieller Wirkstoff ist, desto mehr verschiedene braucht man davon, um alle gängigen Infektionen abzudecken. Das bedeutet für die Industrie, die solche Wirkstoffe ja herstellen und durch die Zulassung bringen muss, einen ganz erheblichen Mehraufwand und deutlich höhere Kosten. Gleichzeitig wird die Marktnische für jedes Einzelpräparat winzig klein. Während ein Breitbandantibiotikum potenziell für alle Ohrenschmerzpatienten geeignet ist, wirkt ein einzelner Phage nur bei jener kleinen Gruppe von Patienten, die auch mit dem dazugehörigen Keim infiziert sind.

Jeder einzelne Phage muss allerdings separat entwickelt, geprüft, in großer Menge gezüchtet und in klinischen Studien auf seine Sicherheit getestet werden. Das kostet. Bekanntermaßen gilt schon die Entwicklung klassischer Breitbandantibiotika für Pharmaunternehmen als ökonomisch wenig reizvoll, und die sind wenigstens noch ohne großen Aufwand breit gefächert einsetzbar. Phagen nicht. Insofern ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass die einschlägige Industrie Phagen im Moment nicht mit dem Arsch anguckt.

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[1] Die Frage, wie man die Phagen in so einem Fall zum Ort der Infektion kriegt, ist nicht völlig trivial, weil die Organismen nicht mal eben aus dem Blut durch das Gewebe wandern (wie das kleine Moleküle wie Antibiotika können), lassen wir aber hier beiseite.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Thema Phagentherapie wurde auch gestern Abend wieder von Herrn Beckmann (ARD, Tödliche Krankenhauskeime) aufgewärmt. – Trotz der gerechtfertigten Kritik gegen die spezifischen Ansätze (Phagen, Endolysine, Antikörper als vorbeugende Therapie) bin ich der Überzeugung, dass es keine allein seligmachende Therapie mehr geben kann. (Breitband-) Antibiotika fördern die Ausbreitung von (“Breitband”-) Resistenzen, sollten also immer sehr überlegt eingesetzt werden und werden daher nicht mehr finanziell attraktiv sein können (ohne staatliche Förderung). Parallel zu den aufkommenden oder bereits verfügbaren Alternativen (Endolysin gegen Staphylococcus aureus und MRSA) muss an schnellen Diagnoseverfahren (und deren Kostenerstattung durch Krankenkassen!) gearbeitet werden. Also nicht nur eine schneller Umsetzung von “bench to bedside”, sondern auch der umgekehrte Weg der schnellen Analytik, damit der Arzt schnell weiß, mit welchem Keim er es zu tun hat und welche Therapie die richtige ist.
    Auch sollte nicht vergessen werden, dass sich immer deutlicher abzeichnet, wie wichtig die “guten” Bakterien für uns sind – das Mikrobiom auf und in uns. Die Keule sollte also nicht mehr generell breit gewählt und geschwungen werden, sondern eher gegen ein elegantes Instrument eingetauscht werden, das chirurgisch präzise arbeiten kann.
    (Sorgfältig eingehaltene Hygienestandards als Vorbeugung als selbstverständlich vorausgesetzt.)

  2. Man darf gespannt sein , wie die Industrie reagiert , wenn die Resistenzen überhand nehmen , schließlich lassen sich Antibiotika auch nicht mehr verkaufen , wenn sie unwirksam werden.
    Ob Phagen oder neue Antibiotika , über kurz oder lang führt kein Weg an der vernünftigen Eindämmung des Einsatzes ab , staatliches Durchgreifen inklusive , z.B. gegen den Einsatz in der Tiermast.

  3. Pingback:Helfende Viren etwas Neues zur Phagenthematik – Was mit Lust

  4. Hat man mit Phagen nicht in der Sovjetunion ausgiebig geforscht und auch in der Medizin angewendet? Mir war so, als ob da mal was in den Medien war.

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