Selbsttäuschung mit Mangroven

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Die Schutzwirkung dichter Mangrovenwälder hatte ich hier ja anlässlich der Birma-Sturmflut schon kurz erwähnt – es sei an dieser Stelle noch einmal auf die lesenswerte Diskussion in den Kommentaren verwiesen –, viel bedeutsamer, weil alltagsrelevanter ist allerdings anderer Aspekt. Gestern schrieb Kosmologger Jan Hattenbach auf der Spektrum-Homepage von den negativen Folgen, die das Verschwinden der Mangrovenwälder für die Küstenfischerei in vielen Regionen der Welt hat. Die Situation ist zumindest besorgniseregend:

Weltweit wurden Schätzungen zufolge bereits mehr als die Hälfte der ursprünglich vorhandenen Mangrovenwälder vernichtet. Schon in 20 Jahren könnten sie völlig verschwunden sein.

Die Uferwälder sind Lebensraum, Brutgebiet und Kinderstube für etwa ein Drittel der Fischarten, die vor Mangrovenküsten wirtschaftliche Bedeutung haben. Wie man bei Jan nachlesen kann, haben Forscher in Mexiko jetzt eine direkte Beziehung zwischen Mangrovenzerstörung und Fangrückgängen festgestellt. Ein beträchtlicher Teil der Bewohner von Mangrovenküsten ist direkt von der Küstenfischerei abhängig.

Nun werden Mangrovenwälder aus verschiedenen Gründen zerstört, zum Beispiel um Bauland und Brennmaterial zu gewinnen oder dort Teiche für die Garnelenzucht anzulegen. Auf den Philippinen ist bereits vor 20 Jahren ein Wiederaufforstungsprogramm für Mangrovenwälder angelaufen. Nun haben Forscher eine Bestandsaufnahme gemacht und festgestellt, es hat alles nichts gebracht:

In the current issue of Ambio, the researchers report that surveys of more than 70 restoration sites often found mostly dead, dying, or "dismally stunted" trees.

Das liegt einfach daran, schreiben die Forscher, dass die Bäume an den falschen Plätzen gepflanzt wurden, und machen schlichte Unkenntnis seitens der Pflanzer für das Problem verantwortlich:

The major problem, they say, is that planters didn’t understand the mangrove’s biological needs and placed seedlings in mudflats, sandflats, or sea-grass meadows that can’t support the trees.

Ich dagegen habe einen ganz anderen Verdacht. Die Bedürfnisse der Mangroven ist sehr wohl hinlänglich bekannt, es gibt nur keine Gebiete mehr, in denen man sie Erfolg versprechend anpflanzen könnte. Die lokale Bevölkerung leidet schließlich nicht nur unter den Folgen der Zerstörung, sondern hat im früheren Mangrovengebiet gebaut und Zuchtteiche angelegt.

Das Problem an der Sache ist nun, dass man den Kuchen nicht essen und gleichzeitig haben kann.

Es ist im Grunde sehr einfach: Mangroven wachsen nicht einfach irgendwo am Wasser, sondern brauchen einigermaßen geeignete Bedingungen. Und wenn das Gebiet, in dem diese Bedingungen herrschen, vom Menschen besetzt wurde, dann wird es keinen neuen Mangrovenwald geben. Da hilft es auch nicht, draußen irgendwo auf einer Sandbank zehntausend Setzlinge auszubringen. Mangroven sind nun mal keine Austern.

Das heißt, wenn man die Anwohner nicht dazu bewegen kann, das inzwischen anderweitig genutzte Mangrovengebiet wieder zu räumen, sind derartige Aufforstungsprojekte reine Augenwischerei, für die Geld auszugeben schlicht Verschwendung ist. Im Science-Artikel kann man denn auch wenig verklausuliert nachlesen, dass die meisten Versuche, die Mangroven aufzuforsten, sinnlose Wohlfühlaktionen ohne Nutzwert sind:

The Philippines’s dismal experience with mangrove restoration is not unique, says Roy "Robin" Lewis III, a prominent expert in the field and director of Lewis Environmental Services, a private restoration firm in Salt Springs, Florida. His studies have shown that mangrove restorers around the globe routinely fail to understand the tree’s biology and that conflicts with landowners and political leaders can doom projects.

Das heißt übersetzt: Überall auf der Welt werden routinemäßig Millionen Setzlinge für nichts und wieder nichts in den Meeresboden gerammt, um die Illusion von der Rettung der Mangrovenwälder aufrecht zu erhalten. Aber das Problem ist ja nicht, dass es aus irgendwelchen Gründen zu wenig Mangroven gäbe, sondern dass es ihren Lebensraum nicht mehr gibt. Und wenn man dieses Problem nicht angeht, kann man es auch von vornherein lassen.

Und es sieht nicht so aus, als würde das in absehbarer Zeit passieren. Also guckt euch schnell noch einen Mangrovenwald an, solange es so etwas noch gibt.

5 Kommentare

  1. Wolfgang Flamme

    Leider habe ich keine freie Version der Studie auftreiben können – schade.
    http://www.pnas.org/…d2aa-464f-96a0-a59fe247e1ed

    Allerdings wäre doch auch folgender, naheliegender Zusammenhang zu vermuten:

    1) Dort wo (zunehmend) viele Menschen an der Küste leben, intensiviert sich die Küstenfischerei und die Erträge gehen zurück.

    2) Dort wo (zunehmend) viele Menschen an der Küste leben, werden die Mangrovenwälder zurückgedrängt.

    MaW: Wenn wir einen Rückgang der Erträge der Küstenfischerei beobachten, ist dies eine Folge lokaler Überfischung oder ein Resultat schrumpfender Mangrovenwälder?

    Ich vermute, daß beides der Fall ist und daß es ziemlich schwierig sein dürfte, beide Effekte klar voneinander zu trennen, um den reinen ‘Wert’ der Mangrovenwälder für die Fangerträge sicher herauszudestillieren. Es würde mich mal interessieren, ob dies in der Studie tatsächlich unternommen wurde oder ob man sich (wieder mal) auf einen rein oberflächlichen Zusammenhang beschränkt hat.

  2. Jup…

    Die Idee einer bloßen Korrelation liegt natürlich nahe. Darauf sind die Autoren allerdings auch gekommen, im Paper heißt es:

    “To discard other alternative Explanations, we tested for other environmental variables (estuary size, sea-grass beds, latitude, local rainfall and fishing effort) and found that fisheries landing were not significantly related to any of them.”

    Das wird leider nicht näher ausgeführt. Allerdings erscheint mir ein direkter Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Überfischung auch nicht so ganz schlüssig, weil Überfischung ja eben nicht auf der bloßen Anzahl der Fischer beruht, sondern auf besserer Technik und Ausrüstung.

    Abgesehen davon sind es meines Wissens nicht die lokalen Fischer, die Bestände nachhaltig ruinieren, sondern eher die Großtrawler, die ja nicht mit den Mangroven korreliert sind, und auch nicht mit der Bevölkerungsdichte.. Da habe ich jetzt aber keine Quelle zur Hand.


  3. Lars,

    ich habe mir mal die Daten angeschaut:

    http://www.pnas.org/content/suppl/2008/07/21/0804601105.DCSupplemental/0804601105SI.pdf

    Da sind 12 Datensätze aufgeführt, davon sind vier unvollständig. Angaben zur befischten Küstenlänge oder Fläche finde ich da gar nicht – so kann ich nicht beurteilen, wo Mangroven häufiger sind und wo nicht – ebenfalls nicht, wo mehr und wo weniger intensiv gefischt wird.

    Welchen genauen Zusammenhang haben die denn überhaupt untersucht?

  4. Die haben effektiv die Fänge im Umkreis von 50 Kilometern mit dem Mangrovenbewuchs im Umkreis von 50 Kilometern verglichen. Woher sie die Confounderdaten hatten, steht im Methodenteil.

    Aber wie ich schon sagte – einige Sachen sind schlicht nicht detailliert erläutert.

  5. Ok, bei vergleichbarer Arealgröße macht das Sinn.

    Jetzt habe ich mal die Areale mit GoogleEarth genauer angesehen und es scheint mir, als fehle in der Arbeit was wesentliches. Nämlich, Mangrovenwälder gelten ja als besonders produktive Primärproduktionssysteme, Phytoplankton usw. Da spielen Nährstoffe und Nährstoffeintrag natürlich eine große Rolle.

    Da fällt mir zB eine Arbeit ein – ist ein paar Jahre her – da wurden Algenblüten im kalifornischen Golf mit der Intensivlandwirtschaft im Yaqui-Tal in Verbindng gebracht, momang:

    http://pangea.stanford.edu/…/BemanMatson2005.pdf

    Ich habe das jetzt mal alles einschl. 50km-Radius in ein GoogleEarth-KMZ gepackt, damit sich’s leichter nachvollziehen läßt:

    http://www.mediafire.com/?g2cmd4gysdt

    Leider gibt’s gerade für die Küste vorm Yaqui-Tal keine Fangdaten. Auffällig ist jedenfalls, daß in allen untersuchten Regionen, wo wenig Fisch angelandet wird, keine oder kaum Landwirtschaft im Hinterland betrieben wird (Loreto, Jaltemba, La Paz, Santa Rosalia, Magdalena). In (bzw. hinter) den Mangrovenregionen hingegen schon und das shrimp farming kommt dort noch hinzu, da wird nämlich auch fleißig gedüngt für’s Algenwachstum.

    Streicht man die Datensätze, wo wg. fehlender Landwirtschaft im Hinterland auch der Nährstoffeintrag durch Landwirtschaft nicht vergleichbar sein dürfte (um also die reine Mangrovenwirkung herauszudestillieren) dann fällt die Abhängigkeit deutlich schwächer aus; sie wird lediglich durch zwei mangrovenreiche Datensätze gestützt: Guasave und die Marismas Nationales. Bei der Handvoll Daten ist die Signifikanz ohnehin passé.

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