Nix is’ mit dem Mega-Tsunami von La Palma

Ich mag ja Apokalypsen, aber die sind dieser Tage einfach schwer zu bekommen. Je genauer man sich die gängigen Großkatastrophen anguckt, desto weniger bleibt von ihnen übrig.[1] Aktuelles Opfer dieser tragischen Schrumpfung ist der große Mega-Tsunami im Nordatlantik, den ein zusammenbrechender Vulkan auf den Kanarischen Inseln eigentlich schon in naher Zukunft auslösen sollte.

Dabei sind die Indizien für so eine Mega-Katastrophe eigentlich gar nicht so schlecht – das grundsätzliche Szenario ist gut belegt, man findet zum Beispiel auf dem Meeresboden nordwestlich der Kanareninsel El Hierro Felsblöcke, auf denen ein kleines (OK, sehr kleines) Dorf Platz finden könnte. Die Brocken sind bei der letzten großen Rutschung vor etwa 13-17000 Jahren von der Insel abgebrochen und bis zu 1200 Meter lang. Insgesamt sind damals ungefähr 750 Kubikkilometer Gestein ins Meer gerutscht. Das dürfte einen sehr sehenswerten Platscher gegeben haben.

Allerdings sollte man bei solchen Ereignissen ein bisschen Abstand wahren – das spritzt nämlich. Der Sog des rutschenden Vulkanhanges verursachte eine Welle, die am Anfang nach Schätzungen von Experten über 600 Meter hoch war. Das klingt erst einmal ziemlich aberwitzig, aber der einzige bekannte Mega-Tsunami des 20. Jahrhunderts rasierte 1958 in der Lituya Bay in Alaska den Wald in 524 Metern Höhe ab. Auf den Kanarischen Inseln findet man reichlich Tsunami-Ablagerungen auf allen Inseln, auf La Palma zum Beispiel bis in 200 Meter Höhe.

Extreme Szenarien

Das sind ganz ordentliche Wellen, und wie wir alle wissen, können Tsunamis ganze Ozeane überqueren und noch in tausenden Kilometern Entfernung Küsten verheeren. Im Falle der Kanaren zum Beispiel Nord- und Südamerika und die Küsten Westeuropas.[2] La Palma ist jetzt das entscheidende Stichwort, denn wie man in den letzten Jahren quer durch die Weltpresse lesen konnte, ist dort derzeit ein halber Vulkan kurz davor ins Meer zu fallen.

Blick vom Cumbre Vieja in einen mit Koniferen bewachsenen Vulkankrater

Blick vom Cumbre Vieja. Bild: Klaus Fischer

Entlang der Westflanke des Cumbre Vieja (auf dessen Gipfelgrat man gut wandern kann und im Ernstfall auch einen tollen Blick auf den Tsunami hat) zieht sich ein mehrere Kilometer langer Riss.

An dem wird dereinst, so das Szenario, vermutlich durch einen Vulkanausbruch die komplette Westflanke des Vulkans ins Meer rutschen, eine etwa 650 Meter hohe Welle auftürmen. Das verdirbt erst einmal – so viel zeigen die geologischen Spuren – einer ganzen Menge Touris auf La Palma und den anderen Kanareninseln nachhaltig den Urlaub. Die Riesenwelle macht sich danach auf den Weg über den Ozean. Wie man sich das ungefähr vorstellt, kann man im Youtube-Video weiter unten sehen oder auch in anderen Quellen nachlesen: Die afrikanische Küste kriegt demnach bis zu 100 Meter hohe Wellen ab, Portugal bis zu 60 Meter, New York 25 Meter und sogar Südengland immerhin noch so fünf bis zehn Meter. Und so weiter. Das ist ein ziemlich apokalyptisches Szenario, weil das alles passive Kontinentränder mit weiten Küstenebenen sind und der Nordatlantik so gar keine historische Erfahrung mit Tsunamis hat.

Nur: Stimmt das alles auch? Tatsächlich gibt es eine Menge stichhaltige Argumente gegen dieses Szenario, mit denen sich Erdrutsch-Blogger Dave Petley neulich in ziemlich grummeligen Tonfall (wiederholt) kurz befasst hat. Das Kernproblem dabei ist, dass große Rutschungen an Vulkanflanken ziemlich häufig sind – allein auf den Kanaren sollen sie alle etwa 10000 Jahre auftreten. 19 große untermeerische Trümmerfelder verschiedenen Alters sind von dort bekannt, die Kapverdischen Inseln kennen solche Ereignisse ebenfalls und im Rest der Welt gibt es ja noch ein paar andere Hot-Spot-Vulkane mit bekannten großen Erdrutschnarben.

Wenn all diese Rutschungen tatsächlich gigantische Wellen an ferne Gestade schicken würden, dann müsste man eigentlich an den Küsten rund um den Atlantik immer wieder bis weit ins Landesinnere Tsunami-Sedimente, meist ungeordnete Sand- und Trümmerschichten in den Sedimenten finden. Tut man aber irgendwie nicht so richtig. Es gibt ein paar Felsbrocken auf den Bahamas, die vor etwa 120.000 Jahren mal so zwei Dutzend Meter die Küste hochtransportiert wurden (vermutlich von großen Stürmen am Ende der Eem-Warmzeit), und immer wieder die so genannten Chevrons, die mal als Tsunamispuren galten, weil sie ein bisschen so aussehen. Und ganz ehrlich, ernstzunehmende ozeanweite Katastrophen sollten eigentlich deutlichere Spuren hinterlassen.

Dass es so einen Mega-Tsunami von den Kanaren wohl nie gab, liegt an verschiedenen Faktoren. Zum einen deuten Studien darauf hin, dass Vulkanflanken nicht mal so eben mit großem Getöse am Stück ins Meer rutschen. Sie gleiten entlang von Schwächezonen langsam die Hänge hinab und brechen stückweise auseinander – Belege für dieses Szenario bieten die Ablagerungen selbst. Untermeerische Rutschungen lagern sich nicht ungeordnet ab, sondern sortiert: Die größten Brocken liegen unten, feinere Sedimente darüber und obendrauf kommt eine Lage feiner Schlick, wenn sich das Wasser beruhigt.

Zögerliche Erdrutsche und gedämpfte Riesenwellen

In den Trümmerfeldern der Kanaren sind jeweils mehrere solcher Sequenzen nachgewiesen worden – was nichts anderes heißt, dass der ganze Kram nicht auf einmal ins Meer stürzt, sondern in mehreren Schüben. Statt also einmal bis zu 800 Kubikkilometer rutschen dann nur einige Dutzend bis etwa hundert Kubikkilometer. Entsprechend kleiner ist der Tsunami. Das reicht aus, um die Tsunami-Ablagerungen auf den benachbarten Inseln zu erklären, ist aber schon kein wirklich apokalyptisches Ereignis mehr.

Zumal die Tsunami-Modelle, auf denen die Vorhersagen von Dutzenden Meter hohen Wellen basieren, möglicherweise für Mega-Tsunamis völlig ungeeignet sind. Die klassischen, gut überprüften Modelle basieren allesamt auf jenen für Tsunamis nach Seebeben. Bei denen wird auf hunderten Kilometern Länge der Meeresboden angehoben oder abgesenkt, samt der kompletten einige tausend Meter starken Wassersäule darüber – dem gegenüber sind die Rutschungen mit vielleicht einem Dutzend Kilometer Breite weit kleiner und sie verdrängen das Wasser seitlich.

Luftbild von Minato, Japan, nach dem Tohoku-Beben und Tsunami. Bild: Lance Cpl. Ethan Johnson/US Navy, Public Domain

Luftbild von Minato, Japan, nach dem Tohoku-Beben und Tsunami. Diese normalen Monsterwellen haben viel mehr Energie und Reichweite als ein Mega-Tsunami.
Bild: U.S. Marine Corps photo by Lance Cpl. Ethan Johnson/Released, Public Domain

Das ist doch noch ein bisschen was anderes – so ein Mega-Tsunami enthält nicht nur ungleich weniger Energie, sondern hat auch eine weit geringere Wellenlänge als ein normaler Tsunami und wird entsprechend stärker gedämpft. Für die 500 Meter hohe Welle in der Lituya Bay zum Beispiel war schon am Ende des Fjords ziemlich Feierabend.

Es gibt auch Simulationen, die solche Effekte berücksichtigen, und in denen sind die ankommenden Wellen in New York plötzlich nicht mehr 25 Meter hoch, sondern einen bis drei. Und das auch nur, wenn man ein ganz spezielles und extremes Erdrutsch-Szenario annimmt: Nämlich dass eben die komplette Bergflanke mit maximaler Geschwindigkeit ins Wasser platscht.

Das aber ist recht unwahrscheinlich. Die geologischen Spuren sprechen eine völlig andere Sprache – ein solcher Erdrutsch wäre anders als alles, was man in den letzten zwei Millionen Jahren auf den Kanaren so nachgewiesen hat. Entsprechend liegen die bekannten Tsunami-Ablagerungen dort auch nicht etwa auf den teilweise kolportierten bis zu 900 Metern, sondern gemeinhin einige Dutzend Meter über dem Meeresspiegel. Immer noch doof, wenn man da grade am Strand sitzt, zugegebenermaßen…

Aber vermutlich kann man sich die ganze Diskussion auf absehbare Zeit eh sparen: Nähere Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Westflanke des Cumbre Vieja gar nicht steil genug ist, um in absehbarer Zeit ins Meer zu rutschen, Vulkanausbruch hin oder her. Insofern könnt ihr ruhig nochmal hinfahren, hübsch ist es da. Und man kann auf nem Berg Muscheln sammeln.[3]

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[1] Ausnahme: Klimawandel

[2] Westafrika natürlich auch, aber für Westafrika interessiert sich anscheinend keine Sau.

[3] OK, das kann man auch auf dem Mount Everest. Aber da ist das Klima nicht so entspannt und die Bergsteiger kacken alles voll.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Herr Fischer! Ich glaube, heute muss ich mal rumnörgeln: Gerade habe ich im Nachbarblog die Bildgröße im Post

    https://scilogs.spektrum.de/hlf/humanness-shapes-mathematics-reflections-sir-andrew-wiles/

    beanstandet und nun sticht mir aus Ihrer Überschrift das typografisch auffällige LEFT SINGLE QUOTATION MARK (U+2018)* ins Aufge. Ich frag mich immer, wie das passiert. Ich teste mal, ob es Ihre Software ist: „Ist’s die Software?“

    * https://de.wikipedia.org/wiki/Apostroph#Typografisch_falsch

  2. “Chemie studiert” – soso, Sie schreiben also ohne jedes Fachwissen hier abstruse Behauptungen, bei denen Sie in bester “alternative-Fakten-Tradition” unbequeme Tatsachen einfach ignorieren. Vermutlich glauben Sie auch, die Erde sei flach.

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