Die Grippe und die “Twindemic”

Rendering eines Grippevirus.

Was passiert, wenn Grippe und Corona gemeinsam zuschlagen? Auch dieses Jahr machen sich Fachleute wegen so einer “Twindemic” im Winter Sorgen. Fehlende Immunität gegen Grippe, mangelnde Impfbereitschaft und neue Corona-Varianten lassen das denkbar erscheinen. Covid-19 und Grippe könnten eine gemeinsame, speziell für das Gesundheitssystem doppelt unangenehme Winterwelle verursachen – und nicht zuletzt viele womöglich gefährliche Coinfektionen mit beiden Viren.

Aber andererseits muss man mit solchen Vorhersagen immer vorsichtig sein. Schon 2021 gab es Warnungen vor der schwungvollen Rückkehr der Grippe parallel zur Corona-Winterwelle. Es kam anders. Allerdings stehen die Medienberichte über die kommende Twindemic diesmal unter anderen Vorzeichen – denn die Grippe ist tatsächlich wieder da.

Was das tatsächlich für den Winter bedeutet, ist unklar. Es ist schon in normalen Jahren wirklich schwierig, die kommende Grippewelle korrekt vorherzusagen. Derzeit ist es praktisch unmöglich, weil die letzten beiden Grippesaisons wegen der Corona-Pandemie[1] komplett ausgefallen sind. Was das für Folgen und Auswirkungen hat, habe ich vor einem halben Jahr schon ausführlich aufgeschrieben.

Kurz zusammengefasst: diverse Viruslinien sind deswegen ausgestorben, darunter wohl die komplette Yamagata-Variante von Influenza B. Außerdem gab es zwischenzeitlich die globale Grippe gar nicht mehr, sie war regional zersplittert in mehrere Zentren, in denen verschiedene Linien dominierten. Das bedeutet eine massive genetische Verarmung und könnte die Schlagkraft des ganzen Virenschwarms merklich verringert haben.

Schwindende Immunität

Andererseits ließ in der Bevölkerung über die zwei grippefreien Jahre die Immunität nach. Das könnte bedeuten, dass sich die Viren in der jetzt beginnenden Saison besonders gut ausbreiten und auch schwerere Krankheiten verursachen. Das würde besonders kleine Kinder betreffen, die bisher noch keinen Kontakt mit Grippe hatten und schon zu alt für den Nestschutz durch die Mutter sind.

 Möglich ist auch, dass wegen der regionalen Zersplitterung und genetischen Verarmung durch irgendeinen Gründereffekt rare Grippelinien die nächste Welle säen. Das hätte die Konsequenz, dass nicht nur die Bevölkerungsimmunität besonders gering wäre, sondern womöglich auch die Impfung nur schlecht wirkt.

Das war der Stand im April. Inzwischen sind wir ein paar Monate weiter und haben in dieser Zeit zwei aufschlussreiche Entwicklungen gesehen. Die Grippe ist nämlich schon wieder da. In Deutschland gab es in April und Mai eine deutliche Häufung von Fällen, die auch im Sommer nicht mehr ganz verschwand.

Und die Südhalbkugel hatte in ihren Wintermonaten eine ganz normale saisonale Grippewelle. Das heißt, wir können uns einfach angucken, wie sich die erste Grippesaison unter Corona-Bedingungen dort entwickelt hat. Und normalerweise gibt die Saison auf der Südhalbkugel ganz gute Hinweise, was ein halbes Jahr später so bei uns ankommt.

Was Australiens Grippewelle verrät

In Australien begann die Grippewelle dieses Jahr früher als üblich und soll, zumindest den Schlagzeilen nach, ziemlich heftig gewesen sein. Dementsprechend sollte man sich in Amerika – Zitat – “Sorgen machen”, und damit natürlich auch bei uns. Angesichts der tatsächlichen Zahlen in Australien habe ich allerdings meine Zweifel an der ganzen Erzählung. Es gibt nämlich nur einen Wert, der ungewöhnlich hoch ist, und das ist die Zahl der im Labor nachgewiesenen Infektionen.

Der ganze Rest, also Krankheitslast, Arztbesuche, Fehltage und so, war etwa vergleichbar hoch wie in unauffälligen Jahren vor der Pandemie. Entsprechend bewertet das australische Gesundheitsministerium die Auswirkungen der Saison als mild bis moderat. Auffällig war nur, dass sich wohl besonders viele Kinder und Jugendliche infizierten. In Südafrika war die Influenza dieses Jahr ebenfalls vergleichbar mit Saisons vor der Pandemie. In Südamerika gab es eine mäßige Grippewelle, allerdings auch die etwa zwei Monate vor der normalen Saison.

Natürlich erlaubt das nur begrenzte Schlussfolgerungen. Die Südhalbkugel ist geographisch zersplittert und demographisch anders gestrickt als die dicht besiedelte und eng vernetzte Nordhalbkugel. Und Grippewellen vorherzusagen, hat noch nie besonders gut funktioniert, selbst als die globalen Epidemien noch Routine waren. In dieser Situation ist das noch einmal alles unsicherer.

Ungewöhnliche Grippezahlen im Sommer

Klar ist aber, dass die Rückkehr der Grippe bisher keineswegs so fulminant ist, wie viele befürchtet haben. Dafür kann es diverse Gründe geben – eventuell sitzen die Corona-Erfahrungen immer noch so tief, dass eingeübtes Schutzverhalten die Fallzahlen reduzierte, ober aber die Immunität geht gar nicht so schnell und deutlich runter wie befürchtet.

Es könnten sich auch mehrere Effekte gegenseitig aufgehoben haben. Oder es ist umgekehrt: all diese vermeintlichen Auswirkungen der Pandemie auf die Grippe sind überschätzt und die saisonale Influenza macht einfach da weiter, wo sie 2019 aufgehört hat. 2019 war die Grippewelle in Australien übrigens eher harmlos.[2]

Darstellung eines Grippevirus. Quelle: Center for Disease Control and Prevention

Dass allerdings eben doch nicht alles wieder so ist wie vor der Pandemie, sieht man an den deutschen Daten. Im Frühjahr war die Influenza-Aktivität eine Weile ungewöhnlich hoch hoch für die Jahreszeit, es gab eine Art Mini-Welle in April und Mai, und über den Sommer hinweg trat durchgehend Influenza auf. Es waren nicht viele Fälle, aber genug, um in den Stichproben des Sentinelsystems sichtbar zu sein. Das ist in normalen Sommern nicht so.

Eine mögliche Ursache ist eben, dass die Immunität insgesamt geringer ist und dadurch die Grippe sich auch in der untypischen Jahreszeit besser verbreiten kann. Eventuell hing sogar die frühe Welle mit der beginnenden Welle auf der Südhalbkugel zusammen.

Wie effektiv sind die Impfstoffe?

All das könnte dafür sprechen, dass auch bei uns die Grippewelle früher beginnt – ganz analog zur Südhalbkugel. Normalerweise geht es ja erst um den Jahreswechsel richtig los, aber traditionell beginnt die Erkältungssaison in der 40. Kalenderwoche, also Anfang Oktober. Wenn die Saison analog zur australischen Saison läuft, würde man so in vier bis sechs Wochen schon was sehen.

Ein weiterer Faktor für den Verlauf der Grippesaison sind die Impfungen. Bisher deutet allerdings einiges darauf hin, dass die in diesem Jahr nicht allzu effektiv sind. Vorläufige Daten aus Australien deuten nun darauf hin, dass die Impfung zu ungefähr 30 bis 40 Prozent davor schützt, wegen Grippe in medizinische Behandlung zu müssen.

Das passt ganz gut zu den Zahlen, die man in den USA im Winter 2021/22 erhoben hatte. Im Frühjahr hieß es mal auf Basis vorläufiger Daten, dass der Impfstoff mit nur 16 Prozent Wirksamkeit quasi komplett gescheitert sei. Im vollständigen Datensatz, der dann im August veröffentlicht wurde, waren es dann aber doch rund 35 Prozent. Für eine Grippeimpfung ist das nicht dolle, in guten Jahren geht der Wert auch mal bis 60 Prozent hoch. Andererseits gibt es bisher keine Anzeichen, dass die niedrige Wirksamkeit die Grippewelle gefährlicher gemacht hätte.

Aber die vermutlich spannendste Frage ist die nach der Twindemic – was passiert, wenn eine Grippewelle auf eine Coronawelle trifft? Denn im Moment sieht alles danach aus, als wenn die gerade wieder beginnende Infektionswelle mit Sars-CoV-2 ziemlich stark werden würde. Zum einen beginnt sie auf einem relativ hohen Inzidenzlevel, was den Anstieg schneller macht, und zum anderen sind inzwischen diverse neue Varianten unterwegs, die Mutationen mit starkem Immunescape tragen. Und dann haben viele Leute keinen Bock mehr auf Impfungen – vermutlich egal ob Covid oder Grippe – und werden sich vermutlich auch nicht mehr um banalen Infektionsschutz scheren.

Mit Corona oder gegen Corona?

Was das für eine gleichzeitige Grippewelle bedeutet, ist nicht sicher. Im schlimmsten Fall addieren sich beide und verursachen eine quasi verdoppelte Welle mit entsprechender Krankheitslast – eben die besagte Twindemic. Das allerdings ist tatsächlich eher unwahrscheinlich, wie das Beispiel der USA im Januar 2022 nahe legt. In den ersten zwei Wochen des Monats stiegen die Grippezahlen deutlich an und schienen eine schwere Saison anzukündigen.

Doch verursachte Omikron eine enorme Coronawelle – und die Grippezahlen brachen wieder ein. Erst als dieser Welle vorbei war, kam die Grippe in den USA noch einmal wieder. Auch in Deutschland begann die Mini-Welle im Frühling, als die Omikron-Welle zusammenbrach. Tatsächlich ist es bei Atemwegserregern insgesamt unüblich, dass zwei Viren gleichzeitig die Peaks ihrer Wellen haben – das Muster scheint auch bei Grippe und Covid-19 zu gelten.

Die Gründe dafür sind unbekannt, aber vermutlich hängt es damit zusammen, wie der Körper auf eine Virusinfektion reagiert. Infizierte Zellen alarmieren das Immunsystem, und die Signalstoffe versetzen andere Zellen in einen “antiviral state”, in dem der Stoffwechsel so verändert ist, dass Viren sich in der Zelle schlechter fortpflanzen können. Für ein Virus, das sich bereits im Körper vermehrt, ein überwindbares Hindernis – ein hinzukommender Krankheitserreger dagegen wird nur schwer Fuß fassen können.

Das spricht dagegen, dass gefährliche Coinfektionen häufig auftreten. Und auf Bevölkerungsebene bedeutet das: wenn bereits ein hochansteckendes Virus kursiert, bleibt für die Grippe wenig Raum. Alle potenziellen Wirte sind infiziert oder haben noch starke Immunaktivität von einer überstandenen Infektion. Deswegen ist es möglicherweise gar nicht so wichtig, was mit der Grippe und den Impfstoffen ist. Sars-CoV-2 dominiert das Feld nach wie vor so stark, dass schon die sich ankündigende Corona-Welle auch dieses Jahr die Grippe ausbremsen könnte.

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[1] Das sagt sich so leicht daher. Aber wenn man genauer hinguckt, ist noch ziemlich rätselhaft, was da eigentlich im Detail zu beigetragen hat. Viele Leute vermuten, dass die Anti-Corona-Maßnahmen dazu beigetragen haben, aber tatsächlich war die Grippe auch in Ländern ohne staatliche Maßnahmen weg. Ob da individuelles Verhalten, eine Art multinationaler Herdenschutz oder irgendwas ganz anderes die Grippe kleingehalten hat, ist völlig unklar und eines der größten Rätsel der Pandemie.
[2] Finde ich ja auch ein bisschen lustig an der Berichterstattung über die diesjährige Grippewelle. Die Wellen 2020 und 2021 sind wegen Corona praktisch ausgefallen, 2018 war wenig los, weil 2017 so heftig war und 2019 war auch ein mildes Jahr. Und dann reiten sie drauf rum, dass 2022 die “heftigste Welle der letzten 5 Jahre” war.

9 Kommentare

  1. Vermutlich wird Corona wieder ganz schlimm, wenn größere Demonstrationen anstehen. Praktischerweise kann man diese dann unter einem Vorwand verbieten. Einen anderen Grund sehe ich ehrlich gesagt nicht für den deutschen Sonderweg. Andere Länder haben die Pandemie längst für beendet erklärt.

    • Wenn das Leben so langweilig ist, dass man sich auch mal “unterdrückt” fühlen möchte. Ein echter Querdenker eben, der Herr Petter Müller

  2. Wenn ich Deinen Artikel bösartig verkürzen wöllte: Nix genaues weiß man nicht.

    Aber das Spannende, und dafür danke ich Dir ausdrücklich(!!!): Deine Antwort auf die Frage “Warum fällt die Prognose für diese kommende Saison noch mal ungleich schwerer als sonst ohnhin schon?” Ein spannendes Stück Wissenschaftsjournalismus, auch wenn ein Ergebnis leider (aber eben gut begründet) ausgeblieben ist. Oder, um auch das mal zu verkürzen: Der Weg ist das Ziel. 😉

    LG Markus

  3. Das ist wirklich toll:

    diverse Viruslinien sind deswegen ausgestorben, darunter wohl die komplette Yamagata-Variante von Influenza B

    . Ich hoffe das es noch weiter geht, meiner persönlichen Beobachtung nach gibt es derzeit keine außergewöhnlichen Grippeerkrankungen in Berlin, was natürlich die Statistik sagt ist etwas anderes. Ich bin gespannt und hoffe das es zu keiner Welle kommt, sondern die Erkrankungen wieder flach ausfallen.

  4. Aha, schon wieder ein Angstporno! Wir werden alle sterben! Wir sollten laut Klabauterbach schon alle tot sein!!! Sind wir aber nicht! Herr Fischer, hören Sie auf uns zu verarschen und zu versuchen, das Volk in Angst zu versetzen! Das ist Satanismus, also sind Sie selbst ein Satanist und ein Tief-Staatler und Sie werden den Lohn dafür bekommen! Leute, die Corona-Pandemie war und ist ein Schwindel! Und die sog. Impfung tötet und die schwer-erkrankten und hospitalisierten Leute sind die Geimpften! In der sog. Impfung sind mRNA enthalten (in Tierversuchen sind alle Tiere immer verreckt), Graphenoxyd, welche über 5G aktivierbar ist und aus den Geimpften Empfangsgeräte macht, und der Astra-Stoff beinhaltet ein synthetisch-hergestelltes Enzym, welches Luciferase (Teufels-Enzym) heißt, welches gemäß der veröffentlichten Patentschrift das ,,Gott-Gen” inaktivieren soll, also den Kontakt eines Menschen zu seiner Seele unterbrechen soll! Alles offengelegt, veröffentlicht und damit in der Cloud enthalten.

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