Gefahr aus der Grillbürste – häufiger als gedacht

Ich gebe zu, ich habe das Thema nicht so ganz ernst genommen: Verletzungen beim Grillen durch Drahtstücke, die sich aus der Grillbürste lösen. Tatsächlich scheint es sich allerdings um ein nicht ganz unerhebliches Problem zu handeln – das Thema war recht prominent auf dem diesjährigen Meeting der Canadian Society of Otolaryngology vertreten, und in der Lokalpresse ist die Sache auch schon angekommen. Kanadische HNO-Chirurgen fordern nun, die Drahtbürsten aus dem Verkehr zu ziehen.

Der Grund dafür ist bei näherer Betrachtung erstens einleuchtend und zweitens ziemlich gruselig: Wenn so ein kleines Stück Draht erst mal in Zunge oder Rachen steckt, gibt es keinen wirklich guten Weg, es da auch wieder rauszubekommen, ohne ernsten Schaden anzurichten. Ein Chirurg vergleicht das mit der Aufgabe, eine Nadel in einer Grapefruit zu finden, ohne die Frucht kaputt zu machen. Außerdem scheinen solche Vorfälle erstaunlich häufig zu sein, zwei Fälle pro Woche bekommt laut dem Artikel allein ein Krankenhaus im Raum Halifax.

Zur Erinnerung: Im April hatte ich von einer Studie berichtet, in der die Ärztin Tiffany Baugh sich einen Überblick über die bekannten Fälle von Grillbürsten-Verletzungen verschafft hat. Die Details:

Die von ihr errechnete Landesweite Zahl von 1500 Notaufnahme-Besuchen basiert allerdings auf sehr unvollständigen Daten – wie unvollständig, das zeigen jetzt die Statements der kanadischen Ärzte. Wenn man mal nach “Grillbürste” googelt, sieht man auch, warum: Es gibt einen ganzen Markt für die Dinger, und die billigsten Modelle bestehen aus zusammengedrehten Metallstäben, zwischen denen dünne, kurze Borsten schlicht eingeklemmt sind.

Wenn man damit ordentlich an einem Grill rumschrubbt, kann ich mir schon vorstellen, dass Borsten irgendwo hängen bleiben und ins Essen gelangen können. In den meisten Fällen allerdings, das berichten auch die beteiligten Ärzte, piekst das Ganze nur wie doof und die Besatzung der Notaufnahme kann das aus dem Fleisch guckende Metall leicht entfernen.

Problematisch wird es dann, wenn der Draht tief drin steckt – dann müssen die Chirurgen ran. Und die finden das fremde Objekt erstmal  gar nicht so einfach wieder. Klar sieht man die Borste im Röntgenbild und wahrscheinlich auch im Ultraschall, aber um sie mit einem wohlgesetzten Schnitt freizulegen und rauszuexpedieren, reicht das nicht.

Ich vermute, in der Praxis tastet man nach solche Fremdkörpern – aber die Borsten sind erstens so klein, dass man sie nicht so einfach bemerkt, zumal wenn sie in irgendwelchen muskulösen Teilen wie der Zunge und der Speiseröhre stecken. Und zweitens besteht die Gefahr, dass man sie noch tiefer reinschiebt, wenn man unvorsichtig in der näheren Umgebung rumdrückt. Einfach mal auf Verdacht losschnippeln kann man natürlich auch nicht.

Im Zweifel lässt man den Fremdkörper wohl einfach drin: In dem oben erwähnten Artikel ist die Rede von einer Patientin, die das Stück Draht auch mit zwei Operationen noch im Hals stecken hat. Sie sagt, sie habe inzwischen nicht mehr jeden Tag schmerzen. Klingt nicht sooo geil.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Fischer,

    da mein Grill ein Lochblechrost besitzt, den ich mit einer Schleifmaschine reinigen kann, tangiert mich die Draht-Problematik weniger. Andererseits bewegt mich seit langem die Frage, ob in der Feuerungszone von Edelstahlgrills gefährliche Chrom- oder Nickel-Verbindungen freigesetzt werden.

    Vielleicht könnten Sie mir dank Ihrer Ausbildung als Chemielaborant einige informative Ausführungen zu dieser Problematik offerieren?

    Vielen Dank im Voraus und herzliche Grüße,
    Matthias Schaarschmidt

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