Gab es eine Dinosaurier-Zivilisation?

Die Dinosaurier waren etwa 170 Millionen Jahre lang – von der mittleren Trias bis zum Ende der Kreidezeit – die dominanten Landwirbeltiere auf diesem Planeten. Huhngroße gefiederte Nesträuber gab es in dieser Klasse ebenso wie bis zu hundert Tonnen schwere Pflanzenfresser. Eines jedoch haben die Dinos nicht hervorgebracht: Eine technische Zivilisation. Oder?
ResearchBlogging.orgErstaunlicherweise haben Forscher in den Gesteinsschichten der Kreide-Tertiär-Grenze vor 65 Millionen Jahren besondere Spuren gefunden, die auf diesem Planeten, so glaubte man bisher, erst mit der industriellen Revolution Einzug gehalten haben. Der Ruß, der in diesen Lagen gehäuft auftritt und bisher auf globale Waldbrände durch einen Meteoriten zurückgeführt wurde, enthält wenige Mikrometer große kugelförmige Partikel, die nur bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehen.

Die These von den Waldbränden am Ende der Dinosaurier-Epoche krankte schon immer an dem Umstand, dass man erstaunlich wenig Brandreste und dafür viel unverbranntes Holz gefunden hat – mit den neuen Funden ist klar, dass ein beträchtlicher Teil des Rußes aus einer anderen Quelle kommen muss. Die fraglichen Cenosphären sind kleine Hohlkugeln, die in industrieller Flugasche häufig vorkommen und entstehen, wenn fein zerstäubte fossile Brennstoffe unvollständig verbrennen, zum Beispiel in Motoren und Kraftwerken. Was in der Natur brennt ist dagegen eigentlich nie fein verteilt.

Cenosphäre von der Kreide-Tertiär-Grenze. Quelle: Harvey et al., Geology 36, S. 355-358, 2010. DOI: 10.1130/G24646A.1

Nun stammt der bemerkenswerte Fund nicht aus irgendwelchen Gesteinen. Die rußige Schicht am Übergang der Oberkreide zum Paläogen markiert den kataklysmischen Schlussstrich: Hier beendete ein globales Massensterben die Ära der Dinosaurier und machte den Weg frei für den Aufstieg der Säugetiere, dessen vorläufiger Gipfel – oder Tiefpunkt – die globale Dominanz des Menschen darstellt. Über die Ursache des Auslöschungsereignisses wird nach wie vor gestritten. Die weithin akzeptierte These vom großen Chicxulub-Treffer wurde und wird immer wieder in Frage gestellt, insbesondere die Chronologie der Ereignisse. Es ist gar nicht so einfach zu belegen, dass der Himmelskörper genau zum Zeitpunkt des Aussterbens der Dinosaurier die Erde traf – und nicht etwa mehrere Hunderttausend Jahre zuvor, wie einige Forscher nach wie vor behaupten.

Der Fund der Cenosphären lädt allerdings zur Spekulation ein: Ist es nicht auffällig, dass auch dieses Vorkommen solcher Partikel mit einem Massenaussterben verbunden ist? Der Mensch jedenfalls verringert die biologische Vielfalt mit Hilfe fossiler Brennstoffe so effektiv, dass zukünftige Generationen wahrscheinlich vermuten werden, das sei von Anfang an der Sinn der Sache gewesen. In weiteren 65 Millionen Jahren jedenfalls wird unsere Epoche im Gestein kaum anders aussehen als der Exitus der Dinosaurier: Ein ungewöhnlich rußiger Streifen mit hohen Konzentrationen seltener Metalle. Und Cenosphären.

Zumindest das naheliegende Gegenargument, dass man bis jetzt keine anderen Hinweise auf eine technische Zivilisation gefunden habe, ist wenig stichhaltig. Auch von unserer Technik wird wenig übrig bleiben, das dauerhaft an uns erinnert. Wie unsere Hinterlassenschaften nach und nach verschwinden, kann man im wirklich lesenswerten Buch „Die Welt ohne uns“ von Alan Weisman nachlesen, das euch hiermit dringend ans Herz gelegt sei. Ich bin mit Weisman uneins, welche Spuren der Menschheit am langlebigsten sind – er sagt Autoreifen, ich sage Kloschüsseln – klar ist jedoch, dass kaum etwas menschengemachtes die nächsten fünf Millionen Jahre überleben wird, geschweige denn fünfundsechzig.

Was überlebt, sind Knochen. Für eine technische Zivilisation braucht ein Lebewesen gewisse anatomische Voraussetzungen – Delfine mögen schlau sein, aber mit Flossen kann man keine Schlagbohrmaschine bedienen, geschweige denn eine solche konstruieren. Wer dagegen ein menschliches Skelett findet, wird auch in 65 Millionen Jahren noch erahnen können, was man mit Händen alles anstellen kann.

Es ist aber gar nicht klar, ob ein solcher Überrest auftauchen würde. Schon was wir an Knochen von unseren mehr oder weniger direkten Vorfahren besitzen, besteht überwiegend aus kleinen Fragmenten und passt locker in einen Kleinlaster. Entsprechend unvollständig sind unsere Kenntnisse in der Sache, und das nach gerade mal vier Millionen Jahren.

Von den Dinosauriern trennt uns das Fünfundzwanzigfache dieses Zeitraumes: Hundert millionen Jahre, in denen Kontinente einander angerempelt haben wie Metaller in einem Moshpit. Die fossile Überlieferung ist, das kann man angesichts tausender Skelette und farbenprächtiger Dioramen in den Museen leicht mal vergessen, extrem lückenhaft. In der Paläontologie spricht man zum Beispiel vom „Middle Jurassic Gap“, einer eklatanten Fundlücke im mittleren Jura (pdf). Für diesen Zeitraum ist nicht einmal klar, welche Dinosauriergruppen auf den Bruchstücken des Superkontinents Pangäa lebten, geschweige denn welche Arten.

Kann durch diese Lücken eine komplette Zivilisation hindurchrutschen? Eine prähistorische Agrarkultur zweifellos, und ausgeschlossen ist das nicht einmal für eine globale Industriegesellschaft. Die materiellen Relikte einer Dino-Technik wären dank der bewegten Geschichte der Erdkruste längst vergangen, und eine vorzeitliche Industrie verriete sich bestenfalls in Form subtiler chemischer Spuren. Zum Beispiel Cenosphären.

Unglücklicherweise haben die Autoren der Publikation eine bessere Idee, woher die seltsamen Aschepartikel im Gestein kommen, und auch gute Argumente dafür. Sie sagen, dass die Kugeln entstanden, als der Chicxulub-Meteorit Gesteinsschichten mit sehr hohem Kohlenstoffgehalt traf. Dieses Gestein verdampfte beim Einschlag und verteilte die enthaltene organische Materie als feine brennende Tropfen in der Atmosphäre, die als Cenosphären wieder auf die Erde herabregneten.

Das Gestein rund um die Impaktstelle enthält tatsächlich sehr viel Kohlenstoff, der in Form von Öl und Gas heutzutage intensiv gefördert wird, und die Cenosphären werden um so kleiner, je weiter man sich von Mittelamerika entfernt. Außerdem sehen die Partikel aus dieser Schicht völlig anders aus als ihre modernen Gegenstücke – ihre Oberfläche ist weniger porös und sie sind hellbraun. Cenosphären aus industrieller Flugasche sind immer schwarz.

Harvey, M., Brassell, S., Belcher, C., & Montanari, A. (2008). Combustion of fossil organic matter at the Cretaceous-Paleogene (K-P) boundary Geology, 36 (5) DOI: 10.1130/G24646A.1

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wirklich zu schade…

    …dass es eine unspektakuläre Erklärung für die Cenosphären gibt. Die Entdeckung einer industriellen Zivilisation einer nichtmenschlichen Spezies wäre wirklich mal ein Hammer.

  2. Zu viel Panzer

    Da würde denn die Parole aus den 80-er Jahren (Nachrüstungs-Debatte) auch wortwörtlich wahr werden können, die das als warnendes Beispiel nannte, was vor 65 Mill Jahren passierte:
    Die Saurier hatten zu viel Panzer und zu wenig Gehirn.
    An wortwörtlich Wahrem sind ja Theologen immer wieder interessiert ;-). Und an guter Unterhaltung, die für listig-selbstkritische Gedenken dem homo sapiens sapiens (=sapiens im Quadrat?) den Spiegel vorhält. Für Letzteres sagt ein Theologe: Danke!

  3. Die Erde nach uns

    Es ist schon unterhaltsam sich vorzustellen, wie die Geschichte ohne uns weitergeht und was Alien-Archäologen ausgraben werden. Da es ja momentan so aussieht, als gäbe es kein Interesse daran Außenposten der Menschheit zu bauen, ist das ein realistisches Szenario. Neben dem von Lars erwähnten Buch von Weisman gibt es noch ein Werk, das insbesondere Geowissenschaftler anprechen dürfte: “Die Erde nach uns” von Jan Zalasiewicz. Hier der Link zur Rezension auf spektrumdirekt: http://www.spektrumdirekt.de/artikel/1023332

  4. geochemische Spuren

    Nach all den Millionen von Jahren würde sicher kaum eines unserer Artefakte überlebt haben, aber ich könnte mir ohne weiteres vorstellen, dass sich geochemische Artefakte unserer Tätigkeit erhalten. Und dass diese zurkünftige Forscher einer fernen und fremden Zivilisation vor Kopfzerbrechen stellen.

  5. Oh ja…

    Ich erinnere mich, als Jugendlicher mal so einen Roman über eine fiktionale Dinosaurier-Hochkultur verschlungen zu haben, die sich auf Biotech stützte und entsprechend rückstandslos unterging. Als Fantasy war es ganz nett, aber wenn die Autoren nun wirklich gar keine andere Erklärung für die spezielle Asche gefunden hätten, wäre ich doch unruhig geworden. Wobei es ein spannender Gedanke ist, nachzusinnen, wie sich eine solche “Entdeckung” auf unser zivilisatorisches Selbstverständnis auswirken würde!

  6. Ein wirklicher Denkanstoß

    Aber wie ist denn nun die Theorie von Gerta Keller vor dem Hintergrund des Nachweises und der räumlichen Verteilung der Cenosphären zu sehen? Stützte sich die Kellersche Theorie nicht gerade auf die Abwesenheit von Spuren ausgedehnter Brände?

    Ich habe übrigens mal zum Spaß ein Szenario niedersgeschrieben, das nicht nur das Massensterben an der K-T-Grenze, sondern auch den unbelebten Wüstencharakter des Planeten Mars erklärt und darüber hinaus auch nch die Existenz des dortigen Hellas-Beckens. Nun gut, dass dieses Einschlagbecken nicht nur 64 Millionen Jahre alt ist, bedurfte in meiner Theorie einer sehr gewagten Volte.

    http://groups.google.de/…rt/msg/69f8c302b7265972

  7. @all

    Der Topos Dinosaurier-Zivilisation ist natürlich fester Bestandteil des modernen Literaturkanons. Ist ja auch eine schöne Idee, über die Forscher hinlänglich spekuliert haben. Wie gesagt, es gibt nach wie vor keinen Beleg dafür, dass es sie nicht gab. Es besteht also noch Hoffnung.

  8. @ Aichele

    Bitte, gern geschehen. 🙂 Es bedarf allerdings keiner Dinosaurier-Zivilisation, um den Menschen Demut zu lehren. Dafür reicht das Ausmaß geologischer Zeitspannen völlig aus.

  9. @Michael

    Um deine Frage aus der Newsgroup zu beantworten: Ja, da zahlen Leute für. Das glauben sogar Leute, da bin ich ziemlich sicher.

    Re Keller: Da bin ich nicht sicher. Die Cenosphären stammen ja aus dem Fireball-Layer des Impakts, und die Frage ist, ob der gemau mit der K-T-Grenze zusammenfällt.
    Ich glaube nicht, dass die Cenosphären diese Datierungsfrage in ein anderes Licht rücken. Jetzt mal so aus dem Handgelenk gesagt.

  10. Kein Atlantis

    Der moderne Mensch existiert seit mehr als 100.000 Jahren.

    Der moderne Mensch schafft es von der Steinzeit bis zur
    Raumfahrt in 10.000 Jahren.

    In 100.000 Jahren hätten theoretisch 10 technische
    Zivilisationen Platz gehabt.

    Für das Fehlen von früheren technischen Zivilisationen
    spricht aber nicht nur das Fehlen von Artefakten.

    Artefakte gehen verloren, werden zerstört, oder
    zersetzen sich einfach.

    Viel deutlicher spricht das anfänglich weltweite
    Vorhandensein von oberflächennahen Rohstofflagern,
    wie zum Beispiel Eisen, Kupfer, Zinn, Erdöl, und Kohle.

    Nachdem diese oberflächennahen Rohstofflager nicht
    in 100.000 Jahren nachwachsen können, kann sie vor
    uns noch niemand verbraucht haben.

    Eine zweite technische Zivilisation hättte einen
    viel schwereren Start als die unsere.

    Gegen eine Dinosaurier-Zivilisation gilt dieses Argument
    nur sehr eingeschränkt, oder gar nicht, weil die
    oberflächennahen Rohstofflager 65 Millionen Jahre Zeit
    gehabt hätten, wieder zum Vorschein zu kommen.

  11. Thats freaking me out. Der Gedanke, dass es eine Dinosaurier-Zivilisation gegeben haben könnte … echt kuschelig.
    Einen Tag, nachdem ich das hier das erste mal gelesen habe, ist mir eingefallen, wie man das Topos vielleicht mit einem anderen schönen Motiv verbinden könnte, und zwar den Moties aus Larry Nivens Buch: Die Dinosaurier haben “big wars” gekämpft (“also little ones”), und in einem, dem finalen Krieg sind dann Asteroiden auf die Erde geschleudert worden … aber ich scheine mal wieder hinterherzuhängen. Das gibts doch bestimmt auch schon, oder?

  12. Ich gehe mal davon aus…

    Bzw, es gibt Bücher von Marion Zimmer Bradley (Jäger des Roten Mondes etc), mit einer Dinosaurierrasse, bei der ein Tabu gegen Fernwaffen jeder Art besteht. Genau aus dem Grund.

    Also ja, die Idee hatte schon jemand. 😉

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