Warum Covid-19 Europa verschonen könnte

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Dieser Artikel ist eine am 27.2. aktualisierte und erweiterte Version des Beitrags vom 17.2. – ich hab noch mal versucht, mein Bauchgefühl zum weiteren Verlauf der Epidemie besser aufzuschreiben, als es vorher gelungen ist.

Addendum, 9.3.: Sieht so aus, als wäre das eher eine Fehleinschätzung gewesen…

China hat im Moment kein Glück mit Seuchen. Während Sars-CoV-2 von Wuhan in alle Welt zieht, verwüstet eine weitere Krankheit die Landwirtschaft. In den letzten beiden Jahren tötete die Afrikanische Schweinepest die Hälfte der einst 440 Millionen Tiere im Land.

Es gibt eine mögliche Parallele zwischen der für Menschen nicht ansteckenden Tierseuche und Covid-19: Während die Krankheit in China wie ein Flächenbrand die Schweinebestände verheert, schwelt sie in Europa nur langsam vor sich hin. [1] Auch das SARS-CoV-2 breitet sich hierzulande anscheinend nicht so rasant aus wie bei seinem Auftreten in Wuhan.

Man muss bei so einem Vergleich natürlich aufpassen, denn zwischen beiden Krankheiten gibt es große Unterschiede. Zum Beispiel werden bei Covid-19 Kranke und ihre Kontaktpersonen nicht summarisch exekutiert. Dafür ist das menschliche Virus weit weniger ansteckend und widerstandsfähig als die Tierseuche, die sogar noch in Salami hochansteckend ist.

Zwei Krankheiten…

Es ist allerdings auffällig, wie unterschiedlich sich die Afrikanische Schweinepest in China und Europa verhält. Und zwar nicht etwa, weil die chinesischen Behörden die Tierseuche nicht ernst nehmen würden. Im Gegenteil, für die Kommunistische Partei und ihre Reputation ist die Schweinepest ein massives Problem. Seit die Krankheit grassiert, ist Schweinefleisch doppelt so teuer geworden; Covid-19 treibt die Lebensmittelpreise zusätzlich.

Europa tut sich mit der Krankheit auch schwer, allerdings auf einem anderen Niveau. Immer wieder taucht das Virus in neuen Ländern auf, zuletzt in Griechenland. Andererseits war die Seuche einst in Spanien und Portugal endemisch und ist dort deutlich zurückgedrängt worden. Tschechien hatte Fälle im Land, ist jetzt aber wieder frei von der Krankheit. Deutschland hat seit Jahren eine Übertragung verhindern können.

Das Beispiel unterstreicht die eigentlich banale Erkenntnis, dass sich eine hochansteckende Krankheit je nach Umfeld dramatisch anders verhalten kann. Möglicherweise sehen wir eine ähnliche Entwicklung auch bei Covid-19: Voll ausgebildete Epidemie in China, eine Serie von immer wieder aufflackernden Ausbrüchen in Europa und auf anderen Kontinenten.

…ein Muster?

Wohlgemerkt folgt das eine nicht aus dem anderen. Aber wenn man genauer hinguckt, sieht man Entsprechungen zwischen beiden: Man kontrolliert den Erreger, indem man infizierte Individuen isoliert (was man sich bei den Schweinen spart) und mögliche Verbreitungswege nachverfolgt.[2] Das gelingt in Europa bisher bei beiden Krankheiten besser als in China.

Im Fall der Afrikanischen Schweinepest kann man die Ursachen für den Unterschied identifizieren. Während in Europa die Tierhaltung stark industrialisiert, reguliert und kontrolliert. In China dagegen werden (oder wurden) die meisten Schweine auf kleinen Farmen gehalten und ziemlich unkontrolliert durch die Gegend verschickt.

Zusätzlich überlebt das Virus auch an Lastwagen, Stiefeln und Geräten und ist hochansteckend – einen kontaminierten Schweinestall virenfrei zu kriegen, ist ein enormer Aufwand. Das heißt, eine kleine Farm, die das Virus hat, ist erledigt. Und wenn der Züchter wenigstens noch mit seiner Ausrüstung Geld verdienen will, ist der Käufer als nächstes dran. Dieses Problem ist in Europa weit weniger verbreitet.

Der chinesische Staat hat seinen Teil zur Ausbreitung beigetragen. Die Behörden sind darauf angewiesen, dass betroffene Züchter sich melden, die Herde vernichten und entsorgen. Unterstützung zielt überproportional auf große Farmen. Dafür soll es von den lokalen  Behörden eine Entschädigung geben, aber die gibt es oft nicht. Deswegen verkaufen viele Bauern das infektiöse Fleisch, und andere Tiere werden angesteckt.

In Europa greifen dagegen Maßnahmen gegen solche Verbreitungsmechanismen, und der Erreger verbreitet sich als Konsequenz viel weniger dramatisch. Natürlich kann man solch eine Gegenüberstellung auch bei Covid-19 konstruieren. Die interessante Frage ist natürlich, ob man aus ihr auch darauf schließen kann, dass das neue Coronavirus sich außerhalb Chinas anders verhält.

Addendum 9.3.: Inzwischen wissen wir, dass das zu optimistisch war.

Pech, Pannen und ein systemisches Problem

Ein entscheidender Punkt, der uns ganz sicher hilft, ist die Vorwarnung: Fast alle Länder außerhalb Chinas waren gewarnt, bevor die ersten Fälle auftraten. Den Erreger konsequent abzufangen und so auf China zu begrenzen, hat eine ganze Weile gut funktioniert.

China hatte da erstmal einfach Pech. Die Epidemie hat ihren Startvorsprung gründlich genutzt und auch reichlich Chaos ausgelöst. Allerdings kamen auch hier – analog zur Schweinepest – auch Fehler hinzu: Anscheinend hat die Regierung Informationen über die Seuche erst einmal unterdrückt. Das hat vermutlich zum heftigen Verlauf der Seuche in China beigetragen.

Dann ist da das chinesische Gesundheitssystem, dessen Defizite gerade in der Fläche ja schon andere Medien thematisiert haben.[3] Mehrere Reformen haben die Situation verbessert, aber so dolle scheint es nicht zu sein. 2019 hat sogar der chinesische Premierminister die “unzugängliche und teure medizinische Versorgung” öffentlich beklagt; und wenn Leute nicht ins Krankenhaus gehen, sondern zu Hause gepflegt werden müssen, werden sie erstens nicht gefunden, und stecken zweitens mehr Leute an.

Abgesehen davon hatte China vermutlich noch einmal Pech, und zwar mit dem Zeitpunkt. Die Hauptreisezeit zu Neujahr hat sicherlich auch nicht beim Einfangen der Krankheit geholfen, als die Zahl der Infizierten ohnehin anstieg. Das ist ein Faktor, der in Europa bisher nicht zum tragen kommt.

Im Gegenteil, auch Italien reagierte mit drastischen Quarantänemaßnahmen wie jenen in China, die der UN-Gesandte Bruce Aylward gerade als effektiv bezeichnete. Das ist der nächste Faktor, der für einen milderen, auf jeden Fall anderen Verlauf der Seuche in Europa spricht: Wir profitieren hierzulande von den Lektionen, die China auf die harte Tour gelernt hat.

Addendum 9.3.: Lol ey. Offensichtlich nicht.

Es bleibt unkalkulierbar

Es gibt also eine Reihe Argumente dafür, dass Covid-19 bei uns und im Rest der Welt anders verhält als in China.[4] Nicht zuletzt steht zumindest die Möglichkeit im Raum, dass die vermutete Dunkelziffer von zigtausenden leichten Erkrankungen viel geringer ist als gedacht. Zumindest sagt das Aylward, der sich die Sache in China angeguckt hat.

Die UN vermutete ja schon vor einer Weile, dass, dass es außerhalb Chinas möglicherweise nicht so viele unentdeckte Infektionen gab wie teilweise befürchtet. Das würde natürlich die mutmaßliche Sterblichkeit durch den Erreger deutlich erhöhen – dadurch wären Ausbrüche aber viel einfacher zu kontrollieren.

Deswegen halte ich nach wie vor für gut möglich, dass das eintritt, was ich in unserem Video zur Ausbreitungsgeschwindigkeit vermutet hatte. Covid-19 wird außerhalb Chinas nicht der globale unaufhaltsame Flächenbrand, den viele befürchteten – sondern eher eine zähe Aneinanderreihung von lokalen Ausbrüchen und regionalen Epidemien.

Kann sein, dass wir in Deutschland sogar relativ ungeschoren davonkommen: Eventuell verschwindet das Coronavirus mit dem Sommer, und der ist nicht mehr allzu weit weg. So lang könnte man es mit dem bisherigen Verfahren und anderen Maßnahmen klein halten.

Naja, oder auch nicht. Diese Überlegungen sind insofern Spekulation, dass sie von Faktoren abhängen, die wir noch nicht kennen – zum Beispiel wie effektiv sich das Virus verbreitet. Man darf auch nicht vergessen, dass die gegenwärtige Situation äußerst gefährlich ist. Ein neues, bekanntermaßen tödliches Virus mit weitgehend unbekannten Fähigkeiten steckt weltweit Menschen an. Das kann genauso gut auch noch sehr übel ausgehen.

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[1] Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass ASP in Europa großflächig Schweinebestände infiziert, nahe null. Das Problem ist vor allem ein handelsrechtliches.
[2] Es wäre absolut möglich, eine Impfung gegen die Afrikanische Schweinepest zu entwickeln, es gibt auch entsprechende Ansätze. Allerdings könnte man geimpfte Tiere nicht mehr einfach von erkrankten unterscheiden, und das würde beim Export Probleme verursachen.
[3] So als kleine unterhaltsame Fußnote: In China probieren sie außerdem bei beiden Seuchen, wie gut Traditionelle Chinesische Medizin dagegen hilft. Spoiler: nicht besonders.
[4] Ich hätte diesen Artikel im Grunde auch ohne die Afrikanische Schweinepest schreiben können, aber sie hat mich gleich ganz am Anfang zu der Vermutung inspiriert, dass die Seuche weniger dramatisch ablaufen könnte, als es zwischenzeitlich aussah.

2 Kommentare

  1. Interessanter Ansatz. Vielen Dank dafür!
    Allerdings habe ich nach dem Lesen die zweite Seite gesucht……
    Vielleicht kommt ja noch mehr.

  2. @ Autor
    Sie schrieben einleitend, dass Sie all den Corona -Spekulationen eine weitere hinzufügen wollten. Was aber ist jetzt Ihre Spekulation? Außer der (unbeantworteten )Frage oder der These, dassund warum (angeblich) superdemokratische Staaten wie Deutschland das Virus eventuell angeblich besser eingrenzen können, als (angeblich ) so “diktatorische bzw. kollektivistische Staaten wie China (was ja schon merkwürdig wäre) habe ich nichts gefunden.

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