Chemie-Nobelpreis-Prognose 2026: Gensequenzierung

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OK, ich mach ja schon. 😅 Also willkommen zu meiner diesjährigen Prognose, wer den Chemie-Nobelpreis bekommt, und wer ihn bekommen sollte. Das ist ja nicht immer so ganz das gleiche, wie wir letztes Jahr gesehen haben. Ich finde immer noch, Zeolith-Forscherin Edith Flanigan hätte bei einem Nobelpreis für Gerüstmaterialien berücksichtigt werden müssen.  Um so bitterer, dass sie Anfang 2026 verstorben ist.

Dieses Jahr habe ich einen ganz klaren fachlichen Favoriten, und zwar Next Generation Sequencing von DNA. Wir haben uns ja alle inzwischen dran gewöhnt, dass man das Erbgut von Menschen, Tieren, Viren einfach mal angucken kann, oder dass Forschungsteams mal eben 500 verschiedene Tumore miteinander vergleichen oder Genfrequenzen ganzer Populationen untersuchen. Und wenn das nächste Pandemievirus um die Ecke kommt, wird wieder die halbe Welt über obskure Erbgutmerkmale diskutieren, die natürlich bei jeder Variante binnen Stunden online kursieren.

Dabei gerät ein bisschen in Vergessenheit, was es eigentlich bedeutet, Erbgut zu sequenzieren. Das ist ein riesiger Molekülstrang aus Milliarden chemisch fast identischen Einzelbausteinen, die in einer ganz gestimmten Reihenfolge angeordnet sind. Und diese Abfolge muss man mit unvorstellbarer Präzision ermitteln, um sinnvoll damit arbeiten zu können. Dass das heute Routine ist, ist nicht nur eine atemberaubende wissenschaftliche und technische Leistung, sondern auch unverzichtbare Grundlage der modernen Biowissenschaft und Medizin. Die wahrscheinlichen Preisträger sind hier Shankar Balasubramanian und David Klenerman. Ich persönlich würde mich auch freuen, wenn man Marvin Caruthers für seine grundlegenden Arbeiten ehren würde.

Neben den Nukleinsäuren gibt es noch eine weitere Klasse von Biomolekülen, deren Synthese in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat: komplexe Strukturen aus Zuckern. Also sowas wie Glycane und Glycoproteine. Der Kram wird immer unterschätzt, aber das sind die kompliziertesten Biomoleküle überhaupt. Die sind nämlich keine einfachen Ketten, sondern verzweigt, und man redet da nicht über 4 oder 20 verschiedene Bausteine, sondern potenziell hunderte verschiedene Zucker. Das ganze Zuckerzeugs ist unter anderem entscheidend für Immunsystem und Zellerkennung. Seit ein paar Jahren kann man solche Strukturen automatisiert oder semi-automatisch herstellen, ähnlich wie Nukleinsäuren. Der bekannteste Forscher auf diesem Gebiet ist Chi-Huey Wong aus den USA, und ich drücke außerdem Peter Seeberger die Daumen, der auch grundlegende Beiträge geliefert hat.

Wen es sonst noch gibt

Ein Außenseiterthema aus der Bio-Ecke, das ich aber extrem spannend finde, ist bakterielle Kommunikation. Da hat Bonnie Lynn Bassler die chemischen Hintergründe des Quorum Sensing entschlüsselt und dafür auch schon den Wolf-Preis bekommen. Quorum Sensing ist ein spannendes und auch medizinisch wichtiges Thema, das möglicherweise neue Ansätze gegen gefährliche Bakterien liefern könnte. Aber so lange wir da noch beim »könnte« sind, ist das aus meiner Sicht noch nen Tick früh.

Jenseits dieser biologischen Sachen gibt es eine Reihe von eher klassischen chemischen Entwicklungen, die nicht nur sehr bedeutsam und lange etabliert sind, sondern immer wieder auch im Kontext des Nobelpreises genannt werden. Das ist nicht ganz unwichtig, denn um den Preis zu kriegen, muss man nominiert werden und auch ein bisschen im Gespräch sein. Einer, auf den das definitiv zutrifft, ist Krzysztof Matyjaszewski, Entwickler der Atom Transfer Radical Polymerisation (ATRP), einer »lebenden« Polymerisation, die sehr einheitliche Molekülketten erzeugt. Damit kann man Kunststoffe mit sehr genau einstellbaren Eigenschaften entwickeln, zum Beispiel mit immer gleich großen Blöcken verschiedener Bausteine.

In der Katalyse-Ecke sind die Übergangsmetall-basierten Verfahren zum Einbringen von Atomen wie Stickstoff in Moleküle, entwickelt von Stephen Buchwald und John Hartwig, industriell enorm wichtig. Gerade Stickstoff ist ein entscheidender Bestandteil zum Beispiel von Wirkstoffen. Die beiden Forscher haben da Techniken entwickelt, die in sehr vielen unterschiedlichen Kontexten funktionieren, also ein echtes Universalwerkzeug.

Preiswürdig sind auf jeden Fall auch selbstorganisierte Monoschichten (SAM) auf Oberflächen, die in den 80er Jahren unter anderem von David Allara und Jacob Sagiv entwickelt wurden. Sie spielen eine wichtige Rolle für Beschichtungen, Elektronikproduktion, Solarzellen und andere industrielle Prozesse, von denen man als Durchschnittsverbraucher nichts mitbekommt.

Ebenfalls interessant ist dabei die Einzelatomkatalyse von Tao Zhang und seinem Team, bei der man auf eine Oberfläche einzelne Übergangsmetallatome aufbringt, die dann Reaktionen antreiben. Das Schöne daran ist, dass man dabei einerseits so selektiv arbeitet wie man das von gelösten molekularen Metallkatalysatoren gewohnt ist, andererseits aber auch die Vorteile eines leicht handhabbaren Trägermaterials bekommt. Da gab es bemerkenswerte Fortschritte, aber ich denke, das dauert noch ein paar Jährchen, bis es dafür einen Preis gibt.

 

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