Nichts als Flaggtivism?

Über die Formen und Möglichkeiten von Solidaritätsaktionen und -bekundungen in sozialen Medien

Mehr (oder weniger) Solidarität in der digitalen Welt?
Demonstrationen, Streiks, finanzielle und materielle Unterstützung sind (unter anderem) klassische Formen für Solidaritätsbekundungen und -aktionen. Durch die Entwicklung der aktuellen Medien, durch Foren im Internet, Blogs, Podcasts und social-media-Plattformen sind neue Wege entstanden, um Solidarität zu bekunden und Solidaritätsaktionen durchzuführen.[1] Ein naheliegender Schluss ist: Je mehr Kanäle und mediale Möglichkeiten es gibt, um solidarische Aktionen durchzuführen und Solidarität mit einem Individuum oder einer Gruppe zu bekunden, desto mehr Solidarität gibt es tatsächlich. Ist dem so? Für die Beantwortung der Frage bieten sich, wie anhand der zitierten Literatur deutlich wird, zunächst empirische Studien an. Die Grundlage hierfür machen selbstverständlich philosophische und historische Begriffsbestimmungen aus. Damit ist jedoch auch klar, dass die pauschal gestellte Frage nicht sinnvoller Weise auch pauschal beantwortet werden kann, sondern vielmehr immer nur für einen bestimmten Personenkreis unter bestimmten Bedingungen.

Solidarität – eine kleine Begriffsbestimmung
Wie immer, wenn es in einer geisteswissenschaftlichen Disziplin um die Beantwortung einer bestimmten Frage geht, ist es sinnvoll, die zentralen Begriffe zu klären und zu definieren. Was also ist Solidarität? Oder allgemeiner – ein Ausdruck, der in politikwissenschaftlichen Studien häufig verwendet wird – Partizipation? Im Duden ist Solidarität beschrieben als „1. unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauung und Ziele; 2. (besonders in der Arbeiterbewegung) auf das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Eintreten füreinander sich gründende Unterstützung“. Im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm findet sich die Definition: „was ihn betrifft, geht auch mich an; ich trete für ihn ein“. Aus diesen Definitionen geht allerdings weder die mögliche Größe der Gruppe hervor, die solidarisch ist, noch die Größe der Gruppe, gegenüber der eine andere Person oder Gruppe Solidarität zeigt.[2] Eine weitere wichtige Bedingung für Solidaritätsbekundungen oder -aktionen ist die emotionale Verbundenheit, deren Basis durch externe Verbindungen begründet sein kann (wie zum Beispiel bei Familienmitgliedern) oder aber auf anderen, freiwillig gewählten Gemeinsamkeiten beruhen kann, wie kulturelle Interessen, Menschenwürde o. ä. Innerhalb dieser gewählten oder jener gegebenen Gemeinschaft tritt das Bedürfnis nach Solidarität dann auf, wenn ein Teil der Gruppe einen wie auch immer gearteten Notstand erleidet, es also ein, das Wohlergehen der Mitglieder betreffendes, Gefälle gibt.

Ein Beispiel: Angela Davis. Die US-Amerikanerin wurde in den 1970er-Jahren vom amerikanischen FBI verdächtigt, Terrorismus zu unterstützen. Auf die Drohung der amerikanischen Regierung mit Todesstrafe folgte eine Welle an Solidaritätsbekundungen inform von Postkarten mit Rosen, die ihr u. a. von Menschen aus der DDR ins Gefängnis geschickt wurden.[3]

Ist echte Solidarität in sozialen Medien möglich?
Heute sehen Solidaritätsbekundungen anders aus und es ist oft fraglich, was die zahlreichen Aktionen, die vermittels des Internets durchgeführt werden, bedeuten und bewirken können. Als Reaktion auf Anschläge legen viele Benutzer sozialer Medien mithilfe spezieller Apps und Programme Filter mit der Flagge des jeweiligen Landes über ihre Profilbilder. Bei „facebook“ steht dafür seit den Terror-Anschlägen in Paris im November 2015 sogar eine spezielle Funktion zur Verfügung, die es den Nutzern erlaubt, mit einem Klick die Hintergrundfarbe des Profilbilds zu ändern.[4] Seinen Ursprung hat dieser Trend in dem je suis-Mem, das als Reaktion auf den Anschlag auf die Mitarbeiter der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo entstand. Wenn ich „je suis“ google und mir nur Bilder anzeigen lasse, erscheinen keine Ausschnitte aus Grammatikheften zur Konjugation französischer Hilfsverben, sondern stattdessen fast ausschließlich Grafiken, die das Mem aufgreifen: „Je suis Paris“, „Je suis sick“, „Je suis Orlando“ usw. Oft werden solche Meme oder die Funktion der Änderung der Hintergründe von Profilbildern als solidarisch Aktionen bezeichnet.[5] Aber kann man in diesen Fällen wirklich von Solidarität sprechen? Laut Kurt Bayertz (1998: 31) ist zumindest eine traditionelle solidarische Form zeitlich unbegrenzt, nicht punktuell und in der Regel lebenslang bindend. Demnach wäre jene Frage klar mit nein zu beantworten. Außerdem bedürfen Zusammenhalt, Unterstützung und Füreinandereinstehen, die ja offenbar Teil der Solidarität sind, einer gewissen aktiven Komponente, die meist nicht durch einen Klick (sei es Profilbild ändern, Onlinepetition unterschreiben oder Geld überweisen) ausreichend erfüllt ist. Dass neuen Medien dabei mehr können als Flaggtivism und Slacktivism, zeigen zwei Studierende der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg in ihrer Video-Kampagne #isharemyfood. Sie rufen Menschen dazu auf, ihr Essen mit Armen und Obdachlosen zu teilen und durch die Verbreitung der Videos auf die Situationen und Lebensumstände dieser Leute aufmerksam zu machen.

Wohin geht der Trend: Mehr oder weniger Solidarität?
Zurück zur Ausgangsfrage: Führen mehr Kanäle und mediale Möglichkeiten zu mehr solidarischen Aktionen? Eine Studie von Katrin Radtke (2008: 27–32) kam zu dem Ergebnis, dass die transnationale Solidarität zwischen 1996 und 2005 gestiegen ist. Die Studie hat aber einige Haken.[6] Radtke untersuchte nur finanzielle Spenden von 16 Organisationen, „die in der Not- und Entwicklungshilfe tätig sind“ (ebd.: 28). Sie begründet zwar mit Émile Durkheim und Hans Braun u. a. (ebd.: 29), dass auch die Spendentätigkeit als Solidarität betrachtet werden kann. Tatsächlich kann der Begriff der Solidarität aber nicht auf materielle Unterstützung reduziert werden, weshalb die Studie nicht für allgemeine Aussagen über die Solidaritäts-Entwicklung herangezogen werden kann. Außerdem kommt Radtke mit ihrer Analyse zu dem Ergebnis, „dass die transnationale Solidarität in hohem Maße an herausragende Ereignisse gekoppelt ist“, das heißt in ihrem Untersuchungsrahmen: Die Spedenbereitschaft erhöht sich nur, wenn bestimmte Ereignisse passieren wie beispielsweise der Tsunami in Thailand, Indonesien und Sri Lanka im Jahr 2004 (ebd.: 32).

Die Vielfalt von Kommunikationskanälen sagt also noch nichts über die Qualität von Solidarität aus. Und auch wenn der (im Übrigen nicht selbstverständlicherweise) positiv konnotierte Begriff der Solidarität häufig erwähnt wird, ist oft fraglich, ob die Wortwahl angemessen ist.

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[1] Laut Köberer/ Sehr (2016: 289) ist zu klären, ob „zwischen Solidaritätsbekundungen und solidarischem Handeln differenziert werden kann bzw. sollte“. Ich denke, dass eine solche Unterscheidung sinnvoll und angemessen ist – insbesondere angesichts der Betrachtung des Solidaritätsbegriffs im Kontext jüngerer Medien. Belege dafür werden im Folgenden deutlich.

[2] Fraglich ist nämlich, ob bei einer 1:1-Beziehung nicht eher Kameradschaftlichkeit, ggf. Freundschaft o. ä. angemessenere Ausdrücke sind.

[3] Dabei waren die Solidaritätsbekundungen in der DDR natürlich hochgradig vom Staat gelenkt und dementsprechend selektiv, wie sich die die Berliner Journalistin Susanne Harmsen im SWR2-Wissen-Feature „Solidarität im Wandel“ von Barbara Zillmann erinnert.

[4] Wie mir facebook-Nutzer mitteilten, gab es diese Funktion im Übrigen nicht für die türkische Flagge. Dieser Artikel greift das Phänomen auf, dieser auch.

[5] Vgl. u. a. hier, hier oder hier.

[6] Zur Zeit der Veröffentlichung des Artikels, 2008, war Radtke Referentin für Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe der Deutschen Welthungerhilfe in Bonn. Mittlerweile ist sie Professorin für Internationale Not- und Katastrophenhilfe der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin.

 

LITERATUR

  • Bayertz, Kurt (1998): Solidarität: Begriff und Problem. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Köberer, Nina / Sehr, Marc (2016): „Solidarität in der digitalen Gesellschaft“. In: Petra Werner, Lars Rinsdorf, Thomas Pleil, Klaus-Dieter Altmeppen (Hg.): Verantwortung – Gerechtigkeit – Öffentlichkeit. Normative Perspektiven auf Kommunikation (Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft). UVK Verlagsgesellschaft: Konstanz/ München. 1. Auflage, 285–296.
  • Radtke, Katrin (2008): „Die Entgrenzung der Solidarität. Hilfe in einer globalisierten Welt.“ In: Internationale Solidarität. Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn. Ausgabe 21.

Bachelor-Studium "Philosophie, Neurowissenschaften und Kognition" in Magdeburg. Master-Studium "Philosophie" und "Ethik der Textkulturen" in Erlangen. Freie Kultur- und Wissenschaftsjournalistin: Hörfunk, Print, Online. Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Philosophie, Fachbereich Medienethik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Die Vielfalt von Kommunikationskanälen sagt also nichts über die Qualität von Soldarität aus.”

    So ist es. Sie sagt ja nichtmal was über die Qualität von Kommunikation aus.

  2. Solidarität, bestimmte Festigkeit im Verbund meinend, ist womöglich gar nicht anzustreben.
    Insofern war und ist die Solidarität ein politisch linker Topos und hat immer auch etwas, aus Sicht einiger, Scheinheiliges und Falsches (“phony”) an sich.
    Cooler ist es insofern womöglich (gerade auch: im Web) politische Unterstützung zu bekunden, die grundsätzlich nicht solidarisch, sondern punktuell ist, aber auch gerne wieder aufleben kann, einen bestimmten (auch: politischen) Punkt meinend, nicht zuvörderst Subjekte und die Bindung an sie.

    [2] Fraglich ist nämlich, ob bei einer 1:1-Beziehung nicht eher Kameradschaftlichkeit, ggf. Freundschaft o. ä. angemessenere Ausdrücke sind.

    Womöglich besser wäre personen- oder gruppengebundene Solidarität als “1:n”- bzw. “n:m”-Beziehungen zu verstehen.
    “1:1” wäre bidirektional, also beispielsweise, wenn geheiratet wird.

    HTH
    Dr. Webbaer

    • PS:
      Boshafterweise und ganz untergeordnet als Lektor auftretend: ‘in Form’ und ‘Spendenbereitschaft’ gingen auch.
      Hmm, also es gibt Personen-Loyalität und Ideen-Loyalität, es war bspw. der Bundesdeutsche Norbert Blüm, der gerne verlautbarte, dass ihm die Personen-Loyalität (der “Dicke” ist gemeint) stets wichtiger war als die Ideen- oder Sach-Loyalität; was sehr lustig war, auch zu seinem Wesen zu passen schien, wie sich Ihr Kommentatorenfreund erlaubt zu ergänzen.
      Natürlich war spätestens ab hier Herr Dr. Blüm in Sachdiskussionen verloren.

      Moderne Gesellschaften befördern den Diskurs um die Sache, es soll hierbei, anders als in kollektivistischen Gesellschaftssystemen um die Sacharbeit gehen.
      Natürlich kann man sich auch in diesen Gesellschaften gegeneinander nett finden, in der Gruppe der Mandatsträger, aber die Idee mit der Mandatsträgerschaft ist grundsätzlich eine andere.

      Wie es ansonsten aussieht, außerhalb im Auftrag des Souveräns unterwegs zu sein, bleibt offen. Ideen-Loyalität wäre wohl auch hier, den öffentlichen Diskurs meinend, vorzuziehen, ansonsten gibt es natürlich schon Zahlungsfolgen, die dies Individuen anders ausschauen lässt.

      Der Philosoph ist insofern immer auch Idiot. [1]
      >:->

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Idiot

      • PPS:
        Das da oben aus liberaler Sicht Vorgetragene solltw natürlich nicht Gruppen mit ihren Bindungen in Frage stellen, Gruppenbildungen sind sinnhaft, auch die Zuneigung der einen Person zur anderen ist gut, allerdings sind diese Bindungen nicht solidarischer Art (Solidarität ist wohl ganz zuvörderst im Familienverbund zu üben, auch wenn das Familienmitglied unrecht hat, gilt sinnhafterweise oft: ‘Your brother ain’t always right, but he’s always your brother.’ (Quelle), aber wohl ganz bevorzugt nur dort), sondern beruhen auf Achtung und Interessen.
        Auch Sympathie und Kompatibilität im Wortsinne meinend.

        Öffentlich geäußerte Kritik darf insofern gar nicht solidarisch, weil befangen, sein, sie muss nicht einmal konstruktiv sein, denn die Zerstörung bestimmter Idee als Zweck kann hier genügen.

        Übrigens alter Tobak, wurde in den Siebzigern, auch unter politisch Linken, so durchgekaut; alte zähe und oft traditionslinke “Knochen” seinerzeit waren noch für derartigen Disput zu haben, hier hat die übernehmende “progressive” Linke viel kaputt gemacht.

        • “[…] Gruppenbildungen sind sinnhaft, auch die Zuneigung der einen Person zur anderen ist gut, allerdings sind diese Bindungen nicht solidarischer Art […], sondern beruhen auf Achtung und Interessen”. Genau das meinte ich mit Fußnote 2. Vielen Dank für diese Ausführung!
          Ihnen auch ein schönes Wochenende
          wünscht

          Leonie Seng

    • “Solidarität, bestimmte Festigkeit im Verbund meinend, ist womöglich gar nicht anzustreben.”
      Wenn Sie Solidarität im marxistisch-sozialistischen Sinn meinen, stimme ich Ihnen zu. Ich habe im Artikel ja aber gerade versucht zu zeigen, dass es (wie so oft) sehr unterschiedliche Definitionen von S. gibt — im Übrigen eine ganz eigene in der christlichen Tradition. Insofern bezweifle ich mittlerweile, ob man sinnvollerweise von _der_ Solidarität im Allgemeinen sprechen kann (s. Artikel 1. Absatz, letzte Zeile) oder man nicht immer dazu sagen sollte, in welcher Weise/ Form bzw. mit welchen dahinterstehenden Prämissen S. zu verstehen ist.

      • ‘Solidarität’ im kollektivistisch und allgemein geübten Sinne war gemeint,woanders wird dbzgl. ja auch idR nicht abgehoben, korrekt.
        Selbstverständlich ist Ihr Kommentatorenfreund zu Ihnen “solidar(isch)”, den philosophischen Gesamtverhalt meinend.

        MFG + schönes Wochenende schon einmal,
        Dr. Webbaer

  3. PS:
    Slacktivism‘ ist ein Phänomen, das sich, sobald eine globale Verständigungsmöglichkeit bereit steht, dies ist ja alles andere als selbstverständlich, sozusagen zwangsweise ergibt.
    Tatsächlich ist S. von Solidarität – die ja auch oft etwas Körperliches hat, vgl. mit dem sich Unterhaken, auch zu 68er-Zeiten oft benutzt, Rudi bspw. war sehr solidar(isch), er ging dann mit Genossen untergehakt in erster Reihe Demonstrationen voran, vgl. auch mit diesem Jokus, bei dem ein Vertreter der Muslimbruderschaft untergehakt wird – zu unterscheiden.
    Womöglich ist Solidarität ohnehin ein Mythos, der nachvollziehbarerweise nun zu Zeiten des Internets ergänzt wird.
    Ob dies dann ‘Slacktivism’ oder ‘Flaggtism’ genannt werden muss, nunja, ‘Unterstützung’ oder ‘Unterstützung bekunden’, Endorsement sozusagen, ginge wohl sprachlich auch.
    Es liegt womöglich kein Ismus vor.

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