Philosophie der Pferde… äh, Gefühle

BLOG: Feuerwerk der Neuronen

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Feuerwerk der Neuronen

Bei der vierte Absage eines Hostels bekomme ich den Eindruck, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war, an diesem Wochenende nach Essen zu fahren. Die Antwort kommt mit der fünften Absage: In Essen ist Messezeit, Equitana, offenbar Weltmesse des Pferdbescesports. Doch kein noch so auf Hochglanz poliertes Messepferd wird mich davon abhalten, aus der fränkischen Landidylle in eine der Metropolen des Ruhrgebiets zu fahren[1], wenn sich einige der größten internationalen Denker aus der Philosophie der Gefühle, der Moralphilosophie und Tugendethik nach Deutschland begeben: zur Philosophie-Tagung der Uni Duisburg-Essen “Empathy, Sympathy, Concern and Value” am vergangenen Wochenende.

FFF Plakat, CC BY-NC-ND 3.0 Leonie Seng.
Empathie — nur auf Basis von Emotionen? Foto: Leonie Seng.

Im Labyrinth der Farben

Letztlich komme ich in der Jugendherberge “am Bermudadreieck” in Bochum unter. Die Unterkunft liegt nahe dem gleichnamigen Kneipen-Viertel mit gleichnamiger Bar, in dem/ der offenbar der eine oder die andere Partyfreudige schon von der Nacht oder dem x. Cocktail auf mysteriöse Weise verschluckt worden ist…

Bei diesen Bermudadreiecken soll es an diesem Tag aber nicht bleiben: Die Gebäude auf dem Campus der Uni-Essen entpuppen sich rasch als wahre Über-Architekturen im Origami-Stil. Auf den ersten Moment sieht alles eigentlich ganz harmlos und übersichtlich aus: Die Gebäude sind nach Farben sortiert. Grün für die Hochschulverwaltung und die Mensa, rot für die Geistes- und Wirtschaftswissenschaften, gelb für die Naturwissenschaften und blau für die Ingenieurwissenschaften. Die Raumbezeichnung für die Tagung “T02 R03 D39” scheint einem anderen Schema zu folgen, oder gar keinem, egal, ich werde mich an den Farben orientieren, so der Plan. Durch ein Telefonat vorab weiß ich, dass ich nach Grün muss. Entsprechend hoffnungsvoll gebe ich mich also dem Farbspiel hin und lande bei einem Gebäuddeblock, der mit grünen Banden verziert ist… allerdings nicht im ersten Stockwerk, dort herrscht Gelb. Blau und Rot im Nacken, schaue ich mich hilflos nach unschuldigen Passanten um, die mir aus meiner Farbverwirrung helfen könnten. Stattdessen erhebt sich vor mir nur ein bedrohlich bunt gestreifter Turm aus der Betonlandschaft.

Turm bunt.
Wenn _eine_ Farbe der Orientierung dienenen soll, kann Bunt drohlich sein. Uni Essen, Foto: Leonie Seng.

Gefangen im Bermuda-Bunt

Ein mit einer Kiste Wasser und einem Haufen Süßkram bepackter junger Mann, der sich zu meinem Glück als Philosophie-Doktorand herausstellt, gibt mir die sehr hilfreiche Information, dass wir den Eingang S5 nehmen müssen — S für gelb natürlich! Über den Aufzug gelangen wir dann in den dritten Stock — also grün von außen. Dann nur noch über den blauen bis zum roten Flur, geradeaus, fünfmal ums Eck, hoch hinaus, und schon sind wir da. Juppadong!

Der Weg zur Toilette wird auch prompt zu einer Tortur. Nach gefühlten dreißig Minuten schaffe ich es allein durch Orientierung am palabernden Stimmgewusel, wieder in das richtige Zimmer zurück zu gelangen.

Beim Mittagessen[2], wo ja bei solchen Gelegenheiten mitunter die spannendsten Dinge erzählt werden, werde ich dann bezüglich der Essener Farbenlehre aufgeklärt. Dieter Nuhr hat das auch schon einmal grob zusammengefasst. Etwas anders und ausführlicher beschreibt es die Chemie-Fachschaft der Uni Essen. Kurz: T = Tannengrün, S = Sandgelb, R = Rostrot, V = Veilchenblau. Die Chemie-Fachschaft gibt zu: “Auf den ersten Blick erscheint das unsinnig. Naja…auf den zweiten und dritten zugegeben auch!” Immerhin ist mit dieser schlanken Lösung die Doppelbelegung von G für Gelb und Grün weiträumigst umschifft. In einem analytischen Anfall kann man also für diese Tagung die Raumformel ableiten: FFF = T (Gebäudefarbe (aussen)), 02 (Eingang), R (Flurfarbe (innen)), 03 (Stock), D (Gang), 39 (Raum).[3]

Bunter Campus Essen.
Farbverwirrung an der Uni Essen, Foto: Leonie Seng.

 

Bunter Campus Essen.
Das Farbspektakel an der Uni Essen ist allgegenwärtig. Foto: Leonie Seng.

 

 Emotionen und ihre Rolle in moralischer Urteilsbildung

Ein Hauptaspekt der Tagung: Welche Rolle spielen Emotionen für das ethische (manchmal auch: moralische) Verhalten? Sind Emotionen notwendige Eigenschaften für die Bildung moralischer Urteile? Versteckt sich hinter jeder normativen Aussage “Das ist gut.” oder “Das ist schlecht.” eine Emotion? David Hume und Adam Smith gingen in der Tat davon aus, dass ethische Normen bzw. Aussagen darüber, was zu tun richtig und falsch ist, das Ergebnis intersubjektiver emotionaler Prozesse sind. Eine Tugend wie Ehrlichkeit wird Hume und Smith zufolge konstituiert durch die Disposition, in vielerlei Hinsichten mit anderen mitfühlen zu können, “feel with”.

Was Hume und Smith als “sympathy” bezeichneten, wird heute meist als Empathie gehandelt — in der Vorankündigung in Anlegung an die Humesche Variante beschrieben als “an emotional process that allows agents to tune into the affective condition of others”.[4]

Die Philosophen beschränkten sich aber nicht auf bloß philosophische Begriffsklärung, sondern holten sich für die Definition von Emotionen, Empathie usw. naheliegenderweise Psychologen und Neurowissenschaftler ins Boot, die die zugrundeligenden Mechanismen im Gehirn oder Erkenntnisse durch Verhaltensbeobachtung in die Diskussion einfließen ließen.

Empathie — was auf den ersten Moment recht einfach zu definieren klingt, ist aufgrund der in vieler Weise verzahnten psychischen Prozesse jedoch ziemlich komplex. Bedarf es Sympathie für Empathie? Ist Empathie rational beeinflussbar oder rein affektiv? Zu diskutieren sind außerdem Begriffe wie “emotionale Ansteckung”, “caring”, “empathic distress”, “sympathetic distress” (Martin Hoffman, nicht unter den Vortragenden), “proto-sympathetic empathy” (Stephen Darwall) und “fellow-feeling” (Lawrence Blum in Anlehnung an Max Scheler).

Ist Empathie grundlegend in so genannte prosoziale, motivationale Mechanismen integriert? Oder nur Sympathie? Ist die Fähigkeit zur Imagination, also die Vorstellung der Situation von anderen, notwendig für Empathie? Heißt, “mit einer Person, die Schmerzen hat, mitfühlen können”, dass man die Schmerzen tatsächlich selbst spürt? Resultieren ferner aus der Empathie-Fähigkeit bestimmte Standards moralisch richtiger Handlungen? Sollten Emotionen oder soziale Gefühle daher als grundlegende Komponenten in den Begriff der Moral eingeschlossen werden? Hume schlug in diesem Zusammenhang einen moralischen Sinn vor (“moral sense”), um das moralisch Richtige und Falsche warzunehmen. Dieser moralische Sinn ist dabei nicht im wörtlichen Verständnis als ein Wahrnehmungssinn zu verstehen, beinhaltet aber dieselben Mechanismen wie jene.

Am Ende war man sich einig: Psychologie, Neurowissenschaften und Philosophie sprechen unterschiedliche Sprachen, die, im übertragenen Sinn, teilweise aber sehr ähnlich klingen. Die Vorträge, Antworten auf die und Diskussionen der obigen Fragen sowie äußerst interessante Gespräche mit einigen der Philosophen werde ich in der kommenden Zeit im ProtreptiCast zur Verfügung stellen. Wer also wissen will, was Weetabix’ mit Ethik zu tun haben (außer dass sie sich auf ethics reimen) oder in welchen alltäglichen Situationen es sich am besten philosophieren lässt, kann sich schon mal freuen.

Jean Decety (Chicago) erklärt die neurobiologischen Mechanismen von Empathie und “caring”. Foto: Leonie Seng.

 

 

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[1] Heidi Maibom gibt beim finalen Mittagessen jedoch entäuscht zu bedenken, dass keiner ihrer Deutschland-Reisefürer die Stadt Essen explizit erwähnt.

[2] Im Übrigen äußerst leckeres (und größtenteils vegetarisches (hier: vegetarisch /= “kein dunkles Fleisch”) Buffet!)

[3] Man munkelt, dass sich die Raumnummer in der Formel an der jeweiligen Anzahl der funktionalen, vermutlich aus Styropor bestehenden, Decken-Kassetten bemisst. Inzwischen sollen aber Renovierungsarbeiten dieses Strukturierungsschema zunichte gemacht haben.

[4] “tune” klingt so, als würde man sich auf die Frequenz des anderen einschalten und dann in gleicher Wellenlänge schwingen — ein extrem hübscher Ausdruck, finde ich. Gibt es ein vergleichbares deutsches Verb? (Nicht für das Schwingen, für das “sich einstellen auf”.)

Leonie Seng

Bachelor-Studium "Philosophie, Neurowissenschaften und Kognition" in Magdeburg. Master-Studium "Philosophie" und "Ethik der Textkulturen" in Erlangen. Freie Kultur- und Wissenschaftsjournalistin: Hörfunk, Print, Online. Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Philosophie, Fachbereich Medienethik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

12 Kommentare

  1. Ich glaub mein Klops wiehrt

    Leonie Seng schrieb (18. März 2013, 00:14):
    > […] “an emotional process that allows agents to tune into the affective condition of others”.****

    > **** “tune” klingt so, als würde man sich auf die Frequenz des anderen einschalten und dann in gleicher Wellenlänge schwingen […] Gibt es ein vergleichbares deutsches Verb?

    Wie wär’s mit http://de.wiktionary.org/wiki/einstimmen

    (Allerdings geht die Entsprechung wohl nicht so weit, dass man damit auch “to tune out” gut übersetzen könnte.)

    > […] die Raumformel ableiten: FFF = T (Gebäudefarbe (aussen)), 02 (Eingang), R (Flurfarbe (innen)), 03 (Stock), D (Gang), 39 (Raum).

    D wie Dattel-orange ? …

  2. @Frank Wappler

    Wie wär’s mit http://de.wiktionary.org/wiki/einstimmen

    — hm, ja, ein guter Vorschlag. Ich hatte das Gefühl, dass das englische “tune” noch mehr beinhaltet. Vielleicht liege ich aber auch falsch.

    “D wie Dattel-orange ?” …” *lol* oder wie Durcheinander 🙂 Die zusätzliche Aufteilung der Gänge innerhalb eines Stocks in die Anfangsbuchstaben des Alphabets laufen in der Tat aus meiner Sicht konträr zu der auch farblichen Aufteilung der Gänge eines Stocks. Wir waren übrigens auf dem Gang D wie rot 🙂

  3. Intersubjektivität

    David Hume und Adam Smith gingen in der Tat davon aus, dass ethische Normen bzw. Aussagen darüber, was zu tun richtig und falsch ist, das Ergebnis intersubjektiver emotionaler Prozesse sind.

    Ist der Begriff ‘Kultur’ gefallen?

    MFG
    Dr. W

  4. @ Seng

    “Unterschiedliche Sprachen, die, im übertragenen Sinn, teilweise aber sehr ähnlich klingen.”

    So habe ich mir Wissenschaft immer vorgestellt. Vor allem das mit dem Klang, der teilweise aber sehr ähnlich ist, leuchtet ein. Da spürt man, warum das nicht für Jedermann ist. Unbedingt weitermachen.

  5. @Dr. Webbaer

    Ist der Begriff ‘Kultur’ gefallen?

    Eher indirekt – bzw. je nachdem, was Sie unter Kultur verstehen. Im Mittelpunkt standen die allgemeinen Mechanismen, Phänomenologie und Begriffe von Emotion, Empathie, Sympathie usw., bei denen insbesondere im Zusammenhang mit moralischen/ ethischen Urteilen natürlich oft andere Menschen, Lebewesen etc. integriert sind. Es ging also immer wieder um Interaktion, wenn Sie das auch schon als Kultur verstehen. Allderings ging es nicht explizit um den Kulturbegriff. Die meisten der Vortragenden hatten, soweit ich das richtig verstehe, den Ansatz, grundlegende Mechanismen der Empathie, die prinzipiell in allen Menschen gleich sind, aufzudecken — wobei es da auch unterschiedliche Meinungen gab. Das ist in der Tat eine spannende Frage, ob und wenn ja wie sich Empathie und Emotionen in verschiedenen Kulturen und Zeiten unterscheiden und ändern!

  6. @waerme

    […] warum das nicht für Jedermann ist.

    — hm, natürlich ist analytische Philosophie bestimmt nicht für Jedermann. Allerdings hoffe ich doch, mit meinem Blog und Podcast, ein bisschen dazu beitragen zu können, die akademische Philosophie ein bisschen zugänglicher (für potentiell jedermann) machen zu können. Wie viel Kraft und Raum wird der populärwissenschaftlichen Verbreitung von Naturwissenschaften in deutschen Medien eingeräumt? Fast jedes thematisch gemischte Medium, das ich kenne, hat eine eigene Wissenschafts- oder Wissens-Rubrik. Ganz zu schweigen von den spezialisierten Magazinen etc. Im Bereich Philosophie fallen mir in Deutschland gerade mal zwei Magazine und eine Radio-Sendung ein, bei denen sich auch eher die Themen der praktischen Philosophie im Kreis zu drehen scheinen, die halt schön greifbar sind. Der Rest lässt sich mit ungefähr allen anderen geisteswissenschaftlichen Themen ins Feuilleton abschieben. Nix gegen Feuilleton, aber was gegen die erniedrigende Vereinheitlichung der gesammelten Geisteswissenschaften. Das hat wahrscheinlich auch wirtschaftliche Gründe, kein Grund nicht dagegen anzusteuern.

    Mein Ansatz ist insofern: Themen der theoretischen und praktischen Philosophie für potenziell jeden verständlich machen, den es interessiert. 🙂

  7. @Seng

    Ja, sowas wurde hier schon antizipiert. – Die Empathie wie das soziale Miteinander allgemein sind allerdings kulturell grundiert bis bestimmt, bestimmte Merkmale bzw. deren Ausprägungen sind zudem schlichtweg kulturelle Errungenschaften.
    Man hätte hier vielleicht auch ein wenig Kulturanthropologisches benötigt.

    MFG
    Dr. W

  8. @Kulturanthropologisches

    […] Die Empathie wie das soziale Miteinander allgemein sind allerdings kulturell grundiert bis bestimmt, bestimmte Merkmale bzw. deren Ausprägungen sind zudem schlichtweg kulturelle Errungenschaften. Man hätte hier vielleicht auch ein wenig Kulturanthropologisches benötigt.

    Ich denke, das würde keiner der Vortragenden bestreiten. Der Fokus dieser Tagung lag aber nunmal nicht auf dem kulturellen Aspekt. Ob man Kultur bei der Begriffsklärung von Empathie einfach ausklammern kann, ist natürlich fraglich. Ich bin mir aber auch noch nicht sicher, ob die interkulturellen Unterschiede für die Fragen, die diskutiert wurden (Was bedeutet Empathie? Was heißt es, mit einer anderen Person mitzufühlen? Kann man moralische Urteile ohne Empathie(fähigkeit) fällen? Bedarf es der Fähigkeit zu Sympathie für Empathie?) nötig ist. Nichtsdestotrotz wäre es bestimmt spannend (gewesen), auch den unterschiedlichen Sprachgebrauch in verschiedenen Kulturen zu betrachten.

  9. Die Messe ist sehenswert

    Natürlich sollte man nicht versuchen, zur Messezeit geschäftliche Termine in einer fremden Stadt wahrzunehmen. Diese Pferdemesse wäre aber wohl trotzdem einen Besuch wert gewesen. Dann wäre man eben aus einem anderen Grund gefahren – und hätte dabei vielleicht sogar noch weitere Kontakte knüpfen können.

  10. @Carsten Todt

    Vielen Dank für Ihren Hinweis! Nun habe ich ja meine Termine trotz Messe — von der ich vor Ort gar nichts gespürt habe — gut einhalten können. Und trotz meiner durchaus vorhandenen Sympathie für Pferde (als ehemaliger Stammgast auf einem Isländer-Hof), habe ich mich diesmal für die Philosophie entschieden.
    Im Übrigen bin ich mir fast sicher: Bei so vielen “Philosophie der/des …”, die in den letzten Jahren entstanden sind, könnte es bald auch eine “Philosophie der Pferde” geben.

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