ChemFacts for Future

Vermüllung der Meere, CO2-Emissionen, die weltweite Verbreitung von Viren… – viele unserer aktuellen Probleme derzeit sind menschengemacht oder zumindest durch unseren Lebensstil begünstigt. Wir können schon längst nicht mehr die Augen davor verschließen, dass etwas passieren muss und wir dringend handeln müssen. Die meisten unserer Probleme sind zu Zeiten entstanden, als ihre Folgen noch nicht absehbar waren. Und leider haben auch ehemals wegweisende Entdeckungen von Chemiker*innen zur aktuellen Situation beigetragen.

So sind viele Kunststoffe früher (und auch noch heute) geniale Materialen gewesen. Sie helfen unter anderem Energie zu sparen, indem sie Fahrzeuge leichter machen und Lebensmittel hygienisch aufzubewahren. Und im 3D-Druck ermöglichen Kunststoff-Granulate, individuelle Einzelteile energieeffizient, kostengünstig und schnell zu produzieren. Leider wurde zu Beginn der „Kunststoff-Ära“ nicht ausreichend über Recycling nachgedacht und niemand hat bedacht, welche Ausmaße der Einweg-Verpackungsmüll einmal annehmen wird. Heute beschäftigen sich Chemiker*innen bereits während ihres Studiums mit einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Sie legen beispielsweise Wert auf effiziente Stoffkreisläufe, alternative und nachhaltige Rohstoffe und neue Recycling- und Upcycling-Strategien.

Das sind nun zwar tröstliche Perspektiven für die Zukunft, in der sich die Fehler der Vergangenheit vermeiden lassen, aber bei unseren aktuellen Problemen hilft es uns erstmal nicht unmittelbar weiter. Trotzdem gibt es ein Licht am Ende des Tunnels: Chemiker*innen arbeiten gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen an der Lösung dieser Probleme. Und auch der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), einer Gemeinschaft von rund 31 000 Mitgliedern aus den chemischen Wissenschaften, liegt es am Herzen, ihre wissenschaftliche Expertise unterstützend einzubringen.

Denn eine besondere Herausforderung ist zurzeit die Vielzahl an unterschiedlichen Informationen. Für Nicht-Chemiker*innen (zu denen ich, aber auch die meisten politischen Entscheidungsträger*innen zählen) ist es nicht immer einfach zu beurteilen, welchen Informationen man trauen kann. Fake News lassen sich ja meist noch recht leicht entlarven, aber zu beurteilen, ob gewisse Informationen vom Lobbyismus getrieben sind, ist dem Laien fast nicht möglich.

Vor diesem Hintergrund hat sich in der GDCh nun das Gremium „ChemFacts for Future“ gebildet. Das Gremium führt das Expertenwissen von Spitzenforscher*innen zu aktuell drängenden Fragestellungen in kurzen, verständlichen Facts Sheets zusammen, die sich an die wissenschaftliche Community, Entscheidungsträger*innen und auch die interessierte Öffentlichkeit richten. Bisher sind bereits Fact Sheets zu „Chemie gegen Viren“, zum Klimawandel und der Frage, ob wir überhaupt Lebensmittelverpackungen brauchen, entstanden. Diese und kommende Factsheets sind unter www.gdch.de/factsheets abrufbar.

Reinlesen lohnt sich!

Maren Mielck

Veröffentlicht von

Maren Mielck ist Wissenschaftskommunikatorin aus Überzeugung. Sie begeistert sich für die Naturwissenschaften und insbesondere die Chemie. Selbst nicht vom Fach, sondern mit klassischer Kommunikations- und Journalismusausbildung, möchte sie im Namen der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) auch anderen ihre Faszination für Chemie näherbringen.

7 Kommentare

  1. Das Fact Sheets der Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. Ist wirklich eine gute Idee.
    Nachdem ich Fact-Sheet 4 „ Brauchen wir Lebensmittelverpackungen?„ gelesen habe, muss ich allerdings sagen, dass einige Aussagen darin überzogen sind, andere wiederum fehlen.
    Eine überzogene Schlussfolgerung, die zudem kaum begründet ist ist folgende:

    Am Ende des Jahres 2075 wird die stetig wachsende Weltbevölkerung auf ca. 10.5 Milliarden gestiegen sein. Hunger bleibt daher eine für große Teile der Weltbevölkerung lebensbedrohliche Realität.

    Es stimmt: Im Jahr 2016 waren 815 Millionen Menschen unterernährt, aber 1.9 Milliarden Menschen waren übergewichtig und 615 Millionen gar fettleibig.

    Es gibt also nicht zuwenig Nahrung, sondern mehr als genug. Die Unterernährten sind fast alle wegen extremer Armut unterernährt, denn gratis sind Lebensmittel nicht – erst recht nicht, wenn sie auch noch professionell verpackt sind.

    Andererseits fehlt im Factsheet eine wasserdichte Begründung warum wir (so viel) Verpackungen brauchen. Es wird nichts dazu gesagt ob man auch mit weniger Verpackung auskommen würde, es werden nur die Vorzüge einer zukünftigen, jetzt noch nicht verfügbaren Verpackungstechnologie genannt.

    • Vielen Dank für die Anregung, die wir an die Autor*innen weitergeben werden. Das Format unserer Fact Sheets ist noch neu und wird kontinuierlich weiterentwickelt.

  2. Soweit ich weiß, wird etwa ein Drittel des deutschen Plastiks recycelt, ich kann mir nicht vorstellen, daß eine komplette Umstellung auf Kreisläufe hier nicht schnell etablierbar wäre.
    Was fehlt, ist der politische Wille. Ein bis zwei Prozent des deutschen Plastikmülls geht auf das Konto von Plastiktüten, also verbieten wir Plastiktüten, anstatt Handel und Produzenten zu verdonnern, (in Übergangsstufen) auf kreislauffähige Verpackungen umzustellen.
    Manchmal habe ich den Eindruck, daß auch die Umweltpolitik nur dazu genutzt wird, um Verbrauchern das Leben schwer zu machen, und auch ökologisch bringt solche Alibipolitik nichts, zumal die gehypten Papiertüten nicht besser sind in der Gesamtbilanz, schließlich geht es nicht nur um Kunststoffe.

  3. Die Grundidee von ChemFacts for Future ist gut gemeint – aber wird wohl wenig bringen.
    Denn auch hier werden wieder nur Sekundärprobleme angesprochen – das Hauptproblem A) wird ignoriert und auch einfachste Lösungsstrategien B) werden nicht umgesetzt

    A) Hauptgrund für die Umweltveränderung ist die Anzahl der Menschen auf der Erde. D.h. wenn man nicht massiv für Geburtenkontrolle/Empfängnisverhütung wirbt – werden alle Umweltschutzmaßnahmen innerhalb kurzer Zeit wieder zunichte gemacht.
    Um dieses Problem zu verstehen – reicht ein einfacher Taschenrechner.
    Beispiel: Zur Zeit gibt es 7,8 Mrd. Menschen. Wenn alle Menschen den Plastikkonsum, CO2-Ausstoß, … um 30 % verringern – dann haben wir am Ende des Jahrhundert bei einer Bevölkerungszahl von über 11 Mrd. Menschen wieder die gleiche Belastung wie heute.

    B) Die GDCh sind als Ansprechpartner für Müllvermeidung für mich nicht glaubwürdig. Dies soll jetzt keine Beleidigung sein. Aber um eine möglichst hohe Recycling-Quote zu erhalten – braucht es keine Versprechen für noch nicht vorhandene Zukunftstechnologien.
    Ein einfaches Gesetz würde ausreichen – welches den Export von Müll ins Ausland SOFORT und KOMPLETT verbietet. Wenn man solch ein Verbot hätte, dann gäb es sofort ernsthafte Maßnahmen zur Müllvermeidung – und dann spielen auch Kosten keine Rolle mehr.
    Bisher gibt es kein großes Interesse an Umweltschutzmaßnahmen – denn viel von unserem Müll wird angeblich zur Trennung exportiert, in der Realität landet er im Ausland auf irgendwelchen Deponien (z.B. in Polen, in Portugal, …).

    • Lieber KRichard, vielen Dank für Ihr Feedback. Sie haben wohl recht damit, dass die GDCh nicht für alle unsere drängenden Probleme derzeit eine vollständige Lösung bieten kann. Tatsächlich wollen wir uns das auch nicht anmaßen. Unsere Expertise liegt in den chemischen Wissenschaften und mit dieser wollen wir dabei helfen, aktuelle Probleme anzugehen.
      Natürlich wachsen die meisten unserer Umweltprobleme, wenn die Weltbevölkerung – wie in vielen Szenarien angenommen – in diesem Umfang steigt. Auf diesem Faktor haben wir allerdings keinen Einfluss und so versuchen wir, Probleme dort anzugehen, wo wir etwas beitragen können. Denn auch wenn die Weltbevölkerung wächst und wie sie sagen “alle Umweltschutzmaßnahmen innerhalb kurzer Zeit wieder zunichte gemacht” werden, kann es ja nicht die Lösung sein, nicht trotzdem zu versuchen, die Umwelt dort zu schützen, wo es uns möglich ist.
      Und auch auf die Gesetzgebung haben wir leider keinen Einfluss. Was wir aber (unter anderem mit ChemFacts for Future) versuchen, ist, dass die Stimme der Wissenschaft gehört wird. Denn wenn das Interesse an Recycling, erneuerbaren Energiequellen und sauberen und dauerhaften Speichermöglichkeiten (nur als Beispiele) steigt, wachsen auch die Möglichkeiten für wissenschaftliche Forschung in genau diesen Gebieten.

  4. Die Stimme der Wissenschaft.
    Wann fordert die Wissenschaft ein Verbot für das Verbrennen von Erdöl? Gerade wird uns doch bewusst, wie vielfältig Kunststoffe verwendet werden können und dass die Kunststoffe billig sind.

    In 300 Jahren werden uns die kommenden Generationen für unsere Kurzsichtigkeit verfluchen, wenn wir die Erdölvorräte verbrannt haben werden.
    So wie der Mensch die Dronte ausgerottet hat, so wird er die Erdölvorräte verschwendet haben.
    Das gehört ins Gedächtnis der Menschheit gehämmert. Erdöl ist ein kostbarer Rohstoff, wenn es ihn nicht mehr gibt, dann stehen wir vor dem Nichts. Dann gibt es die Müllproblematik für Kunststoffe nicht mehr. Aber was dann kommt, das können wir uns noch gar nicht ausdenken. Wie verpacken wir unsere Waren ? Wie transportieren wir die Waren ? Womit isolieren wir die Drähte der Elektrogeräte ?
    Woraus stellen wir die Schläuchchen her, die bei Patienten benützt werden ?
    Wissenschaft, melde dich !

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