• Von Andreas Morlok
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Wissenschaftler auf der Flucht

Exo-Planetar

Aus aktuellem Anlass jetzt mal ein Beitrag, der sich nicht mit extraterrestrischen Angelegenheiten befasst, sondern ganz irdischen. Es sind ein paar Gedanken als Teil des Bloggewitter Flucht und Flüchtlinge.

 

Mein bescheidener Beitrag zu diesem Thema sind ein paar Worte über Leute aus der wissenschaftlichen Community, die aus ihren Ländern fliehen mussten. Das ist jetzt aber kein Versuch, die Flüchtlinge in Gruppen auseinander zu dividieren. Weil der Blog sich halt mit (natur)wissenschaftlichen Themen befasst, will ich halt diese Perspektive im Bloggewitter einbringen.

 

Und einige der wichtigsten und herausragenden Wissenschaftler gerade im letzten Jahrhundert waren irgendwann in ihrem Leben Flüchtlinge.

iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft
iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

 

Zum Beispiel Leó Szilárd. Der gebürtige Ungar forschte zuerst in der statistischen Thermodynamik, seine Habilitation im Jahre 1922 mit dem Thema Über die Entropieverminderung in einem thermodynamischen System bei Eingriffen intelligenter Wesen dürfte ihrer Zeit ziemlich voraus gewesen sein. Dann spielte er eine zentrale Rolle in der sich schnell entwickelnden Atomphysik, um sich dann der Molekularbiologie zuzuwenden.

Er floh zuerst 1920 vor dem autoritären Horthy-Regime aus seiner Heimat nach Berlin, wo er seine sehr ergiebige wissenschaftliche Laufbahn begann. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 floh er zum zweiten Male, erst nach Großbritannien, und dann in die USA.

Szilard spielte übrigens auch eine wichtige Rolle im Academic Assistance Council, das für die Unterstützung von geflohenen Wissenschaftlern gegründet wurde.

 

Ein weiteres Beispiel ist eine seiner akademischen Lehrerinnen, die gebürtige Wienerin Lise Meitner. Auch sie spielte ein zentrale Rolle in der Kernphysik, wie zum Beispiel mit der physikalischen Erklärung der Kernspaltung.

Meitner hielt noch bis 1938 in Berlin aus, und konnte dann wohl im letzten Moment in die Niederlande fliehen. Die Flucht (im Alter von 59 Jahren) führte sie dann nach Dänemark und schließlich Schweden

 

Auch mein eigenes Forschungsgebiet, und damit auch das zentrale Thema dieses Blogs, verdankt einem Flüchtling viel. Die analytische Planetologie oder Kosmochemie basiert auf der grundlegenden Arbeit von Victor Moriz Goldschmidt. Dieser erforschte als einer der ersten die Verteilung der Elemente in irdischem Gestein und in Meteoriten. Die Gesetzmäßigkeiten leitete aus der Abhängigkeit von der Kristallstruktur der Minerale her, eine sehr elegante Herangehensweise.

Goldschmidt floh 1935 aus Göttingen nach Norwegen, konnte aber nach der Besetzung des Landes 1940 nicht rechtzeitig fliehen. 1942 wurde in das KZ Berg eingewiesen, wurde dann kurz vor der Deportation nach Auschwitz vom norwegischen Widerstand nach Schweden geschmuggelt.

 

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele, stellvertretend für viele andere. Aber meiner Meinung nach sollte man sich immer vergegenwärtigen (gerade wenn die Stimmung wie jetzt am brodeln ist), das Flüchtlinge keine anonyme, graue Masse sind, sondern sich halt hinter jedem Fall ein individuelles Schicksal verbirgt, das jeden treffen kann.

 

 

 

 

Andreas Morlok

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.