Unser Mann in Houston (I) The Aufwärmening

Auch wenn ich mich momentan gefühlstechnisch noch irgendwo mitten über dem Atlantik aufhalte: ich bin schon Freitag (zusammen mit einer Kollegenschar) in Texas aufgeschlagen. Nach etwa 15 Stunden Reise ist man natürlich geplättet, plus Jetlag und so weiter. Der Trip war eigentlich ganz angenehm (und Flüge sind z.B. eigentlich die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich noch aktuelle Filme anschaue).

Am Wochenende vor der eigentlichen Tagung finden traditionell einige kleinere Treffen statt, da die ganzen Leute ja praktischerweise schon mal in der Gegend sind. Dazu gehört das Brown-Vernadsky Mikrosymposium, das in den 70ern zum Informationsaustausch zwischen Forschern aus den USA und der UdSSR ins Leben gerufen wurde, ganz im Geiste der Detente (Tauwetter im Kalten Krieg, die Älteren erinnern sich).

Inzwischen hat sich das Ganze zu einem hochklassigen kleinen, aber feinen Treffen entwickelt, wo an zwei Tagen der Fokus auf einem bestimmten Thema ist, und auf längere Diskussionen Wert gelegt wird. Thema dieses Mal: Sample Return und alles, was so dazugehört. Ich fand es teilweise diesmal etwas Oberflächlich, was aber wohl daran lag dass halt die meisten der Missionen entweder im Anflug sind (Hayabusa 2, OSIRIS-REx), oder halt noch in ferner Zukunft liegen. Da gibt es halt noch nicht so viel zu berichten. Hayabusa 2 verspricht spektakulär zu werden (Vortragender Seiji Sugita während einer Animation ekstatisch: This is crazy!!). Wenn alles so klappt wie geplant, aber JAXA wird das schon machen (siehe den Epos von Hayabusa). Allerdings ist der Ziel-Asteroid für meinen Geschmack etwas unscharf charakterisiert.

Interessant war ein sagenwirmal sehr optimistischer SpaceX-Beitrag samt Animation. Und dann halt die Fälle, wo die Tagespolitik unguten Einfluss auf ein Projekt genommen hat. So fiel auf, dass NASA und die japanische JAXA sehr eng an der Auswertung der Proben ihrer beiden Asteroidenmissionen arbeiten werden – bis hin zu parallel angelegten Labors. Wo aber bleibt aber die ESA in dem Ganzen ? Aussen vor, da die entsprechende ESA Mission, MarcoPolo-R nicht finanziert wurde. Sicher, auch europäische Wissenschaftler werden früher oder später Proben abbekommen, aber die erste Runde geht vor allem an Gruppen in den direkt beteiligten Ländern. Wenn man ganz vorne mitspielen will, muss auch selber was beitragen, führt kein Weg daran vorbei.

Wir bleiben in Europa, oder was davon übrig ist – eben für solche Sample-Return Missionen wurde geplant, eine spezielle Einrichtung in Europa zu errichten, in der solche empfindlichen Proben angemessen gelagert werden können. Dabei ist die Gefahr weniger, dass außerirdisches Getier in Marsproben uns den Garaus macht. Wenn im inneren Sonnensystem irgendwo noch fortpflanzungsfähiges Exozeug existiert, dann ist es seit Äonen in Form von Meteoriten ohnehin auf uns herab gerieselt. Die Gefahr geht in die andere Richtung, unser feuchter, oxidierender Planet voller Bioglibber wäre wohl eine Gefahr für die ohnehin kleinen Mengen an Proben, egal ob belebter Natur oder nicht. Wenn das Zeug unter immensem Aufwand hergeholt wurde, sollte es auch in möglichst ursprünglichem Zustand verbleiben.

Deshalb wurde das EURO-CARES Konsortium ins Leben gerufen, mit eben dem Ziel, eine konkurrenzfähige Einrichtung in Europa zu errichten (zusätzlich zu den existierenden in Houston und Tokio): Die European Sample Curation Facility (ESCF). Finanziert im Rahmen des EU Horizon 2020 Programms. Unter federführender britischer Beteiligung sollte die Einrichtung bei London gebaut werden. Dann kam Brexit, und man musste im Vortrag von Monica Grady zum Status der Angelegenheit nicht gerade zwischen den Zeilen lesen, um zu realisieren dass es, vorsichtig ausgedrückt, nicht ganz so steht gut um das Projekt.

Ähnlich erging es Paul Abell, dem Vertreter der NASA Asteroid Redirect Mission, einer bemannten Asteroidenmission in fortgeschrittenem Planungsstadium. Den da wurde das Geld letzte Woche wohl gekappt, und der arme Mann musste sich vorne hinstellen und in seinem Vortrag so tun, als ob alles in Butter wäre (in der Diskussion durfte er nicht mal was zu aktuellen Status sagen, wenn ich das richtig verstanden habe).

Die momentane politische Situation spielte möglicherweise auch eine Rolle beim geplanten Vortrag eines hochrangigen Vertreters des chinesischen Raumforschungsprogrammes, der kein Visa für seine Teilnahme bekommen hat. Stattdessen gab es ein leidenschaftliches Plädoyer für internationale Zusammenarbeit des Organisators des Microsymposiums, James Head III.

Soviel bisher, ab Morgen geht es mit der ‚richtigen‘ Tagung los.

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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