Alle Jahre wieder, Teil II: Return of the Lunar and Planetary Science Conference

Im März eines jeden Jahres verschwinden Kollegen in Instituten für Planetologie, Planetary Science (oder unter welchem Deckmantel sie sonst tätig sind) weltweit für knapp eine Woche spurlos. Wohin? Ins ferne Houston im Staate Texas, um sich zu Gleich und Gleich zu gesellen. Meinereiner weilt jetzt auch schon zum 14ten Male dort (Ich fühle mich plötzlich sehr, sehr alt). Einst war die LPSC eine mittelgroße Tagung in einer Turnhalle auf dem Gelände des Johnson Space Center (das waren noch Zeiten), heute ist sie schon deutlich größer. Die Zahlen: LPSC Nummer 48 bietet 568 Vortragende, 1327 Poster, und 1792 zahlende Teilnehmer (davon 1/3 Doktoranden und Studenten.) So werden sich also Teilnehmer aus 33 Ländern im Tagungshotel in den Woodlands nördlich von Houston die Schultern aneinander reiben. Eine schöne Einführung für Erstlinge gibt es auch, gibt einen guten Eindruck was die Leute so erwartet. Die Abstrakte sind wieder online, prima Gelegenheit sich den Stand der Dinge in den planetaren Wissenschaften anzutun.

Die Tagung ist eine der besten Möglichkeiten, sich den Status diverser Raummissionen reinzuziehen.  Die zu Ende gegangene Cassini-Mission hat eine eigene Session (CELEBRATING CASSINI! I+II). Auch wenn ich mit Saturn jetzt nicht so viel am Hut habe, die Bilder sollten wohl toll sein. Dawn@Ceres wird auch noch ordentlich nachbereitet (CERES: SERIOUSLY A NEW DAWN). Laufende und bevorstehende Mars-Missionen haben auch ihre Sessions: MSL, Mars 2020 und die Rover. Mars 2020 hat sogar ein Mikrofon dabei: Naomi Murdoch (Toulouse) et al. haben es getestet: Mars Microphone testing and LIBS acoustic characterisation for the Mars 2020 rover. Auch aus dem Datensatz von New Horizons wird nach wie vor ordentlich was herausgeholt, in PLEASANT PLUTO I & II. Inzwischen gibt es Studien über Erdrutsche (bzw. Eisrutsche) auf Charon, der noch vor ein paar Jahren bestenfalls ein paar Pixel in Beobachtungen ausmachte. Auch Genesis wirft nach wie vor neue Daten über die Zusammensetzung der Sonne ab, auch ohne Peter Gabriel.

Und mögliche zukünftige Missionen werfen ihren Schatten voraus, die Finalisten für New Frontiers Missionen haben auch ihre Zeit im Scheinwerferlicht der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, Dragonfly (Titan) und CAESAR (Sample Return von 67P/Churyumov-Gerasimenko, der auch seine Nische auf der LPSC hat.) Und dann noch gefühlte Gazillionen Studien für Sonden und Instrumente, von denen manche gar in ferner Zukunft verwirklicht werden. Die kleinen Missionen (CubeSats) erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, und auch über Venus-Missionen wird mal wieder nachgedacht, unter anderem von der ESA (EnVision) und Roscosmos (Venera-D).

Und auch die gute, alte Apollo-Ära ist unvergessen (die Tagung geht auf diese Zeit zurück), mit dem 45ten Jahrestag von Apollo 17 (TAURUS-LITTROW VALLEY I: 45 YEARS AFTER APOLLO 17 I+II). Einer der Vortragenden ist Harrison Schmitt, letzter Mensch auf dem Mond und noch als Wissenschaftler aktiv (APOLLO 17 EXPLORATION OF TAURUS – LITTROW: SUMMARY OF MAJOR FINDINGS.) Auch der damalige Flight Director wird anwesend sein. Und was den Mond betrifft, da wird wohl in Zukunft einiges gehen, eine ganze Session beschäftigt sich gar mit der Suche nach Landeplätzen (LUNAR LANDING SITE CHARACTERIZATION). Um lunare Missionen in verschiedene Stadien der Planung oder gar Durchführung geht es dann in PLANETARY MISSION CONCEPTS II: MOON. Und das alles ist nur ein Teil der angedachten, geplanten, oder gar ernsthaft in Angriff genommenen Missionen und Instrumente.

Was sonst noch auffällt: Astrobiologie zuckt noch, nach einem relativen Durchhänger letztes Jahr, 6 Postersessions und zwei längere Vortragsessions. Und da ist durchaus, bei allen meinen Vorurteilen, interessantes dabei. Zum Beispiel Johnson et al. mit AGNOSTIC APPROACHES TO LIFE DETECTION, und Bell et al. mit IMPLICATIONS OF HADEAN MINERALOGICAL DIVERSITY FOR ORIGIN OF LIFE STUDIES.

Die planetaren Wissenschaften produzieren in der Regel gewaltige Datenmengen, sowohl im Labor, aber vor allem in den Raummissionen. Und aus diesen Datensätzen lässt sich auch viele Jahre später noch einiges herausholen – darum geht es in IMPROVED SCIENCE THROUGH THE IMPLEMENTATION OF A PLANETARY SPATIAL DATA INFRASTRUCTURE I, II & III.

Und natürlich die immer und allzeit beliebten großen Kollisionen und Impakte. Abramov & Mojzsis liefern, wie üblich, prima Sachen ab, hier eine Modellierung über die Auswirkungen der schweren Impakte auf der ganz, ganz jungen Erde auf die Bewohnbarkeit der selbigen (sowie des Mars): Impact Bombardment on Terrestrial Planets During Late Accretion. Oder Laborexperimente, bei denen Gesteine mit Lasern beschossen, geschmolzen und gar verdampft werden, um hochenergetische Impakte zu simulieren, Hamann et al. mit IMPACT VAPORIZATION AND CONDENSATION: LASER IRRADIATION EXPERIMENTS WITH NATURAL PLANETARY MATERIALS. Auch interessant wie so oft Bill Bottke et al. mit WHAT REALLY HAPPENED TO EARTH’S OLDER CRATERS? Tja, was wohl.

Was auch noch wichtig ist: Wenn erst Proben von diversen Körpern zurückgebracht werden, wie lagert man die, ohne dass (a) schröckliche Marsbazillen uns den Garaus machen (unwahrscheinlich) oder (b) unsere feuchte, oxidierende Atmosphäre die Proben komplett versaut (sehr reelle Gefahr) ? Da ist die Tagung ideal geeignet, da eben die Zielgruppen – Laborforscher und Raumfahrtechniker anwesend sind: TOPICS IN ADVANCED CURATION. Was europäische Versuche auf dem Gebiet angeht: EURO-CARES – HOW TO ADVANCE EUROPEAN EFFORTS TO HAVE A CURATION FACILITY FOR UNRESTRICTED AND/OR RESTRICTED SAMPLES FROM SAMPLE RETURN MISSIONS.

Ein verwandtes Thema, das auch angesprochen wird: Der Einfluß von den Astronauten auf auf Proben  (oder gar den ganzen Mars…): HUMAN FORWARD CONTAMINATION ASSESSMENT: JUST HOW LEAKY ARE SPACE SUITS AND WHAT DO THEY LEAK? sowie was die Proben mit den Astronauten anstellen können: THE NEED FOR MEDICAL GEOLOGY IN SPACE EXPLORATION – IMPLICATIONS FOR THE JOURNEY TO MARS AND BEYOND.

Was sonst noch so auffiel beim ersten Überfliegen des Programms: Eine neue geologische Karte für Europa, neues zum Inneren des Merkur, und auch was über das mysteriöse interstellare Objekt 1I/2017 U1 (“Oumuamua”). Das mal als erste Übersicht, natürlich gibt es noch viel mehr interessante Präsentationen. Mehr dann während/nach der Tagung.

Nicht zu vergessen die kleineren Treffen im Orbit der großen LPSC. So findet traditionell am Wochenenden vor der Tagung das Brown-Vernadsky Mikrosymposium statt, eine aus Zeiten der Détente zwischen den Supermächten im kalten Krieg stammende Tradition. Microsymposium 59 beschäftigt sich voll und ganz mit der chinesischen Weltraumforschung. Ein Grund hierfür könnte (unter anderem) Wiedergutmachung für den letztjährigen Vorfall sein, als ein hochrangiger chinesischer Vertreter kein Visa für die Tagung erhielt. Und die Weltraumforschung in China läuft auf vollsten Touren, was sich neben laufenden und geplanten Missionen, modern ausgestatteten Instituten nicht zuletzt auch bei den wissenschaftlichen Publikationen zeigt.
Sonst noch was? Ach ja, ich selber bin natürlich auch nicht zum Spaß da. Zwei Poster, und insgesamt auf 9 Präsentationen auf der Autorenliste (Rekord! Hurra!) Bei einer Postersession 6 Poster von mir oder mit mir als Mitautor in einer Reihe. Auch nicht schlecht. Eins davon ist übrigens eine schöne Übersicht über das Projekt, an dem ich beteiligt bin (mehr darüber bald in einem eigenen Beitrag).
Einen Hashtag gibt es natürlich auch: #LPSC2018

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde.Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster.Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird.Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden.Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat: LPSC [Lunar and Planetary Science Conference] Nummer 48 bietet 568 Vortragende, 1327 Poster, und 1792 zahlende Teilnehmer (davon 1/3 Doktoranden und Studenten.). Das deutet darauf hin, dass es heute mehrere tausend Wissenschaftler gibt, die sich mit der Chemie, Physik, Geologie und Biologie (?) von Körpern (massiv und flüssig, klein wie Staub und gross wie der Jupiter) in unserem Sonnensystem beschäftigen und wenn man hier liest, was sich über die vergangenen Jahzehnte so alles angehäuft hat an Materialien und Daten von vergangenen Missionen und wenn man weiss, was in naher Zukunft noch alles für Missionen bevorstehen, so haben diese Leute wahrlich genug zu tun. Und dennoch könnte man sich eine noch viel geschäftigere Zukunft mit noch viel mehr Missionen und Daten vorstellen – dann nämlich, wenn
    1) Länder wie China, Indien und zunehmend auch Entwicklungsländer wissenschaftliche Missionen zu Mond, Mars und den Asteroiden starten
    2) Weltraumbasierte Teleskoe wie das James Webb den Mars beobachten
    3) einzelne Universitäten ihre eigenen Forschungsmissionen starten
    4) neue billige Grossraketen wie die Falcon Heavy und die Big Falcon Rocket (BFR) neue, schneller aufeinanderfolgende Missionen ermöglichen

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +