Naturwissenschaft als Bewusstseinserweiterung

BLOG: Enkapsis

Zwischen Molekularbiologie und Medizin
Enkapsis
Wir Menschen leben in einer Welt in der wir die Sachen danach beurteilen, was sie darstellen. Ich sehe etwa ein rotes Auto und denke mir "ah ja, ein rotes Auto…müsste mal wieder gewaschen werden" oder etwa ein Flugzeug fliegt über mir hinweg und ich registriere "oha, da ist wieder so einer dieser Jumbos unterwegs, die so viel Lärm machen". Wir sehen etwas und nehmen es so hin, weil es so für uns normal ist. So machen es viele Menschen, aber durchaus nicht alle: Sieht z.B. ein Physiker das selbe rote Auto, so denkt er sich vielleicht "da, wieder so ein scheusslich dreckiger Ferrari, dessen Farbe ich mit der Wellenlänge von 620 nm gerade wahrnehmen muss". Anders ausgedrückt, auch er sieht rot! Ein Ingenieur beispielsweise sieht den gleichen Jumbo-Jet vorrüberfliegen, denkt sich dabei aber "einfach erstaunlich, wie so ein schweres Ding durch den Bernoulli-Effekt einen Auftrieb erzeugen und fliegen kann, wenn mein Opa das noch sehen könnte…". Je nachdem, zu welchem Schlag von Person man gehört, denkt man anders über verschiedenste Sachen.
Worauf ich hinaus möchte, ist, dass solche Sachen das Bewusstsein erweitern können. Wenn dieses Wort – Bewusstseinserweiterung – fällt, denken viele Leute direkt an Drogen. Ja richtig, Drogen können auch das Bewusstsein erweitern, aber eben auch gesündere und sinnvollere Sachen, wie etwa das Lesen eines Buches. Dieses Buch kann dann von vielem handeln: wie etwa Gene den Körper beeinflussen; sich Moleküle zusammensetzen und eine Verbindung ergeben; der Stickstoffkreislauf die Erde beeinflusst oder wie vor Hunderttausend Jahren tief im Universum ein Stern explodierte und uns sein Licht erst heute erreicht. Ich könnte diese Auflistung endlos weiterführen, denn es gibt so viel Erstaunliches auf dieser Welt, was vielen Menschen nicht bewusst ist, aber wir haben doch keine Zeit! Vielleicht liegt es daran, das ich mich damals entschieden habe, Biologie zu studieren. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mir dieses Fach in der Schule nicht allzu große Probleme bereitete und ich damit dachte "na dann studierst du das eben". Egal welcher der beiden Punkte zutrifft, ich bereue es nicht, denn das Studium hat mein Bewusstsein erweitert!

Es müsste jedem Naturwissenschaftler ähnlich gehen, wenn er im Laufe seines Studium mit immer mehr Literatur, Vorlesungen und Experimenten konfrontiert wird und sich sein Wissen allmählich steigert, dass er dann an einen Punkt kommt, wo er innehält und sich einfach nur noch denkt "unglaublich!". Für viele Naturwissenschaftler ist dies ein Prozess, der sich von Semester zu Semester aufbaut und schliesslich darin mündet, das allerkleinste Detail verstehen zu wollen, dass hinter einer Sache steckt. Dieses Wow-Gefühl ist also ein stetig voranschreitender Prozess an den man sich als Naturwissenschaftler gewöhnt und den man nach jahrelanger Arbeit im Labor sicher nicht mehr so wahrnimmt, als wenn man noch Student wäre. Man geht schliesslich so durch die Welt, da man vieles schon gesehen, gelernt und erlebt hat. Stellt man aber im Labor fest, dass man gerade eine bahnbrechende Entdeckung gemacht hat, so blüht dieses Wow-Gefühl wieder auf.  Ob dieses Gefühl wieder abklingt oder nicht, man lebt trotzdem in einem Stadium des erweiterten Bewusstseins.

Man könnte dieses Phänomen jetzt einfach als unbedeutend abstempeln und sagen "jeder der irgendetwas neues lernt, erweitert sein Bewusstsein". Dies mag ja stimmen, aber es gibt einen Haufen voller Dinge, die so überwältigend sind, dass man die Welt ab dann mit anderen Augen sieht. Man lernt etwas neues und sieht danach die Welt aus einer anderen Perspektive. Dies ist ein großer Unterscheid! Ein Beispiel: Alex liest ein Buch über den 1. FC Köln und welche Spieler dieses Vereins die erfolgreichsten in der Fussball-Geschichte sind und waren. So weit so gut. Alex hat jetzt vielleicht dazugelernt, dass Bernd Schuster einmal bei Köln gespielt und den Verein auch trainiert hat, doch er wird kaum zu seinem Vater rennen und völlig aufgedreht vortragen "oh man, wusstest du das Bernd Schuster bei Köln gespielt hat, kaum zu glauben was!?". Sicher gibt es einige Menschen, die vielleicht so handeln würden, aber ich gehe stark davon aus, dass dies eher nicht der Fall ist. Liest Alex jetzt aber z.B. ein Buch über die Sinneswahrnehmung des Hörens und stößt irgendwann auf die Erklärung, wie die akustische Wahrnehmung vonstatten geht, dann könnte sich dies so lesen: Das Sprechen eines Menschen erzeugt Schallwellen die Lufteilchen in Schwingung versetzen. Diese Schwingung breitet sich durch die Luft als Druckwelle aus, durchdringt den Gehörgang und das Trommelfell und trifft schliesslich auf die Cochlea im Innenohr des Menschen. Dort werden Membranen gegeneinander verschoben und somit Sinneshärchen bewegt, wodurch ein Reiz ausgelöst wird, der dazu führt, dass Calcium-Ionen freigesetzt werden. Dieses Signal wird über Hörnervenfasern an unser Gehirn weitergeleitet was uns dann sagt, wir hören etwas.

Ich glaube, nachdem Alex sich dies durchgelesen hat, denkt er erst einmal "man man man du, hätte ich nicht gedacht". Wenn er damit beim Abendessen mit der Familie nicht klugscheisst, dann weiß ich auch nicht!

Jedes mal, wenn Alex jetzt irgendwelche Geräusche hört oder mit jemandem spricht, hat er sicher ab und zu im Hinterkopf, was für ein aufwendiger Prozess dieses "einfache" Hören ist. Vorher hat er lediglich im Fussballstadion nur rumgeschrien und jetzt macht er sich Gedanken dabei, was passieren muss, damit ein Geräusch überhaupt laut sein kann. Ganz einfach: Die Amplitude des Schalls muss einfach größer sein!

Was, wenn ich Alex erkläre, dass die Augenfarbe seiner Freundin die Konsequenz mehrerer Gene ist, durch die auf verschiedene Weise Eumelanin in der Iris eingelagert wird? Er würde sie vielleicht ein bischen mehr lieben und ihr das nächste mal sagen: "Baby, das Zusammenspiel deiner Gene machen deine Augen so tiefblau, es ist mega sexy! Oder Alex geht auf eine Weltreise und stellt fest, dass in Lateinamerika häufiger Menschen mit dunklen Augenfarben vorkommen, in Skandinavien hingegen viele Menschen blaue Augen haben. Er würde sich doch sicherlich fragen, wie dies zustande kommt. Er würde sich auch fragen, wie die Gene dorthin gekommen sind und wie dieses Phänomen genau entsteht. Auf seiner Weltreise würde er vielleicht auch in Afrika auf ein riesen großes Ameisennest treffen, der Naturführer würde ihm dann eventuell erzählen, dass viele Weibchen dieser staatenbildenden Insekten auf Fortpflanzung verzichten, da sie durch Haplodiploidie mit ihren Schwestern näher verwandt sind als mit möglichen eigenen Nachkommen. Was steckt dahinter, könnte sich Alex fragen. Wieso kümmern sich Ameisen-Weibchen mehr um ihre Schwestern, nur weil diese mehr Gene gemeinsam haben? Alex würde sich ab jetzt immer fragen, wieso dies beim Menschen nicht so ist und mit wem er welche Gene gemeinsam hat.

So etwas meine ich mit Bewusstseinserweiterung! Wenn sich jeder von uns ein paar mehr Gedanken über Sachen macht, die wir Tag ein Tag aus einfach so hinnehmen, dann steht uns eine unglaublich spannende Welt offen und wir nehmen Dinge wahr, die wir sonst niemals so wahrgenommen hätten!

Diese Welt ist eine unglaublich spannende und interessante Welt, in der sich so viel abspielt, das wir noch garnicht alles verstehen können. Das gibt uns aber keinen Grund, nicht hineinzutauchen und auf Entdeckungseise zu gehen. Wir wären sonst nicht auf dem Mond gelandet, wüssten nicht, wie Merkmale von Generation zu Generation weiter vererbt werden oder was Atome sind.

Das ist die Welt der Naturwissenschaften, die jedem offen steht und die mehr beantworten kann als manch einer eigentlich meinen kann!

 
 

Sebastian Reusch

Veröffentlicht von

Sebastian Reusch ist Naturwissenschaftler und studierte Biologie mit den Schwerpunkten Zell- und Entwicklungsbiologie, Genetik und Biotechnologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Danach arbeitete er am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin an molekularbiologischen Prozessen des Immunsystems. Derzeit promoviert er am IRI Life Sciences der Humboldt-Universität zu Berlin an grundlegenden Fragen der Zellbiologie und Biochemie des Tubulin-Zytoskeletts in Stammzellen. Seine Schwerpunktthemen hier im Blog sind Molekularbiologie und Biomedizin. Twitter: @MrEnkapsis

17 Kommentare

  1. Bewusstseinserweiterung

    Ich denke mal, das “Phänomen” der Bewusstseinserweiterung liegt weniger an verschiedenen strukturellen Denkweisen als vielmehr an Erfahrungen, die man gemacht hat. Diese können z . B. beruflich sein (wie Herr Reusch es beispielhaft anführt) aber auch durch positive oder negative Einzelerfahrungen bzw. Einzelerlebnisse. Im übrigen: Interessanter Beitrag !!!

  2. @Sebastian: wegen den Frauen an die Uni

    “Das gibt uns aber keinen Grund, nicht hineinzutauchen und auf Entdeckungseise zu gehen.”

    Doch, den gibt es: Wenn ich ein Edelmetall sehe, dann denke ich an ein rotierendes System aus zwei Sternen – ich glaube, es sind meistens Neutronensterne – die voneinander Materie absaugen, so daß sie von Gasen umgeben sind. Die Reibung der Gaswolken, die bei der Rotation entsteht, sorgt für eine Fusionstemperatur jenseits von 5*10 hoch 9K, was die Entstehung von Edelmetallen erlaubt. (so ungefähr, glaube ich)

    Aber erzähl das mal deiner Freundin, die dir begeistert ihre neue Kette zeigt. 😉

    Es sind eben doch die Frauen, die uns zum Lügen bringen. 😀

  3. @leork: Erfahrungen spielen auch eine große Rolle bei diesem Thema, klar. Die niederschmetternsten Erfahrungen oder auch die schönsten, kann man z.B. mit der Liebe machen. Diese können dann wiederum das Bewusstsein erweitern, wie etwa, wenn man sich einer Person vollkommen hingibt, man aber verletzt wird. Das nächste mal ist man dann wohl vorsichtiger und denkt etwas genauer darüber nach. Veilleicht kommt dann aber auch die Frage auf, wieso ein Mensch dem man alles gegeben hat, verletzt hat, wie etwa durch Fremdgehen. Die Gene, die möglichst auf vielen Wegen weitergegeben werden wollen, erklären dies.

    Stimmt schon, dass ich in meinem Fall eher das Berufliche anspiele, aber man muss nicht unbedingt Naturwissenschaftler sein, um spannende Fragen zu stellen. Dies wollte ich klar machen! Es soll den Weg zu den Naturwissenschaften hin ebnen, indem man über Sachen nachdenkt.

    @Elmar: Der war gut! Den muss ich mir merken! Ich glaube aber auch, dass es schone einen gewissen Schlag von Frauen gibt, die so eine Aussage sexy finden würden. Der Großteil würde sich natürlich denken “wat will der denn?”, aber so extrem mit den Neutronensternen muss es ja auch nicht immer sein 😉

  4. @Sebastion: Hoffnung noch am Grabe

    “Ich glaube aber auch, dass es schone einen gewissen Schlag von Frauen gibt, die so eine Aussage sexy finden würden.”

    Ja, die gibt es: Sind zwischen 30 und 35 und suchen einen zuverlässigen Versorger und Lieferanten von exquisitem Genmatrial für ihre Kinder.

    Der Rest findet wie sonst auch “Le Petite Prince”, dreadlocks und Lederjacken cool – nur gibt es eine Zeit, wo sie uns das verschweigen. 😉

    Meine Mitphysiker sind mit nur einer Ausnahme auf diese Weise alle unter die Haube gekommen. Und die ganz frühen haben auch schon ihre ersten Wochen auf der Bürocouch absolviert – die Kinder werden halt langsamer größer, als die Frau das damals geplant hat.

    ….. ganz bittere Sache – aber off topics. 😉

  5. Bewußtseinserweiterung?

    Ehrlich gesagt, das Wort hat mir schon im Zusammenhang mit Drogen nicht recht gefallen, und hier gefällt es mir auch nicht wirklich. Ich würde das neutralere ‘Bewußtseinsveränderung’ vorziehen.

    Naturwissenschaftliche Bildung schafft nicht nur neue Bewußtseinsinhalte sondern eliminiert auch alte. Vorstellungen magischer Natur, wo Erscheinungen psychischen statt naturwissenschaftlichen Regeln gehorchen, das Unwetter oder die Krankheit Ergebnis sündigen Verhaltens ist, außersinnliche Wahrnehmungen existieren, Homöopathie wirkt usw. Mir scheint sogar, daß bei diesem Vorgang des Ersetzens unwissenschaftlicher durch wissenschaftliche Bewußtseinsinhalte die Elimination der ersteren die anspruchsvollere und heiklere Herausforderung ist.

    Die Qualität naturwissenschaftlicher Bildung hängt vielleicht weniger vom Umfang korrekter Kenntnisse und mehr vom Löschen oder zumindest außer Kraft Setzen vorwissenschaftlichen Aberglaubens ab.

  6. @Jürgen Bolt: Erweiterung oder Veränderung, wo liegt der Unterscheid? Ich sehe zumindest keinen, schliesslich bedeutet eine Erweiterung auch Veränderung und umgekehrt! Dem Argument mit dem Ersetzen von unwissenschaftlichen durch wissenschaftlichen Wissen widerspreche ich, denn wie soll etwas ersetzt werden, das vorher garnicht vorhanden war?

  7. Die Idee, den Esoterikern den Begriff der „Bewusstseinserweiterung“ wegzunehmen und ihn neu zu belegen, gefällt mir. Allerdings bin ich etwas skeptisch, was dabei die herausgehobene Rolle der Naturwissenschaft betrifft. Es ist doch eher das Lernen an sich, das zu einer Bewusstseinserweiterung in diesem Sinne führt (natürlich nur, wenn das neu erlernte Wissen mit dem vorhandenen verknüpft werden kann). Ob es sich dabei um Wissen über die Geschichte des Fußballs oder des Universums handelt, ist dann eher ein gradueller Unterschied — das Bewusstsein wird durch beides erweitert.

    Ich stimme auch Jürgen Bolt zu, dass das Ablegen von Aberglaube — und von falschen, verkürzten, verwirrten Denkweisen überhaupt — ein wichtiger Aspekt dieser Art von Bewusstseinserweiterung ist (und wundere mich wieder einmal, wie er die kognitive Dissonanz zwischen seinen klarsichtigen Argumenten und seiner Tätigkeit aushält). Hier kann die Naturwissenschaft tatsächlich eine wichtige Rolle spielen, da sich allgemeine wissenschaftliche Denkprozesse dort besonders klar demonstrieren und damit besonders gut erlernen lassen — leider kommt das in der populärwissenschaftlichen Literatur oft zu kurz, weil man sich auf das Darstellen stark vereinfachter Fakten und Zusammenhänge konzentriert.

    Wenig bewusstseinserweitert kommt mir allerdings das Abgleiten in Geschlechterstereotype hier in den Kommentaren vor (Männer voller Ehrfurcht vor der Großartigkeit des Universums und Frauen, die nur an Schmuck interessiert sind).

    Trotzdem, ein sehr interessanter Beitrag, vielleicht geeignet als Inspiration für ein Bloggewitter „Wissen als Bewusstseinserweiterung“?

  8. @A.S.: kognitive Dissonanz (ot)

    Ein interessanter Gedanke, im Internet für den naturwissenschaftlichen Ansatz zu argumentieren und dann in der Praxis, nach der Art neoliberaler Banker, sozusagen toxische Therapien zu verkaufen. Da überschätzen Sie mein Talent zur Reduktion kognitiver Resonanzen bei weitem.

    Nein, ich genieße als Heilpraktiker die Freiheit, ausschließlich evidenzbasierte manuelle Therapieverfahren anwenden zu können. Das führt dann allenfalls zu kollegialen Dissonanzen.

    Ein Bloggewitter “Lernen (und Verlernen) als Bewußtseinserweiterung” fände ich übrigens auch spannend.

  9. @A.S.: Den graduellen Unterschied den du ansprichst, sehe ich anders. Das Bewusstsein wird sicher durch beides erweitert, aber für mich ist die Bewusstseinserweiterung durch Themen aus der Naturwissenschaft viel größer, da sie eben manche Dinge in ihre Einzelteile runterbricht und genau erklären kann. Die Erkentniss die dahinter steckt, ist da wesentlich größer, als wenn ich lese, dass z.B. Giovanne Elber als Ausländer die zweitmeisten Tore in der Bundesliga geschossen hat.

    Du bist ja Sprachwissenschaftler, also nehmen wir uns dementsprechend auch ein passendes ein Beispiel heraus: Sprechen kommt erst dadurch zustande, dass wir unseren Sprechapparat benutzen. Dabei finden Muskelkontraktionen statt, die durch Verkürzung der Sarkomere ausgelöst werden, indem sich Myosin- und Aktinfilamente gegeneinander verschieben. Dabei werden Querbrückenbindungen vom Myosin zum Aktin ausgebildet und wieder gelöst. Natürlich könnte ich weiter ins Detail gehen und die Bewusstseinserweiterung vergrößern, aber das würde viele Leute auch abschrecken 😉

    Ich glaube solche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse können einen viel mehr bewegen als andere, schliesslich ist die Natur überall um uns herum.

    Ich habe mir noch einmal Gedanken über das Ablegen von Abergauben Gedanken gemacht, und muss Jürgen Bolt und dir doch zustimmen! Es ist durchaus ein wichtiger Aspekt! Und, nun ja, populärwissenschaftliche Literatur besitzt den Zweck, Menschen Dinge nahe zu bringen, mit denen sie sich noch nicht so wirklich beschäftigt hat. Da muss man die Fakten dann schon etwas vereinfacht darstellen. Ich glaube allerdings auch, man dürfte den Leser nicht als “dumm” abstempeln, sondern man sollte ihm schon mehr zutrauen. Verlage haben dann aber oft Angst, die Verkaufszahlen könnten zurückgehen. Wie damals schon Stephen Hawking gewarnt wurde “je mehr Formeln du in deinem Buch verwendest, desto mehr potentielle Käufer gehen verloren”. Populärwissenschaftliche Literatur bricht ja auch vieles auf Einzelteile hinunter (wie die Naturwissenschaft selbst), aber durchaus auf einem anderen Niveau.

    Über ein Bloggewitter wäre ich durchaus erfreut und empfinde es auch als sehr interessant!

  10. Ja richtig, Drogen können auch das Bewusstsein erweitern

    Ist das so? Ich denke, Drogen schränken das Bewußtsein ein, bis hin zur Betäubung. Und das ist wohl auch ein Grund für Drogen, der Realität zu entfliehen.

    Ja, das Beispiel mit dem Ingenieur. Ich bin ja selbst einer. Und wenn ich im Flugzeug sitze, auf die Flügel schaue, dann geht mir das in der Tat durch den Kopf. Die unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten an den Tragflächen, dadurch der höhere dynamische Druck oberhal und somit der niedrigere statische Druck, der für den Auftrieb verantwortlich ist. Und wenn wir keinen Atmosphärendruck hätten, blieben uns nur noch Raketen zum Fliegen übrig. Schön! Allerdings, was hat das mit Bewußtsein oder Bewußtseinserweiterung zu tun? Was Du beschreibst würde ich unter Aufmerksamkeit und Wissen verbuchen. Aber Bewußtsein? Bewußtsein ist für mich Empfinden. Ich bin kein toter Stein, ich kann empfinden. Und Dein Beispiel mit dem Hören, am interessantesten Punkt brichst Du ab.

    Dieses Signal wird über Hörnervenfasern an unser Gehirn weitergeleitet was uns dann sagt, wir hören etwas.

    Signale zu übertragen ist nicht so sonderlich schwer, ob elektrochemisch in unserem Körper oder anderswie. Aber wie wird aus dem Signal meine Empfindung? Der Schmerz wird mir bewußt, mir wird bewußt, daß mein Gegenüber mich gerade mit Worten beleidigt hat. Das ist Bewußtheit und die, denke ich, läßt sich durch Wissen nicht erweitern.

    Wenn ich fliege und beim Start kribbelts im Bauch durch die hohe Beschleunigung oder wenn ich im Flug auf die Erde hinabblicke und mir die Welt plötzlich so idyllisch und friedlich vorkommt, dieses Empfinden habe ich auch ohne fundiertes Wissen über Strömungsmechanik.

  11. @ A.S.

    Trotzdem, ein sehr interessanter Beitrag, vielleicht geeignet als Inspiration für ein Bloggewitter „Wissen als Bewusstseinserweiterung“?

    Unbedingt in Deidesheim vorschlagen oder als E-mail an Lars.

  12. @Martin Huhn

    Ich meine mich aus meiner Schulzeit erinnern zu können (als wir über Drogen aufgeklärt wurden), dass öfter die Rede von Bewusstseinerweiterung war. Ein schneller Blick auf Wikipedia bestätigt das. Gilt natürlich nicht für alle Drogen, aber ich möchte hier um Gottes Willen auch niemanden zum Drogenkonsum anstiften!

    Schön! Allerdings, was hat das mit Bewußtsein oder Bewußtseinserweiterung zu tun? Was Du beschreibst würde ich unter Aufmerksamkeit und Wissen verbuchen. Aber Bewußtsein? Bewußtsein ist für mich Empfinden. Ich bin kein toter Stein, ich kann empfinden.

    Bewusstsein ist sicherlich für viele Menschen eine Definitionssache. Ich setze es in meinem Artikel mit einem Wissen gleich, dass jemand erlangt und damit anschließend eine andere Sichtweise der Dinge hat. Ich mache den bewussten Unterschied zwischen einfachem Wissen, das wir so hinnehmen und dem Wissen, das uns in unserem Denken beeinflusst. Für mich besteht da ein großer Unterscheid.

    Und Dein Beispiel mit dem Hören, am interessantesten Punkt brichst Du ab.

    Ich habe da bewusst abgebrochen, da ich mich mit Signalweiterleitung und der Umsetzung dieses Signals in eine Empfindung nicht wirklich auskenne. Vielleicht war dies ungeschickt.

    Der Schmerz wird mir bewußt, mir wird bewußt, daß mein Gegenüber mich gerade mit Worten beleidigt hat. Das ist Bewußtheit und die, denke ich, läßt sich durch Wissen nicht erweitern.

    Es kommt ganz auf die Situation drauf an und um den Gegenstand, um den es sich handelt. Wenn man jemandem erklärt, dass Fremdgehen in der Natur des Menschen liegt, weil wir im Endeffekt Tiere sind, die ihre Gene weitergeben wollen, dann denkt man vielleicht darüber nach, dass Monogamie nur ein erstrebenswerter Zustand der Gesellschaft ist. Das bringt einen doch zum Grübeln, dass dieser Trieb tief in uns verwurzelt ist und besonders wieso. So etwas kann einen meiner Meinung nach mehr bewegen als wenn mir bewusst wird, dass der Schmerz in mir durch die Beleidigung des Gegenübers ausgelöst wurde. Es handelt sich dabei auch nur um eine Folge von einer Aktion, aber ich mache einen Unterscheid, dass diese Folgen um Größenordnungen variieren können

    Wenn ich fliege und beim Start kribbelts im Bauch durch die hohe Beschleunigung oder wenn ich im Flug auf die Erde hinabblicke und mir die Welt plötzlich so idyllisch und friedlich vorkommt, dieses Empfinden habe ich auch ohne fundiertes Wissen über Strömungsmechanik.

    Das stimmt! Aber wie gesagt, Empfindungen, Denkensweisen und Bewusstseinserweiterungen können variieren. Das ist im Grunde genommen die einfache Aussage, die ich verfolge.

  13. @ Enkapsis

    Ich meine mich aus meiner Schulzeit erinnern zu können (als wir über Drogen aufgeklärt wurden), dass öfter die Rede von Bewusstseinerweiterung war.

    Ich denke, es handelt sich da um eine Fokussierung, die ein Ausblenden anderer Bewußtseinsinhalte zur Folge hat. Ich bleibe bei der Einschränkung.

    Bewusstsein ist sicherlich für viele Menschen eine Definitionssache.

    Meines Erachtens muß es so sein. Das merke ich an unserer Diskussion hier. Wir benutzen beide das gleiche Wort, aber meinen etwas ganz unterschiedliches. Die Folge ist, daß wir aneinander vorbeireden.

    Ich habe da bewusst abgebrochen, da ich mich mit Signalweiterleitung und der Umsetzung dieses Signals in eine Empfindung nicht wirklich auskenne.

    Naja, eigentlich ist da auch nicht viel mit auskennen. 🙂 Wir wissen es nämlich nicht. Das ist ein großes Rätsel. Wie kommt der Geist in die Materie.

    Wenn man jemandem erklärt, dass Fremdgehen in der Natur des Menschen liegt, weil wir im Endeffekt Tiere sind, die ihre Gene weitergeben wollen, dann denkt man vielleicht darüber nach, dass Monogamie nur ein erstrebenswerter Zustand der Gesellschaft ist. Das bringt einen doch zum Grübeln, dass dieser Trieb tief in uns verwurzelt ist und besonders wieso.

    Es gibt ja immer wieder Trends in der Wissenschaft, wonach ein Großteil des Denkens ausgerichtet wird. Man verwechselt wohl die wissenschaftliche Erkenntnis mit der Wahrheit und versucht der Erkenntnis eine Allgemeingültigkeit zu geben. Ein Beispiel dazu ist das mechanistische Weltbild. Alles war nur noch Mechanik. Einige gingen sogar davon aus, hätte man nur die richtige Formel, können man die Zukunft voraus berechnen. Naja und dann kamen diese komischen Quanten und das mechnistische Weltbild wurde eingeschränkt. Und damit änderte sich bei vielen Physikern auch die Anschauen über die Welt.
    Momentan gibt es den Trend alles biologisch zu betrachten. Aber die Biologen werden auch noch ihre “Quanten” kennenlernen.
    Ja, wir Menschen sind triebhafte Wesen. Nahrungsaufnahme ist auch ein sehr starker Trieb. Wer vergißt zu essen, der stirbt. Aber was ist, wenn ich dem Trieb immer nachgehe? Dann werde ich fett und übergewichtig und krank. Es ist also wichtig den Trieb zu kontrollieren, weil wir Menschen in der Lage sind einen Überfluß zu schaffen und wir Menschen sind auch in der Lage dazu Triebe zu kontrollieren und einzuschränken.
    Die Sexualität ist nicht überlebenswichtig. Wer keinen Sex hat wird ganz bestimmt nicht sterben. Es ist halt ein starker Trieb. Mir gefällt nur die biologische überhöhte Sichtweise auf die Sexualität nicht. Schließlich bin ich als Mensch in der Lage über Ethik und Moral nachzudenken und auch danach zu leben, wenn ich mich dazu entschließe. Da streiten halt die niederen Instinkte mit den höheren Fähigkeiten des Menschen, aber warum soll ich mich den den niederen Instinkten hingeben und meine Weltanschaung danach ausrichten?

    So etwas kann einen meiner Meinung nach mehr bewegen als wenn mir bewusst wird, dass der Schmerz in mir durch die Beleidigung des Gegenübers ausgelöst wurde

    Da reden wir aneinander vorbei. Ich frage mich nämlich, wie es zu erklären ist, daß man mit Worten beleidigt werden kann. Ein Hund kann ich ruhig beschimpfen. Solange ich dabei nicht grimmig schaue oder ich ihn schlage, wird er davon nichts merken. Aber wieso sind wir beleidigbar?

  14. @all

    “Trotzdem, ein sehr interessanter Beitrag, vielleicht geeignet als Inspiration für ein Bloggewitter „Wissen als Bewusstseinserweiterung“?”

    Ist ein toller Vorschlag, den ich nur unterstützen kann: Gerade dann, wenn Wissenschaftlern aus verschiedenen Fächern über diese unerforschte Thema bloggen, sollte etwas Spannendes dabei herauskommen.

  15. gute Idee!

    Die Idee “W. als Bew.-Erw.” gefällt mir! Passt u.a. auch zu den Ursprüngen des europ. Wissenschaftsverständnisses, das Giordano Bruno in “Heroische Leidenschaften” zum Ausdruck brachte. Er hatte dazu die antike Aktäon-Artemis Geschichte uminterpretiert. Wikipedia dazu: “Mit dem nach Wahrheit Suchenden verhält es sich laut Bruno wie mit dem griechischen Jäger Aktaion. Dieser hatte auf der Jagd die nackte Göttin Diana beim Bad überrascht und wird in einen Hirsch verwandelt, der von seinen eigenen Hunden gejagt und zerrissen wird. Bruno schreibt, es sei „das letzte Ziel und das Ende dieser Jagd [nach der Wahrheit] […] , in den Besitz jener flüchtigen und scheuen Beute zu gelangen, durch die der Beutemacher zur Beute, der Jäger zum Gejagten wird.“ Das Göttliche wird im Pantheismus Brunos nicht etwa in die Natur hineingelegt, die dann ein vom Erkenntnissubjekt unabhängiger, objektiver Forschungsgegenstand wäre. Vielmehr wird auch das Erkenntnissubjekt als Teil des Kosmos begriffen. Es löst sich in seiner Individualität auf, sobald es die Erfahrung der pantheistischen Einheit macht, die bei Bruno mystischen, übersinnlichen Charakter hat.” Später hatte M. Yourcenar das sehr gut in ihrem hist. Roman “Die schwarze Flamme” nacherzählt. Hat Implikationen für eine kritische Betrachtung unserer “Informations”-Gesellschaft, den Medien und (etwas diffusen) kürzlichen Diskussionen über Informationsrisiken usw. (link).

  16. Bewusstseinserweiterungen einorden

    Ich habe mir schon oft die Frage gestellt, wie man Bewusstseinserweiterungen einordnen kann oder wie man diese interpretiert.
    Natürlich gibt es viele Menschen, die z.B nach dem Konsum von psychoaktiven Substanzen oder einer Meditation eine derartige Bewusstseinserweiterung erleben.
    Diese würden sicherlich behaupten, dass sie z.B einen Einblick in die Naturgesetzte des Kosmos bekommen hätten, oder den Sinn des Lebens vor ihnen gesehen haben.
    Wie steht allerdings nun die Wissenschaft dazu?

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