Wie ich „Engelbarts Traum“ geschrieben habe

Heute ist mein neues Buch „Engelbarts Traum“ (Campus-Verlag, hier ein Link zur Verlagsseite) erschienen. Es handelt von den Veränderungen, denen das Lesen und Schreiben aufgrund der Digitalisierung unterliegt und was daraus für die Schriftkultur folgt. Beim Schreiben dieses Buchs hatte ich deshalb einen besonderen Anlass, den eigenen Schreibprozess zu reflektieren, und davon möchte ich in diesem Beitrag berichten – gewissermaßen ein “Making-of” des neuen Buchs.

Cover vorne Engelbarts Traum - kleinDie Materialsammlung

Dem Schreibprozess ging, wie es bei jeder Sachbuchproduktion der Fall ist, die Materialsammlung voraus. Die hatte 2009 eingesetzt im Zusammenhang mit einem Vortrag, den ich auf dem hessischen Bibliothekstag gehalten hatte. Das Material bestand aus Links, Literaturverweisen, Notizen oder Ideen zur Umsetzung, die durch ein gegliedertes Word-Dokument zusammengehalten wurden. Ja, ich verwende Word zum Schreiben von Texten und ich stehe dazu. Zwar kann Word nicht mit Typesetting-Sprachen wie TeX bzw. LaTeX, XML-Umgebungen oder vollwertigen Satzsystemen mithalten, wenn es darum geht, nach allen Regeln der Kunst gesetzte Druckvorlagen zu erstellen. Ich schätze Word aber um so mehr als Autorenumgebung. Im Laufe der Zeit habe ich mir ein paar Standarddokumente gebastelt und Automatisierungen definiert, mit denen ich blindlings per Tastatur schalten und walten kann und deshalb gerade in der Sortier- und Notierphase sehr flexibel bin. Die Infos und Notizen meiner Materialsammlung trage ich ausschließlich in Formatvorlagen für Überschriften ein, weil ich dann die Funktionen der Gliederungsansicht von Word für das hierarchische Ein- und Ausblenden und Umstellen ganzer Textteile nutzen kann. Die Überschriften gehen bis in die achte Gliederungsebene und sind der Gliederungstiefe entsprechend eingerückt. Ich trage die Notizen zunächst weitgehend ungeordnet in das Gliederungsdokument ein, um sie dann später, wenn sich eine erste Kapitelgliederung für das entstehende Buch abzeichnet, nach und nach der richtigen Stelle zuzuordnen. Das Gliederungsdokument zu „Engelbarts Traum“ ist so im Lauf der Zeit auf immerhin 45 Seiten angewachsen.

Für die Literaturverwaltung benutze ich Citavi. Neben den vielen Funktionen, die so eine Literaturverwaltung im Umgang mit bibliografischen Informationen, Zitaten und Volltexten zur Verfügung stellt, ist es vor allem das hierarchische Kategoriensystem, das mir gute Dienste erweist. Ich gliedere nämlich die Literatur, die ich dem Buchprojekt zuordne, in ein Kategoriensystem, das der Gliederung des entstehenden Buchs entspricht. Natürlich kann ein Literaturverweis mehrere derartige Zuordnungen enthalten. Der Vorteil besteht für mich darin, dass ich bei der Arbeit an einem Abschnitt die gesamte Literatur, die ich dafür benötige, verfügbar habe, und dabei insbesondere auch die Zitate und Zusammenfassungen, die ich mir bei den einzelnen Literatureinträgen vermerkt habe. Neben der Sicht auf die einzelnen Literatureinträge kann man in Citavi auch eine Sicht auf Zitate, Zusammenfassungen und Notizen wählen, weil diese eigenständig, also auch abweichend vom dazu gehörenden Literatureintrag, Kategorien zugeordnet werden können.

Neben diesen strukturierten Informationen, die ich zwischen 2009 und 2012 nach und nach gesammelt habe, habe ich auch sehr viele Bilder und Grafiken zusammengetragen, die parallel schon in Vorträge, nicht aber in das Buch eingeflossen sind. Das Buch ist nämlich eine einzige Bleiwüste mit nur einer Grafik und zwei Tabellen, die in die Hunderte gehenden Bilder, die ich überdies besitze, bilden also eine unsichtbare Dimension, die nur bei anderen „Darreichungsformen“ des Inhalts in Erscheinung tritt. Diese visuellen Materialien habe ich in einem Ordnersystem, das wiederum der Gliederungsstruktur nachgebildet ist, abgelegt.

Der Schreibprozess

Der Schreibprozess selbst vollzog sich zwischen März 2013 und April 2014. Ich hatte leichtsinnigerweise mit dem Verlag fest ausgemacht, das fertige Manuskript bis zum 15. April einzureichen, damit das Buch noch ins Herbstprogramm und damit rechtzeitig zur Buchmesse erscheinen könnte. Es umfasst in der gedruckten Fassung 281 Seiten, wovon 14 auf das Literaturverzeichnis mit ca. 230 Einträgen und 12 auf die knapp 360 Endnoten entfallen. Es ist gegliedert in zehn Kapitel von denen die Hauptkapitel (2 bis 9) 22 bis 34 Seiten lang sind. Die Kapitel sind jeweils in vier bis sechs Abschnitte untergliedert.

Beim Schreiben waren auf meinem Rechner immer mindestens vier Fenster geöffnet: Die Word-Datei, in der ich schreibe, füllt die linke Displayseite aus, das Gliederungsdokument die rechte. Im Hintergrund ist Citavi geöffnet und natürlich der Web-Browser, den ich vor allem für weitere Literaturrecherchen nutze. Die „Schreibdatei“ ist wiederum ganz auf die Unterstützung des Schreibprozesses optimiert – Schriftart und -größe, Zeilenlänge und -abstand, Weißräume und Überschriften dienen nur dazu, mir beim Schreiben eine möglichst angenehme und ablenkungsfreie Umgebung zu verschaffen. Da der fertige Text später professionell gesetzt wurde, musste ich mich um die Textgestaltung beim Schreiben nicht kümmern. Nur die Seitengröße hatte ich im Zusammenspiel mit der Zeilenlänge so festgelegt, dass ungefähr eine Normseite mit 2.600 Zeichen entsteht. Das ist nämlich das Maß für die Berechnung des Gesamtumfangs, der auch zuvor bereits grob festgelegt war. Die Seitenumbrüche sehe ich allerdings normalerweise nicht, da ich in in der Entwurfsansicht mit in der linken Spalte eingeblendeten Formatvorlagen schreibe und beim Korrekturlesen in den Lesemodus wechsle, der je nach angezeigter Schriftgröße den Seitenwechsel dynamisch erzeugt.

Der Text entsteht natürlich nicht in den bis zu acht Ebenen, in denen die Notizen gegliedert sind. Das fertige Buch enthält ja nur Kapitel und Abschnitte, so dass diese teilweise bis zu zehn Druckseiten umfassen. In der endgültigen Fassung werden diese Abschnitte nur gelegentlich durch Abstände mit kleinen Rauten in größere Untereinheiten gegliedert, außerdem natürlich durch die Absatzbildung. Um beim Schreiben die Orientierung zu behalten, ist das zu viel unstrukturierter Text  – jedenfalls für mich –, weshalb ich ich einen Trick anwende: Beim Schreiben gibt es im Text noch eine dritte Gliederungsebene, deren Überschriften aber als ausgeblendeter Text markiert sind, so dass ich sie nur in der Entwurfsansicht des Textes zu sehen bekomme. Wenn ich in den Lesemodus übergehe, um den von mir produzierten Text im Zusammenhang zu lesen, sind sie nicht zu sehen, und ich kann prüfen, ob der Aufbau des Abschnitts auch ohne diese Überschriften verständlich ist. Die dritte Gliederungsebene hat also die Funktion, nur für mich allein die Orientierung während des Schreibvorgangs und bei der Überarbeitung des Texts zu gewährleisten. Und das klappt tatsächlich recht gut.

Wenn ich während des Schreibens die Gliederung des Texts verändere, ändere ich auch das Gliederungsdokument entsprechend ab, damit beides konsistent bleibt. Natürlich hätte ich auch, mit entsprechenden Formatvorlagen unter Verwendung ausgeblendeter Textteile, die vollständige Gliederung und den Buchtext in einem Dokument verwalten können. Dieses Vorgehen habe ich bei einigen früheren Büchern praktiziert, es erschien mir aber für dieses ganz besonders materialreiche Buch nicht praktikabel. Übersichtlicher ist es hier, den inhaltlichen Zusammenhang der Stelle, an der ich gerade schreibe, im Gliederungsdokument rechts auf dem Bildschirm im Blick behalten zu können.

Als sehr angenehm habe ich es empfunden, bei diesem Buch mit Endnoten arbeiten zu können. Es gibt also keine Kurzreferenzen im laufenden Text und keine Fußnoten, wodurch der Lesefluss erheblich verbessert wird. Die Autoren von Forschungsliteratur nenne ich nur, wenn sie auch wirklich als Personen in den Text eingeführt werden. Ansonsten wandert alles in Endnoten. Word unterstützt die Endnotenverwaltung gut, auch durch Tastaturbefehle, so dass der Schreibfluss nicht durch den Griff zu Maus unterbrochen werden muss. Bei einigen Sachbüchern habe ich in letzter Zeit eine Methode gesehen, mit der man ganz ohne Verweiszahlen auskommt: Edward Glaeser beispielsweise zitiert sich in „Triumph of the City“ in den nach Seitenzahlen geordneten Endnoten in verkürzter Form selbst, wonach dann der Literaturverweis oder der Kommentar folgt. Ein ganz charmantes Verfahren, wenn es darum geht, einen völlig flüssigen Text zu erzeugen, dessen Aussagen aber trotzdem nach den üblichen wissenschaftlichen Regeln belegt werden. Diese Form der nicht gekennzeichneten Endnoten unterstützt Citavi meines Wissens jedoch nicht, da die Endnotenmarkierung sich dabei ja nicht nur auf eine bestimmte Position im Text, sondern auf einen ganzen Textabschnitt beziehen muss. In der digitalen Fassung des Buchs wäre dieser Abschnitt dann idealerweise anklickbar.

Erstellung des Manuskripts und Korrekturprozess

Wenn man seine Schreibumgebung so sehr auf die Bedürfnisse des Schreibenden ausgerichtet hat, muss der fertige Text für die Weitergabe an den Verlag vorbereitet werden. Dies umfasst etwa die Erzeugung der Bibliografie mithilfe des Publikationsassistenten von Citavi, der alle Kurzverweise im Text durch die festgelegte Zitationsform ersetzt und die verwendete Literatur im Literaturverzeichnis zusammenstellt. Ich habe ziemlich lange Zeit dafür benötigt, unter den Hunderten von Zitationsstilen, die im Netz für Citavi angeboten werden, einen zu finden, der meinen Vorstellungen genau entspricht. Leider war es aber auch dann nicht möglich, ein in der Literaturliste mehrfach vorkommendes Sammelwerk durch Kurzverweise auf nur eine bibliografische Vollangabe zurückzuführen. Dies musste ich ebenso per Hand nacharbeiten wie die vielen Korrekturen, die in den bibliografischen Angaben enthalten sind, wenn man sie sich über die ISBN-Nummer in die Datenbank holt.

Die Literaturliste insgesamt muss per Hand an der richtigen Stelle im Text positioniert werden, und auch die Endnoten bedürfen noch der endgültigen Formatierung und Positionierung. Wenn das Manuskript erst einmal beim Verlag ist, ist es nicht mehr ganz einfach, die dann schnell entstehenden unterschiedlichen Textversionen konsistent zu halten. Zwar bekommt der Autor alle Korrekturen, die vom Lektor vorgeschlagen werden, zu sehen, aber die Basis dafür ist eben die Manuskriptfassung des Buchs, die durch diese Transformationsschritte aus der Autorenfassung hervorgegangen ist. Fehler in der Bibliografie müssen dann per Hand in der Citavi-Datenbank nachgetragen werden. Noch aufwändiger wird es, wenn die Fahnenkorrektur anliegt: Dann werden die Korrekturen nämlich in die PDF-Fassung des druckfertigen Dokuments eingetragen. Das ist für den Verlag das übliche Vorgehen, für mich als Autor jedoch bedeutet das, dass ich hier den Abgleich mit der Autorenfassung nicht einmal mehr mit automatischem Dokumentvergleich durchführen kann.

Aber weshalb geht es mir eigentlich so sehr darum, weiterhin eine editierbare Fassung des endgültigen Buchtextes zu besitzen? Ich möchte eine solche Fassung besitzen, um mit dieser später weiterarbeiten zu können – nicht nur, um den Text für eine hoffentlich zweite Auflage herzurichten, sondern vor allem, um Teile davon in meinen Workflow integrieren zu können, etwa bei der Entwicklung weiterer Vorträge und Präsentationen.

Nach dem Erscheinen

Das Buch liegt nun gedruckt und als E-Book vor und ist heute offiziell erschienen, doch damit ist das Thema, von dem es handelt für mich noch lange nicht erledigt. Allein seit der Druckfreigabe vor ein paar Wochen hat sich bei mir schon eine ganze Reihe von Ideen, Links und Hinweisen zum digitalen Lesen und Schreiben angesammelt. Sie alle werden in das Gliederungsdokument aufgenommen und dort als Informationen markiert, die nicht ins Buch eingeflossen sind. Meine Vorstellung ist es, die detaillierte Gliederung zusammen mit dem Text und den visuellen Materialien als eine Inhaltssubstanz zu verwalten, die weiterhin aktuell und konsistent gehalten wird und die Basis für weiterführende Auskopplungen darstellt, wie es auch schon in diesem Blog geschehen ist. Die Einbettung in soziale Medien ist heute schließlich für ein Buch ein ganz wichtiger Kommunikationsweg jenseits des Buchhandels, und ich bin schon jetzt auf die Reaktionen von Lesern über Twitter, Facebook und Google+ gespannt, so wie auch die Kommentare zu den Beiträgen dieses Blogs mir bereits vor Erscheinen des Buchs eine ganze Reihe weiterer Anregungen gegeben haben.

Henning Lobin

Veröffentlicht von

www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) und Professor an der dortigen Universität. Zuvor war er ab 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, germanistischer Fachbeiräte von DAAD und Goethe-Institut und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017). Im August 2018 ist im Metzler-Verlag erschienen: Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache.

9 Kommentare

  1. Ich habe mich bereits 1979 entschlossen, eine Textverarbeitung zu verwenden: https://www.google.com/search?q=karl+mistelberger+pyren Da bin natürlich interessiert, wie sich die Sache weiter entwickelt hat.

    Das Sammeln von Material ist aufwendig und eine Integration mit der eigentlichen Schreibarbeit notwendig. Die eigenen Arbeitsgewohnheiten sollen natürlich bestmöglich unterstützt werden. Und ein Buch ist ja keine Eintagsfliege, sondern überdauert im Idealfall viele Generationen: https://www.google.com/search?q=gerthsen+physik Da liegen Sie schon richtig, wenn Sie fordern, “weiterhin eine editierbare Fassung des endgültigen Buchtextes zu besitzen”.

    > Wenn man seine Schreibumgebung so sehr auf die Bedürfnisse des Schreibenden ausgerichtet hat, muss der fertige Text für die Weitergabe an den Verlag vorbereitet werden.

    Da scheint mir der Pferdefuß zu stecken. Die Arbeit hört nicht auf mit der Fertigstellung des Manuskripts. Ohne ein vernünftiges Austauschformat wird viel Handarbeit bleiben. Ich meine, dass es bereits Lösungen geben muß, die alle Aspekte berücksichtigen und wo sich der Informationsaustausch zwischen Autor und Verleger erfreulicher gestaltet.

    • An Austauschformaten für Dokumente besteht ja eigentlich kein Mangel. Die sind bislang allerdings auf die Struktur des Dokuments (z.B. DocBook) oder seine Edition ausgelegt (etwa TEI), nicht aber auf das was aus Sicht des Produzenten die Arbeit am Dokument ausmacht. Das wäre gar kein schlechtes Projekt, ein Austauschformat zu entwickeln, das auch die bei der Produktion verwendeten Paratexte wie Notizen und Hilfsgliedrung erfasst und sämtliche Einstellungen, wie sie für die Schreibumgebung gewählt werden, unabhängig von der publizierten Fassung des Dokuments.

      • > Das wäre gar kein schlechtes Projekt, ein Austauschformat zu entwickeln, das auch die bei der Produktion verwendeten Paratexte wie Notizen und Hilfsgliederung erfasst und sämtliche Einstellungen, wie sie für die Schreibumgebung gewählt werden, unabhängig von der publizierten Fassung des Dokuments.

        Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es da noch keine Lösung geben sollte. Dieter Meschede, der Herausgeber des oben erwähnten “Gerthsen”, satztechnisch eine Herausforderung, erwähnt die Zusammenarbeit mit “le-tex publishing services”. Die oder eine andere einschlägige Firma sollten zumindest einen Überblick haben, was in dieser Hinsicht möglich ist. Und vom Verkauf von Lösungen leben die.

        https://www.le-tex.de/de/cs-springer-gerthsen.html

  2. Ich arbeite auch gern mit Word und verwende darin ein Manuskript-, ein Gliederungs- und ein Ausprobierfenster (für allzu kreative Ideen oder alternative Parallelversionen zum Vergleich) sowie natürlich Webbrowser und diverse andere Programme. Darüber hinaus versuche ich aber, mit möglichst wenig technischen Vorgaben auszukommen, von denen ich mich eingeschränkt fühle (z.B. ein Literaturverwaltungsprogramm). Es ist sehr praktisch, an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig zu arbeiten. Die Kunst besteht darin, sich von den technischen Möglichkeiten anregen zu lassen und sie dem eigenen Denken zu unterwerfen, nicht aber dieses ihnen anzupassen. Da ist, meine ich, viel Handarbeit gefragt. Ich habe auch immer eine Menge Papier und Bücher um mich herumliegen, drucke scheinbar fertige Textpassagen aus und lese sie weit weg vom Rechner mit Korrekturstift. Da finden sich immer noch überraschend viele (meist kleine, aber doch ärgerliche) Fehler, Stolperstellen, Ecken und Kanten, die ich am Bildschirm übersehen habe. Gegenlesen durch eine arglose zweite oder dritte Person hilft auch.

  3. Sehr interessant, wie Sie hier ihren Workflow beschrieben haben. Dazu einige Anmerkungen eines OpenOffice Nutzers, der bisher nur sehr selten mit Word gearbeitet hat.

    Zunächst einmal finde ich es eher seltsam, Infos und Notizen der Materialsammlung in Formatvorlagen für Überschriften einzutragen. Jedenfalls bin ich mir nicht sicher, ob die Methode sich auf OpenOffice übertragen lässt, da die xxx-Writer ja ein anderes Vorlagenkonzept benutzen, bzw. die Schwerpunkte anders legen als Word.

    Bei Ihrer dritten Gliederungsebene im Manuskript frage ich mich ebenfalls, ob sich das nicht auch mit Kommentaren im Text lösen lässt, wobei sich mir wieder die Frage stellt, ob Word überhaupt eine solche Funktion zum Kommentieren anbietet, wie sie in OpenOffice enthalten ist?

    Ihre Beschreibung zur Gliederung des Buchtextes über das separate Gliederungsdokument lässt bei mir ebenfalls die Frage aufkommen, ob die Gliederungsfunktion von word nicht Leistungsfähig genug ist? Denn in OpenOffice lässt sich die Gliederung mittels des Navigators verändern bzw. auch komplett umgestalten. – Klar braucht man dazu auch in OO ein paar Formatvorlagen, aber so viele sind es nicht und wenn man die konsequent einsetzt, verwaltet OpenOffice die Gliederung automatisch mit. Nach Ihrer Beschreibung zu schliessen scheint mir das bei Word etwas anders zu sein, so dass sich die Arbeit an der Gliederung insgesamt als etwas umständlicher erweist.

    Es gibt also keine Kurzreferenzen im laufenden Text und keine Fußnoten, wodurch der Lesefluss erheblich verbessert wird.

    Also dem kann ich ja überhaupt nicht zustimmen! – Ich empfinde Endnoten als ziemlich nervig, weil ich nämlich gerade dadurch den Lesefluss stärker unterbrechen muss, um nach hinten zu blättern und die Note im entsprechenden Verzeichnis zu suchen, um dann erst zu erfahren, ob mir diese zusätzliche Information gerade wirklich wichtig ist oder nicht. Deswegen ziehe ich Fussnoten vor, denn da reicht mir ein Blick nach unten, und ich kann diese Entscheidung ohne zusätzliches blättern sofort treffen.

    Dieses Verfahren der nicht gekennzeichneten Endnoten finde ich eher Zweifelhaft, weil es meiner Ansicht nach geradezu dazu einlädt, Verweise zu vergessen, also genau das zu tun, was einigen Politikern in den vergangenen Jahren den Doktortitel gekostet hat.

    Was das Literaturverzeichniss angeht, so hat OO eine eigene Funktion um ein solches zu erstellen. Da stellt sich mir also die Frage, welche Vorteile ein separates Programm hat, wenn man das damit erzeugte Verzeichnis anschliessend doch wieder per Hand bearbeiten muss?

    • Die Verwendung von Überschrift-Formatvorlagen stellt keine Einschränkung dar. Sie lassen sich ja wie normale Textabsätze formatieren. Der Vorteil besteht darin, dass durch sie eine strukturelle Auszeichnung bis zur nächsten Überschrift gleicher Ordnung vorgenommen wird – etwas, was ja Word eigentlich nicht kann. Möglicherweise ist Open Office an dieser Stelle weiter. Allerdings ist auch Word ein Workaround möglich: Beliebigen Formatvorlagen lässt sich nämlich nachträglich der Status als Überschrift einer bestimmten Ordnung (auch wenn sie nicht so heißen) zuordnen, so dass sie in der Gliederungsansicht wirksam werden.

      Aus ähnlichem Grund haben sich auch die unsichtbaren Überschriften dritter Ordnung bewährt: Sie strukturieren und ordnen nicht nur wie Kommentare, sondern fügen sich auch in die Texthierarchie ein und lassen sich dadurch entsprechend bearbeiten.

      Ihrer Bemerkung zu den Endnoten stimme ich Ihnen zu – wenn es um wissenschaftliche Fachtexte geht. Da sind die Referenzen für jemanden, der sich in dem Gebiet auskennt, von dem der Text handelt, wesentlich Informationen. In einem Sachbuch hingegen sind die Referenzen eher Angebote, die sich an einen Teil der Leserschaft richten, anderen werden sie völlig egal sein. Da gibt es also unterschiedliche Erwartungen und Ansprüche, die man, so denke ich, je nach Textsorte unterschiedlich handhaben muss.

      Auch Word hat eine eingebaute Literaturverwaltung, an ein System wie Citavi reicht das allerdings bei weitem nicht heran. Bei der Formatierung geht es lediglich darum, ein paar Absatz-Merkmale einzustellen. Der Vorteil von Citavi sind die vielen spezifisch bibliografischen Funktionen und die Unterstützung des “bibliografischen Workflows”. Wichtig finde ich dabei etwa die unabhängige Verschlagwortung und Kategorisierung einzelner Zitate oder die eingebauten Recherche-Funktionen in bibliografischen Datenbanken. Solche Systeme scheinen sich nach und nach zu wahren bibliografischen Expertensystemen zu mausern.

  4. Die Verwendung von Überschrift-Formatvorlagen stellt keine Einschränkung dar. Sie lassen sich ja wie normale Textabsätze formatieren.

    Ach so, dann weisen Sie einer Notiz also eine Überschriftvorlage zu, die einer bestimmten Ebene in der Gliederung des Textes entspricht. Sehe ich das richtig?

    Eine separate Gliederungsansicht gibt es in OpenOffice nicht, da die Vorlagen in einem hierachischem Konzept eingebettet sind, aus dem eine Funktion Namens Navigator automatisch eine solche erstellt und auf Wunsch anzeigt. – Vorausgesetzt natürlich, man nutzt die Vorlagen entsprechend.
    In der Wikipedia steht über Vorlagen, dass Zeichenformatvorlagen und Absatzformatvorlagen Üblich sind, und daneben zum Beispiel noch Abschnitts-, Tabellen- oder Listenformatvorlagen denkbar wären. Nun, das was dort als denkbar beschrieben ist, ist bei OpenOffice in einer umfangreicheren Art und Weise immer schon der Fall gewesen und in dem hierachischen Vorlagenkonzept integriert. – Man könnte es auch als objektorientiertes Konzept betrachten, weil einige Vorlagen als Basisvorlagen dienen, von denen andere abgeleitet werden, die sich nur in bestimmten Einstellungen von der Basisvorlage unterscheiden. Also ganz ähnlich dem Klassen- bzw. Vererbungskonzept in objektorientierten Programmiersprachen.

    Der Grund, warum Sie sich im Buch für die Verwendung von Endnoten entschieden haben, leuchtet mir ein.

    Zu Citavi hab mir jetzt auch mal den entsprechenden Artikel in der Wikipedia angesehen. Wenn ich zusammen mit Ihrer Beschreibung so drüber nachdenke, was sich mit damit alles anstellen lässt, bekommt der Begriff “Literaturverwaltung” bei mir gerade eine völlig neue Dimension.

    • Ja, das mit den Notizen in den Überschrift-Formatvorlagen sehen Sie so richtig. Und was Sie für Open Office sehr treffend als ein objektorientiertes Formatierungskonzept beschreiben, ist auch in Word so realisiert.

      • Ah, danke für die Bestätigung. Das klingt insgesamt nach einer interessanten Technik; – mal sehen, ob ich damit auch was angfagen kann.

        Bezüglich der Vorlagen in Word: Dann hat Word sich in der Richtung weiter entwickelt. Denn einer der wenigen Kontakte, die ich mit Word bisher hatte, liegt (in EDV-Massstäben betrachtet) schon eine Ewigkeit zurück: irgendwann in den späten 90er Jahren. Da hatte ich für die FH einen ca. 50-seitigen Text mit Star Office geschrieben, den der Dozent anschliessend als Word-Datei haben wollte. Und da sind die meissten Star Office Formatierungen beim konvertieren verloren gegangen, weil die Vorlagen kaum übernommen wurden.

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