Handschrift und Computerschrift – Gut gegen Böse?

Neulich war ich Gast in der Sendung „Lebenszeit“ beim Deutschlandfunk in Köln. Fast anderthalb Stunden wurde dort mit Studiogästen und Hörern, die sich per Telefon und Internet beteiligen konnten, darüber geredet, ob die Handschrift durch die Digitalisierung nun auf dem Rückzug oder gar überflüssig sei oder nicht. Natürlich war ein Aufhänger dieser Debatte die auch in Deutschland groß diskutierte Entscheidung in Finnland, den Kindern in der Grundschule statt einer verbundenen Schrift nur noch eine Art Druckschrift zu vermitteln. Leichtsinnigerweise hatte die finnische Ministerialbürokratie diese Entscheidung mit der Computerisierung der Schulen und der Verwendung von Tastaturen in Verbindung gebracht, so dass Proteste vorprogrammiert waren. Bei dieser Gelegenheit hatten viele Leute erst bemerkt, dass es in einigen deutschen Bundesländern längst ähnliche Entwicklungen gibt: In Hamburg etwa lernen die Kinder die sogenannte „Grundschrift“, die nichts weiter als eine Blockschrift darstellt. Allerdings argumentiert man dabei nicht damit, dass die Kinder bald sowieso nur noch auf Tastaturen schreiben werden, sondern schreibpädagogisch. Die Kinder sollen sich nicht an den Schnörkeln der lateinischen oder vereinfachten Ausgangsschrift abarbeiten, sondern ausgehend von der Grundschrift selbst eine verbundene Handschrift entwickeln.

Das alles hat eigentlich nichts mit der Digitalisierung des Schreibens zu tun, sondern ist in meinen Augen vor allem eine schreibdidaktische Fragestellung, die empirisch beantwortet werden muss. Systematische Studien dazu, wie sich das Schriftbild von Menschen langfristig in Abhängig davon entwickelt, welche der Handschrift-Varianten man als Kind gelernt hat, gibt es allerdings nicht. Erschwert wird die Diskussion auch dadurch, dass gegen die Grundschrift von manchen Leuten die gleichen Argumente ins Feld geführt werden wie gegen das computergestützte digitale Schreiben. So konnte ich bei dieser und anderen Diskussionen hören, dass angeblich die „Individualität verloren“ ginge, wenn man in Druckschrift respektive per Computer schreibe oder „die Gedanken nur in der Handschrift fließen“ könnten. Auch könnten Liebesbriefe und andere persönliche Texte keinesfalls digital verfasst werden, dass sei ja das allerletzte. Eine besonders vehemente Vertreterin der Handschrift inklusive einer quasireligiösen Ideologie ist Ute Andresen. Sie lässt sich schon mal eine Handschriftenprobe schicken, bevor ein Journalist sie interviewen darf. Mit ihr bin ich bei jener Diskussionssendung des DLF auch in den Clinch geraten, da für sie nahezu alles Übel dieser Welt vom entfremdeten Schreiben ausgeht und demzufolge das Heil in der – natürlich gebundenen – Handschrift zu suchen ist. Und damit meint sie keineswegs die unbestrittene kognitive Wirkung, die die Handschrift tatsächlich besitzt: Wer selbst viel mit der Hand schreibt, kann die Handschrift anderer besser lesen. Und dass die Produktion von Zeichen mit dem Stift das Gehirn ganz anders fordert und formt, als es die Auswahl eines Zeichens auf einer Taste tut, ist evident.

Die gebundene Schreibschrift ist übrigens, daran muss man auch erinnern, keineswegs primär in der Schriftentwicklung. Schriften, ob Alphabet- oder ideografische Schriftsysteme, wurden durchweg als Abfolge getrennt stehender Einzelzeichen entwickelt. Die gebundene Schrift ergab sich oft erst nach langer Zeit in eher inoffiziellen Verwendungszusammenhängen. Auf der Grundlage der chinesischen Schrift wird handschriftlich fast überhaupt keine gebundene Schrift verwendet. Insofern kann man sich also durchaus fragen, ob die gebundene Handschrift tatsächlich so einen Wert an sich besitzt, wie es in Leserbriefen zu dieser Debatte immer wieder insinuiert wird.

Eine solche Diskussion ist um so bizarrer, als die Schwelle zwischen analoger Handschrift und digitaler Computerschrift immer niedriger wird. Die Schrifterkennung mittels OCR-Software findet ja mittlerweile breite Anwendung, und auf manchen Tablets und Handys lässt sich mit einem Stift schreiben wie auf einem Stück Papier. Wer es noch natürlicher haben möchte, greift zu einem System wie den Smartpen von Lifescribe, mit dem man sogar auf Papier schreiben kann. Ein kleiner Sensor neben der Mine des Stifts registriert die Bewegungsverläufe auf einem fast unsichtbaren Raster grauer Linien, das auf das Papier gedruckt ist. Schriftzeichen und Skizzen werden sofort per Bluetooth auf Rechner oder Tablet übertragen, wo sie in den digitalen Workflow inklusive OCR eingespeist werden können.

Auch die andere Richtung, die „Analogisierung“ der Digitalschrift, stellt ja kein Problem dar: Dafür ist jeder normale Drucker zuständig. Aber selbst die Individualität der gebundenen Handschrift lässt sich mittlerweile maschinell erzeugen: Die Firma Pensaki bietet seit kurzem auch in Deutschland einen Service an, über den man digitale Texte durch Schreib-Roboter in Handschrift überführen kann – wer möchte mit Füller auf Büttenpapier. Und die „Handschrift“, die dabei produziert wird, ist keineswegs nur eine der Handschriften-Fonts, die man auch in der Textverarbeitung auswählen kann und bei denen jedes „a“ exakt gleich aussieht. Nein, die Schrift variiert von Zeichen zu Zeichen und erzeugt natürlich wirkende Verbindung dazwischen. Und wer es noch persönlicher will, kann sich per Aufpreis sogar seine eigene Handschrift erfassen und durch den Roboter produzieren lassen.

Die besondere Individualität der Handschrift wird, wie so vieles vorgeblich Individuelle, in der Digitalkultur in Frage gestellt. Es ist ja klar, dass wir auch in der digitalisierten Welt weiterhin einen Stift in die Hand nehmen werden, um damit etwas zu schreiben oder zu skizzieren. Und es ist auch klar, dass die Handschrift tatsächlich ein Ausdruck von Individualität ist, da sie nun mal bei jedem anders aussieht, und deshalb insbesondere bei solchen Textsorten zur Anwendung kommt, wo die persönliche Note gewünscht ist. Auch die Möglichkeit, die Zeichen auf der Fläche und nicht nur in der Zeile anzuordnen und mit grafischen Elementen und Skizzen zu verbinden, ist ein großer Vorteil. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass bei den vielen Behauptungen zur Leistung und Bedeutung der Handschrift die Empirie Oberhand gegenüber der Ideologie gewinnen würde. Und das Pochen auf die Individualität des handschriftlichen Schreibens scheint mir gerade in einer Zeit, in der es um eine eher zu ausgeprägte „Individualität“ des Umgangs mit persönlichen Daten geht, ohnehin nicht überzeugend…

Henning Lobin

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www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) und Professor an der dortigen Universität. Zuvor war er ab 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, germanistischer Fachbeiräte von DAAD und Goethe-Institut und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017). Im August 2018 ist im Metzler-Verlag erschienen: Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache.

17 Kommentare

  1. Graphologische Gutachten waren DAS aktuelle Thema in der Tageszeitung, die ich heute morgen, am 27.04.2015, gelesen haben. Fazit des Artikels. Bei der Selektion von Führungskräften spielt die Handschrift und das graphologische Gutachten immer noch eine grosse Rolle – allerdings nimmt die Zahl der Graphologieexperten ab, es gibt praktisch keine jungen mehr. Zudem war die Aussagekraft von Handschriften und damit von graphologischen Gutachten schon immer umstritten – heute noch mehr als früher. Doch die Handschrift wird gerade bei Führungskräften als Ausdruck der Persönlichkeit betrachtet. Wichtig ist hier oft die Dynamik oder Dinge wie Entschiedenheit, Konzilianz und anderes Zeugs, das die Graphologen aus der Handschrift herauslesen wollen.

  2. Also mich würde es ja mal interessieren was ein Graphologe aus meiner Handschrift so heraus liesst. Allerdings würde ich dem keinen Lebenslauf vorlegen, sondern einen Blindtext à la Lorem Ipsum, so das der Experte oder die Expertin wirklich nur auf das Schriftbild angewiesen ist und sonst möglichst nichts über mich weis oder aus dem Text erfährt. Wenn dabei etwas Sinnvolles heraus kommt, okay. Aber das müsste sich erst noch zeigen.

    Und was die gebundene Schreibschrift angeht, so finde ich Ihren Vergleich mit dem Chinesischen sehr interessant. Ich frage mich, wie eine gebundene Schreibschrift in dieser Sprache aussehen soll. Die gleiche Frage kann man auch für andere Sprachen stellen, etwa Japanisch und Koreanisch. Beim Hebräischen hab ich ehrlich gesagt auch Probleme, mir diese Schrift in gebundener Form vorzustellen. Wenn ich näher drüber nachdenke, dann komm ich zu dem Schluss, dass diese Debatte eher eine Art Scheindebatte ist, weil es tatsächlich um etwas anderes geht, als die eigentliche Handschrift, nämlich um die kulturelle Identität, die damit verbunden wird. Ich glaube mit ähnlichen Argumenten könnten Chinesen oderJapaner eine Diskussion über den Wert von Kalligraphie führen, die wahrscheinlich zu ähnlichen Ergebnissen oder in ähnliche Sackgassen führen würde.

    • Die Graphologie ist ja wissenschaftlich noch immer hochumstritten. Dabei ist es ja klar, dass man gewisse Dinge aus einer Handschrift durchaus herauslesen kann: Ob jemand erregt ist oder vielleicht in einer “schreibrelevanten” Weise erkrankt, kann man der Schrift ansehen. Allerdings gibt es meines Wissens in der Tat keine wissenschaftliche Bestätigung von graphologischen Analysen, die weitergehende Aussagen zur Persönlichkeit eines Probanden machen wollen.

      • Allerdings gibt es meines Wissens in der Tat keine wissenschaftliche Bestätigung von graphologischen Analysen, die weitergehende Aussagen zur Persönlichkeit eines Probanden machen wollen.

        Das denke ich auch.

        Es gibt tatsächlich ein chinesische (bzw. japanische) Kursivschrift, die allerdings vor allem für eigene Notizen und im kalligrafischen Zusammenhang verwendet wird.

        Ist ja in interessant…

    • Es gibt tatsächlich ein chinesische (bzw. japanische) Kursivschrift, die allerdings vor allem für eigene Notizen und im kalligrafischen Zusammenhang verwendet wird. Näheres dazu hier. Ein schönes japanisches Beispiel für eine ziemlich extreme Form der Kursivschrift ist hier zu sehen.

  3. Vielleicht, aber auch nur vielleicht ging es hier ein wenig durcheinander, die Handschrift ist notwendig zu erlernen, die Schreibschrift nicht.
    Druckschrift dieser Art ist OK, einige ziehen sie sozusagen von Haus aus der verbindenden Schreibschrift vor.

    MFG
    Dr. W

    PS:
    Witzig vielleicht dieser Kollege, anscheinend: ein deutscher Papst der Sprache und Schrift:
    ‘Das Schreiben mit der Hand, habe ich neulich gelesen, hat einen positiven Einfluss auf das Schreibgefühl und könnte tendenziell bessere Texte hervorrufen, in jedem Fall geht das Korrigieren schneller. So langsam wie ein Computer – kann ich nicht arbeiten.’ (Quelle)

    • @Webbaer, zum P.S.:
      Nun ja, der gute Mann hat aber auch von Computern nicht die blasseste Ahnung, wie man den weiteren Aussagen entnehmen kann. Das nehme ich ihm in Anbetracht seines Alters aber auch nicht übel. – Und er verwechselt wahrscheinlich die Arbeitsgeschwindigkeit desjenigen, der vor dem Ding sitzt mit jener des Computers. Anders kann ich mir solche Aussagen jedenfalls nicht erklären. Jedenfalls nicht bei heutiger Hard- und Software. Könnte natürlich auch sein, dass er die Aussage auf Computererfahrungen aus den 80er und/oder 90er Jahren bezieht. – Aber selbst da waren die Rechner für reine Textverarbeitung schon schnell genug. – War nur nicht so schön, wie heutzutage, weil es die vielen WYSIWYG-Funktionen noch nicht gab, die heute Standard sind.

      • “Journalistenlegende” Wolf Schneider, der dem Schreiber dieser Zeilen nie besonders aufgefallen ist, räumt ja ein ein Rechthaber zu sein, als möglicher Gegenpol zu Herrn Lobin und zu anderen sollte er nur kurz erwähnt werden.
        Ansonsten, klar, Lesen und Schreiben ändern sich…

        MFG
        Dr. W

  4. Witzigerweise kam gerade am vergangenen Sonntagnachmittag das Gespräch auf dieses Thema, und bei Menschen über 40, 50 Jahren ist der Gedanke an die “Abschaffung” der klassischen Handschrift zunächst eine Art Modernisierungsschock, von denen man ja heute alle Tage den einen oder anderen erleidet. Und ich führte genau auch das an, nämlich dass die verbundene Schrift historisch ein eher seltenes Phänomen ist. Meines Wissens (also wenn ich mich nicht irre) wird im angelsächschen das Schreiben auch zuerst mit großen Druckbuchstaben gelernt.
    Vermutlich werden diese Meinungen genau deshalb so “ideologisch” geführt, weil an solchen Themen plötzlich deutlich wird, dass die Entwicklungen eben nicht nur rasant, sondern auch tiefgehend sind.
    Ein Punkt, den man vielleicht hinzufügen könnte, ist sozusagen die “Soziologie der Handschrift”. Handschrift und Rechtschreibregeln gelangten zur höchsten Blüte, als der Handelsverkehr zunahm. Was heute unabdingbar für den Liebesbrief erscheint, war damals – übrigens ziemlich entindividualisiert (“gestochen ordentliche Handschrift”) – sozusagen unabdingbar für die Geschäftspraxis, für die Schreiberei auf den Ämtern, für die Bilanzbücher etc. Es gab vor dem Siegeszug der Schreibmaschine ganze Heere von “Lohnschreibern” (Kopisten/engl. “Copywriter”). In dieser Zeit wurde die schöne, lesbare, harmonische und eigentlich möglichst entindividualisierte Handschrift erst zum Schaumodul einer moralischen Lebensweise, ähnlich wie Krawatte und sauberer Kragen. Und nur vor diesem Hintergrund ist verständlich, wie es überhaupt in den Schulen zum Aufstieg des Lernziels “saubere Handschrift” kam. Wenn man dazu noch weiß, wie sich Kinder noch heute in der Grundschule mit einer teilweise verhängnisvollen Schreib-Didaxis herumplagen, mit diesen entsetzlichen ständigen Richtungswechseln im Schreibschwung, wie viel Zeit dafür vergeudet wird und wieviel Lernunlust daraus resultiert, der muss ganz sachlich fragen, ob dieser Schlamassel heute noch erforderlich ist?
    Für Literaturinteressierte dazu interessant die wunderbare Erzählung “Bartleby The Scrivener” von Melville – der Kopist, der dann eines Tages zwar weiterhin die Hülle von brügerlicher Höflichkeit bewahrt, ansonsten aber alle Tätigkeit ablehnt: “I’d rather prefer not to.”
    Dass auch auf der Tastatur Individualität erkennbar ist, weiß man übrigens auch. Aus der Art, wie jemand tippt (Geschwindigkeit, Rhythmus, Stellen des Stockens), kann zweifelsfrei ejder Tipper erkannt werden.
    Graphologen sind übrigens gar nicht so “astrologisch”, wie Rationalisten meinen. Kann ja jeder mal testen – online gibt es viele Angebote. Man kann die Tests erstens gegeneinander testen, oder einen Test mit verschiedenen Handschriften durchversuchen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Ergebnisse schon verblüffend zutreffend sind.
    Ach, und last not least, zum Punkt “Individualität des Schreibens”: Das wichtigste und vornehmste Betätigungsfeld für das Individuum ist ja nicht die Formung der Buchstaben, sondern die Formung von Worten, Gedanken und Sätzen, also was einer schreibt und wier er dafür seine persönlichen Worte findet. Den uninspirierten Lebensbrief rettet auch die schönste Handschrift nicht – während, wenn einer direkt vom Herzen her formuliert, meinetwegen auch über den Facebook Messenger schreiben kann und er wird den oder die Angeschriebene(n) bewegen.
    Ach ja und jetzt fällt mir noch ein Postscriptum ein, dass ich aber doch berichten will, um den Epochenbruch im Schreibhandwerk zu illustrieren: Auf der Buchmesse 2014 wurde an einem Verlagsstand Heinrich August Winkler interviewt, anlässlich der letzten Bandes seines Monumentalwerks “Geschichte des Westens”. Gesamtlänge im Druck rund 5.000 Seiten. Und eine der ersten Fragen d es Moderators war: “Stimmt denn das Gerücht, das Sie dieses ganz große Werk mit der Hand verfasst haben?!” Und Winkler bestätigte dies – nicht Schreibmaschine, geschweige denn PC, sondern alles vom Kopf in die Hand. Das dürften sicherlich 10.000 bis 15.000 mit der Hand geschriebene Seiten sein. Plus jede Menge Notizen und Entwürfe. Und kein Citavi für die Literaturverwaltung. Geboren 1938, war also zur Zeit der Studentenrebellion auch erst 30 Jahre alt, ist also auch im Rahmen seiner Generation “technisch etwas rückständig”. Aber irgendwo in diesen Jahrgängen 1930 bis 1950 muss das Primat der Handschrift langsam verschwunden sein, so dass wir heute einen wie Winkler anstaunen als jemanden, der auch “schreibtechnisch” quasi Unglaubliches zu Wege gebracht hat, obwohl dieses körperliche Schreiben eben früher gang und gäbe war.

    • Interessante Beobachtungen zur “Soziologie der Handschrift”. Wie es scheint, wirkt sich die politische Sozialisation einer Generation (“68er”) kaum darauf aus, bei der Mediennutzung nicht Züge eines Konservatismus zu zeigen.

  5. Mit Handschriften-Fonts für den Computer hat sich ein neues Feld eröffnet. Die Werbung hat sie entdeckt um von den standardisierten Texten abzulenken. Generell will man mit Handschriftenfonts etwas vermitteln was über den Inhalt hinausgeht. Es gibt auch ein Projekt, Einsteins Handschrift als Font zur Verfügung zu stellen.

  6. Noch ein Nachtrag aus der Kognitionswissenschaft, über den ich gestern gestolpert war: Es sind unterschiedliche “Festigungen” zu beobachten, je nachdem ob man mit Hand oder auf dem Laptop Notizen macht:

    “In the final study, Mueller allowed each group to study their notes, testing them on the material a week later. She expected the laptop note-takers’ scores to bounce back, but it wasn’t the case: ‘We were surprised that the longhand students still did better … Even though laptop note-takers had more content written down, they hadn’t processed it in the same way initially.'”
    (How Typing is Destroying Your Memory … http://goo.gl/EZcZC6 )

    Der Effekt könnte mit der Geschwindigkeit des Notizenmachens/Schreibens zusammenhängen, denn wenn man auch schneller schreiben kann, so kann man doch nie das bgeleitende Denken als solches beschleunigen.

    • @Iversen: Der Effekt, dass Notizen per Handschrift besser gelernt werden als Texte mit Computertatstatur hat weniger mit der Schreibgeschwindigkeit zu tun. Sondern mit der Art und Weise, wie geschrieben wird:
      Mit der Tastatur schreibt man meist fast blind, der Text wird gelegentlich überprüft.
      Das Schreiben mit per Handschrift ist aber ein oszillierener Vorgang. Man gibt dabei schreibend nicht nur den Text ein, sondern liest ihn dauernd dabei auch gleichzeitig immer wieder – und prägt sich den Inhalt dabei optisch ein. Schreiben/Lesen oszilliert so und vertieft so den Lerneffekt. Weil das Schreiben mit der Hand etwas langsamer geht, als mit der Tastatur, verlägert dies auch noch die Lernzeit.
      Zusätzlich ist das Schreiben von Buchstaben jeweils mit speziellen Abläufen der Feinmotorik verbunden, wodurch Körperbewegung und Inhalt zusätzlich verknüpft und das Wissen dadurch in mehreren Gehirnarealen abgelegt wird.

      • Bei mir hat Schreiben/Mitschreiben als Methode etwas bessser ins Gedächtnis einzubrennnen nie funktioniert. Wahrscheinlich weil mir die Handschrift nie lag, immer Mühe bereitete. Im Mathematikunterricht habe ich nie aufgeschrieben sondern einfach zugehört und mit- und weitergedacht. Das hat mir am meisten geholfen. Schreiben und Denken funktioniert bei mir nicht zusammen. Bei anderen hab ich schon beobachtet, dass sie plötzlich langsamer gehen oder gar stillstehen, wenn sie etwas überlegen. Es scheint verschiedene Lerntypen zu geben.

      • Das Schreiben per Hand ist zwar ein “oszillierender Vorgang” zwischen Sensorik und Motorik, aber das Schreiben mit der Tastatur erfordert im Gegensatz zum Schreiben mit der Hand eine sehr differenzierte Steuerung der einzelnen Finger. Die Handschrift ist ja eher eine “Handgelenkschrift”, das Tastaturschrift eine “Fingerschrift”. Insofern müssten andere Hirnareale aktiviert werden, was wiederum zu anderen kognitiven Verankerungsprozessen führen müsste. Allerdings ist einzugestehen, dass die Produktion von Buchstaben einen komplexeren Vorgang darstellt als lediglich die Auswahl durch das Drücken einer Taste.

        • Es kommt immer darauf an, wieso ich eine Notiz mache. Brauche ich eine Gedächtnisstütze für den nächsten Tag, ist es egal ob ich die Tastatur oder den Stift verwende.
          Soll die Notiz aber Basis von Lernwissen sein, dann ist die Handschrift von Vorteil – weil das Gehirn per Mustervergleich arbeitet. Je breiter die Basis der Verankerung einer Information beim Einspeichern ins neuronalen Netzwerk ist, um so einfacher kann sie rekonstruiert (= erinnert) werden. Denn bereits aus Teilen der Struktur kann dann die gewünschte Information wieder rekonstruiert werden.

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