Die Saat geht auf – Das mittelalterliche Trivium als Keimzelle der Geisteswissenschaften

Augustinus

Im Mittelalter wurden Rhetorik, Grammatik und Dialektik als Teil der „Sieben Freien Künste“ zum „Trivium“ zusammengefasst. Der Begriff bezeichnet eigentlich nur eine Weggabelung, steht aber für die drei sprachlichen „Wege zur Weisheit“.[i] Hinzu kamen als „Quadrivium“ die Arithmetik und die Geometrie mit ihren jeweiligen „Anwendungsdisziplinen“ Musik und Astronomie. Es ist ja eigentlich erstaunlich, dass dieses antike Wissenschaftssystem im christlichen Mittelalter aufrecht erhalten, ja sogar dort erst systematisiert worden ist. Einen wichtigen Einfluss, zumindest auf die Etablierung des Triviums, hatte dabei der spätantike Kirchenvater Augustinus, der vor seiner Bekehrung zum Christentum zunächst als erfolgreicher Redner Karriere gemacht hatte. Ihm gelang es, die klassische Rhetorik und mit ihr Grammatik und Dialektik als Instrumente der christlichen Heilsbotschaft umzudeuten und in dieser Lesart den späteren Zeiten zu vermitteln.[ii]

In den ab dem frühen 13. Jahrhundert entstehenden Universitäten bildete das Trivium die propädeutische Grundlage des Studiums. Jeder Student, der später in eine der drei höheren Fakultäten des Rechts, der Medizin und, als Krone der Wissenschaft, der Theologie überwechseln wollte, musste die philosophische Fakultät mit ihren Sieben Freien Künsten durchlaufen. Dadurch konnte sich die Rhetorik und die beiden aus ihr hervorgegangenen „Hilfswissenschaft“ als Kristallisationspunkte der späteren Geisteswissenschaften an den mittelalterlichen Universitäten etablieren. Allerdings verschoben sich die Gewichtungen untereinander – in Oxford und Paris etwa sank die Rhetorik zu einem Anhängsel der Grammatik herab, die wiederum stark von der Logik, wie die Dialektik mittlerweile genannt wurde, geprägt war.[iii] Durch diese propädeutische Funktion für die verschiedenen weiterführenden Disziplinen erhielten die drei Wissenschaften des Triviums einen stark instrumentellen Charakter. Ohne dass sich dies in der Bezeichnung niederschlug, wurden nach und nach auch weitere Disziplinen den Sieben Freien Künsten zugeordnet, da diese in ihrer Urform der Entwicklung der Wissenschaften und den Wiederentdeckungen in der Zeit der Renaissance nicht mehr entsprachen. Beispiele dafür etwa bilden die Naturphilosophie, eine Vorstufe unserer Naturwissenschaften, Ethik und Metaphysik oder auch die Poetik und Frühformen der Philologien.

Die Funktion der Rhetorik verlagerte sich also in den theologischen Bereich, weil die Auslegung der Heiligen Schrift die Praktizierung dieser „heidnischen“ Wissenschaft legitimierte.[iv] Schon in der Antike orientierte sich die Rhetorik-Ausbildung ja an den Reden berühmter Vorbilder, und diese Tendenz zur Schriftlichkeit wurde im Mittelalter auch dadurch verstärkt, dass die ursprüngliche Funktion der Rede im öffentlichen Zusammenhang weitgehend entfiel. Viele Teilbereiche der Rhetorik wurden zudem in anderen Disziplinen des Triviums überführt, etwa die Lehre von den rhetorischen Figuren und des Stils in die Grammatik und die Vermittlung konkreter Argumentationsmuster, die sogenannte Topik, in die Logik. Mit der Ausrichtung auf die Dichtung entstand in der Poetik eine „Rhetorik“ in neuer Gestalt, und auch die Predigtlehre greift Elemente der klassischen Rhetorik für diese „sakrale“ Form der Rede auf.[v] Als ars dictaminis wirkte sich die Rhetorik sogar auf Recht und Verwaltung aus: Sie lehrte, wie Briefe funktionsgerecht und wirkungsvoll zu verfassen sind.[vi] Auch wenn es mit der Vorlesung und der Disputation an den mittelalterlichen Universitäten weiterhin die praktische Seite der Rede gab[vii], so entwickelte sich die Rhetorik in dieser Zeit doch zu einer schriftsprachlichen Interpretations- und Auslegungstechnik geistlicher Schriften. Aus der ursprünglich vor Gericht und auf dem Marktplatz entstandenen Erfahrungswissenschaft war eine Philologie geworden.

Die Grammatik wurde im Mittelalter zum Fundament der gesamten akademischen Ausbildung.[viii] In ganz Europa war die Sprache der Universitäten Latein, und die antiken Grammatiken besaßen deshalb auch im Mittelalter eine fremdsprachendidaktische Funktion. Mit ihrer Ausrichtung auf die Werke antiker Literatur vermittelte sie zugleich Vorbilder für die Produktion lateinischer Texte in stilistischer Hinsicht. Damit wirkte sie auch in diesem Bereich weiterhin normativ.

Durch die Ausrichtung auf die Heilige Schrift und andere geistliche Texte kam aber auch die Frage auf, in welchem Verhältnis der sprachliche Ausdruck zum theologischen Inhalt steht. Einen Anknüpfungspunkt dafür bot die antike Referenzgrammatik Priscians, die die grammatischen Kategorien semantisch begründete. Auf dieser Basis entwickelten sich im Hochmittelalter vielfältige sprachphilosophische Überlegungen und erste Grammatiken, die nicht vorrangig didaktische Zielsetzungen verfolgten. Bei den „Modisten“ etwa zeigen sich Ansätze einer allgemeinen Grammatik[ix], was mit Thomas von Erfurts „Spekulativer Grammatik“ einen Höhepunkt erlebte. Die normativ-didaktischen Regeln früherer Grammatiken werden darin zu einer Sprachtheorie weiterentwickelt, mit der vor allem das Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit erklärt werden soll. Dieser neuartige Blick auf Sprache löste die Grammatik von ihrer propädeutischen Funktion für die Rhetorik und lässt sie enger mit der Logik in Verbindung treten.[x]

Die Logik konnte von dem Stillstand der Rhetoriktheorie im Mittelalter in besonderem Maße profitieren. Dies lag zum einen daran, dass einige der logischen Werke von Aristoteles, durch arabische Gelehrte vermittelt, erst in dieser Zeit wiederentdeckt wurden.[xi] Vor allem aber befasst sich die Logik wie auch die Grammatik mit grundlegenden Fragen, die sich durch die theologische Neuausrichtung der Wissenschaften im christlichen Abendland zu stellen begannen. Zentral wurden dabei die so genannten „Gottesbeweise“, mit denen die Existenz Gottes als logisch zwingend gezeigt werden sollte.[xii] Solche Gottesbeweise bedurften einer stabilen methodischen Basis, weshalb die Logik die Rhetorik als Leitwissenschaft im Trivium ablösen konnte. Der Aufstieg der Logik im mittelalterlichen Wissenschaftssystem hatte allerdings den Preis, dass diese sich noch weiter von ihrer empirischen Basis, die ursprünglich in den Argumentationszusammenhängen des Gesprächs gelegen hatte, entfernen musste und sie zu einer abstrakten, idealisierten „Sprache des Denkens“ wurde.

 

Anmerkungen:

[i] Zu den Sieben freien Künsten insgesamt vgl. Rüegg, Walter  (Hg., 1993): Geschichte der Universität in Europa, Band 1 – Mittelalter. München: Beck, 279–320, und Glei, Reinhold (Hg., 2006): Die Sieben Freien Künste in Antike und Gegenwart. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag (Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium, 72).

[ii] Vgl. Rüegg 1993, 279–302.

[iii] Vgl. Rüegg 1993, 279f.

[iv] Vgl. Ueding, Gert; Steinbrink, Bernd (1994): Grundriß der Rhetorik : Geschichte, Technik, Methode. 3., überarb. und erw. Stuttgart u.a.: Metzler, 56–61.

[v] Zu Poetik und Predigtlehre vgl. Ueding/Steinbrink 1994, 66–73.

[vi] Vgl. Ueding/Steinbrink 1994, 63–66. Knape, Joachim (2008): Rhetorik und Stilistik des Mittelalters. In: Ulla Fix (Hg.): Rhetorik und Stilistik. Ein Handbuch historischer und systematischer Forschung. Berlin: de Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 31,1), S. 55–73, fasst diese Entwicklung zusammen und verweist auf weitere Ausprägungen der Rhetorik im Mittelalter.

[vii] Knape weist darauf hin, dass es sich dabei um hochformalisierte Kommunikationsprozesse handelte, vgl. Knape 2008.

[viii] Vgl. Rüegg 1993, 283–284.

[ix] So auch der Titel von Kapitel 1.2 in Gardt, Andreas (1999): Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 25–44. Vgl. ebd. zur modistischen Grammatik.

[x] Vgl. dazu Ueding/Steinbrink 1994, 56–61, und Rüegg 1993, 279–280.

[xi] Vgl. Rüegg 1993, 284–285.

[xii] Vgl. z.B. Hiltscher, Reinhard (2008): Gottesbeweise. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Henning Lobin

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www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) und Professor an der dortigen Universität. Zuvor war er ab 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, germanistischer Fachbeiräte von DAAD und Goethe-Institut und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017). Im August 2018 ist im Metzler-Verlag erschienen: Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache.

5 Kommentare

  1. Liest sich sehr gut, vielen Dank für die Ausführungen, das Mittelalter bedeutete keineswegs eine Phase der Stagnation, auch was die Wiederkehr Christi betrifft, die mit 1000-jährigem Abstand neuer Theoretisierung bedurfte, also nochmal: Webbaer sehr zufrieden sein.
    Irgendwann sind dann die Einzelwissenschaften aus der Philosophie sukzessive herausgelöst worden, woll.
    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Ich frage mich, ob die Predigt für die Praxis der Rhetorik nicht eine größere Rolle gespielt haben könnte, als es hier vertreten scheint. Es wurde ja sehr viel gepredigt, seit dem Aufkommen der Bettelorden auch in den Nationalsprachen, damit die Bürger sie verstehen können.

    • Mit der ars praedicandi gab es auf jeden Fall schon im Mittelalter eine ausgeprägt Predigt-Theorie für die vierte Redegattung. Der Unterschied zu der antiken Redepraxis liegt in meinen Augen aber darin, dass eine Predigt zu halten eine klerikale Aufgabe ist und deshalb mit dem Erwerb der rhetorischen Techniken nicht eine allgemeine Bildungswirkung zumindest der höheren Stände zustande kommen konnte, wie es in der Antike der Fall war. Umgekehrt kann man natürlich sagen, dass zumindest für den Klerus der Umstand, predigen können und sich dafür die Grundlagen aneignen können zu müssen, zu einem Bildungsprogramm innerhalb der Kirche wurde, das durchaus zur Festigung der jahrhundertelange Vorherrschaft dieser Institution beigetragen hat. Für die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung im Mittelalter gilt das in meinen Augen jedoch nicht.

  3. Ein sehr erhellender Beitrag!
    Interessant sind auch die universitären Schwerpunktsetzungen, wie sie in Bologna beobachtet werden konnten. Durch die Bedeutung des Handels entwickelte sich die ars dictaminis hier zu einer Art business studies.

    • Vielen Dank! Und Ihrem Hinweis auf die spezifische Ausprägung der ars dictaminis werde ich noch einmal nachgehen. Dieser Zusammenhang mit der Rhetorik-Tradition ist in der Textlinguistik bislang nicht so sehr beachtet worden.

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