Der digitale Code ist die DNA der Kultur

Wenn digitale Meme die neuen Replikatoren sind, wie ich in meinem letzten Beitrag zu zeigen versucht habe, dann ist der digitale Code, aus dem sie bestehen, ihre DNA, die DNA der Digitalkultur. Für die “klassischen” Meme, die neuronalen Meme, wie sie Dawkins beschrieben hat, gilt dies nicht, denn sie besitzen nichts, was „direkt im Gehirn beobachtet werden könnte“, keine „syntaktische Klassifikation“[i]. Ein digitales Mem (d-Mem) hingegen lässt sich als eine eindeutige Abfolge von Zuständen im Speicher eines Computers wiedergeben, so wie ein Gen mit einer eindeutigen Abfolge von Basenpaaren auf dem DNA-Strang gleichzusetzen ist. Beide Kodierungen, die des Gens und die des d-Mems, erfolgen binär. Sind neuronale Meme (n-Meme) somit nur eine Vorstufe zu d-Memen? Auch die genetische Replikation besaß ja evolutionäre Vorstufen, in denen das, was einmal der einzige biologische Replikator werden sollte, ebenfalls nur unscharf umrissen war und seine optimale Gestalt noch suchte.[ii] Führen also alle Wege der kulturellen Evolution zum digitalen Code? Seit einiger Zeit sieht es tatsächlich so aus, denn sämtliche kulturellen Hervorbringungen werden mittlerweile digital gespeichert, ältere kulturelle Artefakte in großangelegten öffentlichen Förderprogrammen nachträglich digitalisiert.[iii] Die kulturelle Evolution basiert schon heute nicht mehr nur auf den neuronalen Memen in den Köpfen der Menschen, sondern auch auf den digitalen Memen in den Speichern der Computer. Und wenn diese Meme mit dem digitalen Code eine eindeutige syntaktische Form aufweisen, dann entspricht dieser der biochemischen Basis der biologischen Evolution. Der digitale Code ist die DNA der Kultur.

Replikationsverfahren

Gene werden bei der Replikation in einem mehrstufigen Prozess kopiert und untereinander rearrangiert. Durch Fehler im Kopiervorgang und revidierte Anordnung entstehen Mutationen – auf genetischer Ebene und auf der Ebene von Chromosomen, die im Prinzip nichts anderes sind als lange Ketten von Genen. Die aus der Steuerung der Gene hervorgehenden Organismen verändern sich dadurch als Phänotypen und erzielen möglicherweise einen Selektionsvorteil in ihrer Umwelt. Die Replikation der n-Meme erfolgt durch Nachahmung, wie in der „klassischen“ Memetik angenommen wird. Die Phänotypen der n-Meme, kulturelle Hervorbringungen unterschiedlichster Art, werden von Menschen wahrgenommen, die grundlegenden n-Meme replizieren sich dadurch in den Gehirnen anderer Menschen. Dabei spielen bewusste und unbewusste Formen der Nachahmung zusammen, Lesen und textbasiertes Lernen sind wichtige Nachahmungstechniken von schriftlichen n-Memen. Mutationen geschehen durch Veränderungen bei der Nachahmung aufgrund des Kontakts eines n-Mems mit anderen n-Memen im menschlichen Gehirn – die memetische Form der Mutation.

Bei der Replikation eines d-Mems hingegen finden keine Mutationen statt. Der algorithmisch gesteuerte Kopierprozess von digitalen Daten kann Kopierfehler weitgehend vermeiden. Falls sie dennoch auftreten, unterliegt das zugrundeliegende d-Mem dadurch eher einem Selektionsnachteil, wenn etwa eine Word-Datei nach einem Kopierfehler nicht mehr vom Textverarbeitungsprogramm erkannt wird. Wo findet also die Mutation bei der Reproduktion von d-Memen statt? Wir erwarten von einem Computer nicht, dass er uns eine literarische Erzählung interpretiert, wenn wir diese digitalisieren. Darin unterscheidet er sich deutlich vom Menschen. Wenn ein Mensch eine Erzählung gelesen hat, dann erwarten wir sehr wohl, dass er etwas dazu sagen kann, die Geschichte nacherzählen und ihre Figuren hinsichtlich ihrer Eigenschaften und Ziele deuten kann. Die digitale Auswertung eines solchen Textes führt hingegen zu quantitativen Ergebnissen aufgrund statistischer Analysen. Das ist es auch, was Literaturwissenschaftler interessiert, wenn sie den Computer als Hilfsmittel für ihre Arbeit einsetzen. Der Computer verändert und variiert nicht die n-Meme, die er durch Digitalisierung übernimmt, er schafft vielmehr neue d-Meme, die Eigenschaften besitzen, die für die algorithmische Verarbeitung geeignet sind. Seine Interpretation ist das Auszählen, und die Ergebnisse des Auszählens sind d-Meme, die sich wiederum mit anderen quantitativ ermittelten d-Memen verbinden lassen. So sieht also die Schaffung neuer d-Meme in Computern aus: Sie entstehen durch Aggregation und Quantifizierung von Information.

Genetische Evolution, digitale Evolution

Jeder Replikator entwickelt seine eigene evolutionäre Dynamik. Die genetische Evolution hat Organismen hervorgebracht, die basierend auf ihrer biochemischen Reproduktion durch Zellteilung in ihrer Umwelt besonders erfolgreich sind. Durch die Evolution von n-Memen sind Sprache, Texte, Verhaltensweisen und andere kulturelle Hervorbringungen entstanden, die in ihrer kulturellen Umwelt hohen Reproduktionserfolg erzielen. Dabei formen die verschiedenen Replikatoren ihre jeweilige Umwelt, und durch den erweiterten Phänotyp eines Organismus werden Selektionsprozesse in Gang gesetzt, die über den eigentlichen Organismus hinausgehen. Die biologische Umwelt verändert sich dadurch genauso wie die kulturelle Umwelt im Laufe des evolutionären Geschehens. Diese Anpassungsvorgänge haben sich auch im unmittelbaren Biotop der Gene und n-Meme vollzogen: Die Evolution hat die Zelle zur „Überlebenskapsel“ der Gene modelliert und unsere Gehirne zu der der n-Meme.

Beide evolutionären Tendenzen – die Formung der Umwelt und die Optimierung des unmittelbaren Biotops – werden sich auch beim dritten Replikator wiederholen, bei den digitalen Memen. D-Meme haben längst begonnen, die Schriftkultur in eine Digitalkultur zu transformieren. Die Veränderung ihres unmittelbaren Biotops dagegen betrifft die Computertechnologie. Die „Überlebenskapsel“ digitaler Meme ist der Computer in allen seinen Spielarten mitsamt seinen Komponenten (zum Beispiel Bildschirm und Drucker), die spezifische Phänotypen hervorbringen. Der immer größere Vernetzungsgrad, die weiterhin steigenden Prozessor-Geschwindigkeiten und die ständig sinkenden Speicherkosten sind Belege dafür, dass sich das unmittelbare Biotop der d-Meme in den vergangenen Jahrzehnten zu ihren Gunsten entwickelt hat. Auch in qualitativer Hinsicht haben sich die Bedingungen aufgrund differenzierterer Rechnerarchitekturen, leistungsfähigerer Software und effizienterer Methoden auf allen Ebenen verbessert. Diese Entwicklung ist noch lange nicht an ihr Ende gekommen, und die immer besseren Reproduktionsbedingungen für digitale Meme werden diese technologische Entwicklung weiterhin befeuern – nicht zuletzt durch computergestützte Verfahren der Hard- und Software-Entwicklung.

Koevolution

In der biologischen Evolutionstheorie spielt Koevolution eine wichtige Rolle. Damit ist entweder die Symbiose gemeint, bei der die Individuen zweier Arten sich gegenseitig Selektionsvorteile verschaffen und diese Kooperation wiederum evolutionär verstärkt wird. Es kann aber auch gemeint sein, dass sich zwei Arten so etwas wie ein Wettrüsten liefern, etwa der Jäger und seine Beute, der Parasit und sein Wirt oder zwei in gleicher Umwelt miteinander konkurrierende Arten.[iv]

Susan Blackmore hat das Konzept der Koevolution übertragen auf das Zusammenspiel von Memen und Genen, also eine Koevolution beschrieben, die das evolutionäre Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Replikatoren betrifft. Dies kann nämlich auch symbiotisch ausgeprägt sein, und Blackmore nennt dafür als Beispiel die koevolutionäre Entwicklung unserer kulturellen Hervorbringungen (memetisch bedingt) und die Größe unseres Gehirns (genetisch bedingt).[v] Nach dieser Argumentation wirkt sich die Fähigkeit, Meme zu produzieren und in anderen Individuen durch Kommunikation zu reproduzieren, auf die reproduktive Attraktivität eines Individuums aus. Dadurch entsteht ein koevolutionärer Kreislauf, durch den einerseits die Fähigkeiten der Mem-Verarbeitung, andererseits die dafür notwendigen hirnphysiologischen Voraussetzungen selektiert werden. Dies würde laut Blackmore die hohe Attraktivität erklären, die Sprachfähigkeit und künstlerische Produktion auf Menschen besitzen, den sex appeal von Sängern, Musikern, Schauspielern und Künstlern.

Um eine Koevolution von Genen und d-Memen beobachten zu können, ist der digitale Replikator noch viel zu kurzzeitig in der Welt. Wir können aber durchaus mit Recht danach fragen, ob es eine Koevolution von d-Memen und n-Memen gibt. Dies würde bedeuten, dass bestimmte n-Meme sich erfolgreicher reproduzieren können, wenn sie eine Verbindung mit d-Memen eingehen, also mit einer bestimmten Sequenz digitalen Codes, der dadurch seinerseits einen Selektionsvorteil erwirbt. Dafür lassen sich durchaus Belege finden: Sprachen unterliegen einem evolutionären Wandel; für bestimmte Konzepte oder Sachverhalte gibt es mehrere Wörter (zum Beispiel „Junge“/„Bursche“ und „Mädchen“/„Mädel“) und dialektale Aussprachevarianten. Mit der Verschriftlichung einer Sprache werden viele dieser Varianten zurückgedrängt, weil die Schriftsprache eine Tendenz zur Standardisierung in sich trägt. Trotzdem bleiben manche Varianten erhalten, denn die gesprochene Sprache übt auch weiterhin einen wichtigen Einfluss aus. All das spielt sich im Bereich der n-Meme ab und lässt sich sprachwissenschaftlich nachvollziehen.

Die Digitalisierung der schriftlichen Kommunikation wäre nun mit der These verbunden, dass digital kodierte Wörter sich besser durchsetzen, also reproduzieren können als nicht digital kodierte, da sie leichter und fehlerfrei kopiert, in Netzwerken verschickt und automatisch verarbeitet werden können. Die Rechtschreibkorrektur in einem Textverarbeitungsprogramm etwa wird automatisch bestimmte Versionen des Wortes „selektieren“, andere als falsche oder dialektale Formen kennzeichnen und dadurch in ihrem Reproduktionserfolg einschränken. In der Digitalkultur müssten demnach die dialektal und regional geprägten Varianten von Wörtern stärker in ihrer Existenz bedroht sein als in der nicht-digitalen Schriftkultur, die Standardformen noch stärker begünstigt werden. Die dominanten Wörter, die sich als d-Meme erfolgreicher reproduzieren können (also etwa die digitalen Kodierungen von „Junge“ und „Mädchen“), befinden sich somit in einer symbiotischen Beziehung zu den entsprechenden Wörtern als n-Meme (den binären Zeichensequenzen für „Junge“ und „Mädchen“), und diese können sich in den Köpfen der Menschen gegenüber weniger gebräuchlichen Wörtern (etwa „Bursche“ und „Mädel“) durchsetzen.

Derartige Fragestellungen werden in der Linguistik bislang kaum systematisch untersucht, doch gibt es mittlerweile die Instrumentarien, die man für solche Untersuchungen benötigt. Auch auf anderen Ebenen der Sprache, bei Inhalten und Verwendungsweisen sollten sich die zusätzlichen oder gegenläufigen evolutionären Kräfte, die durch die Digitalisierung entstehen, nachweisen lassen. Wenn das gelingt, wäre gezeigt, dass d-Meme, die ja (im Falle von Wörtern durch ihre Unicode-Kodierung bedingt) nichts weiter als eine aus Nullen und Einsen bestehende Informationssequenz darstellen, wie Gene als DNA-Abschnitte einer eigenständigen Evolution unterliegen.

Der andere Weg der Koevolution ist der des Wettrüstens oder des parasitären Verhaltens. Es ist nicht ganz einfach, sich eine derartige Konstellation zwischen n-Memen und d-Memen vorzustellen. Auf die Schriftkultur bezogen würde ein Wettrüsten bedeuten, dass sich bestimmte, typischerweise nicht-digitale Erscheinungsformen zunehmend gegen die Digitalisierung abschotten, während im Bereich des Digitalen immer ausgefeiltere Verfahren entstehen, die diese Abschottung zu durchbrechen erlauben. Vielleicht ist das handschriftliche Schreiben so ein Fall: Handschrift und handschriftliche Notizen gehören zu den letzten Bastionen, die noch nicht vollständig von der Digitalisierung erobert worden sind. Zwar gibt es inzwischen recht gut funktionierende Handschrift-Erkennungs­pro­gram­me für stiftbasierte Tablet-Computer, doch versagen diese immer noch, wenn man schnell Notizen auf die Fläche „wirft“ und diese vielleicht noch mit Skizzen und anderen grafischen Elementen anreichert. Die Renaissance des Notizbuchs mag ein Ausdruck der evolutionären Verstärkung dieser typischen nicht-digitalisierbaren Verwendung von Schrift sein. Auf der anderen Seite entstehen technische Geräte wie der beschriebene SmartPen, der unter bestimmten Voraussetzungen auch handschriftliche Notizen auf Papier digitalisiert. Dies geschah zunächst noch als Bild – der nächste Schritt des Wettrüstens zwischen n-Memen und d-Memen ist aber bereits getan: die Integration einer einigermaßen zuverlässigen Texterkennung auf frei geschriebenen Notizen.

Die folgende Tabelle fasst einige der Überlegungen zur kulturellen und digitalen Evolution nochmals zusammen:

  Biologische
Evolution
Kulturelle
Evolution
Digitale
Evolution
Replikator Gen in Zelle n-Mem in Gehirn d-Mem in Computerspeicher
Umwelt Natur, d.h. biologische Ökosysteme Kultur, d.h. menschliche Gemeinschaften Vernetzte Computersysteme
Repro­duktion Genetische
Replikation
Nachahmung; z.B. Lesen und Schreiben Digitales Kopieren
Phänotyp Organismus mit seinen Bestandteilen und Fähigkeiten Text, Lautfolge, Bild … und Bestandteile Bildschirmdarstellung, Ausdruck, DVD-Speicherung…
Erweiterter Phänotyp z.B. Bieberdamm,
Spinnennetz
z.B. Bibliothek, Verlag, Schule Infrastrukturen und Institutionen der Digitalkultur

 

[Änderungshistorie: 2.11.2015 – Zwischenüberschriften eingefügt]

 

[i] Dennett, Daniel C. (1995). Darwin’s Dangerous Ideas. Evolution and the Meaning of Life. London: Penguin, 354. Zur Frage, ob Mem-Transmission als syntaktische Replikation oder semantische Reproduktion zu verstehen ist, vgl. auch Schurz, Gerhard (2011). Evolution in Natur und Kultur. Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 217–222.

[ii] Vgl. Lynch, Michael (2007). The Origins of Genome Architecture. Sunderland (MA): Sinauer Associates.

[iii] So zum Beispiel im Göttinger oder Münchener Digitalisierungszentrum (http://gdz.sub.uni-goettingen.de/gdz/ und http://www.digitale-sammlungen.de/).

[iv] Vgl. Zrzavý, Jan, Hynek Burda, David Storch, Sabine Begall & Stanislav Mihulka (2013). Evolution. Ein Lese-Lehrbuch. Berlin: Springer Spektrum, 2. Auflage, 55.

[v] Vgl. Blackmore, Susan J. (2005). Die Macht der Meme oder die Evolution von Kultur und Geist. München, Heidelberg: Elsevier, Spektrum, Kapitel 6 bis 8.

Veröffentlicht von

www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 2018 Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Mitglied der gemeinsam vom Bund und allen 16 Bundesländern finanzierten Leibniz-Gemeinschaft) und Professor für Germanistische Linguistik an der dortigen Universität. Zuvor war er ab 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie, Grammatik, Wissenschaftskommunikation und Politolinguistik. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, germanistischer Fachbeiräte von DAAD und Goethe-Institut und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Lobin ist Autor von acht Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon und im Buchhandel). Zuletzt erschienen die Bücher Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017, chinesische Übersetzung 2018) und Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache (Metzler, 2018). Bei den SciLogs ist Henning Lobin seit 2014 Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis", nachdem er dort bereits ab 2008 am Gruppenblog "Interactive Science" beteiligt gewesen war.

31 Kommentare

  1. Der Phänotyp des D-Mems ist die Bildschirmdarstellung, der Ausdruck, die DVD-Speicherung. Etwas mager verglichen mit dem Phänotyp der biologischen und selbst der kulturellen Evolution.

    Vielleicht ändert sich das ja für Teilbereiche der ditigtalen Produktion mit dem 3D-Printing. Im Extremfall könnte eine lebensähnliche Maschinenwelt entstehen über Assembler (3D-Printer), die aus rein digitalen Vorlagen komplizierte Maschinen bauen, darunter selbst wieder Assembler. Das wäre eine Art Parallewelt zur biologischen Welt. Schlussendlich könnte sie sich selbst replizieren. Auf der Erde würde der Mensch wohl keine völlig freie Weiterentwicklung einer sich selbst reproduzierenden Maschinenwelt zulassen, aber auf dem Mond und anderen lebensfeindlichen Umgebungen könnte man sich das vorstellen.

    • @Martin Holzherr

      »Auf der Erde würde der Mensch wohl keine völlig freie Weiterentwicklung einer sich selbst reproduzierenden Maschinenwelt zulassen, aber auf dem Mond und anderen lebensfeindlichen Umgebungen könnte man sich das vorstellen.«

      Ja, ich könnte mir auch vorstellen, dass man ein komplettes, sich selbst erhaltendes Maschinensystem auf dem Mond installiert. Von der Rohstoffgewinnung bis zum fertigen Produkt (u.a. lernfähige Roboter), alles vollautomatisch (so als eine Art Gedankenexperiment).

      Was ich mir aber kaum vorstellen kann, ist, dass dieses System einer Evolution (im herkömmlichen, biologischen Sinne) unterliegen würde. Eher dürfte es dann so sein, dass die intelligenten Maschinen neue Maschinen konstruieren, die noch besser, haltbarer, vielseitiger oder spezieller sind, das heißt, das System würde sich selbst laufend verbessern, so lange, wie es die Ressourcen halt zulassen. Und vorausgesetzt natürlich, die künstlichen Intelligenzen wären erfinderisch „begabt“. Aber wäre diese Form der Weiterentwicklung wirklich Evolution im herkömmlichen Sinne?

    • Im Extremfall könnte eine lebensähnliche Maschinenwelt entstehen über Assembler (3D-Printer), die aus rein digitalen Vorlagen komplizierte Maschinen bauen, darunter selbst wieder Assembler. Das wäre eine Art Parallewelt zur biologischen Welt. Schlussendlich könnte sie sich selbst replizieren. Auf der Erde würde der Mensch wohl keine völlig freie Weiterentwicklung einer sich selbst reproduzierenden Maschinenwelt zulassen, aber auf dem Mond und anderen lebensfeindlichen Umgebungen könnte man sich das vorstellen.

      Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich halte das für genauso fiktiv (d.h. für pure Science Fiction) wie die Vorstellung, man könnte per Wurmloch mal eben so zu anderen Galaxien fliegen.

      • 3D printed evolving robots erwähnt ein Projekt bei dem Roboter durch einen genetischen Algorithmus designt und ihre Tauglichkeit getestet wird indem sie mit 3D-Printing hergestellt werden und sich dann bewähren müssen. Das ist ein erster Schritt in eine mögliche evolvierende Maschinenwelt. Letzlich müssten Roboter Roboter herstellen, damit wir bei einer sich selbst reproduzierbaren lebensähnlichen Maschinenwelt landen. Davon sind wir noch weit entfernt. Unmöglich ist es aber nicht. Und phantastisch wie die Reise durch ein Wurmloch ist es allemal nicht.

        • 3D printed evolving robots erwähnt ein Projekt bei dem Roboter durch einen genetischen Algorithmus designt und ihre Tauglichkeit getestet wird indem sie mit 3D-Printing hergestellt werden und sich dann bewähren müssen.

          Darin heißt es u. a.: “and involves a computer whittling down thousands of solutions to a problem to select the best one.” Das hört sich so an, als würde das Problem von Menschen vorgegeben.

          Genau das hat die auf der Biologie beruhende Evolution nicht nötig.

          Ich halte es für sinnvoll, erst einmal die Frage zu lösen, was Evolution außerhalb der reinen genetischen Evolution eigentlich ist. Das hat man momentan noch nicht geschafft. Hat man dafür ein Verständnis erhalten, könnte man sich vielleicht irgendwann einmal dem Problem nähern, selbstreproduzierende Roboter zu konstruieren.

          Gemäß Mersch ist eine Folgerung der SET aber, dass eigenständig evolvierende Maschinen etwa die Gestalt des Unternehmens Apple haben müssten, in dem dann allerdings keine Menschen mehr arbeiteten, sondern vom Unternehmen gebaute und entwickelte Roboter. Viel Vergnügen beim Stellen der Forschungsanträge für ein solches Vorhaben.

          Übrigens deckt sich diese Vorstellung ein wenig mit den Terminator-Filmen. Auch dort ist es ja eher das Computernetzwerk Skynet, das Bewusstsein erlangt und die Weiterentwicklung der Maschinen koordiniert. Es wird nicht behauptet, dass sich die einzelnen Maschinen selbst reproduzieren.

          Sollte man so etwas auf dem Mond bauen können, wäre dort eine Umweltverschmutzung biblischen Ausmaßes die Folge. Denn die Effizienz des Kohlenstoff-basierten Lebens hätte man dort nicht. Man stelle sich vor, man würde eine Zelle aus Stahl bauen. Sehr witzig.

          • Ja, ein wichtiger Punkt: Autonome Maschinenkreaturen können auf ganz unterschiedlichen Prinzipien beruhen.
            In Science Fiction Filmen sieht man praktisch nur die Version wo ein Suberbot, eine alles überragende Intelligenz, die Herrschaft übernimmt. Skynet ist da nur ein Beipiel unter ganz vielen. Bei dieser Version tritt die Maschine an die Stelle des Menschen und lenkt alles nach seinem Willen.

            Interessanter finde ich künstliche Kreaturen, die ähnlich wie Lebewesen vor allem einmal überleben wollen oder die eine ihnen gestellte Aufgabe möglichst gut bewältigen müssen. Das wären Robots, die ihren eigenen Bauplan in sich tragen und die mittels einer Gebärmaschine sich selbst reproduzieren und auch evolvieren können. Das oben erwähnten Projekt 3D printed evolving robots könnte in diese Richtung gelenkt werden, wenn der Algorithmus, der sich neue Varianten von Kreaturen ausdenkt, als Input den Bauplan von mehreren existierenden Maschinen nehmen würde um dann in einem Rekombinationsschritt neue Versionen zu kreiren.

            Die Extremversion wurde auch von ihnen erwähnt: ” Man stelle sich vor, man würde eine Zelle aus Stahl bauen.”.

            Es gibt Forscher, die diesen Ansatz verfolgen: Eine Maschine aus lauter gleichen oder ähnlichen Modulen, die rekonfiguriert werden können (Self-reconfiguring modular robot. Falls die Module sehr klein wären könnte man sie als Zellen auffassen.Das CAtom-Projekt (Claytronics) der CMU (Carnegie Mellon University) geht am ehesten in die Richtung eines zellbasiereten Systems. Beim CAtom-Projekt sollen allein magnetische Kräfte die “Zellen” zusammenhalten und eine Rekonfiguration jederzeit möglich sein.
            Viele dieser Projekte haben aber nicht die evolutive Entwicklung im Sinn sondern mehr die jederzeit mögliche Rekonfiguration.

      • Zitat: “Ich halte das für genauso fiktiv (d.h. für pure Science Fiction)” Das biologische Leben ist so verrückt, dass man es, wenn es ein Ingenieurprojekt wäre nur als höchst fiktiv, ja pure Science-Fiction betrachten müsste. Ein gutes Beispiel für “verrückte” Mechanismen, so unwahrscheinlich wie die Reise durch ein Wurmloch, findet sich hier.

  2. Jeder Replikator entwickelt seine eigene evolutionäre Dynamik. Die genetische Evolution hat Organismen hervorgebracht, die basierend auf ihrer biochemischen Reproduktion durch Zellteilung in ihrer Umwelt besonders erfolgreich sind. Durch die Evolution von n-Memen sind Sprache, Texte, Verhaltensweisen und andere kulturelle Hervorbringungen entstanden, die in ihrer kulturellen Umwelt hohen Reproduktionserfolg erzielen. Dabei formen die verschiedenen Replikatoren ihre jeweilige Umwelt, und durch den erweiterten Phänotyp eines Organismus werden Selektionsprozesse in Gang gesetzt, die über den eigentlichen Organismus hinausgehen. Die biologische Umwelt verändert sich dadurch genauso wie die kulturelle Umwelt im Laufe des evolutionären Geschehens. Diese Anpassungsvorgänge haben sich auch im unmittelbaren Biotop der Gene und n-Meme vollzogen: Die Evolution hat die Zelle zur „Überlebenskapsel“ der Gene modelliert und unsere Gehirne zu der der n-Meme.

    Mein Problem dabei ist, dass hier eine Entwicklung aufgezeigt wird, die ihren Antrieb aus den Vorteilen für Gene bzw. x-Meme bezieht. An einer anderen Stelle im Text wird damit selbst die Computerentwicklung (“Überlebenskapseln der d-Meme”) erklärt. Alternativ (und m. E. plausibler) kann man aber auch alles auf die Interessen (aka Reproduktionsvorteile) der beteiligten Akteure zurückführen. Unternehmen z. B. haben den Personalcomputer im großen Stil aus Effizienzgründen (und anderen Vorteilen) eingeführt, für Smartphones gilt gleiches. Sie wurden nicht eingeführt, um D-Memen ein leistungsfähigeres Biotop zu geben.

    Dies würde laut Blackmore die hohe Attraktivität erklären, die Sprachfähigkeit und künstlerische Produktion auf Menschen besitzen, den sex appeal von Sängern, Musikern, Schauspielern und Künstlern.

    Das könnte auch mit der Handicap-Theorie erklärt werden, so wie es im Tierreich erfolgt. Gute Sänger haben schließlich auch bei vielen Vogelarten einen ungemeinen sex appeal. Bei Menschen beschränken sich solche Vorteile überwiegend auf das männliche Geschlecht, es sei denn, es wird direkt auf besonders sexy gemacht. Joanne K. Rowling hat aber m. E. keinen größeren Sex Appeal auf Männer als die in der Cheesecake Factory arbeitende Penny aus The Big Bang Theory.

    Mit der Verschriftlichung einer Sprache werden viele dieser Varianten zurückgedrängt, weil die Schriftsprache eine Tendenz zur Standardisierung in sich trägt.

    Das gilt heute selbst für die deutsche Sprache an sich. In vielen Wissenschaften ist es längst so, dass eine neue Erkenntnis überhaupt nicht existent ist, solange sie nicht in Englisch publiziert wurde. Auch dieser Prozess lässt sich m. E. nicht besonders plausibel von den Memen aus erklären.

    • Der Antrieb aus den Vorteilen für die Meme und der Antrieb aus den Vorteilen für die Akteure sind nur die zwei Seiten der selben Sache, weil die Meme und die Akteure in Symbiose existieren.
      Die Gene haben keine Wünsche, denn sie unterliegen nur physikalischen und chemischen Gesetzen, die die besten Überleber und Selbstkopierer häufiger werden lassen.
      In die Gehirne, die nach dem Bauplan der Gene gebaut werden, müssen die Gene auch Wünsche einbauen, weil sonst die Gehirne überhaupt nichts tun würden.
      In die Computer, die von den Menschen gebaut werden, müssen auch Programme eingegeben werden, weil sonst die Computer überhaupt nichts tun würden.
      Wünsche sind ein Spezialfall, der nur in den Gehirnen auftritt, ansonsten sind es nur physikalische und chemische Vorgänge, die das Überleben und Selbstkopieren bewirken.
      Die Kausalkette für die Marionetten der Evolution:
      Physik, Chemie, Gene, Gehirne, Wünsche, Computer, Programme, und deren Rückwirkungen auf die physikalische und chemische Umgebung.

      • Der Antrieb aus den Vorteilen für die Meme und der Antrieb aus den Vorteilen für die Akteure sind nur die zwei Seiten der selben Sache, weil die Meme und die Akteure in Symbiose existieren.

        Akteure existieren. Sie tauchen sogar in unserer Rechtsprechung auf. Ob Meme ebenfalls existieren? Bislang hat man sich auf ihre Ontologie noch nicht einigen können.

        Die Gene haben keine Wünsche, denn sie unterliegen nur physikalischen und chemischen Gesetzen, die die besten Überleber und Selbstkopierer häufiger werden lassen.

        Das zweckhafte Verhalten von Lebewesen ist vor allem eine Konsequenz ihrer Organisation. Die Gene repräsentieren nur die Information, die es unter bestimmten Bedingungen ermöglicht, die Organisation zu reproduzieren. Wünsche sind etwas anderes als Interessen. Man würde schließlich auch bei egoistischen Genen nicht von wünschenden Genen sprechen.

        In die Computer, die von den Menschen gebaut werden, müssen auch Programme eingegeben werden, weil sonst die Computer überhaupt nichts tun würden.

        Da geht es um Informationsverarbeitung, nicht um Leben. Genauso könnten Sie sagen, dass sie in Autos wie in Menschen Energieträger einspeisen müssen, sonst tun beide nichts. Wir reden von unterschiedlichen Kategorien.

        Computerhersteller stellen Computer her, um sie an Akteure (Menschen, andere Unternehmen) zu verkaufen, die damit Vorteile erzielen wollen (die also ihre Interessen verfolgen), genauso wie der Computerhersteller selbst. Die gesamte Ökonomie basiert auf dem Akteurskonzept. Eric D. Beinhocker: “Das Herzstück jeder Wirtschaftstheorie muss eine Theorie des menschlichen Verhaltens sein.” Das Herzstück jeder Ökonomie muss also ein Akteurskonzept sein. Es dürfte schwer werden, ökonomische Entwicklungen mit einer Evolutionstheorie zu beschreiben, die vollständig an den Grundlagen und der Denke der modernen Ökonomie vorbeigeht.

        • Hallo Lena,
          das Wesentliche an der Kausalkette für die Marionetten der Evolution ist doch, dass physikalische, chemische und genetische Vorgänge ohne jedes Bewusstsein, ohne jeden Wunsch, und ohne jedes Ziel als ihr Nebenprodukt unser Bewusstsein, unsere Wünsche, und unsere Ziele erzeugt haben.
          Das entwertet vermutlich unsere Ziele.
          Streng genommen sind das gar nicht unsere eigenen Ziele.
          Wir haben gar keine eigenen Ziele.
          Moment mal, wir erhalten Ziele von Vorgängen, die selbst gar kein Ziel haben?
          Wir bauen aber Geräte, die ohne eigenes Bewusstsein unsere Ziele verfolgen. Das ist zumindest lustig, aber nur für die Gehirne mit Heiterkeitsfunktionen.
          Natürlich kann man die Wünsche auch physikalisch auslegen, zum Beispiel:
          Das Elektron will zum Proton hin, oder die Kugel will in ein Tal rollen.
          Das mit dem Bewusstsein wird bei dem Elektron aber ein wenig schwierig werden.
          Anhang 1:
          Wer oder was hat über das zweckhafte Verhalten von Lebewesen eigentlich entschieden?
          Die Physik, die Gene, oder die Lebewesen?
          Gibt es überhaupt einen Zweck?
          Anhang 2:
          Akteure existieren. und Computerviren existieren ebenfalls.
          Sie tauchen sogar in unserer Rechtsprechung auf.
          Anhang 3:
          Das Herzstück des menschlichen Verhaltens sind ziellose physikalische Moleküle.

          • @Karl Bednarik

            Wer oder was hat über das zweckhafte Verhalten von Lebewesen eigentlich entschieden?
            Die Physik, die Gene, oder die Lebewesen?
            Gibt es überhaupt einen Zweck?

            Dass sich Lebewesen zweckhaft verhalten, darüber herrscht weitgehende Einigkeit in den Wissenschaften und insbesondere in der Biologie. Von John v. Neumann stammt die Unterscheidung von Ordnung und Organisation. Organisation ist demgemäß zweckgebunden. Selbstverständlich wird man an all den Themen scheitern, wenn man die Unterscheidung zwischen Leben und Nichtleben ignoriert und Lebewesen genauso betrachtet wie Moleküle oder Steine.

            Die Biologie hat ein Anrecht darauf, ihre eigenen Begriffe einzuführen. Wenn man nicht zulässt, dass sie bei der Flucht eines Tieres vor einem Fressfeind von Selbsterhalt spricht und bei dem Verhalten des Jägers ebenso (und stattdessen verlangt, von ziellosen Molekülbewegungen zu sprechen), dann spricht man ihr ein eigenes Betätigungsfeld ab.

          • Hallo Lena,
            die Fähigkeit Angst und Schmerz zu empfinden und die Absicht Angst und Schmerz zu vermeiden wurde in die Lebewesen von physikalischen, chemischen und genetischen Vorgängen eingebaut, die selbst nicht die geringste Ahnung von Angst, Schmerz, und Vermeidung haben.
            So eine DNA denkt nicht, plant nicht, und empfindet nicht.
            Wünsche, Instinkte, Triebe, Interessen, Ziele, Zwecke, das alles sind Steuerbefehle der Evolution, oder kausale Folgen der Steuerbefehle der Evolution, oder Wechselwirkungen der Umwelt mit den Steuerbefehlen der Evolution.
            Den meisten Lebewesen erscheint es logisch am Leben bleiben zu wollen.
            Das liegt am Selbsterhaltungstrieb.
            Den Selbsterhaltungstrieb gibt es deshalb, weil Lebewesen mit einem Selbsterhaltungstrieb häufiger überleben als ohne ihn.
            Mit einer weiterführenden Logik hat das aber nichts zu tun.
            Die Lebewesen sind Marionetten eines völlig ziellosen Marionettenspielers.
            Es gibt keine objektiven Ziele.
            Der Buddhismus sagt auch, dass man alle Wünsche ablegen sollte.
            Der Wunsch nach Wunschlosigkeit ist aber ebenfalls eine kausale Folge der von der Evolution eingebauten Wünsche.

          • @Karl Bednarik

            Den meisten Lebewesen erscheint es logisch am Leben bleiben zu wollen.
            Das liegt am Selbsterhaltungstrieb.
            Den Selbsterhaltungstrieb gibt es deshalb, weil Lebewesen mit einem Selbsterhaltungstrieb häufiger überleben als ohne ihn.
            Mit einer weiterführenden Logik hat das aber nichts zu tun.
            Die Lebewesen sind Marionetten eines völlig ziellosen Marionettenspielers.
            Es gibt keine objektiven Ziele.

            Wie ich schon an anderer Stelle schrieb, gibt es den 2. HS der Thermodynamik, gemäß dem es in unserem Universum zu einem ständigen Zuwachs an Entropie (bzw. einem Verlust an Ordnung – populärwissenschaftlich ausgedrückt) kommt.

            Aus diesem Grund können in unserem Universum streng genommen keine sehr großen Komplexitäten entstehen. Sie würden schon bald wieder zerfallen. Dem Leben ist aber ein Umgehungstrick gelungen. Es hat es geschafft, durch Organisation lokal dem ständigen Entropiezuwachs zu entgehen, zumindest für eine gewisse Zeit. Dazu besitzen Lebewesen Kompetenzen, mit denen sie aus ihrer Umgebung Ressourcen und insbesondere Energie beziehen. Verlieren sie ihre Kompetenzen, verlieren sie auch die Fähigkeit, den Entropiezuwachs in ihnen zurückzudrängen. Sie sterben dann.

            Aus diesem Grund nennt die SET als übergreifenden Zweck des Lebens die komparative (Kern-)Kompetenzverlustvermeidung.

            Das muss man nicht unbedingt mögen, ist aber eine rein physikalische Begründung des sog. Sinn des Lebens.

            Es gibt etliche Wissenschaftler, die das ganz ähnlich sehen, z. B. Peter W. Atkins (Brockman, John (Hrsg.) (2014): Wie funktioniert die Welt? Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit stellen die brillantesten Theorien vor, Frankfurt: Fischer, S. 256-8):

            Die Ansicht, dass Ereignisse sich abspielen, weil alles immer schlechter wird, ist von wunderbarer Einfachheit. Ich denke dabei an den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und die Tatsache, dass alle natürlichen Veränderungen von einer Zunahme der Entropie begleitet sind. (…)
            Insgesamt ist das Fortschreiten der Welt mit einer Zunahme der Unordnung verbunden, aber lokal können Strukturen, darunter Kathedralen und Gehirne, Dinosaurier und Hunde, Frömmigkeit und böse Taten, Dichtung und Hetzreden, als lokale Verringerung des Chaos auftauchen. (…)
            Ist es demnach allzu phantasievoll, wenn man sich vorstellt, dass auch intellektuelle Kreativität oder schlicht einfache, folgenlose Träumerei ähnliche Triebkräfte haben? In irgendeinem fiktiven gedanklichen Ruhezustand ist das Gehirn eine Ansammlung elektrischer und synaptischer Aktivität. Die Stoffwechselprozesse, die durch die Verdauung der Nahrung angetrieben werden, sorgen dann nicht dafür, dass Backsteine zu einer Kathedrale oder Aminosäuren zu Proteinen geordnet werden, sondern sie können auch in Konzepte, künstlerische Arbeit, törichte Entscheidungen oder wissenschaftliches Verständnis einfließen.
            Sogar das andere große Prinzip, die natürliche Selektion kann man als außerordentlich komplexe, netzförmige Entfaltung der Welt betrachten: Veränderungen, die in der Biosphäre und ihrer Evolution stattfinden, werden letztlich vom Abstieg in die Unordnung angetrieben. Ist es da ein Wunder, dass ich den Zweiten Hauptsatz als große Erleuchtung betrachte? Dass aus einem so einfachen Prinzip derart große Folgerungen erwachsen, ist nach meiner Überzeugung ein Kriterium für die Großartigkeit eines wissenschaftlichen Prinzips. Und ich glaube, es gibt nichts Einfacheres als das Prinzip, dass die Dinge schlechter werden, und keine Folgen sind größer als das Universum sämtlicher Aktivitäten, dieses Gesetz ist also sicherlich das großartigste von allen.

  3. „Beide Kodierungen, die des Gens und die des d-Mems, erfolgen binär.«

    Kann man das wirklich so sagen? Der genetische Code besteht doch, anders als der Binärcode, aus vier Buchstaben.

    • Kann man das wirklich so sagen?

      Ja, man kann das im Grunde so sagen, da man die 4 Buchstaben durch Binärcode ersetzen kann.

        • Ja eben, Herr Lobin, laut dem verlinkten Text speichert die DNA Daten nicht in einem zwei-wertigen, sondern in einem vier-wertigen Code:

          DNA stores data in four-valued base pairs,…

          (Fettdruck von mir)

          Das ist zwar im Kontext Ihres Beitrags nicht besonders wichtig, aber es sollte beim Leser auch nicht der falsche Eindruck entstehen, die genetische Information sei binär codiert.

      • @ Lena

        „Beide Kodierungen, die des Gens und die des d-Mems, erfolgen binär.” (Henning Lobin)

        “Ja, man kann das im Grunde so sagen, da man die 4 Buchstaben durch Binärcode ersetzen kann.” (Lena)

        Da man auch die 30 Buchstaben des deutschen Alphabets durch Binärcode ersetzten kann und mittlerweile wohl sogar ebenfalls die unzähligen Schriftzeichen des chinesischen, lässt sich leicht extrapolieren, jeder Code ist binär.

        Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich auch jedes neuronale Muster binär darstellen lässt. Folglich, selbst die dreiwertige Logik beruht auf binärem Denken.

        • @ Jokus :

          Da man auch die 30 Buchstaben des deutschen Alphabets durch Binärcode ersetzten kann und mittlerweile wohl sogar ebenfalls die unzähligen Schriftzeichen des chinesischen, lässt sich leicht extrapolieren, jeder Code ist binär.

          Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich auch jedes neuronale Muster binär darstellen lässt. Folglich, selbst die dreiwertige Logik beruht auf binärem Denken.

          Nicht jeder Code ist binär, er kann auch anderweitig Inhalt repräsentieren [1], bspw. dezimär.
          ‘Dreiwertige Logik’ beruht insofern in keiner Binarität, sie lässt sich (auch) nur so (letztlich) beschreiben.
          >:->

          MFG
          Dr. W (der bspw. bei – ‘Beide Kodierungen, die des Gens und die des d-Mems, erfolgen binär.’ (Artikeltext) – nur ungünstig aufsteift, wenn überhaupt)

          [1]
          Codes haben Bedeutung, sie tragen Information; fragen Sie Ihren Kommentatorenfreund gerne welche, aber nie, was Information genau ist.
          >:->

          • @ Jokus :

            ‘Dezimär’ geht, wie etwa auch ‘binär’ geht; korrekt bleibt, dass mehr oder weniger subtil auch ‘digital’ (“fingerig”, zehn Finger meinend und so).
            Wichtich bleibt die Gesamtbeschreibung zu verstehen zu suchen, auch Opa W’s Erklärung,

            MFG + GN
            Dr. W

          • @ Der Steppbaer

            Primär sollte man wissen, dass aus falschen Prämissen, Falsches logisch folgt.
            Sekundär geht es darum, den Blogartikel zu verstehen.
            Tertiär geht es darum, Kommentare zu verstehen.

            Dezimär geht es auch um Lateinische Ordnungszahlenworte.

            Für Sie, da Sie es einem ja auch immer leicht machen:

            “Ja, man kann das im Grunde so sagen, da man die 4 Buchstaben durch Binärcode ersetzen kann” (@Lena)

            Nein, das kann man nicht, ansonsten wäre jeder Code binär. Wer würde sowas schon behaupten wollen? Ich jedenfalls nicht! Die Codierung von Proteinen durch Nukleotide stellt ein quaternäres System dar.

            Ob man alles Digitale, gemeint ist hier das Diskrete, irgendwie binär codieren kann – vielleicht im Gegensatz zum Analogen oder Kontinuierlichen? – ist eine andere Frage, die man sicherlich bejahen muss.

            Ansonsten würde ich @Balanus recht geben, das alles ist im Kontext des Beitrags nicht besonders wichtig.

  4. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich auch jedes neuronale Muster binär darstellen lässt.

    Neuronale Muster sind temporäre Zustände. Beim Genom hat die Natur dagegen viel getan, dass dieses zu Lebzeiten möglichst unverändert bleibt. Man kann also beides nicht miteinander vergleichen.

    • “Neuronale Muster sind temporäre Zustände.”

      Welche Zustände sind denn nicht temporär?

      “Man kann also beides nicht miteinander vergleichen”

      Hört, hört!

      Obwohl kultureller Wandel so viel schneller abläuft als biologischer in der Evolution – so hat die Kultur sich schon zu meinen Lebzeiten sehr verändert – hängen Sie trotzdem einer Theorie an, die beides nicht nur vergleicht, sondern sogar unter die selben Prinzipien subsumiert. Bei welchen Geschwindigkeitsunterschieden sehen Sie denn dann eine Schallmauer? Wandeln sich d-Meme schon zu schnell?

      • @Joker

        Obwohl kultureller Wandel so viel schneller abläuft als biologischer in der Evolution – so hat die Kultur sich schon zu meinen Lebzeiten sehr verändert – hängen Sie trotzdem einer Theorie an, die beides nicht nur vergleicht, sondern sogar unter die selben Prinzipien subsumiert. Bei welchen Geschwindigkeitsunterschieden sehen Sie denn dann eine Schallmauer?

        Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Fließendes Wasser ändert sich ebenfalls ständig, hat aber nichts mit Evolution zu tun.

  5. Aja, Sie kommen aus sich heraus, werter Herr Lobin,
    blöd halt bleibt, dass eine Beschreibungssprache, um die wird sich hier wohl bemüht, ihrem Anspruch nach nicht dem entsprechen muss, was realiter stattfindet, vgl. auch mit diesem Jokus:
    -> ‘Der digitale Code ist die DNA der Kultur.’ (Artikeltext)

    Sogenannte N-Meme oder ‘n-Meme’, der Schreiber dieser Zeilen wird mit der Memetik auch nach längerer Beschäftigung nur unwarm, sind auch nur Mutmaßungen über das, was ist.

    Die näherungsweise, ausschnittsartige und an Interessen (!) der erkennenden Subjekte gebundenen Beschäftigung mit dem Wesen des Seins ist schon OK, vgl. auch mit dieser Hypothese:
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/Mathematical_universe_hypothesis (“MUH”)

    Der große Erkenntnisvorbehalt [1] spricht entgegen.


    Ob’s tauglich ist, als Versuch und Maßgaben wie Maßnahmen meinend?
    A: Eher nicht, wobei der Versuch natürlich potentiell lehrsam ist.

    MFG
    Dr. W (der natürlich ein Herz hat für die Einordung, wie sie im Rahmen der Informationstechnologie und dbzgl. Forschung sich ergeben könnte)

    [1]
    Der geht so:
    Ein erkennendes Subjekt oder Weltteilnehmer (vs. Weltbetreiber) kann nie irgendetwas mit Sicherheit feststellen, denn es oder sie unterliegen der Welt oder einem Weltbetrieb.

  6. In der Tabelle, die einige der Überlegungen @Henning Lobins zur kulturellen und digitalen Evolution zusammenfasst, könnte man in der ersten Spalte („Biologische Evolution“), letzte Zeile („Erweiterter Phänotyp“) m. E. mit Recht auch einige Werke von Homo sapiens aufführen, wie etwa ‚Staudamm‘, ‚Fischernetz‘, ‚Buch‘, ‚Bibliothek‘, ‚Computer‘, ‚Datenbank‘, ‚Internet‘, ….

    Oder wäre das falsch, weil die von Menschen produzierten Dinge eine kulturelle „Evolution“ (nicht: Entwicklung) voraussetzen und somit nicht Teil seiner biologischen Evolution sein können?

  7. @Balanus

    In der Tabelle, die einige der Überlegungen @Henning Lobins zur kulturellen und digitalen Evolution zusammenfasst, könnte man in der ersten Spalte („Biologische Evolution“), letzte Zeile („Erweiterter Phänotyp“) m. E. mit Recht auch einige Werke von Homo sapiens aufführen, wie etwa ‚Staudamm‘, ‚Fischernetz‘, ‚Buch‘, ‚Bibliothek‘, ‚Computer‘, ‚Datenbank‘, ‚Internet‘, ….

    Meiner Meinung nach könnte man das. Das ist einer der Gründe, warum ich Dawkins Theorie des erweiterten Phänotyps für problematisch halte.

    • @Lena

      : »Das ist einer der Gründe, warum ich Dawkins Theorie des erweiterten Phänotyps für problematisch halte.«

      Das Problem scheint mir weniger Dawkins‘ „extended phenotype“ zu sein, als vielmehr das Konzept einer „kulturellen Evolution“.

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