Das Silicon Valley und der “Circle”

Cray_1_IMG_9126Meine Lektüre bestand in letzter Zeit aus zwei sehr interessanten Büchern, die – so hintereinander gelesen – mir jetzt wie gegenseitige Kommentare zueinander vorkommen: „Silicon Valley“ von Christoph Keese und „Der Circle“ von Dave Eggers. Das eine Sachbuch, das andere ein Roman, sind beide in ihren jeweiligen Kategorien auch Bestseller des diesjährigen Bücherherbstes.

Christoph Keese ist ein Manager und leitender Journalist im Axel Springer Verlag und gehörte zu der kleinen Gruppe um den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, die 2013 für ein halbes Jahr eine Art Expedition ins kalifornische Silicon Valley durchgeführt haben. Darüber wurde seinerzeit, vor allem mit Bezug auf Diekmann, viel und zumeist leicht abfällig berichtet („Praktikant“), und auch die innige Umarmung Diekmanns bei einem Besuch des damaligen Wirtschaftsministers Philip Rösler vor Ort ist in Erinnerung geblieben. Ganz so doof war das Vorhaben allerdings nicht: Hinter dem Aufenthalt einiger Spitzenleute des Medienkonzerns stand die Auffassung, dass klassische Zeitungs-, Zeitschriften- und Buch-Verlage existenzbedrohende Probleme bekommen würden, wenn sie ihr Geschäft nicht irgendwie auf die Online-Medien neu ausrichten würden und dabei auch Google, Facebook etc. in den Blick nehmen. Der Chef des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, hat diese Herausforderung vor einiger Zeit auch in einem programmatischen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen klar beschrieben (FAZ vom 16.4.2014).

Keese beschreibt nun in seinem Buch die Erfahrungen aus diesem Aufenthalt dort, genauer in Palo Alto. Und mit dieser Beschreibung wird deutlich, warum es keine Alternative dazu gab, einige Zeit auch persönlich dort zu verbringen. Er beginnt mit dem Lebensstil der Leute im IT-Business ganz generell, ihrem erstaunlich intensiven „Offline-Leben“ in einem Ort, der wie ein großer Campus funktioniert, dem ständigen Austausch der Menschen dort. Einzelne Kapitel werden der Start-Up-Kultur, der Stanford-Universität und den Investoren gewidmet. Auch die Auswirkungen auf den lokalen Arbeits- und Wohnungsmarkt und die Fernwirkungen auf Ortschaften in der Umgebung bis hin zu San Francisco, in dem die schwarzen Luxusbusse von Google morgens die dort lebenden Mitarbeiter einsammeln, werden thematisiert. Verblüffend ist es zu lesen, dass die persönliche Anwesenheit am Ort, das direkte Gespräch, das Miteinander in der Stadt, der Universität und den Firmen-Campus eine so große Rolle besitzt. Alles scheint auf dieses Miteinander ausgerichtet zu sein, und jemand, der nicht vor Ort und „innerhalb von 15 Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen ist“ (so ein Investor), der gehört auch nicht dazu und lohnt die Reise, die Email oder das Investment nicht.

Die Gründung, Bewertung und Förderung von Start-Up-Unternehmen folgt einem festgelegten Ablauf, ja fast einem Ritual, und gewollt ist die schnellstmögliche Marktdurchdringung mit dem Ziel der Verdrängung der Konkurrenten, wobei das Produkt die zentrale Idee für eine „disruptiven“ Markteroberung in einer möglichst einfachen Form enthalten muss. Um die Details des Produkts kann man sich nach erfolgreicher Markteroberung kümmern. So jedenfalls haben es Google, Facebook, Instagram, Dropbox, Uber und wie sie alle heißen vorgemacht – und so strebt es jeder junge Firmengründer im Silicon Valley an. Geld dafür gibt es im Überfluss und wird in ersten Tranchen innerhalb von wenigen Tagen vergeben. Die Investoren rechnen dabei mit einem Erfolg von jedem zehnten geförderten Start-Up.

Keese stellt am Ende auch verschiedene Schlussfolgerungen auf, die sich für uns in Deutschland daraus ergeben würden (weniger die für den Springer-Konzern). Diese wiederzugeben spare ich mir an dieser Stelle auf. Stattdessen hat mich das Buch auch aus einem anderen Blickwinkel fasziniert: Es liest sich wie eine Fallstudie zu den Prinzipien der kulturellen Evolution, die sich durch die Übernahme und Weiterentwicklung von Ideen innerhalb einer Gruppe von Menschen durch Kommunikation vollzieht – in diesem Fall offenbar rasend schnell. Die intensive Vernetzung der Menschen im Silicon Valley (auch die Mitarbeiter forschungsstarker Firmen sind aus gutem Grund generell kaum irgendwelchen Geheimhaltungsvorschriften unterworfen) und die vielen Kommunikationsanlässe, die ständig bestehen, lassen den evolutionären Prozess der Ideen hier spürbar werden – und die digitale Sphäre potenziert dessen Wirkung dabei noch.

Die wirtschaftlichen Ziele gedeihen im Silicon Valley, so Keese, auf der Grundlage einer Vision von allumfassender Kommunikation in einem kontinuierlichen Datenfluss. Plattform-basierte Monopolbildungen sollen einen präzisen Abgleich von Angebot und Nachfrage ermöglichen, eingebettet in eine Wolke aus Kommunikationsdiensten, die die Nutzer einerseits immer besser unterstützen, andererseits immer hochwertigere Nutzungs- und Nutzerdaten erfassen. Diese Vision bildet die Brücke zu „Der Circle“ von Dave Eggers, einem Roman, der in einer nahen Zukunft spielt, die von einem Unternehmen beherrscht wird, das Google, Facebook, Amazon und Apple in sich vereint.

Ich kann nicht behaupten, dass dieser Roman beeindruckend gut geschrieben wäre oder auch nur durchweg spannend. Vieles ist absehbar, und die Figuren erscheinen einem teilweise recht grob gezeichnet – entweder fast ohne eine innere Entwicklung oder mit kaum nachvollziehbaren Wandlungen. Doch die (digitale) Welt, die Eggers beschreibt, ergibt sich konsequent aus einigen der sich heute bereits abzeichnenden Tendenzen. Dies sind etwa die Bewertung von allem und jedem durch Rankings und „Likes“ (die hier „Smiles“ heißen), die permanente Kommunikation auf mehreren Kanälen, die immer weitergehende freiwillige und unfreiwillige Verhaltensüberwachung oder die Aufzeichnung und Auswertung von Körperfunktionen. Protagonistin des Romans ist eine junge Mitarbeiterin des „Circles“, einer Firma, die sich die vollständige Erfassung und Auswertung aller nur denkbarer Arten von Informationen zum Ziel gesetzt hat. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wird sie zur Musterschülerin einer irren Firmenleitung, indem sie ihr Leben einschließlich dem ihrer Eltern komplett erfassen und als Video-Stream im Internet übertragen lässt. Die Auswirkungen, die dies und die anderen Technologien auf das Verhalten der Figuren haben, sind das eigentliche Thema des Romans. Und das ist ziemlich schlüssig dargestellt.

Wenn Sie nun sagen, dass ein derartig umfassendes Unternehmen kaum denkbar sei und überhaupt der Individualismus des Menschen letztlich doch eine Barriere für eine solche Entwicklung darstelle, liegen Sie sicherlich richtig – bei uns. Vielleicht werden wir tatsächlich mittelfristig gar nicht so sehr durch das Silicon Valley herausgefordert und all die Firmen, die dort heute tonangebend sind. Vielleicht sollten wir stattdessen eher Richtung Osten schauen, wo es mit Baidu und Alibaba längst Unternehmen gibt, die Google, Facebook und Amazon in vereinter Gestalt sind und damit allein in China ähnlich viele Menschen erreichen wie die amerikanischen Unternehmen im Rest der Welt zusammen. Und wer schon einmal in China gewesen ist, der weiß, wie geringe Probleme man dort hat mit einer flächendeckenden Überwachung durch Kameras und der Erfassung personenbezogener Daten.

Vielleicht wird sich also der Circle nicht vom Westen, sondern vom Osten her zu schließen beginnen…

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www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) und Professor an der dortigen Universität. Zuvor war er ab 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, germanistischer Fachbeiräte von DAAD und Goethe-Institut und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017). Im August 2018 ist im Metzler-Verlag erschienen: Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache.

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  1. Das Silicon Valley ist quasi der Mittelpunkt derjenigen Welt von Leuten, die die Welt verändern wollen. Doch das meiste was dort entwickelt wird hat die Qualität von Partygeschwätz oder wie Peter Thiel, ein Mitbegründer von Pay Pal, es pointiert ausdrückte:
    “We wanted flying cars, and we got 140 characters”
    .
    Doch Partygeschwätz mit schönen Frauen – die man mit dem Smartphone aufnehmen und nachbearbeitet mit Instagramm auf Flickr verewigen, mindestens aber allen Freunden (

  2. Das Silicon Valley ist quasi der Mittelpunkt derjenigen Welt von Leuten, die die Welt verändern wollen. Doch das meiste was dort entwickelt wird hat die Qualität von Partygeschwätz oder wie Peter Thiel, ein Mitbegründer von Pay Pal, es pointiert ausdrückte:
    “We wanted flying cars, and we got 140 characters”
    .
    Doch Partygeschwätz mit schönen Frauen – die man mit dem Smartphone aufnehmen und nachbearbeitet mit Instagramm auf Flickr verewigen, mindestens aber allen Freunden zugänglich machen kann -, ist für die meisten Menschen wohl ohnehin wichtiger als wiederverwendbare Raketen (SpaceX) und elektrisch betriebene Fahrzeuge (Tesla) wie sie von Elon Musk, einem andern PayPal-Mitbegründer entwickelt werden. Doch all diese Menschen leben und arbeiten im Silicon Valley oder vielleicht auch bei Baidu. Diejenigen, die sich wie in “Circle” beschrieben zu öffentlichen Personen machen, die sich vermessen lassen und an deren Leben man partizipieren darf (oder muss?) und mit denen man im Bett ist (im Bett mit ..) , die sind die neuen Leitbilder, im Grunde repräsentieren sie aber nur den neuen Typ des Verkäufers – und gute Verkäufer mussten schon immer nicht nur ihr Produkt sondern auch sich selbst verkaufen.

  3. Es gibt einige Vorstöße von Unternehmen wie Facebook und Apple, die allgemein zumindest ein wenig aufstießen:
    -> http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/apple-facebook-it-firmen-zahlen-frauen-das-einfrieren-ihrer-eizellen-a-997264.html

    …die keineswegs gut gemeint sein müssen, Google hielt sich hier noch ein wenig zurück, aber den grundsätzlichen Kritikpunkt trifft Döpfner (wie vom hiesigen Inhaltegeber webverwiesen):
    -> http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/mathias-doepfner-warum-wir-google-fuerchten-12897463.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 (Im Fazitären: ‘Ist es wirklich klug, zu warten, bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert?’)

    Ohne ‘der erste ernstzunehmende Politiker’ sein zu wollen, der dies fordert, aber derart muss bald etwas geschehen; es gibt hier unterschiedliche Strategien, zeitgenössische Politiker bemühen sich wohl um Einfluss bei Google, was aber Richtung Staatsapparat gehen würde und auch nicht “so toll” wäre, zudem sind auch andere mit Google vergleichbare Unternehmen am Start, die diesem, dem “westlichen” Kulturkreis nicht zugerechnet werden können.

    Wird sich hoffentlich alsbald auflösen diese Problematik, dafür sind Systeme, die den Ideen und Werten gesellschaftlich folgend implementieren konnten, da.

    MFG
    Dr. W (der für den Aufsatz dankt)

    • Leider passt dazu nur zu gut die Politik der gegenwärtigen Regierung, Fragen von Regulierung und Datenschutz nicht ganz ernst zu nehmen. Siehe gerade heute z.B. den Artikel von Constanze Kurz zur (Nicht-)Tätigkeit der Bundesbeauftragten für Datenschutz Andrea Voßhoff. Hat jemand den Namen schon einmal gehört? Schon gemerkt, dass Peter Schaar bereits seit über einem Jahr nicht mehr im Amt ist?

      • Ischt jedenfalls eine besondere Herausforderung, das Internet, gerade auch die Regulierung, und das Rechtliche betreffend, vielen Dank für Ihre Überlegungen und Ihre Arbeit allgemein,
        MFG
        Dr. W

  4. Starker Blogpost, danke! 🙂

    Schließe mich den Überlegungen zur kulturellen Evolution ebenso an wie dem Interesse am “Circle” (den ich am Wochenende ebenfalls zu lesen begonnen habe – und dabei wieder einmal über das irre Preisgefüge deutscher eBooks den Kopf schütteln musste…) und dem Blick nach Osten. Werde hier also gern öfter “vorbei-lesen”. 🙂

    Mit blognachbarlichen Grüßen

    • Vielen Dank und beste Grüße zurück! Über die Preispolitik vieler Verlage bei E-Books wundere ich mich auch. Es erscheint einem so, als ob man Amazon geradezu Argumente liefern möchte, anstatt verstärkt auf eigene Vertriebsstrukturen für E-Books zu setzen. Mein eigenes aktuelles Buch “Engelbarts Traum” halte ich mit 20,99 € in den verschiedenen E-Book-Version für deutlich überteuert.

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