Wissenschaftliches Publizieren: Praxisänderung überfällig

BLOG: Einsteins Kosmos

Vom expandierenden Universum bis zum Schwarzen Loch
Einsteins Kosmos

Ich möchte die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema nutzen, und einen weiteren Punkt ansprechen.
 
Die Notwendigkeit wissenschaftlichen Publizierens
Forschen allein ist nur ein Teil der Wissenschaft. Damit die Ergebnisse von Forschungsarbeiten bekannt werden, müssen sie auch veröffentlicht werden. Andere Wissenschaftler lesen dann diese Arbeiten und nehmen Bezug darauf, d.h. sie zitieren ihrerseits die Veröffentlichung – vorausgesetzt sie halten die gute, wissenschaftliche Praxis ein. Wissenschaftler, die wichtige Entdeckungen gemacht haben, werden häufiger zitiert und werden so bekannter. Darauf resultieren Sichtbarkeit, Renommee und Erfolg eines Wissenschaftlers.
So baut die Wissenschaft Stück für Stück, Publikation für Publikation ein wissenschaftliches Weltbild auf. Manchmal stellen die Wissenschaftler dabei fest, dass ein Forschungsresultat nicht korrekt ist – sie widerlegen eine Arbeit und reißen an diesen Stellen das wissenschaftliche "Gebäude" ab und ersetzen es durch einen "Neubau", eine neue Hypothese oder sogar eine neue Theorie. Wissenschaft ist somit von Natur aus vorläufig und wird ständig angezweifelt, bestätigt oder widerlegt. Irgendwann stellt man fest, dass sich eine Hypothese oder Theorie vielfach bewährt hat. Dann wird sie zum festen Bestandteil des wissenschaftlichen Weltbildes und zur gängigen Lehrmeinung (schöne Lektüre an dieser Stelle ist Poppers "Logik der Forschung"). 
 
Begutachtung steht vor der Veröffentlichung
Die Veröffentlichung geschieht in der Physik in Fachzeitschriften wie z.B. "nature", "Science" oder den "Physical Review Letters". Die Zeitschriften verlangen für den Abdruck bzw. die Veröffentlichung im Web Geld vom Autor, das sein Institut zahlt. 
Bis es aber zum Abdruck kommt, muss die Forschungsarbeit begutachtet werden. Ist es ein neues Resultat oder eine neue Methode? Wurde alles nach wissenschaftlichen Kriterien richtig gemacht? Genügen Inhalt, Form und Umfang den Vorgaben des Fachjournals? Die wissenschaftliche Richtigkeit und Plausibilität können nur Experten beurteilen. Deshalb zieht der Chefredakteur des jeweiligen Journals andere Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu Rate. Dieses Vorgehen nennt man den peer review process. Die Gutachter heißen peers oder referees. Die Begutachtung kann sich ganz nach Thema und Umfang der Arbeit über mehrere Monate und Jahre hinziehen.
Damit man als Wissenschaftler nicht so lange warten muss, bis das Forschungsergebnis endlich veröffentlicht wurde, kann man den Claim schon vorher abstecken und sie vorab veröffentlichen. Dazu dienen sog. Preprint-Server wie arXiv.org. Das Manuskript kann hier als PDF gepostet werden und kurze Zeit später steht es der wissenschaftlichen Community zur Verfügung – auch wenn es noch gar nicht begutachtet wurde. Es entspricht (zumindest in der Astronomie) der guten Praxis mit der Veröffentlichung auf dem Preprint-Server zu warten, bis das Manuskript begutachtet und für den Abdruck als gut befunden wurde. Aber es gibt auch manchmal Ausnahmen.
 
Noch mehr Arbeit: Konferenzbeiträge 
Neben den Veröffentlichungen von Forschungsarbeiten in Zeitschriften gibt es noch Beiträge zu Konferenzbänden – sog. proceedings. Denn zum Wissenschaftsmarketing gehört auch, dass der Wissenschaftler seine Ergebnisse auf Tagungen, Workshops und Konferenzen in einem Vortrag oder Poster vorstellt. Im Prinzip ist es nur eine andere Form, wie die Ergebnisse präsentiert werden. Zu vielen Konferenzen erscheinen Konferenzbände, bei denen erwartet wird, dass der Wissenschaftler seine Präsentation als Manuskript vorbereitet und an die Herausgeber des Konferenzbandes schickt. Typischerweise erscheint das, was anderswo bereits in einem Fachjournal publiziert wurde, nochmal als mindestens ein Proceeding. Es ist eine irrsinnige Redundanz. 
 
Reviews, Bücher, Populärwissenschaft
Als dritte Form neben den papers in Fachjournalen und den proceedings in Konferenzbänden gibt es noch die reviews. Damit sind Zusammenfassungen zu einem Forschungsthema gemeint, die umfassender eine langfristige Entwicklung in einem Forschungsfeld vorstellen. Sie dienen dazu, um sich schnell in ein Thema einzuarbeiten und auf den aktuellen Stand der Forschung zu kommen. 
Schließlich schreiben die Wissenschaftler auch Bücher, sowohl populärwissenschaftliche Bücher (popular books), als auch Lehrbücher (textbooks), die z.B. auf einem erfolgreichen Vorlesungsskript beruhen.
Außerdem schreiben einige auch populärwissenschaftliche Artikel, z.B. in "Sterne und Weltraum", um ihre Forschungsthemen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
 
Die Publikationsliste: Aussage über die Qualität eines Wissenschaftlers
Wenn heutzutage ein Wissenschaftler eingestellt wird, dann muss er seine Publikationsliste vorweisen. Dieses Portfolio stellt alle Publikationen zusammen, typischerweise chronologisch geordnet, inklusive Angabe von Titel, ggf. Koautoren sowie Name, Ausgabe und Seite in der jeweiligen Zeitschrift. In der Astronomie sieht das z.B. so aus: Müller & Wold: "On the Signatures of Gravitational Redshift: The Onset of Relativistic Emission Lines", A&A 457, 485, 2006. Heutzutage kann man in Online-Archiven (z.B. ADS von der NASA) nach der Publikation (paper) suchen, sie herunterladen und sogar analysieren, in welchen anderen Arbeiten das Paper zitiert wurde. Eine wichtige und wegweisende Publikation wird erwartungsgemäß häufiger zitiert. Daraus kann man eine Wissenschaft für sich machen und diverses Qualitätsmanagement betreiben, indem man z.B. die am meisten zitierte Forschungsarbeit eines Wissenschaftlers herausfindet oder seinen Hirsch-Index bestimmt. Nach wie vor ist schlichtweg die Gesamtzahl aller Publikationen eines Wissenschaftlers eine wichtige Kenngröße, um etwas über die Qualität eines Wissenschaftlers aussagen zu wollen; getreu dem Motto: Je mehr er veröffentlicht, umso aktiver und sichtbarer ist er.  Ob sich daraus wissenschaftliche Qualität ableitet darf bestritten werden.
 
Kritik an der Umsetzung des peer review
Nach diesen längeren Ausführungen zur gängigen Praxis wissenschaftlichen Publizierens möchte ich nun zu den eigentlichen Punkten des Blogbeitrags kommen.  Die erste Kritik richtet sich auf die tatsächliche Umsetzung der Begutachtung – die Mängel sind auch in Guttenbergs Plagiat-Affäre angeklungen. Kaum ein Gutachter nimmt sich noch richtig Zeit, um die Manuskripte – sei es ein Paper, sei es eine Doktorarbeit – eingehend zu prüfen. Das kann daran liegen, weil der Gutachter fachlich nicht geeignet ist; viel häufiger ist es schlichtweg ein Zeitproblem. Die Begutachtung ist eine wichtige und ehrenvolle, aber eigentlich sehr undankbare Aufgabe. Denn in der Regel bleibt der Gutachter anonym und wird niemals mit der begutachteten Arbeit in Verbindung gebracht. Das ist im Prinzip gut so, um keine Abhängigkeiten zu schaffen oder Interessenskonflikte zu schüren. Unterm Strich macht sich aber jemand viel Arbeit und bekommt dafür nichts: weder Ruhm und nicht einmal ein Honorar. Der Begutachtungsjob wird also gar nicht mal so selten stiefmütterlich erledigt und nicht 100%ig sorgfältig – klar, die Begutachter sind hochbeschäftigte Wissenschaftler und müssen selbst vorankommen. Wie er die Frage beantwortet, ob er ein Manuskript begutachtet oder lieber selbst ein paper schreibt, dürfte klar sein. 
Dass der peer review nicht immer funktioniert, erkennt man klar an begutachteten Arbeiten, die sich später als Mangelware entpuppen, die in harmlosen Fällen Typos und Rechenfehler enthalten und in schwerwiegenden Fällen Plagiate à la Guttenberg oder gar gefälschte Ergebnisse aufweisen. Dann müssen Errata erscheinen, die hinterher zum Paper nachgedruckt werden müssen, weil eklatante Fehler aufgeflogen sind. 
 
Kritik an der paper-Flut
Meine zweite Kritik richtet sich auf die täglich erscheindende paper-Flut. Ein Beispiel: Alleine zum Spezialthema "Schwarzes Loch" (black hole) erschienen auf dem Preprint-Server arXiv im Jahr 2010 mehr als 1000 preprints! Das sind also ungefähr 100 papers pro Monat oder drei pro Tag. Möchte man als Wissenschaftler mit Expertise in "Schwarzen Löchern" am Ball bleiben, so müsste man alle diese Veröffentlichungen studieren – illusorisch!
Schaut man genauer hin, woher diese Flut kommt, so findet man unter den Veröffentlichungen eine ganze Menge proceedings, also in der Regel Konferenzbeiträge, wo ein Autor das anderswo publizierte Thema wieder und wieder durchkaut. Auch die proceedings werden in der Regel begutachtet. Unterm Strich ergibt sich folgendes Problem: Referee und Autor verlieren beide viel Zeit, und es bringt im Prinzip keinem etwas, erst recht keinen wissenschaftlichen Fortschritt – eine "Lose-Lose-Situation"!
 
Was will der eigentlich?
Daher mein Vorschlag: Schafft die proceedings ab! Viele davon verrotten als dicker, ungelesener Konferenzband-Schinken in der hintersten Ecke der Bibliothek. Also bitte mehr Ehrlichkeit in der Wissenschaft und nur wirklich Neues publizieren – unnötige Publikationen vermeiden! Aber wer macht das in freiwilliger Ehrlichkeit, wenn der nächste Job an der Zahl der Gesamtpublikationen gemessen wird? Also sollten sich im Wissenschaftsbetrieb auch die Einstellungskriterien ändern.
Ich wünsche mir persönlich – vielleicht etwas naiv – eine wissenschaftliche Welt, in der nur relevante Arbeiten mit echten Durchbrüchen publiziert werden, ansonsten bitte nur die Referenz als Zitat angeben. Unsere Welt wäre eine effizientere und ehrlichere. Die gewonnene Zeit könnte man als Wissenschaftler in einen sorgfältigen peer review stecken – und die Bäume würden es uns auch danken.
 
Ich kann natürlich nur für einen bestimmten Teil der Wissenschaft sprechen, nämlich für die Physik und Astronomie. Daher meine Frage an die Akademiker: Wie sieht das in anderen wissenschaftlichen Communities aus, z.B. in den Geisteswissenschaften? Ähnlich schlimm? Ihr Kommentar ist willkommen!
 
PS: Übrigens auch lesenswert ist das Editorial im aktuellen Physik-Journal 3/2011 der DPG zum Thema "Open Access".

Veröffentlicht von

Die Astronomie ist faszinierend und schön – und wichtig. Diese interdisziplinäre Naturwissenschaft finde ich so spannend, dass ich sie zu meinem Beruf gemacht habe. Ich bin promovierter Astrophysiker und befasse mich in meiner Forschungsarbeit vor allem mit Schwarzen Löchern und Allgemeiner Relativitätstheorie. Aktuell bin ich der Scientific Manager im Exzellenzcluster Universe der Technischen Universität München. In dieser Tätigkeit im Forschungsmanagement koordiniere ich die interdisziplinäre, physikalische Forschung in einem Institut mit dem Ziel, Ursprung und Entwicklung des Universums als Ganzes zu verstehen. Besonders wichtig war mir schon immer eine Vermittlung der astronomischen Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit. Es macht einfach Spaß, die Faszination am Sternenhimmel und an den vielen erstaunlichen Dinge, die da oben geschehen, zu teilen. Daher schreibe ich Artikel (print, online) und Bücher, halte öffentliche Vorträge, besuche Schulen und veranstalte Lehrerfortbildungen zur Astronomie, Kosmologie und Relativitätstheorie. Ich schätze es sehr, in meinem Blog "Einsteins Kosmos" in den KosmoLogs auf aktuelle Ereignisse reagieren oder auch einfach meine Meinung abgeben zu können. Andreas Müller

16 Kommentare

  1. Sehr schöner Beitrag

    – mit einer Forderung, die mir aus dem Herzen spricht.
    In der Medizin gibt es ebenfalls eine Flut von Publikationen, die neue Inhalte nur noch in homöopathischer Dosierung enthalten und höchstens der Karriere der Verfasser dienen.

  2. Peer Review vs. Proceedings

    Ich würde das so nicht unterschreiben wollen, denke aber auch, das hängt mit der Publikationsmentalität im jeweiligen Fachgebiet zusammen.

    Im Bereich der stellaren Astronomie wo ich heimisch bin zum Beispiel sieht das schon etwas anders aus. Konferenzbeiträge beeinhalten da häufig eben nicht schon in einem bereits reviewten Paper durchgekautes, sondern Sachen, die so neu sind, daß noch keine Zeit war ein Paper dazu zu schreiben oder wo das Paper noch im Review-Prozeß steckt. Das galt zum Beispiel für ausnahmslos alle Konferenzbeiträge, die ich je verfaßt habe. Oder aber es handelt sich um Weiterführungen von Studien, die kein neues Paper mehr rechtfertigen, deren Ergebnisse aber dennoch nicht unwichtig sind. In solchen Fällen hat man also eher das Problem des am-Review-Prozeß-vorbei-publizierens.

    Andersherum habe ich mit Konferenzbeiträgen eher das OpenAccess-Problem: Denn gerade kleine Institute können sich nunmal nicht jeden teuren Konferenzband kaufen, so daß man sich solche Artikel erst umständlich über Fernleihe als Kopien kommen lassen muß – wenn man die Beiträge nicht im arXiv findet.

    Übrigens: Wenn man für ein 12-Seiten Paper einen 32-seitigen (ausgedruckt) Referee Report voller konstruktiver Ergänzungsvorschläge für ein Paper bekommt, das der Referee grundsätzlich schonmal sehr gut fand – wie mal einem meiner Kollegen passiert – dann würde ich meinen, hat sich der Referee wirklich Mühe gegeben. Sicher eine absolute Ausnahme, aber die bestätigen ja bekanntlich die Regel. Ich stimme dir allerdings zu, die Tätigkeit als Reviewer sollte mehr gewürdigt werden.

  3. @Trota von Berlin u. @Carolin

    Besten Dank für die Kommentare!

    @Trota von Berlin
    Ich hatte gemutmaßt, dass es in der Medizin ähnlich ist.

    @Carolin
    Klar gibt es proceedings (die übrigens auch einem peer review unterliegen können), die ein Alleinstellungsmerkmal haben und erstmals eine Entdeckung dokumentieren. Das ist ja auch okay. Ich habe noch keine Statistik durchgeführt, wie viele der erschienenen proceedings redundant sind, nur fällt es bei dieser Art Publikationen besonders auf, dass sie oft nur Wiederholungen darstellen. (Am Rande bemerkt: Das Am-peer-review-vorbei-Publizieren halte ich für eine absolute Fehlentwicklung, die dazu führt, dass jeder Mist auf dem Markt landet.)

    Worum es mir geht, ist einfach, dass wir versuchen sollten, die paper-Flut einzudämmen – Redundantes sollte vermieden werden. Ob das nun ein redundantes proceeding oder ein redundantes paper ist, spielt ja keine Rolle.
    Fakt ist, dass die aktuelle Redundanz den Wissenschaftsbetrieb nicht nur aufhält, sondern auch enorme Kosten verursacht. Es wäre schön, wenn wir hier zu mehr Effizienz und damit letztlich Zeitersparnis und Kosteneinsparung kommen könnten.

    Erreichen könnte man das dadurch, dass man als Autor, der ein Manuskript einreicht, das wirklich Neue herausstellen muss – wie das ja üblicherweise im Abstract (der Kurzzusammenfassung am Anfang des papers) geschieht. Die Gutachter sollten viel mehr darauf achten, dass nur wirklich Neues publiziert werden darf – das passiert in der Praxis bereits, wird aber meines Erachtens nicht mit der notwendigen Strenge verfolgt.

    Ich weiß, dass die Umsetzung dieses Vorschlag schwierig ist. Zum einen gibt es eine Vielzahl von Journals mit ganz unterschiedlichen Vorgaben und Qualitätsansprüchen an den peer review. Die müsste man ja alle auf ein Level bringen und einheitliche Vorgaben entwickeln, an die sich die Gutachter halten müssten.
    Zum anderen ist der Wunsch nach der Eindämmung der paper-Flut nicht vereinbar mit dem Wunsch quantitativ viel publizieren zu wollen. Hier müsste also ein Umdenken stattfinden.

    Beste Grüße,
    Andreas

  4. Umgang mit Veröffentlichungsflut/Physik

    Für die ferne (?) Zukunft stelle ich mir vor,
    dass elektronisch verarbeitbare Formen
    von Fachpapieren erstellt werden, deren Inhalte (nicht nur vorweg durch ein händisches peer-review) vollautomatisch auf Plausibilitäten, Widersprüche, Ergänzungen und weiteren Vergleichsmerkmalen zu den anderen bereits vorhandenen, digital abgespeicherten Facharbeiten geprüft und referenziert werden – gerade die Physik eignet sich hierfür,
    da ihre Inhalte sich nach entsprechenden (freilich enorm aufwendigen) Vorarbeiten auf logische Aussagenformen sich zurückführen lassen werden – darf man
    vielleicht eine Prognose derart wagen ?

  5. Ein prozeduraler Fehler ?

    Die sehr eindrückliche Darstellung der wissenschaftlichen Papierflut, die der Verfasser aufzeigt verdeutlicht sicher eine Art Inflation des Publizierens, ich denke aber, selbst wenn die reine Menge des veröffentlichten Schrifttums zu Gunsten einer besseren Qualität und Nutzbarkeit reduziert werden könnte, was an sich wie dargelegt ein Spagat zwischen Mitteilungsnotwendigkeit und Selbstbeschränkung darstellt, trifft dies alles nicht die meines Erachtens grundlegende Problematik – die des Selbstverständnisses der Akademie.

    Was derzeit als gesellschaftlicher Ausrutscher mit viel Wellenschlag diskutiert wird, ist in meinen Augen die Folge des gesellschaftlichen Umgangs mit Wissenschaft allgemein. Ich erinnere an die Versuche mit neuen Abschlüssen und Studieninhalten die Studenten besser nutzbar zu machen – für die Wirtschaft, nicht die Wissenschaft. Und um das zu erreichen wird der Gefanke des elitären (im Positiven !) gerne der kommerziellen Betrachtung geopfert. In der Vergangenheit bedeutete der Erwerb eines akademischen Grades nicht nur den Nachweis erworbener Qualifikation, auch die Fähigkeit selbständiger Lösungsentwicklung bzw. Themenbeherrschung und nicht zuletzt die Persönlichkeitsformung durch die studentische Selbstverantwortung wurde hoch angesehen.
    Heute dient der Erwerb eines akademischen Grades überwiegend der Gestaltung der Gehaltserwartungen im kommenden Beruf, vergleichbar dem Irrsinn an der Menge der veröffentlichen Beiträge einen Wissenschaftler zu beurteilen. Diese durchgehende Materialisierung der Bewertung der akadimischen Laufbahn impliziert, zusammen mit der nachlassenden Kultur des menschlichen Miteinanders und der Werteklarheit, dass die Manipulation einer wie geschehen Dissertationsarbeit nahezu schon als Kavaliersdelikt angesehen wird und nicht als das, was es ist, Betrug. Schaut man dann auf die öffentliche Reaktion z.B. auf Facebook, wird deutlich wie sehr die Aufweichung des Wertegefüges hier bereits ist. In dieses Bild passt die heute schon als allgemein zu betrachtende Mißachtung geistigen Eigentums an Musik, Film und Text ebenso wie Software und andere PC-affine Produkte.

    So lange diese Entwicklungen nicht gesellschaftlich thematisiert und unseren Kindern der Zugang zu einer werteorientierten Erziehung und Ausbildung ermöglicht wird wird der Verfall der Wertewelt fortsetzen und demnach auch die Ethik des Umgangs mit geistigem Eigentum weiter zerfallen.

  6. @Uebbing:

    Mir sind in der Mathematik Arbeitsgruppen bekannt, die letztendlich sowas anstreben. Zuerst gehts aber darum, so eine Art intelligentes, fachspezifisches Google zu konzipieren, dass selbstständig Argumentationen formalisiert und in einer Interaktivität und Analogien erlaubenden Weise verarbeitet. Einen unmittelbareren Nutzen verspricht man sich z.B. in den Gebieten, wo Mathematik in Programmieren übergeht und die bisherigen Mittel (Menschen, Programme) durch Konsistenz- und Korrektheitsüberprüfungen völlig überfordert sind. Mangels genauer Kenntnisse (mich interessiert das Thema ‘halt nicht besonders) kann ich allerdings nichts dazu sagen, wann das wie und in welchen Teilaspekten mal funktionieren würde. Ich schätze, sowas könnte in ca. 1 Jahrzehnt in der Mathedidaktik (also da wo’s simple und ungefährlich ist) auftauchen.

  7. Automatisierung wissenschaftl. Arbeitens

    Automatisierung wissenschaftl. Arbeitens
    versus Paper-Flut

    @T.:
    Vielen Dank für Ihre Einbringung
    und eine erste zeitliche Abschätzung einer
    Realisierung (Didaktik d. Mathem. – ca. 1 Jahrzehnt)
    für eine Automatisierung mithilfe der
    elektronischen Datenverarbeitung.

    Die natürliche Entwicklungsreihenfolge
    könnte vielleicht heißen:
    Logik, Mathematik, Physik.

    Dies hieße, den Erkenntnisfortschritt
    mittels Automatisierung erheblich zu forcieren –
    wie ich finde, sollten Anstrengungen dieser Art
    bereits jetzt unternommen werden,
    evtl. auch auf zu Lasten
    derzeitiger Großforschungsprojekte,
    was sich vermutlich lohnen wird,
    weil durch derartige Erkenntniszugewinne
    frühzeitig falsche Hypothesen ausschließbar
    gemacht werden können,
    wie sicherlicher angenommen werden darf.

    Wünschenswert wäre also ein Großforschungsprojekt
    etwa tituliert
    “Automatisierung des Erkenntnisfortschrittes” –
    man wird dann eher sehen können,
    welcher Teil der Papierflut dann
    in den Rundordner purzelt.

    Gerade Physiker könnten daran hochgradig
    Interesse haben, wie ich denke.

  8. Ich würde Hr. Woker weitestgehend zustimmen, die Problemlösung von Dr. Mueller erscheint mir dann doch etwas zu einfach, v.a. aber seh ich nicht wie sie systemisch durchzusetzen ist, wenn das aktuelle Kriterium eben die Zitationsrate ist, da beisst sich die Katze in den Schwanz. Weniger ist mehr ist meist die richtige Lösungsstrategie bei komplexen Systemen mit Eigendynamik die ausufert, aber tausende von Wiss. und dezentrale Regeln und Journale lassen sich nun mal nicht dirigieren. Da könnte man auch fordern alle redundanten Websiten mit gleichen Inhalt aus dem Internet zu löschen, aussichtslos.

    Also muss eine andere Lösung her, Beispiele sind schon gefallen, wer geht heute noch in die Bib, es gibt mächtige Suchmaschinen und sehr gewiefte Suchoperatoren. Ich suche mittlerweile nach best. Papers zu einer Thematik mit Google Scholar, diese werden dann nochmal mit einer mächtigen Desktopsuchmaschine mit besseren Operatoren genauer durchforstet, wer sich noch Informationen sucht wie es vor 10-20 Jahren üblich war, für den wird diese Redundanz natürlich ein exponentielles Problem 🙂

    Ich denke die Professoren, die gute Wissenschaftler suchen schauen zudem auch garnicht nur auf die Zitationsrate, natürlich lassen sich nur mit wenigen Publikationen wenig Forschungsgelder an Land ziehen, aber oft ist es dann eben doch der eine Doktorand/Artikel der über 100 mal zitiert, während die anderen Dokoranden in der Gruppe für die im Durchschnitt angestrebe Zitationsrate der Gruppe sorgen.

    Wie Wissenschaftsbereiche damit umgehen, bei denen scheinbar ohnehin die Dissertationen nicht mal vollständig gelesen werden ist ne andere Frage, ein Physik Doktorand ist ja inhärent in einen gemeinsamen Forschungsprozess miteinbezogen und hat nicht 7 Jahre Zeit nach Lust und Laune im stillen Kämmerlein zu promovieren, hier herrschen offensichtlich völlig versch. Kriterien zw. Natur- und Geisteswissenschaften. Mir scheint man sollte eher ein Dr für Naturwiss. und Geisteswiss. führen dürfen bzw. für die Naturwiss. einen neuen Titel erfinden, da hier wirklich ein gradueller Unterschied in der Qualifikation was das selbständige Arbeiten über lange Zeit und v.a. in der Überprüfung dieser Arbeit vorhanden ist. Da ist Lobbyarbeit gefragt um so etwas umzusetzen. Alternativ sollte man auch in Betracht ziehen, den Dr nicht mehr als Titel führen zu dürfen, Naturwiss. bilden sich darauf ohnehin weit weniger ein weil eher die Regel und in den Geisteswiss. wäre nicht mehr ein Ansturm von Betrügern. Die Bewertungsqualität bei Geistes und Naturwiss. auf einen Nenner zu bringen halte ich für aussichtslos in so einem komplexen sozialen System wie der Wissenschaft. Des weiteren gilt, lieber zuviel Redundanz, als zu wenig 😉 Hier würd man schon kein gemeinsames Kriterium finden ob momentan zuviel Redundanz im scientific Publishing herrscht.

    In der Physik scheint mir das ganze eher ein Scheinproblem, bescheissen ist hier sehr schwer bzw. wehr so schlau ist hat auch kein Problem seinen Weg auf ehrliche Weise in der Physik zu machen, die Geisteswissenschaften will ich nicht generalisieren, aber hier müssen offensichtlich ein paar Dinge grundlegende überdacht werden, wenn am eigenen Ruf etwas liegt.

  9. Was ich noch sagen wollte, Herr Müller

    Herr Müller, – ich warte immernoch darauf, von Ihnen falsifiziert zu werden.

    Also in etwas so, dass Sie sagen:

    “Nein, Herr Boson – Mathematik ist nicht auf Entropie angewiesen. Der Mathematiker steht ausserhalb des Universums. Er hat mit der Entropie nichts zu tun…

    Naja, kam nicht von Ihnen, bisher…insofern..verbleibe ich als ihr unfalsifizierter Tim Boson.

  10. Kleiner Nachhaker zu Herrn Kuhn

    Herr Kuhn treibt die Kritik am System in Richtung der Wertung des Akasemischen Grades an sich, das wäre eine ein wenig adere Ausrichtung als mein Beitrag vielleicht meinen läßt:

    Einerseits ist es für mich unstrittig und auch unbestreitbar, dass die Kriterien für die Verleihung akademischer Grade in den verschiedenen Disziplinen unterschiedlich sind, es steht der einen Disziplin m.E. auch nicht an, über die Sichtweisen und Üblichkeiten der anderen zu richten.

    Mein Appell richtet sich dahin, grundsätzlich die Sensibilität gegenüber dem Erwerb von Befähigungen, Lizenzen und Diplomen genau so wie die von akademische Graduierung dahingehend zu schärfen, diese als das zu begreifen, als was sie eingeführt wurden – als Nachweis für erbrachte Leistung. Nicht als persönliches “Lametta”, auch nicht als Höherstufung in der Lohntabelle und zuletzt erst recht nicht als “Gewohnheitstitel” der nur deswegen erworben und geführt wird, weil die Berufs-Nomenklature das als erforderlich ansieht.

    Letztlich müssen wir uns als Gesellschaft damit auseinandersetzen, was und wie wir Bildung auf allen Ebenen, ob in den verschiedenen schulischen Laufbahnen ebenso wie in der Hochschullandschaft vorantreiben und mit Wertinhalt versehen wollen.

    Erst wenn wir wieder das Bewußtsein für den Wert der Bildung an sich, und den damit verbundenen Anspruch, verinnerlicht haben und dies auch in breiten Schichten der Bevölkerung verankert haben, besteht m.E. die Chance, dass sich der Blick wieder auf den Wert des Inhalts richtet und nicht auf Aspekte wie Quantität und vermeintliche Reputationen irgendwelcher Papiere und Institute.

    Die heute oft beklagte Mentalität, den “Wert” eines Wissenschaftlers an der Zahl seiner Veröffentlichungen zu messen, vergleichbar mit der Flut an Diplomen, Zertifikaten und Auditierungen an den Wänden manches Unternehmens heute, ist Ausdruck des verfehlten Versuchs, den Wert der Wissenschaft zu quantifizieren und messbar zu machen – was sich selbst in den Köpfen unserer Politiker in immer neuen Versuchen den Wissenschaftsbetrieb “effizient” zu gestalten äußert.

    In diesem Sinne

  11. Herr Woker ich stimme ihnen vollkommen zu was die Schaffung eines gesellschaftlichen Klimas/Bewusstein für ehrliche Arbeit in der Wissenschaft angeht. Nur, das ist ein sehr abstrakter Vorschlag/Ziel, wer/wie soll das umsetzen, wir alle natürlich und gerade Blogs wie dieser oder scienceblogs.de tun dies ja eigentlich um Kommunikation und Kritieren von wiss. Arbeit und Methodik in der breiten Bevölkerung aufzuklären. Ich glaube ehrlich gesagt das Potential ist hier weitestgehend ausgeschöpft.

    Ihre Aussage, dass Wissenschaften nicht gegenseitig in ihre Bewertugssysteme in Frage stellen sollten, kann ich nicht nachvollziehen, denn die Juristen streben nunmal den Dr. Titel an, der m.M. aufgrund des Bewertungssystemes in den harten Wissenschaften eben diese Auszeichung/Ruf garantiert und damit auch höheren Lohn oft rechtfertigt. Nicht umsonst haben sich Ghostwriter Unternehmen auf die Geisteswissenschaften spezialisiert, man kann die Frage um den Dr m.M. daher nicht ausklammern bzw. ist deswegen der gesellschaftlich bessere Ansatzpunkt.

    Es geht um Qualität, und ein Titel MUSS wie die Unterscheidung zwischen physikalisch-technisch Angestellter, Diplom Physiker, Professor einen Unterschied im Anspruch und Härte der Prüfung für diese Titel leisten. Wer die Nachrichten verfolgt, sieht dass in Medizin und Juristik teilweise Leute ohne Abitur erfolgreich gefälscht haben und erst nach Jahren als arbeitende Chirurgen zufällig enttarnt wurden! Ich bezweifle, dass solch ein Betrug in dieser Häufigkeit z.B. in der Physik möglich ist, liegt auch am Inhalt des Faches natürlich.

    Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass manch Geisteswissenschaft dieses Kriterium der höheren Härte/Schwere im Vergleich Magister – Dissertation aufweisen können bzw. der Unterschied eindeutig objektiv feststellbar ist. Während viele Naturwissenschaftler auch nach Promotion in Wissenschaft & Forschung arbeiten, ist dies bei den Geisteswissenschaften eher selten die Regel, der ganze Sinn der Promotion ist hier in Frage zu stellen bzw. muss ähnlich bei Ausbldungsberufen eben ein Titel/Zertifikat ausgegeben werden, dass objektiv widerspiegelt was jemand geleistet hat. Dann findet auch keine gesellschaftliche Geringschätzung bzw. Falscheinschätzung von wiss. Arbeit statt, wie sie jetzt seitens der Wiss. befürchtet wird, in einigen Bereichen ist die Geringschätzung wohl leider zu Recht vorhanden, diesen Spiegel will sich natürlich aber niemand vorhalten lassen und alle halten an ihren jetztigen Titeln und Besitzständen fest. Man wird sehen ob diese Diskussion verpufft oder wirklich ein Umdenken seitens der Wiss. gewollt ist, billige Titel werden gegenpolig dazu natürlich gesellschaftlich nachgefragt. Ich bin da eher pessimistisch wenn man Titelsystem nicht ändert bwz. die Naturwissenschaften den Geisteswissenschaften gegenüber keinen Druck machen. Der Ruf des Dr. rerum naturum steht auf dem Spiel, nicht der des Dr jur oder med 😉

  12. Anonyme Gutachten zum Monopolerhalt

    Das Problem sind nicht primär die vielen Ramschartikel, die durchgewinkt werden und die eh (fast) niemand liest, sondern die faktische, globale Gleichschaltung und Unterdrückung ungeliebter Theorien und/oder Personen, insbesondere die schon systembedingte Ausgrenzung von z.B. frei schaffenden Wissenschaftlern und/oder von Leuten, die nicht bereit sind sich dem anglorassistischen Sprachdiktat in den Wissenschaften zu unterwerfen; es geht nicht an bzw. sollte nicht angehen, dass Staatsangestellte Verfassungen und Menschenrechte (Diskriminierungsverbot) verletzen oder zu einer solchen Verletzung aufrufen.

    Ich habe einschlägige Erfahrungen mit dem anonymen Referenzsystem gemacht und mache sie noch, seit ich versuche meine Weltpotentialtheorie (WPT), eine Kosmologie ohne Urknall und Dunkle Materie, einerseits fördern zu lassen und andererseits zu veröffentlichen. Mehr dazu mit den nötigen Verweisen findet man auf

    http://www.wolff.ch/…osmologs_Begutachtungen.htm

    Meine Verbesserungsvorschläge auf Grund meiner Erfahrungen:

    1. Es darf grundsätzlich keine anonymen Gutachten geben.

    2. Einem Autor müssen – mindestens bei Zeitschriften, die de iure oder de facto von staatlichen Institutionen abhängen – in etwa die Rechte eines Angeklagten vor Gericht eingeräumt werden.
    3. Gutachten, die nur unbelegte, pauschale Behauptungen enthalten, müssen zwingend von einer Kontrollinstanz zur neuen Begutachtung bei einem andern Gutachter zurückgewiesen werden; Zeitschriften, die diese Metakontrolle nicht durchführen, dürfen von keinen öffentlichen Mitteln profitieren.

    4. Ein Gutachter hat – speziell bei grossem Neuigkeitsgehalt und/oder bei grosser Originalität einer Arbeit – die grundsätzliche Richtigkeit nicht zu beurteilen, sondern er hat nur allfällige und offensichtliche „handwerkliche“ Fehler oder offensichtliche, wörtliche und vor allem inhaltliche Plagiate aufzuspüren, denn Veröffentlichungen vor allem von Grundsatzarbeiten dienen ja gerade dazu, um sie einer unabhängigen Überprüfung und Diskussion zugänglich zu machen, was manchmal zu jahrelangen, kontroversen Diskussionen führen kann, denn Wissenschaft ist nicht immer so einfach, dass ein Gutachter in ein paar Stunden oder allenfalls Tagen die Richtigkeit einer Arbeit erkennen kann.

    5. Ernsthafte Bedenken, aber nicht einfach pauschale Bewertungen, eines Gutachters können als Kommentar zu einem Artikel im Rahmen der vorgeschlagenen Metakontrolle veröffentlicht werden.

  13. @Kuhn

    “Ghostwriter Unternehmen auf die Geisteswissenschaften spezialisiert”: Als jemand, der Studenten (normalen!) Nachhilfeunterricht gibt, sind bei mir schon ziemlich viele Anfragen für Ghostwriting in den Naturwiss. eingetroffen, so dass ich Ihre Aussage für einen Irrtum halte. Ich erlebte sogar einen Fall, wo sich herausstellte, dass der mit Preisen und Stipendien ausgezeichnete Student (der Nachhilfe beim Schreiben eines Förderungsantrags für ein Forschungsprojekt suchte) noch nie etwas selbst geschrieben hatte. Auch gibt es auf Naturwissenschaften spezialisierte Ghostwritingfirmen.

  14. Publikationsflut

    Die Fülle von Papers einzudämmen könnte noch aus einem anderen Grund wichtig sein. Dann kann man vielleicht dem Matthäus-Effekt entgegenwirken. Dann werden auch Autoren (z.B fähige Autodidakten außerhalb der Universitätshierarchie) gehört, die eine wissenschaftlich und handwerklich solide Arbeit abliefern, aber leider nicht wahrgenommen werden.

  15. An alle

    Herzlichen Dank an alle für die rege Diskussion!

    Das Selbstverständnis der Akademie (Beitrag von Herrn Woker; Thema 1) und der Befund einer Paperflut (Thema 2; s. Blog post) sind meines Erachtens zwei verschiedene Themen.

    Zum Thema 1:
    Ich gebe gerne Herrn Woker recht, dass sich das Ansehen von Wissenschaft in der Gesellschaft in den letzten sagen wir 100 Jahren gewandelt hat. Es hängt sicherlich damit zusammen, dass heutzutage mehr Abschlüsse mit Abitur und auch mehr akademische Abschlüsse gemacht werden. Ein akademischer Grad ist daher “gewöhnlich” geworden und hat daher an Ansehen eingebüßt – möchte ich zum einen vermuten. Ich stimme Herrn Woker zu, dass der Titel oft nur Mittel zum Zweck ist und direkt nach dem Abschluss etwas anderes als die Forscherlaufbahn angestrebt wird. Das ist im Prinzip auch okay, sind doch auch die Ansprüche an viele Jobs gestiegen und ein abgeschlossener Hochschulabschluss oder eine Promotion wird dann einfach erwartet.

    Der Fall Guttenberg hat mit breiter Wirkung das Thema “Plagiate im Wissenschaftsbetrieb” in die Öffentlichkeit gebracht. Ds ist gut so. Die betroffenen Betreuer der Arbeit und die Universität haben Schaden genommen und ich denke, dass mit diesem Warnschuss sich nun viele absichern werden – u.a. mit moderner Software zum Aufspüren der Plagiate, vor allem aber durch die eigene Sorgfaltspflicht.

    Zum Thema 2:
    Herr Kuhn schlägt nun vor, der Paperflut mit besseren Suchalgorithmen zu begegnen. Das ist natürlich zur Zeit schon der Fall, aber die Frage ist, was dann gute Suchkriterien sind. Wenn Sie von den letzten zehn Jahren 5000 Papiere zu “Schwarzen Löchern” finden, welche schauen Sie dann genauer an? Nur die aktuellen? Diejenigen von Nobelpreisträgern und bekannten Experten im Feld? Die am häufigsten zitierten?
    Außerdem möchte ich zu bedenken geben, dass wir uns mit den Suchmaschinen auch in eine Abhängigkeit begeben, denn Suchmaschinen werden programmiert.

    Ich stimme Herrn Kuhn zu, dass bei Einstellungen auch darauf geschaut wird, ob Arbeiten dabei sind, die mindestens 100mal zitiert wurden. Das spricht ja für die Sichtbarkeit des Autors und dass er etwas mit Impakt schreiben kann – solche Leute will man ja haben. Natürlich sollte der Inhalt der Arbeit ausschlaggebend sein.
    Widersprechen möchte ich bei der These, dass man in den Naturwissenschaften (insbes. in der Physik) schwieriger betrügen könne, als in den Geisteswissenschaften. Ich denke, da sind sich alle Wissenschaften gleich (siehe auch den nicht allzu lang zurückliegenden Fall mit gefälschten Experimentierdaten in der Physik).

    Matthäus-Effekt (Beitrag von Herrn Schneider) hin oder her – eine wirklicher Durchbruch setzt sich früher oder später durch, egal wer das veröffentlicht. Heutzutage ist es leichter denn je für Autoren außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs ihre Werke unter die Leute zu bringen. Sie stellen das Manuskript einfach ins Internet. Man muss allerdings leider feststellen, dass da viel Schund dabei ist (siehe allein die vielen Websites von Einstein-Gegnern bzw. Autoren, die Einstein widerlegt haben wollen).

    Insgesamt herrscht ein Konsens in unserer Diskussion, dass Ehrlichkeit in der Wissenschaft ein hohes Gut ist (natürlich auch anderswo). Wenn jeder in dieser Hinsicht an sich arbeitet, sind wir schon ein gutes Stück weiter.

    Beste Grüße,
    Andreas Müller

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