Visite 2009: Einstein über Religion

BLOG: Einsteins Kosmos

Vom expandierenden Universum bis zum Schwarzen Loch
Einsteins Kosmos

Der folgende Beitrag entstand im Rahmen unserer Blogger-Aktion "Visite 2009" und stammt aus der Feder von Brainlogger Stephan Schleim von Menschen-Bilder:

Das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Wissenschaft ist immer wieder ein aktuelles Thema. Gerade im Darwin-Jahr 2009 wird heiß darüber diskutiert, ob Evolutionstheorien prinzipiell mit religiösen Ansichten vereinbar sind. Lesen Sie hier, was Albert Einstein über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft geschrieben hat.

Zugegeben, es hätte mich schlimmer treffen können, als eine Visite für Einsteins Kosmos zu schreiben. Wenn man aber sonst über Menschenbilder und das Gehirn schreibt, dann ist ein Besuch bei den Kosmologen ein gewaltiger Sprung. Als Agnostiker versuche ich gerade, mich in weltanschaulichen Fragen zurückzuhalten. Wie gut, dass Einstein so universell interessiert war und in einem Aufsatz für das New York Times Magazine über Religion und Wissenschaft geschrieben hat, der 1930 erschienen ist.

Gefühle und Bedürfnisse sind die treibenden Kräfte hinter allen menschlichen Unternehmen und Schöpfungen, so hoch entwickelt und verfeinert sie uns auch erscheinen mögen. (Einstein, p. 236; dt. Übers.)

Hier unterscheidet er drei Formen von Religion. In der ersten sei die Angst die treibende Kraft; Angst vor wilden Kreaturen, Unglück und schließlich dem Tod. Weil das Naturgeschehen gerade für primitive Menschen ein Rätsel bleibe, würden sie sich mysteriöse Wesen vorstellen, die es steuern. Mithilfe von Ritualen würde dann versucht, diese Wesen gelinde zu stimmen und so Unheil fern zu halten. Diese Religion der Angst werde durch eine spezielle Priesterkaste gestützt, die sich selbst als Vermittler zwischen Mensch und Göttlichem einsetze und oft mit den politischen Herrschern kooperiere.

Die zweite Form der Religion entstehe aus sozialen Impulsen heraus, dem Bedürfnis nach Leitung, Liebe und Unterstützung. Weil die Väter und Mütter ebenso wie die Führenden einer Gesellschaft fehlbar seien, würde eine soziale oder moralische Vorstellung Gottes geschaffen, eines Gottes, der schützt, belohnt und bestraft. Unter den Religionen der zivilisierteren Völker finde sich häufiger ein moralischer Gott als eine Religion der Angst. Beiden sei aber ein Anthropomorphismus gemeinsam, eine Übertragung menschlicher Eigenschaften auf das Göttliche.

Das Individuum fühlt die Sinnlosigkeit menschlicher Bedürfnisse und Ziele und die Großartigkeit und wundervolle Ordnung, die sich sowohl in der Natur als auch der Gedankenwelt enthüllen. (Einstein, p. 237; dt. Übers)

Diesen Konzeptionen stellt Einstein ein „kosmisches religiöses Gefühl“ Gefühl gegenüber. Dem Einzelnen offenbare sich hier die Großartigkeit von Natur und Verstand; über seine Abgegrenztheit hinaus trage ihn sein Wunsch, das Universum als ein einziges, bedeutendes Ganzes zu erfahren. Mit diesem religiösen Gefühl gehe kein Dogma und auch kein Gott nach des Menschen Vorstellung einher. Daher könne es auch keine Kirche geben, die ihre zentrale Lehre darauf stütze. Es sei nicht verwunderlich, dass diejenigen, die diesem Gefühl Ausdruck gegeben hätten, stets als Ketzer ihrer Zeit angesehen worden seien.

Ich behaupte, dass das kosmische religiöse Gefühl das stärkste und vornehmste Motiv für wissenschaftliche Forschung ist. (Einstein, p. 238; dt. Übers.)

Einstein beschäftigt sich mit der Frage, wie dieses Gefühl anderen vermittelt werden kann. Für ihn ist es die wichtigste Aufgabe von Kunst und Wissenschaft, es zu erwecken und am Leben zu erhalten. Aus ihm entstehe die nötige Hingabe, ohne welche die Pionierarbeit in theoretischer Wissenschaft unmöglich sei. Kepler und Newton sind für ihn Beispiele dafür, zu welchen Leistungen es Menschen antreiben kann. Einen Konflikt mit den Kirchen würde es dort geben, wo die Wissenschaft das zuvor für göttliches Handeln gehaltene Geschehen als Folgen des Kausalgesetzes entlarve.

Wir haben mit der Frage angefangen, wie das Verhältnis von Religion und Wissenschaft ist. Wie lässt sich Einsteins religiöses Gefühl dahingehend verstehen? Er sieht es nicht als Hindernis, sondern im Gegenteil als eine Antriebskraft für herausragende wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Religion der Angst und die der Moral lehnt er aber ab. Das ist vor allem für Naturereignisse plausibel, in denen tatsächlich die natürlichen Vorgänge wissenschaftlich erklärt werden konnten, die vorher als Ausdruck höherer Mächte angesehen wurden. Dann bleiben aber zwei Fragen offen: Erstens, wie allgemein gilt das Kausalgesetz? Und zweitens, worauf deutet das kosmische religiöse Gefühl?

Die Forschung ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass wir in jeder wissenschaftlichen Disziplin Phänomene kennen, in denen wir kein Kausalgesetz haben; es lässt sich dort – bei heutigem Wissensstand – nur vermuten. Weil man bestimmte Teilprozesse erkannt hat, verallgemeinert man im Prinzip auf das Ganze. Nicht zuletzt das Gehirn, das menschliche Verhalten und Denken ist hierfür ein Paradebeispiel. Doch Vorsicht: Würden wir aus dieser Erkenntnisgrenze die Existenz eines Gottes ableiten, der die Kräfte im Verborgenen steuert, dann müssten wir uns Dawkins’ Vorwurf des Lückenbüßer-Gottes zu recht anhören und würden wir ein Rückzugsgefecht führen, das die Grenze bei jeder Entdeckung neu zieht.

Wie steht es also um das kosmische Gefühl, Einsteins wunderbares Staunen? Wie ist es zu verstehen, dass uns das Universum begreifbar erscheint und manche von uns das Rätsel, es tatsächlich zu begreifen, zu Höchstleistungen anspornt? Für manche ist das ein Ausdruck des Göttlichen, dass das Universum überhaupt begreifbar sei, dass es überhaupt so etwas wie Naturgesetze gebe und deshalb Wissenschaft überhaupt erst möglich sei. Zugegeben, das löst nicht die Frage über den Konflikt von Religion und Kirche, der letztlich auch ein Konflikt über die Deutungshoheit ist, wie ich es schon bei dem Streit um die Willensfreiheit vermutete. Ich denke aber, wenn man sich Einsteins kosmisches Gefühl vor Augen hält, die Überwindung des einzelnen Strebens, dann erscheint vieles der aktuellen Debatte nur als störende Politik; und vielleicht ist sie nicht mehr als das.


Stephan Schleim ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Bonn und Schreibt für die Brainlogs über Philosophie und Hirnforschung

Quelle: Einstein, A. (1930/2008). Religion and Science. In: R. Dawkins (ed.), The Oxford Book of Modern Science Writing, pp. 235-238. Oxford University Press.

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Die Astronomie ist faszinierend und schön – und wichtig. Diese interdisziplinäre Naturwissenschaft finde ich so spannend, dass ich sie zu meinem Beruf gemacht habe. Ich bin promovierter Astrophysiker und befasse mich in meiner Forschungsarbeit vor allem mit Schwarzen Löchern und Allgemeiner Relativitätstheorie. Aktuell bin ich der Scientific Manager im Exzellenzcluster Universe der Technischen Universität München. In dieser Tätigkeit im Forschungsmanagement koordiniere ich die interdisziplinäre, physikalische Forschung in einem Institut mit dem Ziel, Ursprung und Entwicklung des Universums als Ganzes zu verstehen. Besonders wichtig war mir schon immer eine Vermittlung der astronomischen Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit. Es macht einfach Spaß, die Faszination am Sternenhimmel und an den vielen erstaunlichen Dinge, die da oben geschehen, zu teilen. Daher schreibe ich Artikel (print, online) und Bücher, halte öffentliche Vorträge, besuche Schulen und veranstalte Lehrerfortbildungen zur Astronomie, Kosmologie und Relativitätstheorie. Ich schätze es sehr, in meinem Blog "Einsteins Kosmos" in den KosmoLogs auf aktuelle Ereignisse reagieren oder auch einfach meine Meinung abgeben zu können. Andreas Müller

14 Kommentare

  1. @Stephan

    Lieber Stephan,

    vielen Dank für Deinen gelungenen Beitrag und Deinen Besuch in meinem Blog.

    Ich kann mich am ehesten mit dem “kosmischen religiösen Gefühl” anfreunden, möchte hier allerdings einen wichtigen Schlüsselbegriff anfügen: Ästhetik. Gott könnte hinter der Schönheit der Natur und der schlichten Schönheit der Gesetze, die sie beschreibt, vermutet werden.

    Beste Grüße,
    Andreas

  2. Ich tippe mal, dass das kosmische Staunerlebnis einfach aus dem Erfolgserlebnis resultiert, das man hat, wenn man ein erfolgreiches Modell oder eine Erklärung für vorher nicht verstandene Zusammenhänge findet. Genau für so was hat die Evolution unser Gehirn optimiert.

  3. @ adenosine

    Hmm, das mag schon sein; manche Erleben nach so einem Erfolg aber auch eine Erfüllungsmelancholie. (übrigens eines meiner lieblingswörter)

    Mit Einsteins Logik würde das aber deshalb nicht konform gehen, da seiner Meinung nach das kosmische Gefühl ja schon vorher da ist, bevor man das Ergebnis gefunden hat!

  4. Rationales Denken

    Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass es rational denkende Menschen gibt, die an Gott glauben.

    Der letzte psychologische Strohhalm and den man sich klammert, um mit Ängsten vor Tod, Unfall und Zufall klarzukommen. Und dennoch ist es mir ein Rätsel, wie man an etwas glauben kann, das so unwahrscheinlich ist wie die Existenz eines allmächtigen Gottes.

    Ich finde auch, das Wissenschaftler sich, egal ob nun gläubig oder nicht, an Spekulationen beteiligen sollten. Das Thema Religion ist überbewertet und das auch KOSMOlogs nicht verschont bleibt, ist schon schade.

  5. Korrektur ->Rationales Denken

    Hooo… da fehlt etwas. Der letzte Abschnitt sollte heißen:

    “Ich finde auch, das Wissenschaftler sich NICHT, egal ob nun gläubig oder nicht, an Spekulationen beteiligen sollten. Das Thema Religion ist überbewertet und dass auch KOSMOlogs nicht verschont bleibt, ist schon schade.”

  6. @ Ryo
    Das ist so nicht ganz richtig. Denn die persönliche Gottesvorstellung oder wie H.Wicht einmal schrieb “die metaphysische oft unausgesprochene Annahme” kann einen Beitrag dazu leisten, über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen.

    @ Schleim

    “Mit Einsteins Logik würde das aber deshalb nicht konform gehen, da seiner Meinung nach das kosmische Gefühl ja schon vorher da ist, bevor man das Ergebnis gefunden hat!”

    Das mag bei Einstein vll. der Fall gewesen sein. Man kann aber in das kosmische Gefühl auch hineinwachsen.
    Als Wille zur Macht, Wille zur Vernunft, Wille zur Liebe, Wille zur Weisheit.

  7. @ Ryo

    Vielleicht ist es sinnvoll, wenn sich Wissenschaftler als Wissenschaftler nicht zur Religion äußern, sofern sich ihre Arbeit nicht mit den religiösen Aspekten überschneidet (wie es meistens der Fall ist).

    Dass Wissenschaftler sich aber als Menschen zur Religion äußern dürfen und sollen, das hoffe ich sehr.

    Im Übrigen stimmen Sie mit mir ja in diesem Punkt überein, da ich hier ja die These vertrete, dass der Streit “Religion und Wissenschaft” überbewertet ist.

  8. @ Hilsebein

    Da das kosmische Gefühl nach Einstein über das Beschäftigen mit Wissenschaft (und Kunst!) entsteht, sehe ich keinen Widerspruch dazu, dass man darin hineinwachsen kann.

    Mir schien es nur nicth ganz den Punkt zu treffen, wenn man annimmt, dass eigene wissenschaftliche Erfolge eine notwendige Bedingung für das Haben dieses Gefühls sind, wie ich es in adenosines Beitrag las.

  9. Stephan Schleim hat es bereits auf den Punkt gebracht, Ryo’s Aussage macht nur wenig Sinn. Die Frage nach der Existenz Gottes ist offenbar keine wissenschaftliche Frage, aber durchaus nicht alles, was ein Wissenschaftler sagt, hat den Anspruch, wissenschaftlich zu sein. Natürlich dürfen diese sich persönlich zu religiösen Einsichten bekennen, ganz gleich, wie “rational” sie in ihrer Tätigkeit als Wissenschaftler agieren. Im Übrigen kann man durch das Studium der Geschichte zu dem Schluss kommen, dass Wissenschaft und Religion denselben Ursprung haben. Dies mag angesichts des vermeintlichen Antagonismus der Wissenschaft und Religion ein erhellender Gedanke sein.

  10. Wissenschaftler und Religion

    > Natürlich dürfen diese sich persönlich zu
    > religiösen Einsichten bekennen

    Jawohl.

    Und auf jeden Fall darf sich jeder Wissenschaftler – und auch jeder Nicht-Wissenschaftler – zum Thema Religion äußern.

  11. @ Stephan Schleim

    Man lese beispielsweise das Buch “The Sleepwalkers” von Arthur Koestler, eine Geschichte der Kosmologie von der frühsten Stunde an bis zu Isaac Newton, wobei das Ganze mehr als eine Geschichte des menschlichen Denkens im Allgemeinen verstanden werden kann. Dabei untersucht Koestler immer wieder das Verhältnis von Glaube und Vernunft und kommt zu dem Schluss, dass die vermeintlichen Gegensätze bei den Vorsokratikern noch eine Art Symbiose bildeten und schwer voneinander abzugrenzen waren (Beispiel: Pythagoras, der Mystiker), sich mit der Zeit jedoch immer mehr voneinander entfernten, wobei (der Atheist) Koestler die These vertritt, dass die seiner Ansicht nach negativen Folgen dessen bis in unser Zeitalter zu spüren sind. Die großen Wegmarken seiner Kosmologiegeschichte bilden Copernicus, Kepler, Galileo und Newton, die sich allesamt als tief gläubige Menschen erweisen und Aspekte ihrer religiösen Einsichten mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten verknüpften (siehe z.B. Keplers Mystizismus um die “Harmonie der Himmelssphären”), was wiederum nach Koestler für die Wissenschaft auf positive Weise rückwirkte, wie er zu zeigen versucht. In der Wissenschaftsgeschichte ist die Tatsache, dass sich Mystik, Religion und Wissenschaft in der Vergangenheit oftmals gegenseitig befruchtet haben zwar mittlerweile eine wohlbekannte Gegebenheit, in der Öffentlichkeit scheint dies allerdings weitaus weniger bekannt zu sein (siehe z.B. die dazu im harschen Gegensatz stehende Bewegung um Dawkins, der explizit eine Welt ohne religiöse Auswüchse fordert). Insgesamt eine empfehlenswerte Lektüre, auch weil sie die endlose Debatte um die Frage nach der Existenz Gottes gänzlich ausblendet und die Religiosität, den Glauben auf rein wissenschaftshistorische Weise behandelt.

  12. @ Keinstein: Ursprung

    Oh, danke, das ist sehr interessant!

    …wobei aber Sokrates und seine Schüler es gerade als einen Fortschritt und den Beginn der “echten” Philosophie verstehen dürften, die Vorsokratiker und ihre Mythen hinter sich gelassen zu haben.

    Haben Sie noch eine andere Quelle aus der Wissenschaftsgeschichte für das positive Rückwirken von Religion auf Wissenschaft? In der Öffentlichkeit wird der Sachverhalt ja immer gegenteilig dargestellt, man denke an den Fall Galilei.

  13. Einstein & Religion

    So primitiv, wie die Religionen dieses Planeten den allumfassenden Gott darstellen um ihn den Bedürfnissen der Menschen anzupassen, kann der Schöpfer eines Universums gar nicht sein. Sie, die Religionen sind reine Erfindungen der Species Mesch um nicht an der Einsamkeit im Universum zu zerbrechen. Die größte Leistung eines solchen Gottes ist es doch zumindest auf einem kleinen Planeten eine Species geschaffen zu haben, die soeben erwacht und begonnen den Bauplan zu begreifen. Die Religionen können allgemein wenig mit diem Umstand anfangen, weil sie alle in einem mehr oder weniger engen, alt hergebrachten Denkmuster gefangen sind.

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