Schul-Lehrpläne und Astronomie

Im Internationalen Jahr der Astronomie 2009 wurde erneut der Wunsch artikuliert ein Mehr an Astronomie in der Schule zu haben. Die Astronomie bietet als moderne, interdisziplinäre Naturwissenschaft große Chancen, um einen für Schüler attraktiven, naturwissenschaftlichen Unterricht zu gestalten. Aber wie sollte man das konkret umsetzen?

Astronomisch angereicherte Schulfächer vs. Schulfach Astronomie
In den letzten Wochen konnte man diesbezüglich eine spannende Diskussion verfolgen. So fordert der Landesverband ProAstro-Sachsen ein eigenes Schulfach Astronomie.
In den KOSMOlogs habe ich mich bereits zum Thema geäußert und eine Anreicherung des Schulunterrichts mit mehr Inhalten aus der Astronomie und im Prinzip auch ein Schulfach Astronomie begrüßt. Jüngst hat sich KOSMOlogger Jan Hattenbach zu Wort gemeldet und appelliert an eine Änderung der Lehrmethodik in Schulen.
Der ehemalige Gymnasiallehrer Gerhard Sauer vom Amt für Lehrerbildung in Gießen (Hessen) spricht sich in der aktuellen Ausgabe Aug/Sep 2009 des Physik Journals gegen ein Schulfach Astronomie aus. Seines Erachtens gibt es eine ausreichende Fächervielfalt und eine Integration astronomischer Inhalte in den naturwissenschaftlichen Unterricht wäre genug.

Die Vorteile eines Schulfachs Astronomie
Ich freue mich natürlich, wenn astronomische Themen den Weg auf den Lehrplan etablierter Schulfächer wie Physik und Chemie finden. Doch ist dieser Schritt nicht zu halbherzig? Es klingt ein bisschen wie "Alles beim Alten belassen". Verpassen wir nicht eine Riesenchance, nämlich diejenige, unseren Schulunterricht grundsätzlich zu überdenken und neu zu gestalten? Ich meine, dass man diese Frage grundsätzlich klären sollte.
Gerhard Sauer spricht dabei einen wichtigen Punkt an: den enormen Wissenszuwachs. Wir leben in einer Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts in der Wissen nicht nur allgegenwärtig, sondern vor allem facettenreich und breit gefächert ist. Wie kann man all das Wissen in einer endlichen Schulzeit in die Köpfe der Schüler bekommen? Kann das überhaupt das Ziel sein? Sicher nicht. Wir sind hier an einem Scheideweg angekommen. Es geht nicht darum, so viel Faktenwissen wie möglich in den Schülerkopf zu bekommen, sondern es geht darum, den Schülern Methoden an die Hand zu geben, wie sie sich Wissen aus beliebigen Fachrichtungen eigenständig erarbeiten können – Stichwort "Lernen zu lernen".
Für die Schule heißt das: Man muss sich zum einen von vielen Unterrichtsinhalten trennen, so schmerzlich das auch sein mag, damit Schüler nicht von zu viel Fakten überfordert werden. Schule kann somit immer nur einen Teil des ganzen Wissensschatzes darstellen.
Zum anderen ist es sinnvoll, die Interdisziplinarität zu fördern. So erkennt der Schüler Zusammenhänge zwischen scheinbar entfernten Wissenszweigen, die jedoch in Wahrheit auf gleichen Prinzipien beruhen. Oder er erkennt Zusammenhänge in einem neuen Kontext, z.B. geschichtliche Entwicklungen vor dem Hintergrund des damals aktuellen naturwissenschaftlichen Weltbildes. Ist das Prinzip bzw. der Zusammenhang einmal erkannt, so lässt sich effektiv Schulzeit einsparen, weil man ein Thema nicht mehrfach in verschiedenen Fächern "durchkauen" muss.
Ein Schulfach Astronomie wäre ein ideales Instrument, um diese neue Lernmethodik umzusetzen, denn die Astronomie ist interdisziplinär genug, dass sich Inhalte nicht nur aus den Naturwissenschaften, vor allem Physik und Chemie, sondern auch aus den Geisteswissenschaften wie Philosophie (wissenschaftliche Methodik, Theorie vs. Experiment, Rationalismus, Positivismus), Geschichte (Steinzeit, Aufklärung), Religion (Gottesbilder, naturwissenschaftliches Weltbild) etc. vermitteln lassen. Was das Schulfach Astronomie vermittelt, kann im Unterricht der anderen etablierten Fächer eingespart werden. Als Lernziel winken vernetztes Lernen und vernetztes Verstehen.

Lehrpläne sichten und überarbeiten
Ich habe mir den G8-Lehrplan für bayerische Gymnasien angeschaut und mich davon überzeugt, dass Schülerinnen und Schüler geballtes Wissen erwartet. Schauen Sie selbst auf den Lehrplan (Physik S.35) und lesen Sie einmal die Schlagworte, die die Lerninhalte der einzelnen Schulfächer charakterisieren. Bei einigen Schlüsselbegriffen dachte ich schon, dass man sich das sparen könne, aber gut;  der Lehrplan ist sicherlich auch ein Kompromiss, der aus Grabenkämpfen der Experten ihres Fachs erwachsen ist.
Etwas schockiert war ich, dass im Fach Mathematik die Differentialrechnung erst in den letzten Schuljahren 11/12 kommt. Zu meiner Schulzeit wurde das früher vermittelt und war ein wesentlicher Unterrichtsbestandteil – auch im Leistungskurs Physik.
Aktuell können bayerische Lehrer in der Jahrgangsstufe 10 die "Aspekte der modernen Kosmologie" behandeln oder haben in der Jahrgangsstufe 12 die Option hat die "Lehrplanalternative Astrophysik" zu unterrichten. Das ist schön; aber man kann meiner Meinung nach mehr Potenzial nutzen mit einem Schulfach Astronomie, das bereits früh im Schulalltag eingeführt werden sollte – spätestens ab der Jahrgangsstufe 5.

Beispiele mit Einsparpotenzial und neue Wege des Lernens
Mit etwas Mut zur Neugestaltung, kann ich mir ganz konkret vorstellen, dass man Unterrichtszeit für ein Schulfach Astronomie durch folgende Maßnahmen generiert:

  • Im Schulfach Physik "opfert" man eine bis zwei Schulstunden pro Woche zugunsten der Astronomie. Zu den meisten Themen der Schulphysik lässt sich ein anschaulicher Bezug zu einem Astronomiethema finden. Die Schulphysik wird darunter nicht leiden, sondern von dem astronomischen Unterrichtsmaterial (Bilder, Filme, ggf. Exkursion mit Beobachtungen bei Tag oder Nacht) profitieren.
  • Im Schulfach Chemie verzichtet man auf eine zu ausführliche Darstellung des Periodensystems der Elemente und schiebt dieses Thema in einen astronomischen Unterricht. Dabei  geht man insbesondere auf den Ursprung der chemischen Elemente aus dem Urknall, den Sternen und den Sternexplosionen ein – Bezüge zur Welt, die in meinem Schulunterricht damals gar nicht aufgetreten waren. Ist es nicht eine unglaubliche Erkenntnis, dass wir alle aus Sternenstaub bestehen? Dann muss das  auch gesagt werden!
  • In geisteswissenschaftlichen Schulfächern wie Geschichte und Religion verzichtet man auf die eine oder andere Schulstunde, z.B. wenn es um prähistorische Kulturen, die Steinzeit und Weltbilder geht, und schiebt diesen Themenkomplex ebenfalls in das Schulfach Astronomie.

Unantastbar müssen die Fächer Deutsch, Mathematik und die Fremdsprachen Englisch und Französisch/Latein bleiben! Dieser Unterricht ist zu wichtig und wird kein Einsparpotenzial bergen.

Prüfen und Chancen begreifen
Ich wünsche mir Folgendes: Eine Kommission aus Lehrkräften, Didaktikern, Pädagogen, Wissenschaftlern und Lehrern aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, die bereits das Schulfach Astronomie haben, sollte den aktuellen gymnasialen Lehrplan sehr genau unter die Lupe nehmen und auf Einsparpotenziale prüfen. Der gymnasiale Bildungsgang wurde ja auf acht Schuljahre verkürzt, damit die Schülerinnen und Schüler bereits nach 12 Jahren ihr Abitur haben können, um international jung und wettbewerbsfähig zu sein. Im Zuge der Umstellung auf diesen Schullehrplan G8 bei Gymnasien wurden kritische Stimmen laut, dass die Lehrpläne noch zu umfangreich seien – auch deshalb ist eine erneute Evaluation und Überarbeitung zu begrüßen. Von der Entscheidung dieser Kommission muss die Einführung eines Schulfachs Astronomie (ggf. sogar weiterer neuer Fächer wie "Technik" und "Wirtschaft") im jeweiligen Bundesland abhängig gemacht werden. Mehr Mut für Neues ist erwünscht, erst recht in unserem maroden Bildungssystem!

Die Verbindung Schule-Wissenschaft stärken
Es gibt bereits ein Engagement seitens der Wissenschaftler, von dem die Schulen profitieren können. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft rief dazu das Fortbildungsnetzwerk fobinet ins Leben, das bundesweit Physikfortbildungen bündelt. Weiteres Unterrichtsmaterial finden Lehrer bei "Wissenschaft in die Schulen" und bei "Lehrer online".
Wir haben im Exzellenzcluster Universe der TU München eine jährliche Lehrerfortbildung bereits zweimal veranstaltet, um die Gymnasiallehrer auf die "Aspekte der modernen Kosmologie" der Jahrgangsstufe 10 vorzubereiten. Mit Erfolg: Bei den Lehrern sind die Fortbildungen recht gut angekommen. Im Zuge der Fortbildung haben wir Rechenpakete für den Unterricht entwickelt, die auf leichter Mathematik beruhen und mit Wow-Effekten Schüler beeindrucken.
Unsere Wissenschaftler gehen auch direkt in Schulen und zu Lehrer-Kongressen, um von der faszinierenden Astronomie zu erzählen. In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals darauf aufmerksam machen, die Woche der Schulastronomie vom 9. bis 13. November 2009 zu nutzen. Liebe Schuldirektoren, liebe Lehrerinnen und Lehrer: Laden Sie bitte Wissenschaftler an Ihre Schulen ein, die Vorträge halten, Experimente vorführen und mit den Schülerinnen und Schülern diskutieren. Nutzen Sie zum Finden geeigneter Referenten die IYA-Rednersuchmaschine im Internet. Begreifen Sie diese Schulwoche als Test, wie Astronomie bei Ihren Schülerinnen und Schülern ankommt. Das liefert Ihnen Erfahrungswerte, ob auch Sie ein Schulfach Astronomie wollen.

Ideal: Start schon in den Grundschulen
Wenn Sie mich fragen, so finde ich, dass ein astronomischer Unterricht ab der Jahrgangsstufe 5 bereits zu spät kommt. Denn die Kinder im Grundschulalter sind besonders wissbegierig und aufnahmebereit für Neues. Das muss man unbedingt ausnutzen!
Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung berichten, dass die Kinder im Alter von ca. 8 Jahren sehr gut auf einen naturwissenschaftlichen Unterricht ansprechen. Natürlich muss ein solcher Unterricht abwechslungsreich und interessant gestaltet sein – anschauliche Beispiele und ein paar Experimente dürfen nicht fehlen. Wir hatten uns sehr angeregt über die Planeten im Sonnensystem, die Erdkugel, den atmosphärenlosen Mond, die Tiefsee und die höchsten Berge im Sonnensystem unterhalten. Vor allem muss es solche "Wow-Effekte" geben und gerade daran ist die Astronomie reich. Und ich habe nicht schlecht gestaunt, was die Kleinen schon an Vorwissen mitbrachten.
Die Motivation ist da. Die Methode ist da. Wir müssen nur mutig die Chance ergreifen!

Veröffentlicht von

Die Astronomie ist faszinierend und schön – und wichtig. Diese interdisziplinäre Naturwissenschaft finde ich so spannend, dass ich sie zu meinem Beruf gemacht habe. Ich bin promovierter Astrophysiker und befasse mich in meiner Forschungsarbeit vor allem mit Schwarzen Löchern und Allgemeiner Relativitätstheorie. Aktuell bin ich der Scientific Manager im Exzellenzcluster Universe der Technischen Universität München. In dieser Tätigkeit im Forschungsmanagement koordiniere ich die interdisziplinäre, physikalische Forschung in einem Institut mit dem Ziel, Ursprung und Entwicklung des Universums als Ganzes zu verstehen. Besonders wichtig war mir schon immer eine Vermittlung der astronomischen Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit. Es macht einfach Spaß, die Faszination am Sternenhimmel und an den vielen erstaunlichen Dinge, die da oben geschehen, zu teilen. Daher schreibe ich Artikel (print, online) und Bücher, halte öffentliche Vorträge, besuche Schulen und veranstalte Lehrerfortbildungen zur Astronomie, Kosmologie und Relativitätstheorie. Ich schätze es sehr, in meinem Blog "Einsteins Kosmos" in den KosmoLogs auf aktuelle Ereignisse reagieren oder auch einfach meine Meinung abgeben zu können. Andreas Müller

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lehrplan G8 in Bayern

    Wie Sie ja schon bemerkt haben, musste für das verkürzte Gymnasium (G8) einiges aus den Lehrplänen gestrichen werden. Massive Streichungen gab es dazu in den Fächern Geschichte und Biologie. Die zweite Fremdsprache beginnt nun bereits nach der sechsten Klasse, statt wie früher in der siebten und es gibt neue Fächer wie Wirtschaftsinformatik etc. Ein großer Teil des Mathematikunterrichts wurde nach unten verschoben und umgestaltet. Wenn Sie die Differentialrechnung erst in der 11/12 Klasse finden, wird das eher die Ausnahme sein.
    Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie astronomischen Unterricht schon für jüngere Kinder fordern. Doch bei den momentan total überfrachteten Lehrplänen wird das wohl Wunschdenken bleiben. Außerdem gibt es im Fach “Natur und Technik” ja sowieso Grundlagenunterricht, nennt sich halt nicht Astronomie, sondern Sonne, Mond und Sterne.

  2. @ Mona

    Liebe Mona,

    vielen Dank für Ihre Informationen und den Kommentar.

    Ihr Eindruck bestätigt, dass sich ein Gremium unterschiedlicher Fachleute – ob mit oder ohne Fach “Astronomie” – nochmal zusammensetzen sollte, um den G8-Lehrplan zu überarbeiten.

    Ein Fach “Natur und Technik” ist kein Ersatz für ein Fach “Astronomie”, weil nur ein Fach Astronomie auch die kulturhistorischen und geisteswissenschaftlichen Aspekte integrieren kann.

    Ich glaube, dass man mit einem Fach “Astronomie” die Überfrachtung des G8-Lehrplans lindern kann.

    Beste Grüße,
    Andreas Müller

  3. Astronomie in der Schule

    Ich habe als Physiklehrer an einem Gymnasium einen Text zur Astronomie im Unterricht verfasst und würde ihn gerne in einer einschlägigen Zeitschrift publizieren. Kann mir jemand weiterhelfen?

  4. @Fritz Kubli

    Sehr geehrter Herr Kubli,

    Sie könnten versuchen Ihre Meinung als Leserbrief zum “Physik Journal” zu schicken, wo seit einigen Monaten eine Berichterstattung zum Thema läuft. Vielleicht drucken sie das ab.

    Sie können Ihren Text (ggf. gekürzt) auch gerne im Kommentar hier hinterlassen.

    Beste Grüße,
    Andreas Müller

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben