Zweierlei Mazedonien

BLOG: Edle Einfalt, stille Größe

Hellas inside
Edle Einfalt, stille Größe

Advent kennen die Griechen nicht und das Wort "besinnlich" gibt es weder in ihrer Sprache noch in ihrem Naturell. Die Stille Nacht und die Zeit davor ist wegen der Oliven- und Orangenernte mit die umtriebigste des ganzen Jahres. Richtig unfriedliche Weihnachten scheinen uns in diesem Jahr ins Haus zu stehen. Griechenland macht gerade medial mobil. Nein, nicht gegen den Lieblingsfeind, die Türkei. Diesmal hat es seinen Nachbar im Norden ins Visier genommen. Gewaltige Wortgeschütze fahren seit Tagen die Politiker – vorneweg breit der Ministerpräsident – auf: Griechenland werde sein Veto einlegen, sollte sich dieser Balkanstaat erdreisten, um Aufnahme in die EU nachzusuchen. Leitartikel und Leserforen der Zeitungen sind durchweg Hassergüsse und alle Talkrunden im Fernsehen schäumen. Und warum das ganze Geschrei? Weil sich der Nachbarstaat im Norden Griechenlands Mazedonien nennt.

Eine Anmaßung, eine Schandtat – darüber sind sich alle Parteien und dreiviertel der Bevölkerung Griechenlands einig. Mazedonien oder griechisch Makedonien dürfe sich nur nennen, was genuin griechisch sei. Wie die Provinz Makedonien mit der Hauptstadt Thessaloniki im Norden Griechenlands. Weil die Griechen auf die Namenshoheit pochen, nennen sie das ungriechische Mazedonien starrköpfig FYROM (Former Yugoslaw Republic of Macedonia) denn – so wollen sie dem Rest der Welt weismachen: Gibt man den Restjugoslawen mit dem Namen Mazedonien den kleinen Finger, wollen sie selbstredend bald die ganze Hand – das griechische Makedonien.

Wenn die heutigen Griechen recht behalten wollen, bemühen sie immer ihre große Geschichte. Und damals – so tönen sie jetzt laut – als sie Europa auf die Reihe brachten, sei das antike Makedonien und seine Kultur ein Teil der griechischen antiken Kultur gewesen.

Gut geklittert, Griechen! Die alten Geschichtsschreiber berichten da etwas ganz anderes. Gehen wir in das Jahr 349 v. Chr. zurück und lassen für alle alten Athener Demosthenes sprechen: Für ihn und seine Stadtleute waren die Makedonier Barbaren.  Die Makedonier sprachen zwar eine mit dem Griechischen verwandte Sprache – wie etwa heute das Holländische dem Deutschen ähnelt – hatten aber eine den alten Griechen völlig fremde Lebensart. Bei den Nordlichtern kochte doch glatt die Königin für den ganzen Hofstaat – weiß Herodot kopfschütteln zu berichten. Das können nie und nimmer Griechen sein! Dass es so bleiben sollte, dafür sprach sich Demosthenes aus. Wieder und wieder bleute der Athener Stadtstaatsmann den Seinen ein, dass die Makedonier draußen bleiben sollten. Eine Königin, die kocht, konnte keine Griechin sein. Geschweige denn Mutter von Griechen.

Der makedonische König Philipp II., Vater jenes Alexanders, der der Große werden sollte, suchte auf friedlichen, diplomatischem Weg das Wohlwollen der Griechen, buhlte förmlich darum, von den Griechen anerkannt zu werden. Demosthenes hintertrieb all diese Versuche mit seinen Philippikas, seinen Schmähreden wider Philipp.
Philipp zwang dann die Athener, ihn für voll zu nehmen, indem er sie unterwarf. Als dann sein Sohn Alexander seine Siegeszüge antrat, zum großen Gewinner wurde, jubelten ihm dann die Griechen zu, nannten ihn, den Makedonier, plötzlich einen Griechen.

Das alles ist Geschichte. Alte Geschichte. Die Bewohner des Nachbarstaates sind Mazedonier, jedenfalls 67%, aber die dürfen sich nicht Mazedonier nennen. Auch das untersagen ihnen die neuen Griechen wegen drohender Landnahme. Man stelle sich nur vor, die Angelsachsen würden dem deutschen Bundesland Sachsen verbieten, sich Sachsen zu nennen. Weil sonst vielleicht diese Sachsen Ansprüche auf England erheben könnten …

Die Nachkommen der Erfinder der Ratio erweisen sich als Meister der Irratio. Man kann nur gespannt sein, wie die Griechen auf den 62. Präsident der UNO- Vollversammlung reagieren. Der kommt nämlich aus Mazedonien, das bei den Vereinten Nationen wie auch im deutschen Duden bereits so heißt. Was werden die Griechen machen? Neue Philippikas ausstoßen? Unter antikem Getöse die UNO verlassen? Die Welt wird sehen.

Nera Ide

Veröffentlicht von

Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

8 Kommentare

  1. Zweierlei Mazedonien

    Ein pfiffig geschriebener Artikel, welcher
    Lust macht sich wieder mal mit der alt.und
    neugriechischen Geschicht zu befassen.

  2. die gute Frau hat keinen blassen Schimmer

    Ihre witzigen Ergüsse über die blöden Griechen entbehren leider jedweden Verständnisses für eine historisch gewachsene und berechtigte Sorge um stabile Zustände an der Nordgrenze. Leider folgt die deutsche Außenpolitik nicht erst seit Fischer eben der gleichen Ahnungslosigkeit.Die gesamte europäische Balkanpolitik wird als ebenso verfehlt in die Annalen eingehen wie die europäische Verstrickung in den Balkan vor dem 1.Weltkrieg. Aus Ihrem sicheren Nestchen im geheizten Deutschland scheinen Sie die Situation vor Ort ganz einfach nicht einschätzen zu können.

  3. Zweierlei Mazedonien.

    Die Sache ist etwas komplizierter und weniger einseitig, als hier geschildert. Einige Anmerkungen dazu, damit der Artikel etwa verständlicher wird:
    Die Einwohner des Staates FYROM (oder “Mazedonien”, nach manchen; ein Teil des ex-Jugoslawien, das Griechenland angrenzt) sind slawischer Herkunft und sprechen eine slawische Dialekt; eigentlich erst nach dem Ende des 2. Weltkriegs, unter dem Regime des Jugoslawischen Generals Tito erschien die Idee einer “mazedonischen Nation” in der Region, die in der Zeiten Philipp des II. und Alexander des III. (des Großen)dem antiken Königreich Makedonien angehörte; dieser Region wird mit dem Antiken Paionien identifiziert.

    Die Makedoner sind ein griechisch-dorisches Stamm; ihre Sprache ist ein griechischer Dialekt. Nordgriechenland, der Kernpunkt der Makedoner hatte schon in der Antike Kontakte, sowohl mit dem Balkanraum, als auch mit dem südlichen Teil Griechenlands; wegen ihre Lage aber, war damals Makedonien zu der Peripherie Griechenlands geworden.

    Derzeit untersuchen Forscher, anhand zahlreicher Funde, die Kontakte Nordgriechenlands zu den südlichen Regionen während der Prähistorie (Steinzeit, Bronzezeit-mykenische Epoche) und der klassischen Antike.
    Zum Beginn des 20. Jhs. ist Makedonien zur Drehscheibe der Konflikte, die mit ihrer Anschluß zu dem griechischen Staat endeten; damals folgte man in der griechischen Politik die sog. “Grosse Idee”; so eine Art “Idee” folgt heutzutage die Politik FYROMS, um den Name “Mazedonien” in Anspruch zu nehmen: Wäre nähmlich für den griechischen Staat des frühen 20.Jhs. die kulturelle Kontinuität Makedoniens (Sprache, Herkunft usw.)seit der Antike das wesentliche Kriterium zu ihrer Eingliederung gewesen, ist dies in unserer Zeit der Anspruch FYROM´s, sich “Mazedonien” zu nennen, weil es in der Antike Teil des makedonischen Königreiches war.

    Die moderne griechische Politik aber, verhandelt über der Name mit modernen Kriterien – so weit ich in der Lage bin, dies über die Presse zu wissen – nicht über Philipp II. und Alexander dem Grossen. Die moderne griechische Politik hat so nach nationalistischen Äußerungen von FYROM – z.B. über Anspruch von Gebiete, die dem griechischen Staat gehören, und über die Erwähnung von “mazedonischen Minderheiten”, die gedruckt werden – gehandelt.

    Zur Griechenlands grosses Fehler gehört die verspätete politische und diplomatische Reaktion gegenüber FYROM; daher ist das Verhalten vielen europäischen Länder über dieses Thema durchaus verständlich.

    Es wird geschätzt, daß keiner in Griechenland ein kleines Land wie FYROM, das seinen Weg sucht, schaden will; viel mehr, da viele Geschäfte in FYROM von griechischen Privatunternehmen verwaltet werden, und dadurch die Wirtschaft dieses landes unterstützen.

    Allen liegt die Hoffnung daran, daß dieses Prolbem mit der Name, durch die Diplomatie gelöscht wird.

  4. Liebe Nera Ide,

    – Wegen beleidigenden Inhalts gelöscht
    Die Redaktion –

    Die griechische Außenpolitik gegenüber FYROM ist nicht perfekt. Das gleiche gilt auch für die allgemeine Wahrnehmung des Problems vonseiten vieler Griechen. Trotzdem hat aber Griechenland recht. Kennst du Saussure? Das Problem ist nicht der signifier (Ortname Mazedonien), sondern das signified (Inhalt), d.h. wie man den Begriff definiert und versteht. Stellt dir vor: eines Tages wollen sich die Sizilianer umbenennen, sie nennen sich von nun an “Europäer”, Sizilien wird zu “Europa” und der sizilianische Dialekt zu “europäisch” umbenannt. Anschließend werden Karl der Große und Bismarck für bedeutende Persönlichkeiten der “europäischen” (d.h. sizilianischer) Geschichte erklärt…Was hast du dazu zu sagen? Natürlich ist auch Sizilien ein Teil Europas. Aber ein Teil und nicht das Ganze! Wenn sich also der Teil als das Ganze präsentieren will (anscheinend hast du den FYROM-Premierminister Nikola Gruevski nie vor den Karten des Großmazedoniens gesehen, oder?), dann haben wir ein Problem…Einige haben es schon verstanden. Die These Griechenlands ist nun die These von NATO. Diejenige, die es nicht verstehen können (wie du), muss man in der Tat weismachen…Besonders wenn sie aus dem Kreis der Altertumswissenschaften kommen, und trotzdem grobe Wissenslücken haben, wie du.

    Die Bewohner des Nachbarlands von Griechenland sind hauptsächlich Slawen, die in einem Teil des geographischen Bereichs von Mazedonien wohnen. Der beste Name wäre von daher “Slawomazedonien” oder “Vardar-Mazendonien”, da die Population des Landes auch nicht-Slawen (Albaner) umfasst.

    – Wegen Unsachlichkeit gelöscht.
    Die Redaktion –

    • “Die Redaktion: Wegen beleidigenden Inhalts gelöscht”
      Wirst du uns veraten, was du da geschrieben hast, oder bist du nicht tapfer genug dafür?

  5. Zweierlei Mazedonien

    Mannheim, Germany – The head of a German museum which is set to show an exhibition about Alexander the Great weighed into a dispute between Skopje and Athens on Friday, saying the ancient leader had been predominantly Greek. The modern state of Macedonia, where the main language is a Slavic one, claims the heritage of ancient Macedonia.

    “Alexander was predominantly Greek and definitely not an ancestor of contemporary Slavic Macedonians,” said Alfried Wieczorek, head of the Reiss-Engelhorn Museums in the southern German city of Mannheim.

    The exhibition devoted to the ancient general and ruler, who lived from 356 to 323 BC, opens on Saturday and runs till February 21.

    For two decades, Athens has been objecting to its northern neighbour calling itself Macedonia. Skopje has named its airport after Alexander and insists on having Alexander’s “star of Vergina” symbol on its coat of arms.

    In an interview with the German Press Agency dpa, Wieczorek said, “The latest research shows very clearly yet again that the Macedonians in the days of Alexander were closely related to the contemporary Greeks.”

    He added, “In antiquity, Greeks and Macedonians could interact because they spoke the same language.”

    Athens has been insisting that the name Macedonia can only been applied to a province in its own north.

    The country of Macedonia became independent in 1991 when Yugoslavia split up. The name issue has held up efforts to bring the new country into NATO and into formal assocation with the European Union.

    The museum director referred to findings that its population of 2 million, one quarter of them Albanian speakers and three quarters Slavic speakers, are descended from people who immigrated in the 6th century of the modern era, long after Alexander’s death.

    Copyright: Deutsche Presse-Agentur

  6. Pingback:Endlosschleife Part 2: Mazedonier vs. Griechen - Seite 134

  7. Ein schöner Artikel von der belesenen Dame

    Ich freue mich jedes Mal, wenn man uns bulgarisch sprechende Slaven als Makedonen ansieht und zu Makedonen erklärt. Wir waren zwar zu jener Zeit, als die Makedonen Philipp und Alexander lebten und den Hellenismus global vorstellten, irgendwo in den Tiefen der heutigen Ukraine, oder noch tiefer, haben mit ihnen weder mittel- noch unmittelbar etwas gemein, aber das geht in Ordnung.

    Griechenland mit seinen vielen Stämmen, darunter den Makedonen, ist ein Kulturgigant, da darf man uns einst zugewanderten bulgarisch sprechenden Slawen gerne etwas abgeben: Philipp und Alexander.

    Das ist wichtig, damit wir bulgarisch sprechende Slawen auf dem Balkan überleben können, ohne Vergangenheit geht man hier unter.

    Wir bulgarisch sprechenden Slawen wollen das verhasste Eigene tilgen und uns das prestigeträchtige Griechische (Makedonische) einverleiben.

    Es ist aber auch wichtig, den Kulturgiganten Griechenland zu zerschlagen, auf dessen Gebiete leben heute andere Völker, also dürfen sie auch die griechische Vergangenheit der Region/en für sich beanspruchen. Irgendwie muss Griechenland kleinzukriegen sein, von uns, den einstigen Barbaren, die das lesen und schreiben von den Griechen erlernten.

    Daher sollten sich auch die Türken zu Griechen erklären, zu Ioniern, sie leben auch auf einst griechischem Boden, auf dem die ersten Philosophen wirkten.

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