Zeus ist mit den Flüchtlingen

„Bringt das fetteste Schwein“, weist der Hirte seine Helfer an und schickt sie zu den Koben. Dieser Festbraten ist nicht wie sonst für die Gelage im Schloss gedacht, sondern für die Jammergestalt, die da plötzlich vor den Ställen aufgetaucht ist. Er muss übers Meer gekommen sein, sichtlich von weither, so verdreckt und zerlumpt wie er ist; sein Gesicht, gezeichnet von Entbehrungen, rekapituliert angestrengt den Ausdruck der Freude, sein Mund mit den rissigen Lippen formuliert stockend Dankesworte – der Schweinehirt winkt ab: „Fremdling, es ziemte mir nicht, und wär er geringer als du bist, einen Gast zu verschmähen, denn Gott gehören ja die Fremdling‘ und Darbende an.“

So schlachtet der Hirte das Schwein, er sengt es, steckt die Glieder an Spieße und brät sie, mit weißem Mehle bestäubt, über der Glut. Dem Fremdling und Darbenden läuft, geht der Mund über, plötzlich hat er wieder Worte, viele Worte, er erzählt von seiner Flucht in einer Tour, die später nach ihm Odyssee benannt werden wird. Er erzählt und erzählt, als bräuchte es all die geflügelten Worte. sich ein Festessen zu verdienen. Der edle Spender stoppt ihn: „Trachte nicht meine Gunst durch Lügen dir zu erschmeicheln, denn nicht darum werd ich dich ehren oder bewirten, sondern aus Furcht vor dem gastlichen Zeus und weil du mich jammerst.“

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Hätte der Schweinehirt seinen alten Herrn Odysseus auf Anhieb erkannt, die Begrüßung wäre nicht großherziger ausgefallen, der süße Wein nicht großzügiger geflossen. Ob letztes Hemd oder fettestes Schwein – im alten Griechenland kamen Flüchtlinge in den Genuss einer besonderen Fürsorge. Die Götter geboten diese Menschlichkeit (weil die Göttererschaffer auch Fremde gewesen waren?), geboten dieses Muss an Mitgefühl in Vorzeiten voller Umwälzungen, wo ganze Völker wanderten, durch Kriege oder Not aus ihrer alten Heimat vertrieben. Odysseus war ein Versprengter des Trojanischen Krieges, der kein homerisches Game of Thrones ist, sondern historische Begebenheit, wie immer mehr Altertumswissenschaftler bereit sind zu konzedieren. Odysseus, erst Kriegsheld, nun abgetakelt nach 20 Jahren Irrfahrt zu See – wie liebten es doch die griechischen Götter, die Schicksalsfäden kräftig zu verwirren, um dann den Sterblichen abzuverlangen, das Ganze wieder zu glätten. Das Schicksal zu frisieren, war Aufgabe der Dramatiker und Dichter.

Flüchtlinge waren sakrosankt. Selbst Kriminelle auf der Flucht fanden Gnade vor und bei den Göttern. Retteten sie sich in deren Heiligtümer, durfte dort auch einem Muttermörder wie Orestes kein Haar gekrümmt werden. Von Apollon bis Athene gerierten sich alle Olympier als Flüchtlingsschützer, zuvorderst natürlich ihr Oberster Zeus, der in dieser Funktion den Beinamen Xenios trägt.

In der Sprache schrieben die alten Griechen ihre Flüchtlingspolitik fest und schrieben so vor, wie Fliehenden und Vertriebenen zu begegnen ist: Das Wort xenos bedeutet Fremder und Gast gleichermaßen.
Dass jeder Fremde immer als Gast behandelt wurde, galt durch die ganze Antike hindurch, war weiter Stadtstaatsdoktrin, als sich Hellas‘ Städte hinter Alexander dem Großen zu einem griechischen Reich zusammenfanden. Alexander bekräftigte noch einmal den Imperativ, der dem Wort xenos innewohnt: Jeder gute Fremde sei einem Griechen gleichzusetzen, führte er 324 v. Chr. in Assyrien aus, ja als Grieche anzusehen.
Dieses Land, dessen alte Kultur von den Deutschen so bewundert wird, war auch die Geburtsstätte der Willkommenskultur. Sich ihr zu widersetzen und fremdenfeindlich zu sein, wäre zu alten Zeiten ein Sakrileg gewesen, eine Todsünde in der Diktion der späteren Religion.

Die archaische Denke lebt fort. Fast ein jeder, der einmal durch Griechenland gereist ist, weiß von einem Hirten/Fischer/Bauern zu erzählen, der alles aufgeboten hat, ihm im zusammengezimmerten Stall, dem alten Kaïki, in der einfachen Kate ein köstliches Essen aufzutischen. (Ich hätte mir gewünscht, dass in all den Debatten zur Griechenland-Krise diese einmalige Gastfreudschaft, die Großherzigkeit der Griechen zur Sprache gekommen wäre. Die deutschen Medien wie Politiker kolportieren allein die diametrale, eine falsche Sichtweise: Die Griechen würden den Deutschen die Haare vom Kopfe fressen.)

Die Insel des Unseligen

Statt Ithaka nun Kos, 3200 Jahre nach Odysseus. Hauptperson auf dieser Insel in der östlichen Ägäis ist kein lauterer Schweinehirt, sondern ein Schweinepriester. Kiritsis heißt er und fungiert als Bürgermeister des Eilandes. Seit Anfang des Jahre überquerten 160 000 Flüchtlinge, von der Türkei her kommend, den schmalen Sund zwischen anatolischem Festland und den nahen griechischen Inseln. Der Großteil landete auf Kos, der nächsten Insel, die nur vier Seemeilen von der türkischen Grenze entfernt liegt. Wenn schon eine Großstadt wie München in einem reichen Land wie Bayern bei 10 000 Flüchtlingen den Kollaps fürchtet, wie sieht es dann auf Kos aus, einem Außenposten in jenem Land, wo die medizinische Versorgung kaum noch funktioniert und etwa 40 Prozent der Bevölkerung nun zu den Armen gezählt werden müssen?

Kiritsis tat nicht nichts. Er tat lange so, als würden die Flüchtlingsströme, die da seine Gestade überfluteten, nicht existieren. So betteten sich die Flüchtlinge zu den Touristen an den langen Sandstränden der Ferieninsel. Kiritsis legte seine Hände in den Schoß. Vorher aber drehte er noch auf der Insel die öffentlichen Wasserhähne zu und verfügte die Schließung die öffentlichen Toiletten.
Endlich gefragt, warum er den Flüchtlingen keine Hilfe angedeihen ließ, warum deren Registrierung so schleppend lief – gerade mal sieben pro Tag schafften die überlasteten Ordnungshüter – erklärte er, dass ersteres die Sache Europas sei und letzteres die Schuld Athens. Die neue Regierung hätte ihm die Mittel gekürzt Er sei ohnehin gegen SYRIZA, das sei nun nicht seine Partei und das hätte sie jetzt davon. Da wurde Parteipolitik, wie aktuell auch in Deutschland, auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen.
Erst als dann die Touristen meuterten, forderten, sie wollten einen Urlaub exclusive hungernder Syrer und Afghanen, wurde Kiritsis aktiv. Er veranlasste, dass die Flüchtlinge von den Stränden in ein Stadion getrieben wurden, wo viele in der prallen Mittagssonne kollabierten. Athen schickte dann endlich Schiffe, um die Flüchtlinge zu erlösen und aufs Festland zu holen.

Zeige mir einen Gastlichen

Doch es gibt ihn noch, den Gott xenios. „Zeus, Flüchtlingshort, schau gnädig herab auf unseren Zug“, heißt es in einem Drama von Aischylos. Auf Lesbos, einer Insel nördlich von Kos, erwies sich der nunmehr einzige Gott xeniös, besser: einer seiner Mittler auf Erden. Ein orthodoxer Priester – Papas auf Griechisch – namens Efstratios gründete bereits vor Jahren auf Lesbos eine NGO, um den dort ankommenden Bootsflüchtlingen zu helfen. Bald nur noch Papa Strati gerufen, versorgte er mit einer immer größer werdenden Gruppe junger Leute die Fremden. Er machte seinen Schäflein Beine, sich um die noch Ärmeren zu kümmern. Was dringend geboten war, denn jeden Tag landeten zwischen zwei und 200 Menschen an der Nordküste an, die nach fünfzehn Stunden Fußmarsch seinen Sprengel Kalloni erreichten. „Ich habe kleine Kinder gesehen mit riesigen Blasen an den bloßen Füßen. Schwangere Frauen, deren Wehen schon begonnen hatten, als sie bei mir ankamen. Gestandene Männer, die geweint haben wie Kinder.“ Sie alle bekamen im Pfarrhaus zu essen und zu trinken, genügend Milch für die Babys, neue Kleidung, medizinische Versorgung und einen Platz auf dem Matratzenlager. „Das sind keine Migranten“, sagte dazu Papa Strati. „Sie sind vor dem Krieg geflohen. sie haben sich unsere Insel nicht ausgesucht, sie sind hier gestrandet. Diese Menschen sind Lebenssucher! Sie suchen das Leben, suchen Hoffnung – sie wünschen sich nichts sehnlicher, als einen weiteren Tag zu leben.“

Das erzählte Papa Strati im Juli. Am 2. September ist er gestorben. Sein Projekt lebt fort. Es heißt αγκαλιά, übersetzt Umarmung,
Seit einer Woche treffen täglich 2000 bis 2500 Flüchtlinge auf Lesbos ein.

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Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

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