Hie Sommernachtstraum, da Sommernachtsalptraum

BLOG: Edle Einfalt, stille Größe

Hellas inside
Edle Einfalt, stille Größe

Sommer in Griechenland ist immer Theater. Nicht nur Theaterdonner allenthalben in den Kommentarspalten, sondern tatsächlich Theater. Großes Theater im großen Theater von Epidauros, das in der Antike Behandlungsgroßraum einer besonderen Heilstätte war. Als Chefarzt agierte damals ein gewisser Asklepios – lateinisch  Äskulap – auf den heute noch alle Mediziner schwören. Diesem Gott in Weiß verdanken wir ein Heilungskonzept, das heute als ganzheitlich bezeichnet wird. Der Mensch wird nur dann krank, wenn seine Seele leidet, glaubte die Ärzteschaft im Krankenhaus, sprich Krankentempel von Epidauros. Also galt es in erster Linie, die Seele zu therapieren und dafür setzten sie das Theater ein. Große Tragödien ließen das eigene Leid klein erscheinen, über Komödien lachte man sich gesund.
Theater war Heilmittel für die alten Griechen, kurierte vor allem die Seelenleiden.

Dass Epidauros wirkt, irgendwie erhebend und belebend wirkt, davon sind auch die Griechen von heute überzeugt und deshalb stürmen sie alle Sommer sein altes Theater. Im Juli und August jedes Wochenende das gleiche Bild: Freitags und samstags wälzen sich schon am Nachmittag sternförmig lange Autoschlangen in die Pinienwälder im Nordosten des Peloponnes. 13 000 Zuschauer fasst das Theater und die alle müssen erst einmal ankommen und einen Parkplatz finden. Im Vorfeld herrscht ausgelassene Stimmung: Auf den planierten Äckern, wo die Parkplatzwächter sich beim Einweisen der Autos als kommende Komödianten empfehlen. Kichern, Prusten, Lachen allüberall, obwohl eine besonders tragische Tragödie auf dem Programm steht: Phädra, jene ältere Frau, die einem jungen Mann verfällt.

Heute normal, damals aber ein veritables Drama, auch weil es sich bei dem Angebeteten um ihren Stiefsohn handelt. Als Phädra die Nachricht erhält, ihr Ehemann sei im Krieg gefallen, frohlockt sie, denn nun ist sie frei für Sohnemann. Und so frei, sich ihm zu erklären. Der Stiefsohn ist verwirrt, Phädra drängt, doch bevor die unselige Leidenschaft ihren Lauf nehmen kann, tritt der Ehemann wieder auf. Antike Nachrichtenpanne, er ist gar nicht tot, bald aber Phädra, weil sie ihre Liebe nicht leben kann.
Noch hat das Geschehen nicht begonnen, bin ich inmitten Menschenmassen auf den schmalen Wegen zum Theaterrund. Ich schiebe, werde geschoben und weil Griechenland ein Dorf ist, stoße ich in dem tosenden Gedränge auf meinen Tankwart. In seiner Kielschneise die Ehefrau und zwei Töchter, schwer bepackt mit Kissen und Picknickkörben.

„Die Queen ist die Phädra“, schreit er mir zu.
Ich verstehe ihn und verstehe doch nicht ganz. „Wie….?“
„Helena Mirri spielt die Hauptrolle!“ hilft er mir auf die Sprünge.
Natürlich. Helen Mirren, die Gewinnerin des Oscar für ihre Rolle als Königin Elisabeth in dem Film „Die Queen“, spielt heute die Phädra.

„Bis später“, gestikuliert er raumgreifend und dirigiert seine Familie Richtung Ostkurve des Theaters. Ich sehe ihm nach, wie er sich in den Tausenden von Zuschauern verliert und steuere meinen harten Steinsitz an. Wieder kein Kissen dabei, obwohl ich mir bei jedem Theaterbesuch vornehme, zur nächsten Vorstellung sicher eines mitzunehmen. Drei Stunden dauert es, bis die 13000 ihre Plätze eingenommen haben, dann wird es still im Rund. So still, dass die einmalige Akustik des Theaters selbst das Vibrieren eines Handys hörbar macht.

Weitere drei Stunden leiden alle mit Phädra mit. Das Publikum stöhnt, weint mit ihr, versteht sie in ihrem Gefühlswirrwarr, obwohl Helen Mirren auf Englisch leidet. Immer wieder richten sich die Blicke der Zuschauer nach oben. Nicht um eine Himmelsmacht um Gnade für Phädra anzugehen, sondern um die griechische Übersetzung zu lesen, die auf einer Leinwand über dem Theater mitläuft.
Dann röchelt Phädra ihre letzten Worte, denen ein kollektiver Seufzer im Rund folgt – das Stück ist aus. Kurzer Beifall, denn langes Klatschen ist der Griechen Sache nicht. Jedenfalls nicht im Theater. Jedenfalls nicht nach einer Aufführung. Still ist man jetzt, verharrt tatsächlich in Schweigen, was höchst bemerkenswert für ein Volk ist, in dessen Genesis die Götter sprechen: „Es werde Lärm.“  13000 Zuschauer gehen in sich gekehrt, fast lautlos die Waldwege hinunter zu den Parkplätzen.
Der Pfiff meines Tankwarts ist nur zu vernehmen, weil er dicht an meinem Ohr pfeift.

„Oh, der Wahnsinn“, flüstert er. Ich denke, er spielt auf Phädra an, will gerade nicken, als er fortfährt: „Tom Hanks hat eine wahnsinnig gute Figur gemacht.“
Wie, Tom Hanks, denke ich. „Der war doch gar nicht dabei“, sage ich.
„Doch, natürlich, unübersehbar“, säuselt er.
„Welche Rolle?“ zische ich
„Welche Rolle, welche Rolle?“ Fast droht er laut zu werden. „Er war doch der Hauptzuschauer“, sagt er bemüht leise. „Sag bloß, du hast in nicht gesehen?“

Zwei Oscar-Gewinner im Theater von Epidauros, während zur gleichen Zeit ein dritter im Athener Akropolis-Museum Theater macht: Der Regisseur Costa-Gavras, der mit seinem Film „Z“ den Academy Award gewonnen hat. Costa-Gavras hat für das jüngst eröffnete Museum einen kurzen Film gedreht, in dem es um die Geschichte des Parthenons geht. Wie der Athene-Tempel wurde und wer ihn zerstört und demontiert hat. In einer Szene sind dunkle Gestalten zu sehen, die sich am Fries zu schaffen machen, ihn ramponieren.

Die Kirchenoberen in Griechenland meldeten sich zu (Macht)Wort: Das sähe, was bei Gott nicht sein dürfe, ganz nach ihren Priestern und Mönchen aus. Gut gesehen, denn genau das wollte Costa-Gavras transportieren: Dass die Christen die Totengräber der Antike waren. Zeus und die Seinen werden geächtet, verbannt und kurz und klein geschlagen, als 391 n. Chr. das Christentum Staatsreligion im Römischen Reich wird. Nichts lief mehr wie früher, nicht einmal die Sprinter bei der Olympiade, denn 394 n. Chr. wurden auch die Spiele verboten. 32 später gebietet der heilige Kaiser Theodosius II. die Zerstörung aller Tempel, worunter auch das Parthenon empfindlich leidet. Letztlich haben Christen auf der Akropolis mehr Schaden angerichtet als ein Lord Elgin, der die Marbles wenigstens heil nach England brachte.

Auf Druck der orthodoxen Kirche entschließen sich der Kulturminister und der Museumsdirektor zu einem drastischen Schnitt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die beanstandeten Szenen werden ohne Rücksprache mit dem Regisseur herausgeschnitten.

Costa-Gavras zieht daraufhin seinen Film zurück, die Medien bekommen Wind von der Sache, schreien Zensur, Zeter und Mordio. Diesmal ist die Öffentlichkeit mächtiger als die Kirche, Kultusminister und Museumsdirektor müssen einlenken, machen den Film wieder ganz. Jetzt ist er  in voller Länge und mit den dunklen Gestalten wieder im Akropolis-Museum zu sehen.

Nera Ide

Veröffentlicht von

Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

3 Kommentare

  1. Es war doch Hippokrates, nicht Asklepios

    @Nera Ide:”Als Chefarzt agierte damals ein gewisser Asklepios – lateinisch Äskulap – auf den heute noch alle Mediziner schwören.”
    ………………….

    Nein, die Mediziner schwören auf Hippokrates, dem Arzt aus Kos (realer Person), nicht auf dem Sohn des Apollon Asklepios! Noch nicht über den “Schwör des Hippokrates” gehört?

  2. eine Erfindung

    Hahaha, Recht hast du Panos! Ich hab gerade Ihr Lebenslauf gelesen und kann´s kaum glauben, daß das alles wahr ist!
    Ich zweifele daran, daß diese Nera Tochter von Archäologenpaar ist, und daß sie in Oxford und Tübingen studiert hat!
    Bestimmt eine frei-erfundene Person, deswegen keine Photo und nur ein Spitzname, wie du auch anderswo bemerkt hast!
    Da will man uns verarschen – ich lach´mich tot!

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