Große Vergangenheit, k(l)eine Zukunft

Ende der Ferien. Am Montag, den 13. September, hat in Griechenland die Schule wieder begonnen. Normalerweise ist die unterrichtsfreie Zeit wunderschöne drei Monate lang – aber was ist noch normal in Zeiten der Krise? So hatten in diesem Jahr viele Schüler schon Wochen vor Ferienbeginn Ferien, da die Lehrer streikten. Und viele Schüler werden auch über den 13. September hinaus Ferien haben, da die Lehrer immer noch streiken. Oder sie keine Lehrer mehr haben, da 11 000 der Lehrkräfte noch vor den Ferien, weil da noch die alten Bestimmungen galten, ihre Frühverrentung beantragt haben – zu den 4000, die redlich in Rente gehen.

Die Lehrer haben auch während der Ferien gestreikt und ihren Ex-Schülern nicht gerade wunderschöne Ferien bereitet. Die Abiturienten und ihre Eltern saßen im ohnehin heißen Sommer auch noch auf Kohlen, da die Prüfungsarbeiten nicht korrigiert wurden. Das Abitur hierzulande setzt sich aus einem schuleigenen Test und den zentral gestellten Aufgaben der Panhelladischen Prüfung zusammen; letztere ist tatsächlich eine Hochschulreifeprüfung, da deren Ergebnis darüber entscheidet, wo was studiert werden darf. Eben diese Prüfungsarbeiten blieben unkorrigiert, und das bescherte auch meinem Tankwart einen unruhigen Sommer. Was nicht an seiner eigentlichen Arbeit lag, denn mangels Benzin hatte er nichts zu tun.

Ihn trieben vielmehr die Fragen um: Hatte seine älteste Tochter nun bestanden oder nicht? Wenn ja, wo würde sie studieren? Sie hatte Geschichte gewählt. Dieses Fach wird an der Ionischen Universität auf Korfu gelehrt. Und am anderen Ende des Landes, an der Universität der Ägäis auf Lesbos. Weiter käme Kreta in Frage. Oder Kalamata im Süden des Peloponnes. Athen wäre das Wunschziel des Vaters, um die Tochter im Haus und Auge zu behalten, aber die Universitäten der Hauptstadt sind für die Besten des Landes reserviert. Dazu gehöre sie sicher nicht, hat die Tochter dem Vater mitgeteilt. Dafür habe sie schon gesorgt, fügt sie immer dann dazu, wenn der Vater sie nicht hören kann. Sie will natürlich in die Welt hinaus, was für sie im Moment bedeutet: Weg von Athen und Elternhaus.

Wäre das Ergebnis wie gehabt im Juni raus, der künftige Studienort da schon bekannt gewesen, hatte mein Tankwart den lieben Sommer lang Strippen ziehen können. Er hätte dann die auch geographisch weit entfernten Verwandten in Korfu, auf Lesbos und Kreta, in Kalamata aktiviert, um nach einer günstigen Studentenbleibe zu suchen. Seine Frau wäre dann mit Sack und Pack nach Korfu oder Kalamata, nach Kreta oder Lesbos gereist, um die Bude in Augenschein zu nehmen und zu möblieren.

Statt Zimmersuche und Umzug war Warten angesagt. Mein Tankwart konnte nichts tun und hatte nichts zu tun, da wieder einmal die Fahrer der Tanklastwagen streikten, das Benzin zum xten Mal in diesem Jahr auf der Strecke blieb. Zum Verharren verurteilt, ist nichts für einen Vertreter dieses umtriebigen Völkchens. Der Grieche ist am liebsten in Bewegung, auch was sein Mundwerk betrifft. Doch nun hat ihm der Staat mit einem rigorosen Sparprogramm alle Mobilität verleidet. Benzin, so es läuft, ist im Schnitt pro Liter 50 Cent teurer geworden. Telefonieren, vor allem mit dem Handy, treibt die mitteilungssüchtigen Griechen in den Ruin. Allein Däumchendrehen ist nichts für den rastlosen Griechen, deshalb kommt ihm das komboloi so gelegen. Mit diesem rosenkranzähnlichen Schleudergerät, Erbe aus der osmanischen Besatzungszeit, klickte sich nun mein Tankwart durch die Zwangspause, bis dann die Lehrer ihren Korrekturstreik beendeten und am 25. August endlich die Ergebnisse da waren. Seine älteste Tochter wird in Korfu studieren.

„Das wäre mir nicht weit genug weg“, sagt dazu ihre jüngere Schwester, die aber noch drei Jahre bis zur großen Freiheit warten muss, da sie gerade das gymnasio abgeschlossen hat. Das schulische Pflichtprogramm besteht in Griechenland aus sechs Jahren dimotiko scholio, also der Volksschule, und danach drei Jahren gymnasio. Wer weiterkommen und studieren will, muss noch drei Jahre das lykio absolvieren. Obwohl vorgeblich freiwillig, gehören die frontistiria zum Pflichtprogramm. Um diese privaten Nachhilfeinstitute kommt auch der klügste Schüler nicht herum, weil es der Lehrer so will. Pure Berechnung sei der Mathematikunterricht schon in der ersten Klasse des gymnasio gewesen, erzählt die jüngste Tochter des Tankwarts. Nichts, aber auch gar nichts hätten die Schüler kapiert, allenfalls mit den Namen Thales und Pythagoras konnten sie etwas anfangen. Also schickte sie der Lehrer umgehend in ein Paukstudio, das – nur in Griechenland wundert das keinen – von seiner Frau geleitet wird. Da Lehrer hierzulande schlecht bezahlt werden – 550 Euro Anfangsgehalt für einen Volksschullehrer, 750 Euro für einen Lehrer an den höheren Schulen – sannen sie früh auf Abhilfe per Nachhilfe und bessern nun per frontistiria ihr Gehalt auf. Der Staat lässt die Paukstudios gewähren, weil auch er rechnet – in Zeiten der Krise rechnen muss. Wäre die Ausbildung an den staatlichen Schulen besser, müssten die privaten Institute schließen, was den Staat empfindlich treffen würde, da die frontistiria mittlerweile zu den wenigen Wirtschaftszweigen gehören, die prosperieren. Und weil auch viele der Eltern rechnen können, schicken immer mehr ihre Kinder auf Privatschulen, die pro Jahr pro Schüler 5000 Euro kosten. Die Eltern ersparen sich so die bis zu 400 Euro monatlich für die Paukstudios und ihren Kindern das Nonstoplernen bis in den späten Abend.

So oder so lassen sich hier Eltern die Ausbildung ihrer Kinder viel kosten, wie auch mein Tankwart. Damit es seine beiden Töchter zu etwas bringen, zu einer guten Ehe bringen, müssen sie studieren. Ein Universitätsexamen gilt in Griechenland als solide proika, als eine ordentliche Mitgift. Und da mein Tankwart weder eine Schafherde, noch einen Olivenhain, auch kein Eigenheim seinen Töchtern mitgeben kann, muss eine Uni her.

„Ich werde zum Studieren ins Ausland gehen!“ meldet sich wieder die jüngere Tochter zu Wort. Sie folgt damit einem Trend, den bereits die ältesten der alten Griechen losgetreten haben. Auch in der Antike ging’s zum Studium schon über den Teich – allerdings über den kleineren: über das Mittelmeer nach Ägypten. Die Geschichtsschreiber des klassischen Griechenlands konstatierten neidlos, dass ihnen das Land am Nil in allem Wissen voraus war. So in der Mathematik. Thales und Pythagoras holten sich das Rüstzeug für ihre Berechnungen in Ägypten. Herodot, der erste aller antiken Geschichtsschreiber, lässt sich viel zu seinen „Historien“ von den Ägyptern diktieren: „Wie die Priester mir erzählt haben…“ „Die Ägypter aber sagen…“ Auch die Geschichte von Atlantis, die bis heute unsere Phantasie beflügelt, hat Platons Onkel in Ägypten erzählt bekommen.

Mein Tankwart gerät ins Grübeln. „Vielleicht ist für uns Griechen ohnehin besser, im Ausland zu studieren. Wir schätzen die eigenen Lehrer nicht – siehe Sokrates!“

Veröffentlicht von

Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch.

Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen.

Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient.

Nera Ide

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Beklemmend

    Mir scheint bei den Schilderungen immer wieder eine gewisse Ausweglosigkeit aufzuscheinen: Demnach hätten sich “korrupte” Strukturen so in das griechische Alltagsleben verwoben, dass Einzelne dagegen kaum etwas ausrichten und sich eher also darin einrichten würden. Und ich frage mich dann, ob die Schocks und Reformen der letzten Zeit da Fortschritte gebracht haben oder bringen werden – und ob wir nicht auch in Deutschland teilweise Strukturen geschaffen haben (z.B. Überschuldung, demografische Unterfinanzierung des Rentensystems etc.), die wir eigentlich kaum noch überblicken. Was meinen Sie als Beobachterin “zwischen” den Gesellschaften?

  2. Große Konfusion, k(l)ein Verständnis

    Nera Ide,

    Es ist wirklich merkwürdig, dass du einige der wenigen kulturellen Überbleibsel der großen (nach deiner Formulierung) griechischen Vergangenheit als Indizien für die k(l)eine Zukunft beurteilst, welche die Griechen angeblich haben.

    Die frontistiria gehören zu der sogenannten griechischen Parapaideia, d.h. Para-Bildung. Letztere ist ein Teil der sogenannten griechischen Paraoikonomia, d.h. Para-Wirtschaft. Alles, was “Para-” in Griechenland ist, stellt nichts Anderes dar, als die unterbewussten Reaktion eines noch griechischen kulturanthropologischen Substratums auf das Superstratum einer westeuropäischen Staatsform. Diese Staatsform ist natürlich deswegen in Griechenland importiert worden, weil die Neugriechen ihre Gesellschaft gerne als “westlich” betrachten. Der neugriechische Staat wurde mit dem Gedanken gegründet, dass die griechische Gesellschaft nicht griechisch, sondern westeuropäisch ist (die Gründungsväter der neugriechischen Staates waren natürlich die drei Mitregenten der Königs Otto im 19. Jh.).

    Die griechische Gesellschaft bleibt aber griechisch. Und durch die Phänomene der Parawirtschaft und Parabildung kommen bestimmte diachrone Konstante der griechischen Lebensweise zum Ausdruck: die dezentralen und kleinformatigen Wirtschaftsstrukturen, der unmittelbare, persönliche Charakter der Transaktionen, die Aversion gegen einer zentralistischen Staatsform und -kasse, usw.

    Man hätte erwartet, dass eine Person wie du, die die griechische Vergangenheit erforscht, diese grundsätzlichen Sachen schon lange erkannt haben würde. Weil wenn nicht, warum studierst du denn die altgriechische Kultur?
    Aber du bist anscheinend der gleichen Meinung mit der Mehrheit der griechischen Gelehrten, dass nämlich das Problem der Griechen einzig und allein darin liegt, dass sie noch nicht richtige “Europäer” geworden sind…

    Zum Glück sind nicht alle der gleichen Meinung. Und wenn dein Griechisch gut genug ist, kannst du hier die andere Seite lesen:

    http://anamorfosis.net/?p=147

  3. Anfrage zum Abdrucken eines Artikels

    Sehr geehrte Frau Ide
    Ich gratuliere Ihnen, Sie schreiben sehr interessante Artikel. Darum die Frage: Würden Sie uns den kostenlosen Abdruck des Artikels „Grosse Vergangenheit, k(l)eine Zukunft“ und evtl. auch des Artikel „Kreta zeigt Archäologen die rote Karte“ in unserer Vereinszeitung gestatten?
    Wer sind wir? Wir sind eine Art Fanclub Griechenlands – oder etwas vornehmer ausgedrückt – eine kulturelle Vereinigung von Freunden Griechenlands, die sich für alles interessieren, was mit diesem Land und seiner Kultur zusammenhängt. Wir veranstalten öffentliche Dia- und Filmvorträge, Lesungen, Konzerte, Kochkurse und vieles mehr.
    Unsere ca. 190 Mitglieder erhalten dreimal im Jahr eine Vereinszeitung (genannt Bulletin) und wir informieren auf unserer Website über aktuelle griechische Themen aller Art. Unsere ganze Tätigkeit finanzieren wir über Mitgliederbeiträgen und Spenden, ab und zu finden wir einen Sponsor. Mehr darüber auf unserer Website http://www.hellasfreund.ch.
    Die Vereinszeitung: Wir versuchen unser Bulletin, das natürlich Informationen zum Verein enthält, mit interessanten Artikeln über griechische Themen zu ergänzen und so attraktiver zu machen. Es finden sich immer wieder Mitglieder und Freunde des Vereins, die extra etwas für uns schreiben. Daneben bin ich immer auf der Suche nach interessanten Berichten in der Presse und auf dem Internet. Beispiele von älteren Ausgaben des Bulletins finden Sie auf unserer Website auf der Seite „Info-Bulletin.
    Ihre zwei Artikel würden sehr gut in unsere nächste Ausgabe des Bulletins passen. Redaktionsschluss ist Ende November, am 2. Dezember muss alles beim Drucker sein. Da das „Gesamtwerks“ noch „gesetzt“ werden muss (und wir alles Amateure sind die das ehrenamtlich in Nachtarbeit machen), bin ich aber froh um alles was ich vorher kriege.
    Gerne schicke ich Ihnen den „gesetzten“ Entwurf, sobald ich ihre E-Mail-Adresse habe.
    Selbstverständlich schicken wir Ihnen dann gerne auch ein Exemplar unseres Bulletins, dazu müsste ich Ihre Post-Adresse haben.
    Ich hoffe auf eine hoffentlich positive und (so der so) rasche Antwort.
    Besten Dank und herzliche Grüsse aus der Schweiz
    Fred Wyss

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