Gemeines Wohl

Das Mitgefühl stirbt zuerst. In Griechenland. In Krisenzeiten wie diesen. Nun ist es nicht so, dass die Griechen je eine Nation von Albert Schweitzers und Mutter Theresas gewesen wären. Selbst sehen sie sich zwar als Weltmeister der Nächstenliebe, was diesmal nicht ihrem Hang zu Übertreibungen geschuldet ist, sondern ihrer ureigenen Sichtweise. Nächster ist ganz pragmatisch ihr Nächster, sprich Vater, Mutter, Mann, Frau, Kinder, Kindeskinder – ihre Familie, die sich in Griechenland gut und gern zur Großfamilie auswächst. Statt Brot für die Welt hat man hier allein das Brot für den Clan im Auge. Auch notgedrungen. Da es hier keine staatlichen Leistungen wie etwa das deutsche Hartz IV gibt, ist die Familie die einzige Versorgungsinstitution für all die Söhne, die arbeitslos geworden sind, für all die Töchter, die ihre Kinder allein erziehen, für all die Großonkel und Großtanten, deren Rente rabiat gekürzt wurde.

Das „Vater“ in Vaterland ist allerdings bedeutungsleer. Spricht der Grieche auch viel und gern vom Vaterland, tut er tatsächlich für seine Nation, außer sie so wohlfeil wie gestenreich zu beschwören, nichts. Nur Wortgeklimper hat er für seine Heimat übrig. Sonst hätten die zehn reichsten Reeder Griechenlands allein nur mit der Zahlung ihrer Steuern das hochverschuldete Land längst in ruhigeres Fahrwasser gebracht. Aber auch für sie zählt nur die Familie, deren Reichtum sie mehren. Ebenso hat der kleine Grieche nichts für sein Vaterland übrig, gibt, was er hat, den Seinen; und weil er umfassend für sie sorgt, erübrigen sich hier eigentlich die Altersheime. In den wenigen, die man hierzulande vorfindet, leben fast ausschließlich jene Senioren, die keine Familie mehr haben.

In einem Hafenstädtchen in Lakonien, einst das Heimatland der Spartaner, unterhält die Kirche ein Altersheim. Eher verhalten die Kirchenoberen ihre Familienangehörigen, denn auf die 30 Senioren im Heim kommen elf Angestellte, fast allesamt Anverwandte der Kirchenmänner, von denen nur sechs tatsächlich im Altersheim arbeiten. Die kärglichen Renten der Alten gehen allesamt für die Gehälter des Personals drauf. Die Kosten für das leibliche Wohl der Heimbewohner bestritt man, als die Zeiten noch gut und Mitgefühle nicht ganz verkümmert waren, aus dem Klingelbeutel.

Dann kam die Krise und eines schlechten März‘, ohnehin der  spartanische Hungermonat, „vergaßen“ die Kirchenoberen auf das Altersheim, brauchten sie doch auch jeden Cent, um dem Bischof noch zu Lebzeiten ein formidables Mausoleum zu stiften. Man überließ die Alten sich selbst. Hier, wo sich ein jeder als Nachfahr der Spartaner sieht, ignorierten sie die archaische Tugend, die Alten zu ehren. Und zu achten. Im antiken Sparta waren die Alten die obersten Richter; dem Urteil dieses Ältestenrates, der Gerusia, unterwarfen sich selbst die Könige. Im Lakonien der Jetztzeit erfuhren die Alten nur Missachtung, wurden zum Dahinvegetieren verurteilt. Und die Senioren konnten nicht einmal zur Selbsthilfe greifen und zur Selbstversorgung schreiten, denn das Altersheim liegt einsam auf einem Berg, fünf Kilometer vom Städtchen entfernt. Allein zum nächsten Haus sind es vier Kilometer – selbst für die rüstigsten unter den Rentnern zu weit, um dort um Brot zu betteln

Nur das Licht ging im Altersheim nicht aus. Die staatliche Stromgesellschaft DEI, die allzu schnell bereit ist, säumigen Zahlern – und die werden wegen der Krise immer mehr – die Strom abzustellen, wäre wohl des Teufels, täte sie das bei der Kirche. Auch hier im lakonischen Hafenstädtchen hat die Kirche über Jahre ihre Stromrechnungen nicht gezahlt, muss aber nicht fürchten, dass ihr der Strom abgestellt wird.

Lang lang vor unserer Zeit, vor etwa 2650 Jahren schrieb Alkman, der  große Dichter Spartas, im Funzellicht eines Öllämpchens über die jährliche Krisenzeit Frühling: „Vier Jahreszeiten machte Zeus: Den Sommer und den Winter und als dritte den Herbst¸ als vierte noch den Frühling, wo es blüht, wo’s aber nicht genug zu essen gibt.“

Die Senioren im Altersheim hatten im März 2013 gar nichts mehr zu essen. Derweil die Kirchenoberen noch auf höhere Hilfe hofften – Entlassungen kamen ja nicht in Frage, Familie ist nun mal Familie – rief in der Not eine der Schwestern Freunde an. Deutsche Freunde, die hier am lakonischen Golf vor Jahrzehnten ihre zweite Heimat gefunden hatten. Die Versorgung rollte in einem Hippie-Bus an. Wo doch gerade durch die hiesige Presse ging, Angela Merkel ließe 30 000 griechische Rentner verhungern, sorgten zwei deutsche Aussteiger dafür, dass 30 griechische Rentner wieder ausreichend zu essen und ihre Medikamente bekamen. Die Diabetes-Kranken unter den Heimbewohnern waren lang nicht ausreichend mit Insulin versorgt worden.

Nicht, dass es einfach wäre, in Griechenland zu helfen! Da könnte ja jeder kommen, wie beispielsweise der amerikanische Milliardär Soros. Auch er wollte das verarmte Land unterstützen,  hatte er doch erfahren, dass in Nordgriechenland, wo die Winter hart und schneereich sind,  viele Schulen geschlossen wurden, weil das Geld für Heizöl fehlt. Soros wollte die Heizkosten übernehmen, doch der Elternrat der Gemeinden schmetterte sein Ansinnen ab. Wohltätigkeit, so sie nicht innerhalb der Familie stattfindet, ist in Griechenland immer verdächtig. Paranoia ist ein griechisches Wort und eine urgriechische Befindlichkeit. Dieser Soros müsse doch was im Schilde führen, verlautbarten die Elternbeiräte. Kein Mensch gäbe doch für Fremde sein Geld her! Kein griechischer Mensch. Die Eltern in Nordgriechenland sind sich sicher, dass Soros irgendwie ihre Kinder indoktrinieren will. Dann doch lieber zu Hause bleiben und gar nichts lernen, als vielleicht das Falsche lernen. (Siehe dazu http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_12/12/2013_531919)

 

In Lakonien durften die Helfer helfen. Und die Alten halfen mit. Als endlich wieder Putzmittel und Waschpulver im Haus waren, brachten sie das Altersheim auf Hochglanz. Um die Alten weiter mit dem Lebensnotwendigen unterstützen zu können, mobilisierten die Helfer Freunde, Bekannte und Firmen in Deutschland. Mittlerweile alimentiert eine kleine Gemeinde in Mittelfranken das Altersheim, eine schwäbische Verbandstofffabrik versorgt es mit Windeln, ein Ärzteverband schickt die notwendigen Medikamente.

Mit der Gulaschkanone wird heutzutage für Lakonien gekämpft. Auf Bauernmärkten verkaufen die Franken Suppe für den guten Zweck und diese Einnahmen ermöglichten bis dato den Einbau von Air-Conditioner, um den Betonbau im Sommer zu kühlen und im Winter zu heizen. Und die Deutschen vor Ort, die wöchentlich die Nahrungsmittel besorgen, wurden Ersatzfamilie für die Alten, die keine Familie mehr haben.

Mit dem Ertrag von Benefiz-Konzerten wurde das Altersheim neu möbliert, dessen Stühle und Sofas noch aus der Zeit des alten Spartas zu stammen schienen. Bequeme Sessel wurden angeschafft –  die eine Woche später im Büro der Leiterin standen. Die deutsche Helferin fragte eine der Alten, warum die Sessel – nicht wie vorgesehen – im Aufenthaltsraum stünden. „Ach, die Leiterin braucht die Sessel dringender als wir. Die Gute hat sich doch wegen uns ihren Rücken kaputtgemacht. Jetzt helfen wir ihr!“ Gleich mit allen Stühlen.

Jetzt in der Vorweihnachtszeit fiel den deutschen Helfern auf, dass im Altersheim kaum noch Fleisch auf den Tisch kam, obwohl jede Woche 15 bis 20 Kilo davon eingekauft werden. Auf diesbezügliche Fragen beschwichtigten die Alten: „Ist doch Fastenzeit!“ Aber das Fleisch fand sich auch nicht in der Kühltruhe.  Wird jetzt etwa der Bischof, der die 30 Alten ihrem Schicksal überließ, von ihnen nun mit durchgefüttert? In Griechenland verständlich, als kirchlicher Vater ist er ja quasi Familie. Ein Vater, der – siehe dazu in der seriösen griechischen Presse –  die Alten dazu zwang, bei den letzten Wahlen die neonazistische Partei Chrysi Avgi zu wählen. Stimmfutter statt Essen.

Despotis heißt Bischof auf Griechisch. Von der Tyrannis einer unheiligen Kirche aber ein andermal.

 

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Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. „Despotis heißt Bischof auf Griechisch. Von der Tyrannis einer unheiligen Kirche aber ein andermal.“

    Aber bitte nicht vergessen! Den dieser Aspekt der griechischen Tragödie ist in den Mainstream-Medien völlig unterbelichtet.

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