Ewig gestrige Archäologen

BLOG: Edle Einfalt, stille Größe

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Edle Einfalt, stille Größe

Am 9. Januar wäre Simone de Beauvoir 100 Jahre alt geworden. Sie hat den Mann vom Sockel hinunter komplimentiert und so die Frauenbewegung angestoßen. Eine unkonventionelle Frau, die für die Gleichberechtigung focht und gleichzeitig eine unbestechliche Kriegsberichterstatterin des Geschlechterkampfes war. Sie hat uns die Sinne auch dafür geschärft, HERRschaft noch in der subtilsten Form zu erkennen. Zu ihrem Geburtstag beschloss nun einer der Festredner launig, jetzt sei endlich Schluss mit unlustig, äh – Emanzipation. Alles wäre doch erreicht, was die Beauvoir wollte: "Alle Frauen – äh – alle Menschen sind endlich gleich. Äh – in der denkenden Welt und in allen Bereichen." Was bitte ist eine Welt, die denkt? Und stimmt das mit der erreichten Gleichberechtigung? Wie ist es damit bei den Altertumswissenschaftlern bestellt, die ja von Berufs wegen ewig gestrig sind?

Zur Überprüfung begeben wir uns in die Tiefen der Archäologie, zuerst einmal ins Untergeschoss des Ägyptischen Museums in Kairo. Frisch in Erinnerung sind jene Fernsehbilder, wo sich Zahi Hawas als ägyptischer Indiana Jones mit einer Mumie in Szene setzte. Es handelte sich um die konservierten Überreste Tutenchamuns, die der oberste Antikenverwalter Ägyptens äußerst medienwirksam umbettete.

Das Scheinwerferlicht ist gedämpft in den Katakomben des Museums, zeichnet die Mumie und Zahi Hawas weich. Mit ernstem Gesichtsausdruck blickt er erst auf den einbalsamierten Pharao, dann noch ernster, die Augen von Trauer umflort, in die Kamera. Seinen Schlapphut nimmt er auch bei dieser Art archäologischer Totenehrung nicht ab. Fast meint man ein Schluchzen in seiner Stimme zu hören, als er erzählt, dass Tutenchamun jung, ach viel zu jung von uns gegangen ist. Was sich gut anhört, aber nicht stimmt, da der Pharao vor 3300 Jahren gestorben ist. Sanft streicht Zahi Hawas wieder und wieder über die Leinbinden, in die der Leichnam eingewickelt ist. Lugt dabei beschwörend in die Kamera und seufzt bedeutungsschwer. Dann beugt er sich über die Mumie, haucht, flüstert, neigt sein Ohr, so als hielte er Zwiesprache mit dem toten Pharao.
Ein halbes Jahr zuvor im Museumskeller. Zwar die gleiche Szene, aber Hawas schlägt da ganz andere Töne an, auch was seine Körpersprache betrifft. Wieder bettet er an gleichem Ort eine Mumie um. Wieder behält er den Schlapphut auf und auch ansonsten von Ehrfurcht keine Spur. Zahi Hawas schaut geradezu verächtlich erst auf den Leichnam, dann in die Kamera. "Wen haben wir denn da?"  grinst er sein imaginäres Publikum an. "Eine Matrone!" Fast sieht es so aus, als wolle er sich auf die Schenkel schlagen. "EINE FETTE ALTE FRAU!" Als ob es ein Verbrechen der alten Ägypterin war, 50 Jahre alt zu werden. "Was kann man auch anderes erwarten? Diabetes hatte sie und kaum einen Zahn mehr im Mund!"

Die Dame, von der Zahi Hawas da so despektierlich redet, ist Hatschepsut, die als Pharaonin das Land am Nil von 1502 bis 1482 vor Christus regierte. Vielleicht sind starke Frauen ja Hawas’ Problem. Lang wollte er diese Mumie nicht als die der Pharaonin anerkennen. Die Tote könne nicht dynastischen Geblüts sein, warf er sich in die Brust, dafür sei sie "zu kräftig und nicht königlich genug". Außerdem hätte sie viel zu große Brüste. Wie soll man das jetzt verstehen? Dass Frauen mit zu großer Oberweite im Alten Ägypten bei der Thronfolge übergangen wurden? Objektiver als Zahi Hawas war dann ein DNA-Test, der die Mumie zweifelsfrei als die der Pharaonin Hatschepsut identifizierte.

Die größten Fallgruben für Archäologen sind die Gräber. Bei der Beschreibung antiker Grabstätten zeigt sich mitunter die antiquierte Denke der Ausgräber.
Beispiel: Bei einer Ausgrabung wird ein Grab entdeckt. Die Ausgräber finden darin kostbare Beigaben, darunter Gefäße aus Gold, feinste Keramik und bezaubernde Statuetten. Das Skelett ist das eines Mannes. Was folgert nun der aufgeklärte Archäologe? Dass es sich um das Grab eines Herrschers handelt.

Bei einer anderen Ausgrabung wird ebenfalls ein Grab entdeckt. Auch da finden die Ausgräber kostbare Beigaben, darunter Gefäße aus Gold, feinste Keramik und bezaubernde Statuetten. Das Skelett in diesem Grab ist das einer Frau. Was folgern nun die Archäologen? Hier wurde die Ehefrau des Herrschers bestattet. Auf die Idee, dass es sich um eine Herrscherin handeln könnte, kommt keiner. Dabei findet sich kein vergleichsweise ausgestattetes Grab in der Nähe. Wo ist aber dann der Ehemann abgeblieben? Wo wurde der König begraben?

Da wo der Hund begraben liegt. Im nicht zeitgemäßes Weltbild der Archäologen, was die Alte Welt wie die jetzige betrifft.

Nera Ide

Veröffentlicht von

Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

1 Kommentar

  1. Schwierig….schwierig

    Hallo,

    Da haben sie eine sehr interessante Fragestellung aufgeworfen, ich fange im Oktober mit meinem Archäologiestudium an. Ich frage mich schon seid längerem in welche Richtung sich die Archäologie in nächster Zeit bewegen wird.
    Die Frage ist für mich auch, warum geht man immer gleich davon aus einen Herrscher bzw. ein Herrschergrab vor sich zu haben? Kann es nicht einfach auch eine wohlhabende Persönlichkeit sein ?

    Meiner Meinung nach sind viele einfach auf den großen Schatz a la Indiana Jones aus. Klar ich bin selbst durch Indiana Jones zur Archäologie gekommen…aber die Realität sieht ja wie so oft ganz anders aus..

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