Es grünt so giftgrün in Olympia

BLOG: Edle Einfalt, stille Größe

Hellas inside
Edle Einfalt, stille Größe

Für Griechenland ist Schnee vorhergesagt. Schon ein bisschen Schnee wird im Süden als Sensation gehandelt, weil aber viel Schnee erwartet wird, ist das Wetter alleiniges Thema auf allen Fernsehkanälen. Draußen lacht noch die Sonne, doch schon umwölkt sich die Stirn der Moderatoren und das Wortgestöber wird dichter. Die Weltuntergangsprediger, sprich Wetterfrösche haben ihre (Polar-)Sternstunde, immer wieder sprechen sie von der größten aller Kälten, die im Anzug ist; immer wieder fällt das Wort Sibirien und das mit deutlichem Zittern in der Stimme. Jetzt bloß nicht das Haus verlassen, reglementieren sie. Draußen lauerte bald nicht nur tiefer Schnee, sondern weit Schlimmeres darunter: Eis, pures Eis und das tödlich glatt. Am besten sei es, die nächsten kalten Tage daheim auszusitzen, erhitzen sich die Ratgeber.

Daheim zu bleiben heißt, dass das Haus warm sein muss, also rufe ich bei der Tankstelle an der Ecke an. Ja, er habe noch Heizöl, sagt der Besitzer, dürfe es aber nicht ausliefern wegen neuer Steuerbestimmungen, die er noch nicht durchschaut. Aber er hätte etwas, das bald alle haben wollen, aber nicht mehr viel davon, und ich solle mich beeilen, denn bald würde der Run ausbrechen und dann könnte er nicht garantieren, dass er mir… Ob ich verstanden hätte, fragt er mich drängend. Ich habe nicht, mache mich aber umgehend auf den Weg zur Tankstelle, wo mir der Besitzer aufatmend Schneeketten in die Hand drückt. "Die sind nicht mit Gold aufzuwiegen" sagt er, was er dennoch bei der Preisgestaltung tut. "Die zahlen sich aus", beruhigt er mich. "Im Auto ist es immer warm."

Ich hatte es bei diesem Wetter nicht vor, aber die Neuanschaffung verpflichtet mich zu einem Ausflug. Um aber die kostbaren Ketten nicht gleich der größten Belastungsprobe auszusetzen, beschließe ich, in den Westen des Peloponnes zu fahren, weil dort weniger Schnee fallen soll als im Rest des Landes. Ich steuere also Olympia an, getrieben von schneeschweren Wolken, um an der Stätte des heiligen Sports mal wieder nach dem Rechten zu sehen.

Oder nach dem Falschen. Vor lauter Schnee hatte ich das Feuer vergessen, dem im August 2007 die Haine und Wälder um Olympia herum zum Opfer gefallen sind. Ich fahre durch verbranntes Land, wo allein verkohlte Baumstämme, dicht an dicht, das Landschaftsbild bestimmen. Ich sehe verbrannte Erde und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn nicht der kleinste grüne Grashalm ist auszumachen. Schwarzes Land, totes Land, so weit das Auge reicht. Dazwischen verlassene Bauernhäuser, deren einst weißgekalkte Wände mit Ruß überzogen sind. Schnee wäre hier wenigstens optisch ein Segen, denke ich.

Vereinzelt beginnen die Flocken zu fallen, als ich mein Auto vor der Stätte parke. Still ist es in Olympia, was nicht an der minimalen Schneeauflage liegt. Ich bin die einzige Besucherin hier; kein Busse, keine Touristen haben sich aus Athen herausgewagt. Und die Wächter und Führer sitzen um den warmen Ofen in der Ticketbude. Ich genieße die Ruhe, die unverstellten Blicke auf die Tempel, das Grün des Kronos-Hügels.

Das Grün des Kronos-Hügels? Halt, hier stimmt etwas nicht. Ganz und gar nicht! Da darf kein Grün sein! Da kann doch kein Grün sein! Der Hügel des Kronos (Vater des Zeus, der von Dynastien nichts hielt und seinen Nachwuchs verspeiste) war das prominenteste Opfer der verheerenden Waldbrände im letzten Jahr. Keine der uralten Pinien, die den HÙgel beschirmten, hatte das Feuer Ùberlebt.

Und jetzt ist dieser HÙgel grün, auffallend grün. Ich sprinte näher und das alte Stadion erleichtert mir den Spurt. Dicht vor dem Hügel halte ich an, sehe die Reste verkohlter Stämme, sehe aber auch Maschinen, die aus riesigen Düsen den Hügel besprühen – mit grüner Farbe. Giftgrüner Farbe. Was soll dieser Anstrich, dieses Herausstreichen des Kronos-Hügel, wundere ich mich, bis mir einfällt, dass 2008 ja ein Olympiajahr ist. Alle vier Jahre wieder findet vor der Kulisse des Kronos-HÙgels dieser Feuerzauber statt, dessen Initiator – nein, nicht ein alter Grieche, sondern Adolf Hitler war. Um "seine" Olympiade 1936 in Berlin in ganz eigenem Licht erstrahlen zu lassen, verfiel er auf die Idee mit dem olympischen Feuer. Und weil die Flammen so viel hermachen, verfährt man bis heute nach Hitlers Drehbuch: Klassisch schöne Griechinnen, gehÙllt in weiße Gewänder, halten über einem Becken ein Brennglas in die Sonne, und das vor der Kulisse des grünen Kronos-Hügels. Und weil man hier bald multimedial für Peking zündeln muss, wird dem verbrannten Hügel ein Make-up verpasst, vermute ich mal.

Vielleicht etwas zu vorschnell, denn einer der Sprayer klärt mich auf, dass er Blumen- und Baumsamen auf den Hügel sprÙht. Die Farbe sei nur dazu da, das Saatgut mit dem Untergrund zu verkleben. Ich bin nahe daran, gerührt zu sein, begeistert darüber, was der Staat für das verbrannte Land tut, bis mir wieder einfällt, dass zig Organisationen, inländische wie ausländische, die sich der Wiederaufforstung verschrieben haben, immer noch auf eine Genehmigung aus Athen warten.

Der Verdacht keimt auf, dass das Grün doch Tünche ist, schlicht Farbe für das Drumherum der Feuershow zum Auftakt der Olympischen Spiele 2008.

Nera Ide

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Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

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