Die (un)heimliche Hauptstadt

BLOG: Edle Einfalt, stille Größe

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Edle Einfalt, stille Größe

Ich muss nach Istanbul reisen. Von Athen aus gar nicht so einfach, obwohl das Reiseziel nur eine Flugstunde entfernt liegt. Auf der Anzeigentafel des Athener Flughafens, vorgeblich ein internationaler, sucht man Istanbul vergebens. Und so stampeden denn auch Herden von Japanern und Amerikanern an den Check-ins entlang, auf der Suche nach ihrem Flug nach Istanbul. Auch die sonst so netten Damen an der Information stellen sich tumb, wenn das Reizwort fällt: "Sorry, we do not know that Ista.. , how did you say?"

Der Reisende, der in Athen das Zauberwort nicht kennt, kommt da nicht weiter, kommt nur nach Istanbul, wenn ihn ein alles verzeihender Grieche draufstößt oder er sich selbst auf den ehemaligen Namen der Stadt besinnt: Konstantinopel, auf griechisch Konstantinoupoli. Flüge in die Stadt des Konstantins werden von der griechischen wie der türkischen Airline angeboten. Beide starten verboten früh oder verboten spät in die griechische Lieblingsstadt im Feindesland. Nach einem Vorfall, besser Rückfall, kürzlich bei Olympic Airways buche ich nun lieber bei Turkish Airlines.

Bei der letzten Reise hatte ich tapfer die marode Maschine der maroden griechischen Staatslinie bestiegen – Unterstützung muss sein, sprach ich mir Mut zu – meinen Sitz gefunden, mich hingesetzt, mich angeschnallt – und war jäh mit dem Sitz nach hinten gekippt. Da lag ich nun wie eine Schildkröte auf dem Rücken, bewegungslos und handlungsunfähig, da ich festgeschnallt war. Eine Stewardess stöckelte heran. Beugte sich zu mir herunter und sagte, als ob ich für die missliche Rückenlage verantwortlich sei: "Das macht doch nichts!" Hieß das etwa, dass ich in der kompromittierenden Stellung bis Istanbul ausharren sollte? Ich schrie die Frage hinaus. Sie wandte sich ab und antwortete schnippisch über die Schulter: "Madame, Sie liegen falsch! Wir fliegen nach Konstantinoupoli." Natürlich lag ich falsch, was nicht an mir lag, sondern an diesem Wrack von Flugzeug. Und natürlich saß, besser lag ich im richtigen Flieger, der aber in puncto Komfort und Sicherheit der falsche war.

Nie mehr Olympic Airways hatte ich mir daraufhin geschworen und sitze nun in einem schnieken Airbus der Turkish Airlines. Das Flugzeug ist voll besetzt mit orthodoxen Mönchen und Priestern, die sich hier wie daheim fühlen. Ohne zu Zögern vertrauen sie ihr Heiligstes der türkischen Stewardess an. Die sammelt die steifen Ofenrohrhüte ein und stapelt sie in der Business Class in der Reihe hinter dem Scheich mit seinen zwei tief verschleierten Frauen. Haben auch die Popen, diese Vertreter der Staatskirche, ihren Glauben an die Staatslinie verloren?  Sind sie gebrannte, besser gefallene Kinder wie ich?

Wintertage in Istanbul-Konstantinoupoli. Die Sonne lässt den Nebel über dem Bosporus wie eine seidige Decke glänzen. Er ist so dicht, dass die Gebetsaufrufe vom Minarett wie Sphärengesänge klingen. Eine Märchenstadt, und man kann gut verstehen, warum die Griechen trotz der Muezzine so an ihr hängen. Zwischen zwei Terminen habe ich etwas Zeit und beschließe, wieder einmal in die Hagia Sophia zu gehen. Wie immer erschlägt mich die Größe, die Großartigkeit dieses Bauwerks. Ich komme mir verloren vor unter der Riesenkuppel, 56 Meter hoch und 31 Meter im Durchmesser, die als eine der kühnsten Konstruktionen von Menschenhand gilt. 532 n. Chr. wurde mit dem Bau begonnen, zu einer Zeit, als die ganze Welt kulturell darniederlag. Die Endzeit der Antike war angebrochen, was wieder einmal Dunkle Jahrhunderte bedeutete, wie schon 1700 Jahre zuvor am Ausgang der Bronzezeit. Wiederum hatten die Menschen auf vieles vergessen, was ihnen jahrtausendelang geläufig war. So ging ihnen jetzt das Wissen ab, wie man Metall verhüttet. Es blieb ihnen nur das Recyceln übrig und so wurden jetzt antike Säulen und Statuen gestürzt, um an die Splinte aus Eisen zu kommen. Und in dieser technologischen Wüste wagt man sich nun in Konstantinopel an diesen Riesenbau! Zu Ehren der Sophia, was auch Weisheit heißt.

Zu Ehren der heiligen Weisheit gelingt im 6. Jahrhundert n. Chr. das scheinbar Unmögliche. Der Mathematiker Isidoros aus Milet soll die Berechnungen für die Riesenkuppel vorgenommen haben, hat sich aber anfangs verrechnet, denn der Prototyp der Kuppel stürzt ein. Sein Sohn übernimmt es, die Kuppel zu retten, konstruiert sie neu und höher – aber auch diese stürzt teilweise ein. Genial wird der Schaden behoben, siehe jetzige Hagia Sophia. Fünf Jahre Bauzeit, 145 Tonnen Gold soll der Kaiser Justitian für die Meisterleistung erzahlt haben.

Ich stehe unter der Kuppel und bin sprachlos. Den gegenteiligen Effekt löst das Bauwerk bei den Griechen aus, die den Kirchenraum bevölkern. Sie brüllen, sie gellen, überschreien sich. Immer wieder tritt einer der türkischen Wächter zu den Reisegruppen, bittet sie um Ruhe, wird aber angezischt, mit einer wegwerfenden Handbewegung weggescheucht. Das hier ist ihre Kirche. Ihre Stadt. Die poli. So wird sie von den Griechen genannt, nicht etwa eine Abkürzung, es ist für sie: Die Stadt. Politiki heißt denn im Griechischen nicht politisch, sondern ist das Adjektiv von der Stadt, von Konstantinoupoli.
Griechen meinen, wenn sie von ihrer glorreichen Vergangenheit sprechen, nicht etwa die Antike, sondern Byzanz. Das einstige Ostrom, das von Anfang an in griechischer Hand war. Wir vergessen immer, dass die oströmischen Kaiser durch die Bank Griechen waren. Der oströmische Kaiser, der das Christentum im gesamten römischen Reich zur Staatsreligion erhoben hat, war Theodosius. Auch er ein Grieche, auch wenn die Endung einen Lateiner suggeriert. Und war ein Kaiser nicht ganz Grieche – Justinian, der Erbauer der Hagia Sophia soll Thraker gewesen sein – hatte er mit Gattin Theodora eine ganz starke Griechin an seiner Seite. Oströmer waren gleich Griechen, was sich fest in der griechischen Sprache verankert hat: Romi heißt zwar Rom, aber Romios ist der Grieche und Romiosini das Griechentum.

500 Jahre byzantinischer Geschichte prägten das Abendland, was uns aber im Geschichtsunterricht nicht vermittelt wird. Die Griechen brachten in doppelter Hinsicht Europa auf den Weg: einmal mit der Antike, dann durch ihre Kaiser in Byzanz. Letzteren verdanken wir neben Messer und Gabel und dem Lebertran unsere „europäische“ Sichtweise.
Die eigentliche Hauptstadt der Griechen ist nicht Athen, sondern Byzanz – ihr Konstantinoupoli. Sie liegt ihnen näher und das nicht nur zeitlich. Ihre Kirche, ihre Kultur, ihre Esskultur haben ihren Ursprung in Byzanz. Und deshalb ist die Türkei ihr Erzfeind. Nicht, weil die Türken 400 Jahre die Besatzer Griechenlands waren. Sondern weil sie ihnen ihre Stadt genommen haben, die Stadt besthin, ihr Konstantinoupoli. So wird für die Griechen Istanbul immer Konstantinoupoli bleiben –  auch auf ihrem internationalen Flughafen.

Nera Ide

Veröffentlicht von

Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

5 Kommentare

  1. Ja, die Begeisterung für Istanbul…

    …bzw. Konstantinopel, seine reiche und wechselhafte Geschichte, seine Bauwerke und auch heute noch vielfältige Kultur kann ich aus eigenem Erleben 100%ig nachvollziehen! Wer diese Stadt, die eigentlich eine Brücke der Kulturen und Kontinente ist, einmal erlebt habt, riskiert ihr ein Leben lang zu verfallen.

    Und wenn die nationalistischen Dickschädel aller Seiten vielleicht einmal ihr Gebrüll eingestellt haben werden, wird Istanbul vielleicht auch eine anerkannt europäische Stadt sein können, die allen Menschen und Kulturen gehört, die in ihr lebten und leben. Eine Stadt, aus deren Wunden die Menschen lernen, statt neue schlagen zu wollen.

    PS: Wunderbar-humorvoll geschriebener Essay, danke für den Sprachgenuß!

  2. @ Nera

    Ein sehr schöner Beitrag! Aber gibt es nicht dieses Lied Istanbul is not Konstantinopel? Ist bei den Griechen wohl noch nicht ganz angekommen. 😉
    Aber im Ernst; jetzt kann ich die Bedeutung Istanbuls/ Konstantinoupolis für die Griechen nachvollziehen.

  3. nera ide

    Schön was du da alles schreibst,da wo du herkommst gibt es warscheinlich gar keine Airline,eher den fliegenden Teppich! Leider hast du nicht verstanden das es mehr um die Agia Sofia,als um die nunmehr von den Türken verseuchten Stadt geht.Die Agia Sofia sollte allen christlichen Gläubigen wieder zugänglich gemacht werden.Vorallem wenn die Türken eine E.U Mitgliedschaft anstreben.

  4. Von Flughäfen und Städte.

    In der Broschüre des Atheners Internationalen Flughaens “El. Benizelos” “Timetable and Travel Information Oktober 2008-March 2009”, Seiten 40-41 wird Konstantinopolis auch mit ihren “internationalen” Namen Instabul (IST) erwähnt.Die Flugpläne nach Konstantinopolis (IST) kann man auch unter http://www.aia.gr herunterladen. Offensichtlich war die Verfasserin dieses Textes wieder unaufmerksam gewesen – oder?; ein Blick in der Broschüre (kann man überall im Flughafen finden), oder den elektronischen Tafeln (den englischsprachigen) reicht vollkommen aus, um die internationale Benennung IST zu erkennen.

    Mit “Olympic Airways” fliegen immer weniger Menschen und bald wird kaum jemand mehr; es sei denn, die Verfasserin verfügt die entsprechende Summe, mit der sie diese Flugfirma wieder privatisieren (sie wurde von Aristoteles Onassis gegründet)und somit retten wird…

    Konstantinopolis (oder Instanbul, laut der “philellenischen” Verfasserin) ist eine recht beeindruckende Stadt; sie hat ihren Reiz, ihre Magie – leider auch noch die Probleme, die jede Großstadt hat, wie Umweltverschmutzung, Kriminalität, dichte Bebauung – und leider liest man nix darüber in diesem Text. Schade…

    Apropos, das byzantinisch-oströmisches Reich hat mehr als 500 Jahre existiert – das hat man auch nicht im Unterricht gelernt, oder?

    Die Griechen waren schauer, weil sie Konstantinopel verloren haben (im Rahmen der damaligen Expansionspolitik der Osmanen, da keiner sie eingeladen hat, sie wollten doch Konstantinopolis ür sich) aber keinen Angst, Krieg wird´s nicht geben. Die Türken werden nicht als “Erzfeinde” betrachtet und es herrschen milde diplomatische Beziehungen.

    Wirklich ein Jammer, daß man diese Erfahrung (Reise nach Istanbul)nicht einer besseren Art nutzen könnte (wollte?), um ein Text über die Schönheit der Stadt zu schreiben; stattdessen liest man immer wieder ironische Kommentare. Ja ist schon gut, Griechenland ist schlecht, die Griechen sind schlecht usw. Viell. sollte man dieses “schlechtes” Land verlassen…

  5. Nera Ide stulta est!

    Istanbul – Istambul – Is tin polin (gr. Zur Stadt) – poli (gr. Stadt) – Konstantinoupoli (gr. Stadt des Konstantins)… Na Fräulein, heute wieder was gelernt? 😉

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