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Das Schloss der schönen Helena

Griechenland in der Krise. Dem Staat ist ein Sparkurs verordnet worden und diesem Diktat fallen zuvorderst – Ökonomen haben nun mal nur die Zukunft im Auge, so reich die Vergangenheit hier auch gewesen sein mag – die staatlichen Ausgrabungen und diverse Antikenverwaltungen des Landes zum Opfer. Diese Einrichtungen in jeder Provinzhauptstadt, Ephorate genannt, waren dafür da, sich um das große Erbe kümmern und die antiken Stätten der jeweiligen Region zu pflegen. Und sie sorgten auch dafür – da staatliche Arbeitsbeschaffungs-Anstalten – dass Archäologie hierzulande eine Profession mit Zukunft war. Und weiter ist. Gerade weil die Ephorate geschlossen wurden.

Spartas Antikenverwaltung macht 2010 als eine der ersten dicht, weil – so wohl die Aufrechnung der Technokraten – es da ohnehin nicht viele Antiken zu verwalten gibt. Die Leiterin dieses Ephorats hätte diese Sicht der Dinge gern noch geändert, solange sie im Amt war. Sie tut es nun, kaum dass sie ihrem Büro den Rücken gekehrt hat. Obschon entlassen, steht sie nicht auf der Straße – vielmehr frohgemut auf einem Acker, ihrem neuen Betätigungsfeld. Jetzt endlich hat sie die Zeit, das zu tun, was sie seit ihrem Studium immer tun wollte. Sie gräbt. Erst findet sie Sponsoren, die ihre Mini-Grabung finanzieren. Und dann findet sie, wovon sie nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Ein Schatz ist nicht genug

Wie auch, war doch Lakonien zu keiner Zeit ein Traumland für Archäologen. Und Sparta das Gegenteil von einem Sehnsuchtsort. Wahrscheinlich ist es Thukydides gewesen, der die Ausgräber demotivierte. Der antike Geschichtsschreiber und Chronist des Peloponnesischen Krieges beschrieb die Stadt als wenig ansehnlich, halt als Truppenübungsplatz. Aber da gab es ja noch ein früheres Sparta, das prunkvolle Sparta, von dem Homer nur Herausragendes zu berichten weiß. Ein „hoher Palast“ mit „hochgewölbtem Saal“ ist laut ihm die königliche Residenz in Sparta. Eine Burg, die „gleich dem Strahl der Sonne und gleich dem Schimmer des Mondes blinkt“ und einen „unendlichen Schatz“ beherbergt. Vor allem Letzteres hätte Schliemann & Co auf den Plan rufen müssen, doch während die bronzezeitlichen Herrschaftssitze in Mykene, Pylos und Tiryns entdeckt wurden, herrschte in Sparta Grabungsruhe.

Als Schatz des Herrschers kann auch eine blonde Schönheit angesehen werden, Ehefrau von Menelaos, dem „herrlichen“, dem „göttergesegneten König“, der über Lakonien gebot. Ein „göttlicher Führer“, der sich brüstete, kein Mensch könne sich in puncto Reichtum mit ihm messen. Einer, der nur nach dem Besten trachtete. Deswegen an seiner Seite – jedenfalls eine Weile – jene Frau, deren Schönheit sprichwörtlich war; um die tatsächlich die Männer kämpften, für die eine ganze Heerschar in den Krieg gen Troja zog: Helena, schönste Frau auf Erden, die vor ihrer alteweltbewegenden Untreue im Schloss zu Sparta großen Hof hielt.

Eine und alles viel zu schön, um wahr zu sein, dachten sich wohl die Altertumskundler und ließen in Sparta jeden Stein auf dem anderen. In seiner Studierstube zu Cambridge setzte dann der Althistoriker Paul Cartledge einen Schlussstrich unter die Nichtsuche. „If a Laconian Pylos existed it would already have been discovered“, lehrmeinte er 1979. Spartas entlassene Antikenverwalterin wollte nicht auf ihn hören. Sie verließ sich da eher auf eine Landsmännin von ihm, die auf diesem Gebiet bewanderter war – und das auch im wahrsten Sinn des Wortes.

Vielleicht hielt sich die Ex-Ephorin auch an die Dame, weil deren Name als eine Art Omen aufzufassen war. Helen hieß die Britin, Helen Waterhouse, die zu Zeiten das raue Lakonien durchstreifte, als Archäologie hierzulande eigentlich nur etwas für wilde Schliemänner war. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts näherte sie sich Schritt für Schritt Griechenlands großer Vergangenheit an: Sie wanderte wissenschaftlich. Sie, die Homer verehrte, ihn als Geschichte-Erzähler ernst nahm, hatte nur bedingt Augen für die Aussichten auf „dies hohle, dies treffliche Land“, da ihr Blick starr auf den Boden geheftet war. Survey nennt sich diese Methode, die Überbleibsel vergangener Kulturen mittels bloßer Oberflächenbeschau zu eruieren. Alle alten Scherben, durch den Pflug oder Erosion ans Tageslicht gebracht, werden dabei aufgelesen und dokumentiert.

Spartas ehemalige Antikenverwalterin setzte da ihren Spaten an, wo Helen auf erstaunlich viele mykenische Scherben gestoßen war. Sie fand auf Anhieb ebenfalls eine mykenische Tonscherbe, die es in sich –  besser gesagt auf sich hatte: Striche und Kreise, die ihr eine Zukunft bescheren sollten und Sparta eine Vergangenheit, mit der keiner gerechnet hatte.

Die Krakel auf der Scherbe sind Schriftzeichen, wie sich bald herausstellt. Zeichen der Linear B Schrift, jener Schrift also, mit der die Mykener vor 3400 Jahren ihre Korrespondenz, Inventarlisten und Waschzettel auf Tontäfelchen ritzten. Das unscheinbare Bruchstück erweist sich als wahrer Wortschatz, ist es doch das erste Schriftzeugnis der Mykener, das je in Lakonien zum Vorschein kam.

Das Schloss der schönen Helena

Und es bleibt nicht bei dieser einen Schriftscherbe. Mykenische Schrifttäfelchen in Menge deuten immer auf ein Archiv hin, und Archive sind nur da zu finden, wo mykenische Könige zu Haus waren: in den Regierungssitzen. Die geschasste Ephorin entdeckt ihn tatsächlich, den „hohen Palast“ von Sparta, größer als die anderen mykenischen Residenzen und mit Resten von Fresken, so schön wie die von Knossos und Mykene.

Zieht man Homer zu Rate, ist es das Schloss der schönen Helena. Im drögen Wissenschafts-Sprech klingt es ebenfalls ansehnlich: ein mykenischer Palast der späten Bronzezeit. Aus jener Epoche also, in der sich die Mykener – glaubt man Homer, was auch immer mehr Wissenschaftler heutzutage tun – zum Zug gegen Troja rüsteten. Agamemnon & Co melden sich zur Stelle. Die ältesten der alten Griechen – die Mykener waren die ersten, die nachweislich Griechisch sprachen –  sind in ihrem Kernland plötzlich wieder präsent. Jenseits der Taygetos-Berge, die den Peloponnes im Süden teilen, geben sie ebenfalls Zeichen. Weil sich auch in Messenien die Ephorin nach ihrer Entlassung aufs Graben verlegt, statt die Hände in den Schoß zu legen.

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Ruinen der mittelalterlichen Festung Mystras mit Blick über die Ebene des antiken Sparta. Bild: fotolia / genlock1

Auf dem Rücken eines Vorgebirges nördlich von Kalamata stieß sie bislang auf eine Toten(groß)stadt: 16 Tholos-Gräber und eine Reihe Schachtgräber aus der Ära der Mykener. Das goldene Zeitalter für alle Ewigkeit! Wenn nicht gar Könige, müssen es Edelmänner und Edelfrauen gewesen sein, die da so hochherrschaftlich in diesen Grab-Domen bestattet wurden. Hier sprechen die kostbaren Beigaben für sich, obwohl den Ausgräbern nur ein Rest zu entdecken blieb – wennschon ein glücklicher, da reichlicher Rest – weil Grabräuber bereits vor Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden hier überreiche Beute gemacht hatten.

Was gäbe ein Archäologe für ein unberührtes Grab, eine antike Begräbnisstätte, das nicht geplündert wurde! Wo er der Erste ist, der nach Jahrtausenden einen Blick auf die Schätze werfen kann, die man dem Verstorbenen fürs noble Weiterleben im Jenseits mitgegeben hatte. Wenn irgendwo Findeglück garantiert ist, dann zurzeit hierzulande. Wenigstens Wunder haben Konjunktur in Griechenland. Statt Wirtschaftswunderland wird es immer mehr zum Wissenschaftswunderland – jedenfalls was die Archäologie betrifft.

Wie sonst, wenn nicht als Wunder, ließe sich die Entdeckung erklären, die Ausgräber vor kurzem ganz nah des Nestor-Palastes bei Pylos gemacht haben. An einer Stelle, über die der jetzige Ausgräber seit Anfang der neunziger Jahre immer und immer wieder gestolpert ist, und das tatsächlich, da die Umrandungssteine  aus dem Erdreich ragten. Eine Stelle, die schon die Entdecker des Palastes vor 70 Jahren übersahen, wie auch seine Erbauer vor 3500 Jahren. Ein Trupp von bronzezeitlichen Bauarbeitern, Heere aller Zeiten (darunter die Troja-Kämpfer), ein Heer neuzeitlicher Archäologen sind über diese Stelle hinweg getrampelt – eine Hain-und-Wiesen-Stelle, die auch den findigsten Grabräubern aller Jahrhunderte nicht ins Auge stach.

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Vergangenheit betreffen

Im Mai 2015 gehen dann die Archäologen dem Kranz von Steinen auf den Grund –  und sie entdecken ein Grab, und darin einen Kämpfer in Paradeuniform, nur zerrupft vom Zahn der Zeit. Greif-Krieger nennen sie ihn wegen einer Platte aus Elfenbein zu seinen Füßen, in die dieser Fabelvogel eingeschnitzt ist. Umgeben ist er von kostbaren Beigaben: ein Schwert, Goldketten, Becher und Schalen aus Gold, Spiegel aus Bronze und Kämme aus Elfenbein. Der Greif-Krieger war kein Waffenbruder Nestors. Er kam gut 300 Jahre vor dem Weisen – so er denn gelebt hat – unter die Erde, zu einer Zeit, wo noch Kretas Minoer die Kultur im frühen Griechenland bestimmten – was aus den Beigaben zu ersehen ist.

Alte Steine allein bringen es wohl heutzutage nicht. Der Trend geht auch in der Archäologie zum Personalisieren und so werden denn alte Steine mit alten Namen aufgepeppt. Man erinnere sich nur an die Entdeckung des gigantischen Grabes in Amphipolis, die größte bisher in Griechenland gefundene Grabstätte. Weil in einem so großen Grab auch ein ganz Großer beerdigt sein muss – so die Denke der Neuzeitler – sahen sich die Ausgräber schon vor einer Exhumierung des großen Alexander. Dann verlegten sie sich auf seine Mutter, später auf einen seiner Generäle. Und jetzt? Keine Verlautbarungen mehr, die 2014 im Breaking-news-Stakkato über die Öffentlichkeit hereingebrochen sind. Ein weiteres Kapitel zu meinem Buch: Wenn Steine reden und Archäologen schweigen.

Zu einem anderen Grabfund schweigt der Finder nicht länger. 1996 hat es der Archäologe in Stageira entdeckt und jetzt sei ihm klar geworden, so publiziert er es aktuell, dass kein Geringerer als Aristoteles darin bestattet worden ist. Sein Beweis: Der große Denker kam in diesem Ort zur Welt. Weiter im archäologischen Namedropping und zurück zu den Mykenern. Im ihrem Stammsitz Mykene will ein Archäologe den Sitz des Agamemnon gefunden haben. Er ist sich sicher, dass ein Stück bearbeiteter Kalkstein ein Teil des Thrones ist, auf dem der  größte aller Könige Mykenes gesessen hat.

Wenn etwas boomt in Griechenland, ist es die Archäologie. So sehen es mittlerweile auch ausländische Geldgeber, die in die Vergangenheit investieren. Wie der russische Software-Mogul Kaspersky, der von diesem Jahr an die Ausgrabungen in Akrotiri auf Santorin finanziert, einst eine Niederlassung der Minoer. Er, dessen Programme künftige Bedrohungen vorhersehen sollten, hofft wohl auf die Vergangenheit als Troubleshooter: „There is nothing more unpredictable than the past.”

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Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eher spaßeshalber hierzu kurz kommentarisch angetragen, von einem, der mit Unterbrechungen ca. drei Monate seines Lebens in G verbracht hat:

    Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Vergangenheit betreffen
    […]
    „There is nothing more unpredictable than the past.”

    Erstens ist G Balkan, kulturell auch vom Osmanentum lange Zeit dominiert, auch wenn griechische Christen hier eine gewisse Vorrangstellung hatten, zweitens ist das real existierende Griechenland ethnisch nicht auf antike Griechen zurückzuführen, auch wenn die Sprache in Teilen eben geteilt wird, und drittens ist das heutige Kooperationsverhalten in Griechenland ziemlich „mopsig“, dezent formuliert.


    Warum sich der Schreiber dieser Zeilen abär noch kurz gemeldet hat:
    Der gut geschriebene, die Autorenschaft wird sage und schreibe der Scilogs Redaktion zugeordnet, womöglich: global, WebLog-Artikel leidet ein wenig am Zitierten, deshalb ist auch das Zitierte, äh, zitiert worden.

    Prognosen, Vorhersage oder Prädiktion meinen die Zukunft, diese ist weniger leicht zu beschreiben als die Vergangenheit.
    Der Vergangenheit kann sich über die Erhebung von Datenlagen (mit anschließender Theoretisierung („Sichtenbildung“) angenähert werden.
    Eigentlich ist die Naturwissenschaftlichkeit ihrem Wesen nach Vergangenheitsforschung.
    Die Naturwissenschaflichkeit stellt Theorien („Sichten“) bereit, die beschreiben, erklären und die Prädiktion erlauben, wobei bereits eine Merkmalsausprägung genügt, damit von Theorien geschrieben und gesprochen werden kann, korrekt.

    MFG + schönes Wochenende!
    Dr. Webbaer

  2. *
    (mit anschließender Theoretisierung („Sichtenbildung“)[)]

    Soll heißen, dass da eine abschließende runde Klammer fehlte.

  3. Nera Ide schrieb (13. Oktober 2016):
    > […] ein früheres Sparta, das prunkvolle Sparta, von dem Homer nur Herausragendes zu berichten weiß. Ein „hoher Palast“ mit „hochgewölbtem Saal“ ist laut ihm die königliche Residenz […]
    > Lakonien […] „dies hohle, dies treffliche Land“

    In der letztzitierten Formulierung ist bestimmt ein kleines Ell zuviel hineingeschrieben worden.
    (Die wohlbekannten Begriffe und Regeln der geschriebenen deutschen Sprache, und insbesondere die Bedeutung des kleinen Ell, sind davon freilich unberührt. Vielmehr werden sie gebraucht und vorausgesetzt, um den genannten Fehler überhaupt festzustellen und mitzuteilen.)

  4. Pingback: Homer zwischen den Stühlen » Edle Einfalt, stille Größe » SciLogs - Wissenschaftsblogs

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