Akropolis zu verkaufen

Touristen ausgesperrt! Noch war es nicht zu ihnen durchgedrungen, zu diesem Grüppchen junger Leute aus sichtlich aller Welt, die sich da am frühen Morgen des 11. Oktobers um das Ticket-Häuschen am Einlass zur Akropolis scharten. Sie studierten die Öffnungszeiten, lasen sie laut vor, wunderten sich, dass das Tor, das seit mehr als einer Stunde offen sein sollte, immer noch verschlossen war. Sie versuchten es mit Rufen, winkten einem Wächter im Innern des Geländes zu, der es in seiner Reglosigkeit mit einer Statue aufnehmen konnte.

Vielleicht sollte man die Besichtigungstour doch im nahen Akropolis-Museum beginnen, beratschlagten ein paar, gaben den Plan aber auf, als Neuankömmlinge zu ihnen stießen, die berichteten, dass auch dort vor dem Museum die Besucher vergeblich auf Einlass warteten.

Auch hier bewegte sich nichts im Kartenhäuschen, sieht man von dem außen angepappten Blatt Papier ab, das in der Morgenbrise wie um Aufmerksamkeit wedelte. Vergeblich. Was darauf stand, las keiner, weil es keiner lesen konnte. ΑΠΕΡΓΙΑ war da hingekrakelt.

STREIK.

Nicht nur in Athen machte an diesem Donnerstag die Antike dicht. In Epidauros könnte eine Schulklasse noch so viel Theater veranstalten – sie wurde nicht in das magische Halbrund vorgelassen, das für die Alte Welt die Welt bedeutete. Auch durch das Löwentor in Mykene schritt an diesem Tag keiner und in Delphi stannd eine stattliche Besucherschar vor einem Rätsel, verkörpert durch den abweisenden Wächter, der vielsprachig einsilbig orakelte: „Nix look look. Fermé.“

Präsident ante portas

Die antiken Stätten und Museen im ganzen Land wurden bestreikt, und das ausgerechnet an dem Tag, an dem der deutsche Präsident auf Staatsbesuch in Athen weilte. Vor den Toren zur Vergangenheit sind alle gleich, auch für Frank-Walter Steinmaier wird keine Ausnahme gemacht, weg von alter Kultur wird er zu einer Stätte der Unkultur umgeleitet: Er suchte das ehemalige KZ Chaitari auf,
das die Nazis im 2. Weltkrieg einrichteten, als sie Griechenland besetzt hielten.

Über Steinmeiers Visite in Griechenland berichteten deutsche Zeitungen und das Fernsehen, vom Streik allerdings nahmen sie kaum Notiz. Wenn überhaupt, dann mit der sattsam bekannten Mischung aus Indigniertheit und Unduldsamkeit, wie man sie in den deutschen Medien seit Beginn der Krise den Griechen gegenüber an den Tag legt. Als wären die ungeratene Kinder und die Journalisten die Eltern, die sich längst den Kopf wundgeschüttelt haben. Der passende Tenor ist: Die lernen es nie. Was ganz schön blöd sei, sich das Geschäft mit den Touristen zu verderben, wo doch sonst nichts funktioniere in diesem Land.

Warum die Stätten bestreikt werden, danach fragte in Deutschland keiner. Weil man ja zu wissen glaubt, dass die Griechen allein aus Jux und Tollerei auf die Straße gehen. Streik sei ein Feiertag mehr in dem Land der ohnehin meisten Feiertage. Kein Wunder, dass sie hier auf keinen grünen Zweig kommen.
Es geht doch nichts über gepflegte Vorurteile. Die deutschen Blatt- und Fernsehmacher hätten einfach mal ihre Arbeit machen sollen, mal danach fragen, warum die Akropolis geschlossen blieb. Am besten einen der Wächter, die mit dem Ausstand versuchen, ihre Antiken nicht nur als Einnahmequelle zu behalten.

Die Wächter als Hüter der Antike

Im August lief das bislang letzte Hilfsprogramm für Griechenland aus. Was nicht heißt, dass die Griechen von nun an wieder Herren im eigenen Haus sind. Zwar wurde in Brüssel groß verkündet, die Troika habe ausgedient, aber natürlich sind die von den Griechen nicht gerade geliebten Kontrolleure weiter da, sie nennen sich nur anders. Diese Experten tun, was die Troika die Jahre zuvor tat: Das Land kujonieren, was im euphemistischen EU-Sprech als Reformen verkauft wird.

Richtungsweisend in diesem Gremium ist wie zuvor Deutschland, das einem Schwaben folgt, der wider die Ratschläge bedeutender Ökonomen die fixe Idee hatte, das Schalten und Walten einer schwäbischen Hausfrau als Richtschnur für einen Staatshaushalt herzunehmen. Mit einem für Griechenland verheerendem Ergebnis. Die Renten wurden unter das Existenzminimum gekürzt, die Mittel für das Gesundheitssystem so eingedampft, dass hier jetzt Ärzte ohne Grenzen wie in einem Drittland im Einsatz sind.

Das große Begehr des schwäbischen Hausmannes war allerdings die Privatisierung von griechischen Staatsbetrieben, obwohl sich der penibel rechnenden Hausfrau nicht erschließt, warum etwas, das auf Dauer gutes Geld bringt, für schnelles Geld verscherbelt wird. Wie der Hafen von Piräus, einer der größten Umschlageplätze Europas, der von den Chinesen gekauft wurde. Die griechische Bundesbahn ging an die Italiener; 14 der Regionalflughäfen übernahm Fraport, darunter die rentabelsten auf den Ferieninseln Kreta, Rhodos, Korfu, Samos, Mykonos, Santorin, Kos und Zakynthos, sowie den internationalen Flughafen von Thessaloniki. Ein Schelm, der da das G‘schmäckle schmeckt.

Der Ausverkauf des Landes geht weiter. Nach den Staatsbetrieben wurde das Staatseigentum anvisiert, der zügige Verkauf von Liegenschaften zu den „Hausaufgaben“ verniedlicht, die Griechenland als „Sicherheit“ zum letzten Hilfsprogramm abzuliefern hätte. Um die „Befreiung“ nicht zu gefährden, veranlasste das Finanzministerium auf den letzten Drücker die Übertragung von 10.100 Stätten in Staatsbesitz an den Privatisierungsfonds HRADF, darunter diverse Altertümer.

Vergangenheit isch over, oder: Die Antike kommt unter den Hammer. So soll die Akropolis meistbietend versteigert werden. Nein, nicht die oder noch nicht die von Athen, aber eine byzantinische auf Kreta. Dazu noch weitere Burgen und venezianische Festungen rund um Chania. Die alte Kultur der Insel gibt es im Sonderangebot, darunter vieles zu Dumpingpreisen wie beispielsweise antike Wassergräben. Auch aktuelle Ausgrabungsstätten, wo dem reichen Erbe der Minoer nachgespürt wird, sind günstig zu haben.

Minoische Ketten als Modeschmuck?

Die Makler der Vergangenheit offerieren auch wirkliche Schatzkammern: Museen stehen zum Verkauf wie beispielsweise das archäologische Museum von Chania. Schon der Bau ist ein Kleinod, die einstige Klosterkirche des Franziskanerordens wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichtet. In den drei Schiffen des gotischen Gotteshauses präsentiert sich die reiche Vergangenheit Kretas: Minoische Töpferkunst mit der Eierschalenware, die so fein ist, dass sie es glatt mit dem feinsten Porzellan aufnehmen kann; Goldschmuck; erste Schriftzeugnisse in Linear A und B auf Tontäfelchen; opulent bemalte Tonsarkophage. Kykladen-Idole, die wie moderne Kunst anmuten und mit zum Schönsten gehören, was Menschenhand je hervorgebracht hat. Marmorstatuen, Bodenmosaike aus römischer Zeit.

Wer soll so ein Objekt kaufen? Ein reicher Russe? Ein noch reicherer Chinese? Der wird sich doch kaum mit den Eintrittsgeldern zufrieden geben. Legt er dann seiner Gattin minoisches Geschmeide um? Nimmt er eine – oder mehrere – der Eierschalen-Vasen aus der Vitrine, um sie in seinen Salon zu stellen? Oder verwendet er für den Patio seiner Villa das antike Bodenmosaik?
Damit das alles nicht passiert, die Kostbarkeiten in den Vitrinen bleiben und alte Festungen nicht zu Luxusresorts umgebaut werden, dafür haben in Griechenland die Wärter im Schulterschluss mit den Archäologen gestreikt.

Am 12. Oktober reiste Deutschlands Präsident nach Kalamata weiter, wo er, da nicht mehr gestreikt wurde, das antike Messene besichtigen konnte, Griechenlands größte aktuelle Ausgrabung. Ob diese alte Stadt, die zu Zeiten des großen Alexanders von Besuchern als schönste im ganzen Griechenlande gerühmt wurde, auch zur Privatisierung ansteht, ist nicht bekannt.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Also in Athen würde die Akropolis hervorragendes Bauland hinterlassen, wenn man das Areal verkleinern würde und dabei einfach die Dichte der historischen Stätten erhöht. Das wäre ein hervorragendes Investment.
    Dabei muss ich aber anmerken, dass es mit auf den anderen Hügeln Athens besser gefallen hat, da diese nicht so überlaufen sind. Zum Beispiel hat man vom Pnyx einen super Blick auf die Akropolis.

  2. Erinnert mich alles sehr an das Wüten der Treuhand nach der Wende in den neuen Bundesländern. Da wurde auch alles verscherbelt und auf den Ramschtisch angeboten, was irgendwie Gewinn versprach. Dass die Menschen millionenfach arbeitslos wurden und über ganze Landstriche das Lied vom Tod gespielt wurde, hat damals auch niemand interessiert.Damals war es allerdings nicht der schwäbische Hausmann sondern der pfälzische Saumagenliebhaber der blühende Landschaften versprach. Heute wird halt das kulturelle Tafelsilber der Griechen;morgen wahrscheinlich das der Italiener(siehe desaströser Staatshaushalt) und übermorgen das der Deutschen verramscht.Reichstag und Kölner Dom als Sonderangebot. Vielleicht interessiert sich Putin dann für den Reichstag/Bundestag. (Kleiner Scherz)

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