Welche Frau kann sich Silikon leisten? Jede!

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Die Welt ist voller Rätsel
Die Sankore Schriften

Silikon leidet ähnlich wie das Cholesterin in der Medizin unter einer verzerrten Wahrnehmung. Wenn das Wort „Silikon“ fällt denkt man(n) zuerst an Brustimplantate für Brustvergrößerungen und rümpft verächtlich die Nase über jene reichen selbstverliebten Promi-Frauen „die was machen lassen“. Dabei verwenden viele Frauen wöchentlich Silikon um ihr Aussehen zu erhalten oder zu verbessern – ohne es zu wissen.

Shampoo, Spülung, Lippenstift, Lidschatten, Antifaltencreme, Make Up hier geht es nicht ohne und wer sich mal die Mühe macht die Verpackungsbeschriftung- oder beilage zu lesen wird es unter Namen wie „Dimethicone“, „Cyclomethicone“, „Cyclopentoxilase“, „Dimethiconol“ (nicht-wasserlösliche Silikone) bzw. „Amodimethicone“, „Polysiloxane“, „PEG/PPG-14/4 Dimethicone“, „Dimethicone Copolyol“ (wasserlösliche Silikone) finden.

Dabei wird einem klar, dass der Begriff Silikon1 nicht eine bestimmte Substanz bezeichnet sondern als Oberbegriff und Trivialname verschiedene Stoffklassen zusammenfasst, die alle eins gemeinsam haben: die Gruppierung Si-O-Si, eine abwechselnd aus Silizium- und Sauerstoffatomen aufgebaute Kette, die von Chemikern Siloxan2,3 genannt wird.

Die beiden übrigen Valenzen der Siliziumatome sind mit organischen Gruppen verknüpft (vorzugsweise Methylgruppen), wodurch der teils organische Charakter der Silikone entsteht. Demzufolge müssten alle Silikone korrekterweise Polydiorganosiloxane bezeichnet werden. In den oben genannten Kosmetik- und Pflegeprodukten befinden sich vorwiegend Silikonöle (beim Brustimplantat handelt es sich um ein Gel) bei denen es sich um transparente, geschmacks-, geruchlose Flüssigkeiten handelt

silikonoele

Prinzipieller Aufbau der Silikonöle

Was tut Silikon für unser Aussehen?

Haare mit Seidenglanz

Silikon umhüllt jedes einzelne Haar, schmiegt dabei abstehende Hornschüppchen an den Schaft und reflektiert das Licht.

Kaputte Haarspitzen

Silikon kann das Haar zwar nicht reparieren, aber so versiegeln, dass es nicht weiter aufribbelt.

Antifaltencreme

Silikon funktioniert hier nach dem Prinzip eines Fugenfüllers: Schon direkt nach dem Auftragen erscheint das Gesicht jugendlich glatt. Klingt super, ist aber nur die eine Seite der Medaille. Steckt nämlich zu viel Silikon in einer Creme, staut sich der Schweiß, die Haut quillt unter dem Film auf und wird spröde. Außerdem liefert Silikon im Gegensatz zu pflanzlichen Ölen keinerlei eigene Pflegestoffe, sodass immer Wirkstoffe zugesetzt werden müssen, um mehr als einen oberflächlichen kurzfristigen Effekt zu erzeugen.

Lippenstift und Lidschatten

„Flüchtige Silikone“ sind dafür verantwortlich, dass sich die Produkte so geschmeidig auftragen lassen und die Farben über Stunden an Ort und Stelle bleiben Das Besondere daran: Durch die Hautwärme verdunstet der cremige Anteil und zurück bleiben festere Partikel, die sich pudrig anfühlen und Farbpigmente fixieren.

Körperöle

Hier kommt es zum Einsatz weil es ewig haltbar ist, Duftstoffe auf der Haut fixiert und sich nicht fettig anfühlt.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man ohne Silikon gar nicht mehr unter Leute gehen kann ob Promi oder Otto-Normalbürger ;-).

Leider hat Silikon durch die Regenbogenpresse und das Privatfernsehen einen schlechten Ruf, weil es immer mit Brustvergrößerungen assoziiert wird aber wer sich näher mit Silikonchemie beschäftigt wird schnell merken, dass Silikon aus unserm Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Unter der Motorhaube schützen Siliconkautschuke die Autoelektronik vor Feuchtigkeit und Schmutz, im Autolack sorgen Silikonadditive für Glanzeffekte, in der Waschmaschine verhindern Silikon-Antischaummittel das Überschäumen der Waschlauge, Siliconharzfarben halten sie das Mauerwerk wasserabweisend, sind aber gleichzeitig durchlässig für Wasserdampf und Kohlendioxid aus dem Inneren. Es dient als Werkstoff in medizinischen Schläuchen, Pflastern oder orthopädischen Produkten und als sicheres Dicht- und Isolationsmaterial in elektrischen Geräten oder Isolatoren.

Fußnoten

1. F. S. Kipping (1863-1949) prägte den Begriff „Silicone” und verweist damit auf die formale Analogie zwischen den entsprechenden Sauerstoffverbindungen des Siliziums und Kohlenstoffs (Polysilicoketone).

2. Grundbausteine der Silikonherstellung sind die Silane. Sie entstehen in der Direktsynthese aus Silizium und Methylchlorid.

3. In den Jahren 1940/41 gelang es Muller und Rochow erstmals und unabhängig voneinander, Silizium mit dem Gas Methylchlorid (CH3Cl) zu flüssigen Methylchlorsilanen umzusetzen (Muller-Rochow-Synthese). Damit wurden die Ausgangsstoffe zur industriellen Herstellung von Silikonen erstmals verfügbar, und ein weltweit stürmischer Aufschwung der Silikonproduktion begann.

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

6 Kommentare

  1. Danke für die notwendige Information. Es ist leider immmer wieder erschreckend, auf wie wenig Halbwissen unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Bitte mehr solcher Artikel !

  2. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man ohne Silikon gar nicht mehr unter Leute gehen kann ob Promi oder Otto-Normalbürger ;-).

    Zumal das “Silicon Valley” bei derartiger Anbahnung zunehmend hilft. Danke, ein wichtiger WebLog-Artikel, der die zunehmend komplexer werdende Welt ein wenig besser zu verstehen hilft.
    MFG
    Dr. W

  3. Soviel liebevoll aufbereitetes und angeeignetes Fachwissen! Woher nur das Interesse? Silikon also auch für Männer?

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