Warum Wissenschaftler glauben müssen

BLOG: Die Sankore Schriften

Die Welt ist voller Rätsel
Die Sankore Schriften

Wissenschaftler müssen glauben, an ihre Ideen zumindest, denn wo bliebe sonst der ganze Forschungseifer? Das Problem ist nur, dass dieses Verb mit dem Dativ verwendet wird. Ich glaube wem….. – deshalb vermutet der Wissenschaftler lieber, denn er traut keinem über den Weg und deshalb traut ihm keiner …..wenn er da fremde Gene in die Tomate bringt und behauptet für alle nur das Beste zu wollen. Nur darf man sich als Laie nicht täuschen lassen und die Vermutung als die kleine Schwester des Glaubens belächeln, denn oft hat sie viele Verehrer, die nicht wissen, ob sie eine echte Prinzessin oder ein falsches Luder ist. Während im Alltag eine Frau jenseits der 70 manchmal despektierlich als alte Schachtel bezeichnet wird, ist es in der Wissenschaft anders: Je älter sie wird, desto begehrenswerter wird sie und deshalb wächst auch das Unbehagen, wenn man immer noch nicht weiß, woran man mit ihr ist. So ging ein Raunen durch die Menge und man hörte hier und da Seufzer der Erleichterung als Andrew Wiles nach 360 Jahren die Fermatsche Vermutung, eine echte Prinzessin, nach Hause führte.

I had this very rare privilige of been able to pursue in my adult life what had been my childhood dream.

Andrew Wiles

Außerdem steckt in vermuten, dass Wort Mut und den muss man oft haben als Wissenschaftler. Man muss das Risiko in Kauf nehmen, dass die jahrelange Forschungsarbeit umsonst war, man endgültig gescheitert ist, im schlimmsten Fall dem Spott der Kollegen und der johlenden Menge ausgeliefert. Das akribisch geführte Laborbuch als Tagebuch der geplatzten Träume.

1884

10. Januar. Hydrodynamik getrieben.
11. Januar. Problem der Hydrodynamik aufgegeben
27. Januar. Über elektromagnetische Strahlen nachgedacht
13. Mai. Ausschließlich Elektrodynamik.
16. Mai. Den ganzen Tag Elektrodynamik gearbeitet.
26. Juni. Elektrodynamik bis aufs Abschreiben fertig.
3. Juli. Elektrodynamik nachgedacht.
4. Juli. Elektrodynamik immer noch ohne Erfolg.
11. Juli. Meistenteils vergeblich Elektrodynamik nachgedacht.
14. Juli. Ausschließlich Elektrodynamik getrieben.
17. Juli. In schlechter Stimmung und nichts angreifen können.
24. Juli. Unlustig zur Arbeit.
7. August. In Ries Reibungselektrizität gesehen, daß das bisher Gefundene meist schon bekannt.
16. September. Hydrodynamik wieder aufgenommen.
18. September. Wieder einmal ohne Erfolg Hydrodynamik getrieben.
24. Oktober. Wieder zur Elektrodynamik gewendet.
25. Oktober. Elektrodynamik nachgedacht.
29. Oktober. Sehr schlechte Laune.
30. Oktober. Hydrodynamisches Problem wieder angegriffen.
6. November. Heftig gerechnet an der Hydrodynamik.
7. November. Wiederum intensiv gerechnet. Abends hoffte Erfolg zu haben, aber das Result wieder nichts!
11. November. Nichts getan und ganz mutlos wegen des Mißglückens des hydrodynamischen Problems.

Aus dem Tagebuch von Heinrich Hertz

Wir sagen die Alma mater und ihre Forscher und meinen doch Mutter Courage und ihre Kinder, denn es herrscht Krieg um Geld. Andere arbeiten und werden anschließend von ihrem Arbeitgeber bezahlt, der universitäre Wissenschaftler hingegen muss oft erst einem Dritten, dem Sponsor, erklären an was er arbeiten will, damit dieser seinem Arbeitgeber Geld gibt, von dem der dann einen Teil dem Wissenschaftler gibt. Eine Ménage-à-trois  die oft nicht glücklich für den Wissenschaftler ausgeht, denn die Ausgangsbedingungen sind hier für ihn noch schlechter als beim Ultimatumspiel.

Beim Ultimatumspiel trifft ein Wohltäter trifft zwei Männer. Einem der beiden überreicht er 100 Euro mit dem Auftrag, sie nach Belieben auf sich und den zweiten Mann aufzuteilen. Dieser hat zwei Möglichkeiten: Er nimmt das Angebot des ersten an, oder er lehnt ab. Dann aber, so die Spielregel, nimmt der Wohltäter die 100 Euro wieder an sich, und keiner bekommt etwas.

Der Wissenschaftler bekommt kein Angebot, sondern muss selber nachfragen. Wenn der Wissenschaftler nach BAT bezahlt wird, hat der Arbeitgeber keine Möglichkeit dem Wissenschaftler ein faires Angebot zu machen. Das Angebot wird vornherein immer ein schlechtes sein, weil das Gehalt nie im Verhältnis zu den tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden steht.

Wie Tarzan von Liane zu Liane hangelt sich der Forscher von befristeter Drittmittelstelle zu befristeter Drittmittelstelle, der PostDoc als König des Dschungels: „Ich bin ein Star holt mich hier raus!“ Diese prekäre berufliche Situation bereitet dem Wissenschaftler schlaflose Nächte, in denen er in seinem Kopf verschiedene Probleme wälzt, bis Folgendes geschieht:

In der dritten Nacht löscht er in sich selbst die vier Geistesgifte aus: die Begierde, das Festhalten an materiellen Dingen, die falschen Wahrnehmungen und die Unkenntnis.

Aus dem Leben des Buddhas

Sich selbst zu ändern, weil man die Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft nicht ändern kann, aber in der Wissenschaft glücklich werden möchte. Für Manche vielleicht ein Weg………

Weiterführende Links

Die Tagebücher von Heinrich Hertz

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

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