Provenienzforschung für menschliche Gebeine aus der Kolonie Deutsch-Südwestafrika

In der Geschichte der deutschen Anthropologie war das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eines ihrer dunkelsten Kapitel: Deutsche Forscher hatten zwischen 1898 und 1913 schätzungsweise 3000 Schädel, Knochen und Hautreste von Afrikanern aus der Kolonie Deutsch-Südwestafrika für “rassenkundliche” Forschungen in die anatomischen Institute deutscher Universitäten bringen lassen.

“Ich habe das von meinen Großeltern gehört. Das ist bei uns in der Familie so erzählt worden, dass der Kopf von Cornelius Fredericks abgeschlagen wurde. Cornelius Fredericks ist der ältere Bruder von meinem Großvater.” sagt der Namibier Dawid Fredericks, der den Schädel seines Großonkels in einer anatomischen Sammlung in Deutschland vermutet und seine Rückgabe fordert.

Cornelius Fredericks war einer der Anführer der Nama, die sich im Oktober 1904 gegen die deutsche Kolonialmacht erhoben hatten. Nach seiner Kapitulation im Jahr 1906 wurde er in das berüchtigte Konzentrationslager1 auf der Haifischinsel bei Lüderitz im Süden des heutigen Namibias gesteckt. Dort starb er im Februar 1907.

Menschliche Gebeine aus der Kolonialzeit in akademischen Sammlungen
18 Köpfe von Gefangenen, die zwischen 1905 und 1907 auf der Haifischinsel gestorben waren, wurden in Formalin konserviert und an Paul Bartels2, Anthropologe und Anatom in Berlin, geschickt. Es war damals nicht ungewöhnlich das deutsche Anthropologen an die deutschen Kolonialverwalter schrieben, und um Gebeine verstorbener Afrikaner zu Forschungszwecken baten.

Bartels forschte zusammen mit seinen Doktoranden Christian Fetzer und Heinrich Zeidler an den Gesichtsmuskeln dieser Köpfe. Sie versuchten zu beweisen, dass die Gesichtsmuskeln der Afrikaner weniger entwickelt waren als die der Europäer. Nach dem diese Forschung beendet war, wahrscheinlich um 1913, wurden die Weichteile entfernt und die trockenen Schädel in die anthropologische Sammlung des Anatomischen Instituts der Universität Berlin aufgenommen. Die Schädel lagerten seitdem in verschiedenen Berliner Sammlungen und gelangten teilweise erst nach 1990 in die Obhut der Charité3.

Dieses Gemälde (Öl auf Leinwand) von Paul Cézanne (1839-1906) trägt den Titel “Drei Totenköpfe auf einem Orientteppich”. Es entstand zwischen 1898 und 1905.

Im September 2011 wurden diese Schädel in einer Übergabezeremonie in Berlin an Namibia zurückgegeben. „Wir bekennen, dass die deutsche Wissenschaft damals Schuld auf sich geladen hat. Wir möchten um Entschuldigung bitten“, sagte der Leiter des Medizinhistorischen Museums der Charité, Thomas Schnalke damals.

Die Schädel gehören zu Frauen und Männern der Nama und Herero. Die meisten waren zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 20 und 40 Jahre alt, darunter aber auch der Schädel eines Jungen im Alter von vier Jahren.

Leider weiß niemand wer diese Menschen waren, denn für die deutschen Kolonialärzte auf der Haifischinsel (höchstwahrscheinlich aus Feldlazarett XII), die die Toten enthauptet hatten, waren die Namen der Gefangenen nicht wichtig und für die Forscher in Berlin auch nicht. Also wurden sie nirgendwo vermerkt. Daher konnten die Schädel nach ihrer Rückkehr nach Namibia nicht an namibianische Familien zurückgeben werden und in Familiengräbern bestattet werden.

Nach der Rückgabe: Identifizierung der Opfer mittels forensischer DNA-Analyse
Aus diesem Grund schlage ich, Namibia bzw. den entsprechenden namibianischen Opferorganisationen vor, diese Schädel an die Internationale Kommission für Vermisste Personen (The International Commission on Missing Persons, ICMP) zu übergeben, damit diese versucht die Toten mittels forensischer DNA-Analyse zu identifizieren. Die ICMP vergleicht dabei die aus den Schädeln gewonnene DNA mit der DNA aus dem Blut der Nachfahren der Gefangenen. Sie hat mit dieser Methode bisher die Gebeine von 15 000 Menschen identifiziert. Die große Mehrheit – 12 600 – von ihnen kam in Bosnien um, fast die Hälfte starb beim Genozid von Srebrenica. Allerdings wird die DNA-Analyse der namibianischen Schädel dadurch erschwert, dass hier nicht das Blut von Verwandten der ersten und zweiten Generation zur Verfügung steht, sondern wahrscheinlich nur der Dritten und Vierten. Es wäre hier mit den Angehörigen zu diskutieren, ob man als Ultima Ratio auch bereit wäre Gräber zu öffnen, um an DNA von Verwandten der ersten und zweiten Generation zu kommen.

Die ICMP müsste für dieses Projekt in Namibia eine DNA-Datenbank aufbauen. Sie müsste in Namibia Blutproben von Nama und Herero sammeln, deren Verwandten zwischen 1905 und 1907 im Gefangenenlager auf der Haifischinsel verstorben sind. Namibianische Historiker sollten zusätzlich gemeinsam mit deutschen Historikern Archivdokumente (wenn es die noch gibt) des Gefangenenlagers aus der Zeit von 1905 bis 1907 durchforsten, um an Namen und andere persönliche Daten der Gefangenen zu kommen. Gut wären vor allem Krankenakten aus dieser Zeit, da damals viele an Skorbut gestorben sind. Zusätzlich sollte dieses Team aus Historikern, die Nachfahren dieser Gefangenen befragen.

Unter der Voraussetzung, dass Geochemiker bereits eine auf Strontiumisotopenanalyse basierende Herkunftslandkarte Namibias erstellt haben, könnten forensische Chemiker mit den Zähnen aus den Schädeln versuchen herauszufinden, wo in Namibia die Gefangenen geboren wurden. Sie müssten dafür eine Strontiumisotopenanalyse des Zahnschmelzes machen. Diese Analyse müsste aber vor der DNA-Analyse durchgeführt werden.

Von 2010 bis 2013 hat das “Human Remains Project” der Charité – auch im Sinne einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte –, ausgewählte Teile ihrer Sammlungen exemplarisch unter zwei Aspekten ergebnisoffen beforscht: Erstens sollten verlässliche Informationen über die Herkunft und den Erwerbskontext der Sammlungsstücke zusammengetragen werden (Provenienzforschung). Zweitens sollte die zugehörige Sammlungs- und Sammlergeschichte in ihrem wissenschafts- und kolonialhistorischen Kontext erstmals eingehend aufgearbeitet werden.

Im Rahmen dieses Projekts sind bisher dreimal menschliche Gebeine an Namibia zurückgegeben worden: 20 Schädel im September 2011, 18 Schädel und 3 Skelette im März 20144, elf Schädel, fünf Skelette und ein Schulterblatt im August 2018. Der Berliner Senat steht auf dem Standpunkt, dass über Rückgaben nur nach aufwendiger Provenienzforschung und im Einzelfall entschieden wird. Für diese Provenienzforschung ist aber bisher nicht genügend Geld da, weil der politische Wille fehlt. Politiker von Land und Bund wollen das benötigte Geld nicht ausgeben, um die missliebige Frage der Rückgabe der Gebeine auszusitzen. Schade!

Fußnoten
1. Der Begriff „Konzentrationslager“ wurde erstmals offiziell im deutschen Sprachraum in den Jahren 1904/05 verwandt, um Internierungs- und Sammellager für gefangene Herero und Nama zu bezeichnen. Der britische Feldmarschall Herbert Kitchener hat diesen Begriff erfunden: Während des Zweiten Burenkriegs gegen die holländischstämmigen Buren in Südafrika um 1900 wurden dort die Frauen und Kinder der burischstämmigen Bevölkerung, die als potenzielle Feinde galten, in Lagern, die man amtlich als concentration camp bezeichnet hat, zusammengefasst und interniert.

2. Er wurde 1897 mit der Arbeit „Über Geschlechtsunterschiede am Schädel“ promoviert. Er meinte eine biologische Unterlegenheit von Frauen aus deren Schädeln herauslesen zu können. Wie sein Vater, der Anthropologe Maximilian Bartels, war er an den Neuauflagen des Buches „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde“ von Hermann Heinrich Ploss beteiligt.

3. Die anthropologische Schädelsammlung der Berliner Anatomie enthielt 345 Schädel aus Afrika. Im Jahr 2011, hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) die Sammlung von der Berliner Charité übernommen allerdings nicht die Schädel aus Namibia. Die SPK hat 200 Schädel aus Tanzania, 900 Schädel aus Ruanda, 400-500 Schädel aus Togo und Kamerun. Rund 8000 Schädel aus aller Welt lagern in den Depots der Stiftung.

4. Im gleichen Monat gab auch die Historische Sammlung der Universität Freiburg 14 Schädel an Namibia zurück.

Weiterführende Literatur
Die Rückgabe namibianischer Schädel im Jahr 2011

Provenienzforschung für koloniale Objekte

Menschliche Gebeine aus der Kolonialzeit in akademischen und musealen Sammlungen

Provenienzforschung zu ethnografischen Sammlungen der Kolonialzeit. Positionen in der aktuellen Debatte

The search in Germany for the lost skull of Tanzania’s Mangi Meli

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Rückgabe von menschlichen Gebeinen ist ein guter Anfang zur Aufarbeitung der Geschichte. Man dar nicht vergessen, das ganze ist erst 100 Jahre her, also 4 Generationen, wo die Deutschen als Kolonialmacht, die Farbigen als Objekte betrachtet haben.
    Und früher hatte jede deutsche Schule ein Skelett in ihrem Fundus, und das war nicht aus Kunststoff.

  2. Zitat Novidolski: „Die Rückgabe von menschlichen Gebeinen ist ein guter Anfang zur Aufarbeitung der Geschichte. Man dar nicht vergessen, das ganze ist erst 100 Jahre her, also 4 Generationen, wo die Deutschen als Kolonialmacht, die Farbigen als Objekte betrachtet haben.
    .
    Das sehe ich genauso. Die westlichen Länder haben seit Jahrtausenden ihren Reichtum und ihren Wohlstand durch brachiale Ausbeutung und Raubbau Afrikas, sowohl der Menschen als auch der Ressourcen. Wir schulden Afrika Reparation und dürfen es nicht vergessen angesichts der Thematik Migration. Wir waren bei den Afrikanern, ob Nordafrika oder Schwarzafrika, lange bevor sie zu uns kamen. Wir schulden ihnen Reparation und müssen ihnen jetzt auch zum Wohlstand verhelfen, wir müssen jetzt teilen.

Schreibe einen Kommentar