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BLOG: Die Sankore Schriften

Die Welt ist voller Rätsel
Die Sankore Schriften

Ich überlege schon eine ganze Weile an einem Forschungsprojekt für die Wissenschaftsblogosphäre, in dem ich Cloud Computing, Schwarmintelligenz und die technischen Ressourcen des Social Web nutzen kann und ich habe es gefunden. Mein Forschungsgegenstand ist eine Sache, mit der wir alle jeden Tag zu tun haben: Tippfehler Ich stelle sechs mehr oder weniger plausible Vermutungen auf, die ich mit eurer Hilfe empirisch überprüfen möchte.

Wo ihr das hier lest, sitzt Ihr ja gerade am PC oder Laptop. Schaut euch mal die Tastatur eures Computers an, genauer gesagt die drei Tastenreihen die mit Buchstaben belegt sind. In diesem Fall beziehe ich mich speziell auf die deutsche Tastatur. Ganz links am Anfang der untersten Reihe seht ihr die Taste für Y. Sie hat drei Buchstabentasten als Nachbarn nämlich die für A, S und X. Im Folgenden betrachte ich nur Tippfehler bei denen falsche Buchstaben getippt werden.

Abb.: Eine deutsche Computertastatur

 

Erste Vermutung

Mein erste Hypothese lautet, wenn man sich vertippt und statt der Taste für Y eine andere Buchstabentaste tippt, dann ist es meist eine dieser benachbarten Tasten also die für A, S oder X.

Zweite Vermutung

Gehen wir in der mittleren Reihe zum Buchstaben H. Diese Taste hat sieben Buchstabentasten als Nachbarn nämlich T, Z, U, J, N, B, G. Da sie mehr Nachbarn als die Taste für Y hat, erwarte ich auch, dass die Wahrscheinlichkeit sich bei dieser Taste einen anderen Buchstaben zu tippen höher ist als bei der Taste für Y. Hier taucht gleich das erste Problem auf: Die Buchstabentastenreihen sind gegeneinander nach rechts versetzt und es stellt sich die Frage wie man die Nachbarn definiert. Das heisst wir muessen uns vor Beginn des Experiments auf die Nachbarn festlegen.

Dritte Vermutung

Bei gleicher Zahl von Nachbarn ereignen sich Tippfehler häufiger bei Buchstabentasten, die sich in der Mitte der Tastatur befinden, als bei denen an der Peripherie. Noch ein Grund warum man sich beim H häufiger vertippen sollte als beim Y.

Vierte Vermutung

Die unmittelbaren Nachbarn von H nenne ich Nachbarn erster Ordnung von H, die Nachbarn dieser Nachbarn nenne ich Nachbarn zweiter Ordnung von H. Vertippe ich mich, erwarte ich mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit erstmal einen Nachbarn erster Ordnung, dann mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einen Nachbarn zweiter Ordnung. Ich vermute, dass es schon bei den Nachbarn erster Ordnung die Wahrscheinlichkeiten nicht gleich verteilt und somit nicht zufällig sind.

Fünfte Vermutung

Wie oft man sich vertippt hängt auch davon ab, wie häufig der Buchstabe in der Sprache bzw. in dem zu tippenden Text vorkommt. Je häufiger er vorkommt, desto häufiger die Wahrscheinlichkeit sich zu vertippen.

Sechste Vermutung

Das semantische Domino: Bei Worten deren Bedeutung wir kennen, machen wir weniger Tippfehler als z. B. bei uns unbekannten Worten einer fremden Sprache. Der inferiore frontale Kortex rund um das Broca-Areal und das pSTG – der hintere Teil des superioren temporalen Gyrus beeinflussen praktisch die Motorik unserer Finger von einem Buchstaben des Wortes zum nächsten. (Kann einer mal ne’ funktionelle Magnetresonanztomographie machen?) Je unähnlicher die Sprache, die wir tippen, unser Muttersprache ist, umso mehr Tippfehler machen wir. Die meisten Tippfehler erwarte ich bei einer künstlichen Sprache aus Kunstworten ohne jegliche Bedeutung mit einer zufälligen Anordnung von Buchstaben und ohne Grammatik.

Der Forschungsplan

Der Forschungsplan um die ersten fuenf Vermutungen zu pruefen könnte so aussehen: Jeder schnappt sich einen deutschen Text mit Tippfehlern, der von einem Muttersprachler bzw. einer Muttersprachlerin auf einer deutschen Tastatur getippt wurde, zählt die Anzahl der Buchstaben im Text, zählt wie häufig jeder Buchstabe im Text vorkommt. Ich denke je unterschiedlicher die Texte des Textkorpus sind, umso repräsentativer sind sie.

Dann schauen wir nach den Tippfehlern: Wir machen eine dreispaltige Tabelle. In die erste Spalte schreiben wir den Buchstaben der anstelle des falsch getippten dort stehen müsste, in die zweite Spalte schreiben wir daneben den Buchstaben der tatsächlich dort steht. In der dritten Spalte schreiben wir JA (Y) oder NEIN (N) je nachdem ob der Buchstabe in der zweiten Spalte ein Nachbar erster Ordnung des Buchstaben in der ersten Spalte ist. Dann zählen und vergleichen wir die Zeilen, die in der ersten Spalte den gleichen Buchstaben haben miteinander. Die Rohdaten stellen wir online und veröffentlichen die Ergebnisse dieser Studie dann in einem Blog.

JA die Sache ist durchgeknallt denoch gibt sie einen Einblick in die wissenschaftliche Arbeitsweise. Also mitmachen und lernen!

Bildnachweis

Abb.: Eine deutsche Computertastatur

Titel: Foto einer deutschen wireless Mac Tastatur (geringfügig bearbeitet mit GIMP)

Datum: 26. März 2010

Urheber: DiethartK

Quelle: Wikipedia

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

18 Kommentare

  1. Rund um das ‘y’ sind auch das Caret, die Alt-Taste und die Windows-Taste bzw die CMD/Apple-Taste. Damit ziehen ‘y’ und ‘h’ gleich.

    Ich bin recht sicher, dass außerdem die Art des Tippens – Adler-such-System, 10-Finger-Blind, alles dazwischen – eine Rolle spielt, sowie Größe der Tasten, Abstand zueinander und Härte des Anschlags. Ach ja, und Hub und Tastenwiderstand/-definition.

  2. hmmm

    Schade, kann leider nicht mitmachen (und ich lasse etwaige Tippfehler in diesem Text einfach mal stehen).

    1. Ich schreibe aucf einer US-Tastatur – Umlaute schreibe ich mit der Caps Lock Taste, am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber endlich mal eine nützliche Funktion für diese Taste.
    2. Viele meiner Fehler sind Buchstabendreher, weil meine FMeinmotorok (:)) ab und an daneben ist – vor allem nach 30 Minuten Rad fahren durch die morgendliche Kälte.
    3. Wie werden Tippsysteme kategorisiert? Ich würde zumindest die typische Tippgeschwindigkeit der Person noch messen lassen, damit man da evtl. Korrelationen suchen/finden kann.
    4. Was ist mit “hängendne” Tasten, also bspw. HAllo, also wenn man Kombinationen nutzt?

  3. Schöne Idee!

    Aus eigener Erfahrung halte ich die Vermutungen zwei und drei für falsch. Ich vertippe mich zwar bei bestimmten Buchstaben häufiger als bei anderen (am meisten x/c), aber das liegt definitiv nicht an der Zahl der Nachbarn. Die Peripherie scheint mir auch deutlich mehr betroffen zu sein.

    Da dürften einige Überraschungen warten.

  4. Richtig, Carsten, den Dreher hatte ich vergessen, dabei ist er mein häufigster Vertippsler, speziell ‘ie’ zu ‘ei’, aber auch inige andeer. Und jetzt sehe ich noch verlorene Buchstaben [die Fehler im ersten Satz sind echt und bewusste nicht korrigiert]. Was mir und anderen Viel- und Schnellschreibern auch oft passiert: der zweite Buchstabe eines Substantivs wird auch groß, weil Caps-Taste nicht schnell genug losgelassen, bzw. Buchstabe zu schnell gedrückt [‘NAtrium’].

    Einer, der mir öfter passiert, sieht so aus: ‘unse rneues’. Die Leertaste wird einen Buchstaben zu früh angeschlagen, seltsamerweise meist bei Wörtern, die auf ‘r’ enden.

  5. Es könnte hilfreich sein, die “Nachbarn” nicht als starre Klasse sondern als kontinuierliche Variable zu definieren:
    – Über die Länge der gemeinsamen Kante beider Tasten (wg. der Verarbeitung dessen was als “Taste” interpretiert wird), und
    – Über den Abstand der Tastenmittelpunkte.

    In einem weiteren Schritt könnte das mit der Länge der betroffenen Finger in einer kleinen Versuchsreihe in Zusammenhang gebracht werden.

  6. 3. Vermutung

    …da vermute ich mal (wie auch schon anderswo erwähnt), dass die falsch ist, zumindest wenn ich von mir auf die Allgemeinheit schließe – außenliegende Buchstaben sind gefühlt häufiger falsch.
    Und bevor ich anfange, Tippfehler zu zählen, würde ich mich eher an die Arbeit machen und was programmieren, was mir diese Arbeit abnimmt… (-;

    Übrigens finde ich es interessant, dass ich (mit 10-Finger-System) beim Tippen oft merke, welchen Buchstaben ich gerade falsch geschrieben habe, ohne auf das Getippte zu schauen.

    Und noch eine Anmerkung, die evtl. in diese Richtung geht: ich meine mal ein “halbes Keyboard” gesehen zu haben, das man nur mit der linken/rechten Hand bedient hat. Mit der anderen Hand hat man (glaube ich mich zu erinnern) umgeschalten, auf welcher Seite man gerade tippt. Also, Beispiel, wenn es nur die linke Hand war, die tippt und man “Hallo” schreiben wollte, dann war die Tastenfolge sowas wie SEITE-UMSCHALTEN + G, a, SEITE-UMSCHALTEN + s, SEITE-UMSCHALTEN + s, SEITE-UMSCHALTEN + w. Klingt kompliziert, hat aber erstaunlich gut funktioniert, das Mapping der Tasten auf die “falsche” Hand.

  7. Unwissenschaftlich

    Die Schlussfolgerung der sechsten Vermutung ist unwissenschaftlich. Weniger Fehler ergeben sich daraus, dass wir das Tippen von Wörtern der Muttersprache dauernd üben – im Gegensatz dazu fehlt bei den fremden Wörtern diese Übung.

  8. Weitere Fragen

    Wie hoch ist der Mengenanteil zwischen 10-Finger-Blind und 1-Finger-Sehend?

    Sekretärinnen bevorzugen zumeist 10-Finger-Blind, aber bei Internetanwendern und Programmierern ist das vermutlich anders.

    Ich bevorzuge 1-Finger-Sehend, und verwende den linken Zeigefinger nur für die Umschalttaste.

    In der Schule versuchte man mir 10-Finger-Blind beizubringen, aber das hat man nicht geschafft.

    Nach 50 Jahren und einigen Megabyte an Zeichen funktioniert bei mir 1-Finger-Sehend sehr gut.

    —–

    Wie hoch ist der Mengenanteil zwischen Y-Achse-Umkehrern und Y-Achse-Nicht-Umkehrern bei Konsolenspielen?

    Nachdem die Defaulteinstellung der meisten Spiele Y-Achse-Nicht-Umkehren ist, sind Y-Achse-Nicht-Umkehrer vermutlich häufiger.

    Ich bin Y-Achse-Umkehrer, weil ich beim Hinaufschauen den Kopf nach hinten lege, und den Steuerstick ebenso umlegen will.

  9. @ stefanowitsch Forschungsliteratur

    Nur zwei der von Dir verlinkten wissenschaftlichen Artikel in Google Scholar und Google Books beschaeftigen sich tatsaechlich mit Tippfehlern (wenn das auch nicht das zentrale Thema beider Arbeiten ist) und beide nicht mit deren Entstehung. Die anderen Arbeiten enthalten nur “slips of the keyboard”. Vermutlich sind die meisten Arbeiten darueber nicht online auffindbar oder man muss mit anderen Keywords suchen.

  10. @ all konstruktive Kritik

    An alle Kommentatoren hier erstmal Danke fuer das Feedback. Es ist kein Thema was Herzklopfen verursacht – das ist mir klar, aber die Kommentare hier zeigen mir, wie ich dieses Projekt noch verbessern kann, da mich die Kommentatoren auf Dinge aufmerksam gemacht haben die ich noch nicht bedacht hatte:

    Getippte Texte (retrospektive Studie) sind nur die zweitbeste Loesung. Ich muss die Tipper selbst beim Tippen beobachten z.B. in einem Chat room

    Ich muss genaueres ueber die Art des Tippens erfahren: Linkshaender/Rechtshaender,Zehn-Finger-Blind-System, Ein-Finger-sehend von Taste zu Taste huepfend

    Die Geschwindigkeit des Tippens ist wichtig. (Anschlaege pro Minute)

  11. @ KRichard Semantik

    Uebung macht den Meister, aber ist bestimmt nur ein Faktor. Die Bedeutung eines Wortes oder den Inhalt eines Textes zu verstehen, eine Sprache die man tippt zu beherrschen hat mit Sicherheit auch Einfluss auf die Fehlerrate.

  12. Weniger Handarbeit erforderlich machen

    Hallo Joe,

    ich finde Deinen Ansatz ziemlich interessant und denke, dass sich mit dem Ergebnis sicherlich viel anstellen lässt.

    Meiner Meinung nach sind die Anforderungen an die Probanden relativ hoch. Und der Aufwand der Auswertung dürfte auch nicht zu vernachlässigen sein. Buchstabenzählen ist sicherlich so monoton, dass sich auch dabei Fehler einschleichen.

    Mein Vorschlag wäre:
    Lasse die undankbaren Aufgaben automatisiert ablaufen.

    Erzeuge eine Software mit der ein vorgegebener Text abzutippen ist und lass die Auswertung automatisiert erstellen. Vorteile sind meiner Meinung nach, dass Du nach einer zugegeben längeren Vorbereitungsphase mit höherem Aufwand hinterher eine deutlich breitere Datenbasis für die Auswertung bekommen solltest.

    Deine Probanden müssen dann “nur noch” den Text tippen.

    Viel Erfolg bei Deiner weiteren Arbeit.

  13. 10-Finger-Schreiber

    Ich bin 10-Finger-Blind-Schreiberin mit Sekretariatserfahrung und einer Ausbildung auf der Schreibmaschine (richtig, Schreibmaschine, ich bin etwas älter ;-)).

    Ich vertippe mich bei den peripheren Buchstaben definitiv häufiger als bei denen der mittleren Tastenreihe. Mehr bei den Buchstaben, die ich mit dem kleinen Finger anschlage als bei denen, die ich mit Zeige- und Mittelfinger anschlage.
    Die Buchstaben der Peripherie werden in der deutschen Sprache weniger verwendet, insbesondere die linke Seite QWYX sind “exotische” Laute, die wenig vorkommen. Dort muss ich meine Schreibgeschwindigkeit ein wenig reduzieren, um noch genau und korrekt zu schreiben.
    Die Buchstaben “e” und “r” dagegen führen bei mir kaum zu einem Tippfehler.

    Ich vermute deswegen, dass ein Buchstabe bei mir umso häufiger zu einem Tippfehler führt, wenn ich diesen Buchstaben wenig verwende. Ich beobachte bei mir beispielsweise, dass ich bestimmte Buchstabenabfolgen automatisch schreibe – ein “mu” ergänze ich ziemlich automatisch mit einem “t” zu “mut …”.

    Ist die Buchstabenfolge unerwartet, muss ich langsamer schreiben oder ich vertippe mich.

    Unbekannte Worte führen dann zu Tippfehlern, wenn die Bedeutung unbekannt ist. Einen Text, den ich nicht verstehe (z. B. in Polnisch), kann ich nur buchstabenweise imitieren und muss dabei meine Schreibgeschwindigkeit enorm reduzieren. Unbekannte Worte, die ich verstehe, schreibe ich in der Regel ohne Tippfehler, weil ich sie mit hoher Konzentration und Aufmerksamkeit schreibe.

    Wichtig sind noch die Buchstabendreher (ei statt ie oder ua statt au), die vergessenen Buchstaben, die verdoppelten Silben (vererdoppelt) die verdoppelten Worte, der falsche Wortschluss durch ein verfrühtes Leerzeichen und die doppelten Leerschritte. Letzteres ist sicherlich das Privileg der Schnellschreiber. Meine letzte Handlung vor Abgabe eines Manuskripts ist immer: suche nach zwei Leerschritten und ersetze sie durch einen 😉

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