Nach welchen Kriterien gruppieren Viertklässler Tiere?

Die meisten Erwachsenen zählen Spinnen, Tausendfüßer und Kellerasseln zu den Insekten: Schließlich sind sie klein, haben mehr als vier Beine und krabbeln. Wenn wir uns in Haus und Garten umschauen liegen wir mit den drei hier verwendeten Kriterien der Größe, Beinzahl und Fortbewegung meistens richtig – aber nicht in diesem Fall. Knapp daneben aber daneben.
Erwachsene haben gegenüber Grundschülern den Vorteil, dass sie durch den Biologieunterricht der weiterführenden Schulen ein bruchstückhaftes Wissen über die Kriterien der natürlichen Systematik haben. Grundschüler hingegen müssen sich ihre Kriterien selbst ausdenken und eine individuelle künstliche Systematik schaffen. Welche Kriterien sie für diese Systematik nutzen haben Kattmann et al. [1] bei Viertklässlern in Niedersachsen untersucht (N = 83, Jungen und Mädchen etwas zur Hälfte vertreten).

Der Fragebogen zum Einordnen der Tiere in Gruppen

Die Biologiedidaktiker erhoben die Schülervorstellungen mit einem Fragebogen, der aus drei Aufgaben bestand.

Aufgabe 1: Freies Bilden und Benennen von Tiergruppen

Es sind 25 Tiernamen vorgegeben. Es werden keine Artnamen, sondern umgangssprachliche Tiernamen verwendet. Voruntersuchungen zeigten, dass die ausgewählten Tiere auch bei den Schülern sehr bekannt sind. Die Tiere sind in Gruppen zu ordnen, für die gebildeten Gruppen sollen die Schüler treffende Namen finden. Um die Schüler nicht zum Einordnen einzelner Tiere zu zwingen, ist auch die Kategorie „Einzelgänger“ vorgesehen. Der Fragebogen ist nicht durch Tierbilder illustriert, damit zufällige Ähnlichkeiten die Ergebnisse nicht beeinflussen.

Aufgabe 2: Aussondern aus einer Tiergruppe

Aus einer vorgegebenen Gruppe von 5 Tieren ist eines auszusondern, das nach Meinung des Schülers nicht zur Gruppe dazugehört. Zusätzlich muss der Schüler die Wahl des nicht zugehörigen Tieres begründen. Die Tiergruppen sind so zusammengestellt, dass die Schüler jeweils ein taxonomisch nicht passendes Tier aussondern können. Außerdem ist jeweils ein taxonomisch zugehöriges Tier enthalten, das in Größe, Fortbewegung oder Lebensraum von den anderen abweicht.

Aufgabe 3: Zuordnen zu einer Tiergruppe

Zu einer Gruppe von drei bis vier Tieren soll eins von zwei Tieren zugeordnet werden. Wiederum müssen die Schüler die Zuordnung begründen.

Abbildung 1: Beispiele für die drei Aufgaben des Fragebogens
Abbildung 1: Beispiele für die drei Aufgaben des Fragebogens

 

Ergebnisse der Aufgabe 1: Die von den Schülern verwendeten Kriterien zur Einordnung der Tiere in Gruppen

Die ausgewählten Kriterien lassen sich anhand der Gruppennamen und der ausgewählten Tiere folgendermaßen zusammenfassen:

Lebensraum (Wasser-, Meeres-, Seetiere; Land-, Luft-, Wald-, Wüsten-, Steppentiere)
Beziehung zum Menschen (Haustiere, Heimtiere, Bauernhoftiere, wilde Tiere)
Fortbewegung (fliegende Tiere, kriechende Tiere, krabbelnde, laufende, schwimmende, hüpfende Tiere)
Körperbau (Zweibeiner, Vierbeiner, auch Nullbeiner, Flügeltiere, Felltiere, weiche Tiere, Weichtiere)
Größe (große Tiere, kleine Tiere)
Ernährung (Fleisch-, Pflanzenfresser)
Fortpflanzung (Eierleger, lebendgebärende Tiere)
Taxonomie (Insekten, Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien, Amphibien, Wirbeltiere, Wirbellose, Nagetiere)
Sonstiges (gefährliche, schöne, eklige, glitschige, exotische Tiere)

Die Schüler verwenden durchschnittlich etwa drei der aufgelisteten Kriterien nebeneinander.

Die Schüler benutzten das Kriterium Lebensraum am häufigsten: 86.7 % der SchülerInnen bilden die Gruppe „Wassertiere“ (einschließlich Meeres- und Seetiere) aber nur 15.7 % die Gruppe „Landtiere“.

69.9 % bildeten die Gruppe „fliegende Tiere“ und 48.2 % die Gruppe „kriechende (oder krabbelnde)” Tiere. 10.8 % bildeten die Gruppe „schnelle und langsame Tiere“. Das zeigt die große Bedeutung des Kriteriums Fortbewegung.

Ebenfalls eine große Rolle spielt der Körperbau, wobei die Anzahl der Beine als hauptsächliches Kriterium dient. 65.1 % benutzten dieses Kriterium. Beine haben auch einen Bezug zum Kriterium Fortbewegung.

Von den taxonomischen Gruppen bildeten die Schüler am häufigsten die Insekten (27.7 %). Allerdings umfasst die so benannte Gruppe in der Regel auch Krebs, Spinne und weitere Wirbellose. Alle anderen taxonomischen Gruppen wurden mit weniger als 5 % zu Gruppenbildung herangezogen: Vögel 4.8 %, Säugetiere 1.2 %, Reptilien 1.2 %. Die Schüler bilden auch Gruppen, denen sie zwar taxonomische Namen geben, die aber nach nicht-taxonomischen Kriterien gebildet sind. Es handelt sich um die Gruppen der „Kriechtiere“ und der „Weichtiere“, die an dem Kriterium „Kriechen“ bzw. „weicher Körper“ orientiert sind.
16.9 % bildeten die Gruppe „Haustiere“ und „Heimtiere“. Hier wurde das Kriterium des Lebensraums mit der Beziehung zum Menschen vereint.

Abbildung 2: Häufigkeit der von Schülern der 4. Klasse gebildeten Tiergruppen
Abbildung 2: Häufigkeit der von Schülern der 4. Klasse gebildeten Tiergruppen

 

Ergebnisse der Aufgaben 2 und 3: Aussondern und Zuordnen von Tieren

Zu 63–97 % (Mittel 83 %) haben die Schüler das Tier ausgesondert das entweder taxonomisch nicht passt oder das zwar taxonomisch passt aber in Größe, Fortbewegung oder Lebensraum von den anderen abweicht. Die Schüler begründen, dass Aussondern des taxonomisch nicht passend Tiers häufig mit nicht-taxonomischen Kriterien. Die Didaktiker erwarteten dies, da die Schüler die taxonomischen Kriterien kaum kennen. Auswahl und Begründung sind also inkonsistent. Damit ist nicht gemeint, dass die gegebene Begründung (im biologischen Sinne) falsch ist, sondern dass die taxonomische Aussonderung in diesen Fällen mit einem anderen Kriterium (z. B. Fortbewegung) begründet wird.

Ein Beispiel: In der folgenden Aufgabe sind jeweils 5 Tiere genannt. Nur vier davon gehören zusammen. Welches Tier gehört nicht zu der Gruppe?

Pferd, Kaninchen, Schwein, Huhn, Kamel.

Das Huhn wird ausgesondert (Taxonomische Aussonderung).

Taxonomische Begründung (konsistent): Das Huhn ist ein Vogel. Die anderen Tiere gehören zur Klasse der Säugetiere.
Nicht-taxonomische Begründung (inkonsistent): Das Huhn hat zwei Beine.

Noch stärker als beim Aussondern orientieren sich die Schüler beim Zuordnen an nicht-taxonomischen Kriterien. Die Kriterien Lebensraum und Fortbewegungsweise werden am häufigsten benutzt.

Viertklässler ordnen Tiere hauptsächlich aufgrund des Lebensraums und der Fortbewegung. Das Ordnen erfolgt nicht typologisch, also weder nach einem Set übereinstimmender Merkmale, noch nach äußeren Ähnlichkeiten oder Prototypen.

Wir wissen jetzt wo wir die Schüler beim Eintritt in die weiterführenden Schulen abholen können. Doch wohin sollen wir sie in den folgenden Schuljahren führen? Werfen wir einen Blick in das Kerncurriculum des Niedersächsischen Kultusministerium für Naturwissenschaften für die Schuljahrgänge 5 -10 der Realschule.

Erwartete Kompetenzen in der tierischen Systematik am Beispiel der Realschule in Niedersachsen

Das Kerncurriculum fordert am Ende des 6. Schuljahrs im Fach Biologie zu den beiden Verfahren der Erkenntnisgewinnung „Beobachten“ und „Vergleichen und Analysieren“ folgendes:

Verfahren „Beobachten“

Die Schülerinnen und Schüler …
• beobachten Naturobjekte nach wenigen ausgewählten Kriterien.
• beschreiben Gestaltmerkmale und Verhaltensweisen von Lebewesen.

Verfahren „Vergleichen und Analysieren“

Die Schülerinnen und Schüler …
• vergleichen Lebewesen mit Abbildungen.
• entwickeln eigene Ordnungssysteme und kennen wissenschaftliche Ordnungssysteme in Ansätzen.

Am Ende der 10. Klasse fordert es:

Die Schülerinnen und Schüler …
• vergleichen Baupläne, Entwicklungsabläufe und Lebensweisen im Hinblick auf die stammesgeschichtliche Entwicklung und umweltabhängige Anpassung.

Anwendung der Forschungsergebnisse im Systematikunterricht

Wie kann man die Orientierung der Schüler an Lebensräumen und Fortbewegung sinnvoll für den Unterricht der biologischen Taxonomie nutzen? Ulrich Kattmann und seine Mitstreiter haben sich dazu Gedanken gemacht und schlagen für den Systematikunterricht vor sich an der Evolutionsökologie zu orientieren [2, 3]. Deshalb werden z. B. die Wirbeltiergruppen nicht primär anhand körperlicher Merkmale besprochen, sondern aufgrund ihrer Geschichte, d. h. der Besiedlung des Landes vom Wasser her. Die Schüler sollen die Gruppen mit diesem Vorgehen als Abstammungsgemeinschaften begreifen. Äußere Merkmale sind nur Hilfskriterien bei der Rekonstruktion der stammesgeschichtlichen Verwandtschaft. Hier muss man natürlich bei Homologie und Analogie aufpassen.

Eine Möglichkeit besteht darin, dass der Lehrer mit den Fischen beginnt, die (immer noch) im Wasser leben. Das hat folgende Vorteile: Fische sind den Schülern als Nahrungsmittel bekannt und mancher Schüler hält zuhause Fische im Aquarium. Viele Schüler haben bereits das Innere eines Fisches gesehen, weil sie beobachtet haben wie ein Fisch in der Küche zubereitet wurde. Nachteil (aus der Sicht des Evolutionsbiologen): Die Klasse der Fische beschreibt keine in sich geschlossene Klasse (paraphyletisch), wie es bei den Säugetieren, Vögeln, Amphibien oder Reptilien der Fall ist (monophyletisch), sondern fasst eine Gruppe von morphologisch ähnlichen Tieren zusammen. Der Lehrer sollte klar machen, wie sich Schwimmen beim Menschen und Schwimmen bei Fischen unterscheiden. Danach könnte der Lehrer die Amphibien (z. B. Frosch) und Reptilien (z. B. Eidechse oder Dinosaurier) besprechen. Die Frage ist natürlich was man den Schülern vor der 10. Klasse zumuten kann: es besteht die Gefahr die Schüler zu überfordern. Interessant wäre es die Schüler im Vorfeld zu fragen seit wann es bestimmte Tiere (inklusive des Menschen) auf der Erde gibt. Ich bin gespannt auf die Antworten.

Im zweiten Schöpfungsbericht (Gen 2, 19-20) brachte Gott alle Lebewesen zum ersten Menschen und befahl ihm, ihnen einen Namen zu geben. Die Namensgebung war in alter Zeit ein Ausdruck dafür, die Dinge und Lebewesen zu beherrschen.

Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.

Genesis 2:19-20

Nach der christlich/jüdischen Schöpfungslehre, die zuhause, im Religionsunterricht und sehr viel früher als die Evolutionstheorie vermittelt wird, schuf Gott den Mensch und die Tiere innerhalb einer Woche. Mensch und Tiere sind daher ungefähr gleich alt.

Abbildung 3: Meister Bertram: Grabower Altar (1375–1383), Szene: Die Erschaffung der Tiere Auf der Tafel, die sich der Schöpfung der Tiere widmet, gibt Meister Bertram einen Überblick über die Fülle der Tierwelt, in einer Zeit, als der Mensch noch nicht auf Erden wandelt. Im Zentrum des auf Goldgrund gemalten Bildes waltet der Schöpfergott in Gestalt Jesu. Auf der linken Seite des Bildes befinden sich die Tiere des Landes, rechts unten die des Wassers und oben die Vögel.
Abbildung 3: Meister Bertram: Grabower Altar (1375–1383), Szene: Die Erschaffung der Tiere
Auf der Tafel, die sich der Schöpfung der Tiere widmet, gibt Meister Bertram einen Überblick über die Fülle der Tierwelt, in einer Zeit, als der Mensch noch nicht auf Erden wandelt. Im Zentrum des auf Goldgrund gemalten Bildes waltet der Schöpfergott in Gestalt Jesu. Auf der linken Seite des Bildes befinden sich die Tiere des Landes, rechts unten die des Wassers und oben die Vögel.

Wenn die Schüler dann im Biologieunterricht lernen, dass es Amphibien seit ungefähr 400 Millionen Jahren gibt und den modernen Menschen (homo sapiens sapiens) erst seit ungefähr 200 000 Jahren, ist Verwirrung vorprogrammiert. Der Mensch war also nicht von Anfang da, sondern ist erst relativ spät aufgetaucht. Da müssen sich sowohl Religionslehrer als auch Biologielehrer auf Nachfragen gefasst machen und wissen wie man damit umgeht. Das Lehrerkollegium muss sich dieser großen pädagogischen Herausforderung (Stichwort Kognitive Dissonanz) gemeinsam stellen – das ist bestimmt nicht einfach und erfordert Fingerspitzengefühl.

Der Lehrer sollte die Systematik der Tiere stammesgeschichtlich (phylogenetisch) aufbauen. Ähnlichkeit wird nicht als mit einer Schöpfung gegeben vorausgesetzt oder als nicht zu hinterfragendes Basis der Systematik akzeptiert, sondern sie muss durch Evolution gedeutet und erklärt werden. Warum dieses Konzept sehr wichtig ist möchte ich an einem Beispiel von Martin Jurgowiak & Jörg Zabel zeigen [4]: In einem Praktikum führten Lehramtsstudierende verschiedene Verhaltensexperimente mit wirbellosen Tieren, unter anderem der Kellerassel, durch. Am Ende der Versuche folgte ein Gespräch mit dem Praktikumsleiter:

Lehramtstudierende: „Das Ergebnis unserer Versuche lautet: Die Kellerassel sucht stets Feuchtigkeit.“
Praktikumsleiter: „Und warum zeigt sie dieses Verhalten?“
Lehramtstudierende: „Kellerasseln sind Kiemenatmer! Ohne Feuchtigkeit können sie nicht atmen.“
Praktikumsleiter: „Aber warum haben sie Kiemen, die sie feucht halten müssen?“
Lehramtstudierende: „Weil sie sonst nicht atmen könnten. Hätten sie Lungen, bräuchten sie die Feuchtigkeit nicht, aber sie haben Kiemen und können Sauerstoff nur aus dem Wasser aufnehmen.“

Bei der zweiten Frage zeigt sich, dass manchmal auch zukünftige Biologielehrer teleologisch im Sinne Lamarcks argumentieren und das Verhalten als zielgerichtetes adaptives Handeln missverstehen. Was machen dann erst die Schüler? Das liegt auch daran, dass der Praktikumsleiter bzgl. der Kiemen „Warum?“ (aktual-kausal) fragt und nicht „Wie kam es dazu?“ (historisch-kausal).

Theodosius Dobzhansky hatte recht: „Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Licht der Evolution!“

Dieses Zitat ist auch der Titel eines Essays Dobzhanskys, das sich an Biologielehrer richtet. Dort betont er, dass Evolution und Gottesglauben vereinbar seien – und bekennt sich zu seinem christlichen Glauben. Wer mehr zu den Hintergründen dieses Zitats wissen will, dem empfehle ich die Blogposts des Religionswissenschaftlers Michael Blume und des Evolutionsbiologen Nils Cordes zu lesen.

Weiterführende Literatur

[1] Kattmann, Ulrich ; Schmitt, Annette. (1996). Elementares Ordnen: Wie Schüler Tiere klassifizieren. Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, 2 (1996), 2, 21-38.

[2] Baumann, B., Harwardt, M., Schoppe, S., & Kattmann, U. (1996). Vom Wasser aufs Land – und zurück. Unterrichtsmodell für die Orientierungsstufe und die Sekundarstufe I. Unterricht Biologie, 20 (218), 20 -25.

[3] Kattmann, U. (1995): Konzeption eines naturgeschichtlichen Biologieunterrichts: Wie Evolution Sinn macht. Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, 1 (1), S. 29-42.

[4] Jurgowiak, M. & Zabel, J.: Struktur und Funktion. Ein Konzept, das alles erfasst und nichts erklärt? Poster, 14. Frühjahrsschule der FDdB im VBIO, Bremen, 2012.

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

17 Kommentare

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  2. Die “Taxonomische Begründung” warum das Huhn nicht zu den anderen vier Tieren gehört (“Das Huhn ist ein Vogel. Die anderen Tiere gehören zur Klasse der Säugetiere.”) klingt aber sehr tautologisch. Würde eine bessere Begründung nicht auch die Gründe enthalten, warum das Huhn ein Vogel ist und die anderen Säugetiere sind? Und dabei spielt möglicherweise neben der Art der Fortpflanzung und vielem mehr auch die Zahl der Beine und Flügel eine Rolle.

  3. “Die Schülerinnen und Schüler … entwickeln eigene Ordnungssysteme und kennen wissenschaftliche Ordnungssysteme in Ansätzen.”

    Man vergleiche die Schwächen der Ordnungssysteme der Schüler – und auch der gängigen biologischen Taxonomie – mit einem solchen System, das angeblich aus einer Zeit stammt, in der Biologie noch nicht zum Lehrstoff gehörte:

    “Diese Zweideutigkeiten, Überlagerungen und Mängel erinnern an jene, die Franz Kühn einer gewissen chinesischen Enzyklopädie nachsagt, die sich betitelt: Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse. Auf ihren uralten Bildern steht geschrieben, dass die Tiere sich wie folgt unterteilen: a) dem Kaiser gehörige, b) einbalsamierte, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) streunende Hunde, h) in diese Aufteilung aufgenommene, i) die sich wie toll gebärden, j) unzählbare, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.”

    (Zitat aus dem Essay “Die analytische Sprache von John Wilkins” von Jorge Louis Borges)

    Als Motivation für den Unterricht könnte das Schema doch taugen, oder?

  4. Die meisten Viertklässler sind bereits mit Dinosaurieren und ihrer Artenvielfallt vertraut. Sie wissen (im allgemeinen), dass es schwimmende, fliegende, fleisch- und pflanzenfressende Dinosaurier gab. Ewas das fliegt, muss also kein Vogel sein, es kann ein Dinosaurier sein. Das gleiche gilt für das Schwimmen. Sogar für einen Viertklässler ist es naheliegend, dass die Dinosaurier trotz ihrer Formenvielfalt mehr miteinander zu tun haben als etwas mit einem Wolf oder einem Affen.
    Schüler die Dinosaurier kennen wissen auch, dass diese inzwischen ausgestorben sind. Sie sind also über ihr Dinosaurierwissen bereits mit dem Konzept der Entwicklungsgemeinschaft und der Artverwandtschaft vertraut. Der Biologie-/Evolutionsunterricht in der Schule könnte also durchaus mit den Dinosauriern beginnen und beispielweise ihre Entwicklungslinien vorstellen. Nimmt man noch die Flora der Dinosaurierzeit dazu, wird den Schülern schnell klar, dass die Welt nicht immer gleich ausgesehen hat und ein Wald von heute mit den Wäldern vor 65 Millionen Jahren wenig zu tun hat.

    Oft ist schon bei Kindern viel mehr Vorwissen vorhanden als man so denkt – z.B. eben über die Dinosaurier. Auf diesem Vorwissen könnte man aufbauen und dabei zeigen was real ist an der Zauberwelt in der die Dinosaurier gehaust haben.

    • Schon Drittklässler können sich ernsthaft mit der Welt der Dinosaurier auseinandersetzen wie der Beitrag Iguanodon – wie wir uns das Aussehen dieses Dinosauriers vorstellen zeigt. Hier kann man die Schüler abholen, wie folgender Ausschnitt zeigt:

      In vielen Kinderzimmern finden sich zahlreiche Dinosaurier-Modelle, und manche Kinder sind wahre Experten im Thema Dinosaurier. Sie kennen diverse Arten mit Namen und wissen, ob diese Vegetarier oder Fleischfresser waren, wie schnell sie rennen und ob sie sogar fliegen konnten. Klares Indiz für dieses Interesse sind die zahlreichen Internetseiten von und für Kinder ab dem 3. Schuljahr. Wie sollen wir uns vorstellen, was noch nie jemand gesehen hat? «Wird das Thema ‹Dinosaurier› im Unterricht behandelt, z. B. mit den Klassenmaterialien zu ‹RaumZeit – Iguanodon› etc., sind Schülerinnen und Schüler immer wieder erstaunt zu vernehmen, dass kein Mensch je einen lebenden Dinosaurier gesehen hat», berichtet die Primarlehrerin Renate Jaggi aus Biel von ihren Unterrichtserfahrungen.

    • Ich bin auch dafür Dinosaurier im Unterricht der Wirbeltiere zu besprechen aber nicht als erstes, weil die Dinosaurier sich in der Mitte befinden. Sie kamen vor den Säugetieren und Vögeln aber folgten nach den Fischen und Amphibien. Nachdem Du die Dinosaurier besprochen hast, wo soll es dann hingehen? Gehst Du zu den Säugetieren und Vögeln und lässt die Fische und Amphibien aus oder gehst Du rückwärts in der Stammesgeschichte (vom Land ins Wasser) zu den Fischen und Amphibien und lässt die Säugetiere und Vögel aus?

  5. Übrigens: Nicht nur beim Forschen sondern auch beim Lernen und Lehren ist es oft wichtiger die richtigen Fragen zu stellen als die richtigen Antworten zu geben.
    “Falsche” Fragen verleiten zu falschen Antworten wie das obige Beispiel mit der Atmung der Kellerasseln zeigt.

    Am Anfang müsste man also die Fragen hinterfragen!

  6. Wenn Erwachsene das Denken von Kindern untersuchen oder meinen zu verstehen – so wie im obigen Beitrag gemacht -, dann untersuchen sie nicht selten ihr eigenes Denken, wobei sie sich in ihre Kindheit “zurückversetzen” – eine Zeit an die sie sich gar nicht mehr erinnern können, die sie aber irgendwie rekonstruieren. Meist schaffen sie damit eine Zwitterwelt zwischen Kindheit und Erwachsensein. Dies ist ein schon recht altes Phänomen. Was Kinder lesen – Kinderbücher – ist von Erwachsenen für Kinder geschrieben – wie die Kinderbuchautoren behaupten. Doch meist ist es wohl für das Kind im Erwachsenen geschrieben und für die Eltern, die die Kinderbücher vorlesene. Wer untersucht wie Kinder “natürlicherweise” Tiere in taxonomische Gruppen einteilt, der untersucht meist wie das er selbst tun würde, wenn er sein Erwachsenenwissen nicht hätte.
    Die oben beschriebene Untersuchung an Kindern, die zu untersuchen vorgibt, wie Kinder Tiere “natürlicherweise” in Gruppen einteilen ist in Wirklichkeit durch die Auswahl der Fragen und Sachbereiche (beispielsweise der Tiere, die den Kindern gezeigt werden) hochgradig suggestiv. Indem sie bestimmte Fragen stellt gbit sie auch Antworten vor, die von den Forschern, wenn sie sich in sich als Kind hineindenken, schon erwarten. Aus diesen Gründen finde ich es hochproblematisch Unterrichtseinheiten und das didaktische Vorgehen auf solche sich wissenschaftlich gebenden Untersuchungen aufzubauen.
    Viel besser wäre ein viel offeneres Vorgehen um die Bedürfnisse und das Denken von Kindern zu untersuchen. Man sollte Kindern keine Erwachsenenfragen stellen, sondern sie beispielsweise in ihrem Alltag beobachten und dabei Fragen stellen wie: Welche Spiele sind beliebt bei kleinen Jungen und Mädchen und warum sind sie beliebt?. Mit wem verbringen Kinder ihre Zeit, was interessiert sie und in welchem Ausmass? Gibt es unterschiedliche Hobbies und Interessen und wie stark verbreitet sind diese Hobbies? Wo holen Kinder ihr Wissen? Bei den Eltern, ihren Kameraden, im Fernsehen oder in Kinderbüchern?

    Das Kind muss als Kind noch entdeckt werden. Das Kind als kleiner Erwachsener muss dagegen nicht mehr entdeckt werden. Dieses Bild von Kindern ist nämlich uralt.

    • Bei der vorgestellten Untersuchung geht es um Schüler der 4. Klasse, die neun oder zehn Jahre alt sind. Diese Schüler bekommen Wissen und eine bestimmte Art zu denken von einem Erwachsenen vermittelt, der dafür ausgebildet wurde (Lehrer) und die Eltern und der Staat möchten, dass er das Wissen und Denken der Kinder in einem bestimmten Sinne beeinflusst. Lehrer und Eltern müssen sich um ein Kind Wissen zu vermitteln in ein Kind hineindenken (ToM). Kannst Du je ein Beispiel für eine Erwachsenenfrage und Suggestivfrage aus der vorgestellten Untersuchung bringen?
      Die methodischen Probleme mit Fragebögen und Selbstauskünften sind hinlänglich bekannt und lassen sich nur teilweise durch ein besseres Studiendesign aus der Welt schaffen, bloß das von Dir vorgeschlagene Studiendesign leistest nichts zu Beantwortung der Fragestellung. Erstens schreibst Du von kleinen Jungen und Mädchen (Kleinkinder, Alter unter 6 Jahre), die noch nicht in der Schule sind. Das ist also schon mal die falsche Zielgruppe. Zweitens schreibst Du von Spielen, Hobbies, Interessen, Fernsehen, Kinderbüchern. Die Studie fragt aber nach dem Gruppieren von Tieren. Ich finde es hochproblematisch Unterrichtseinheiten und das didaktische Vorgehen auf dein Studiendesign aufzubauen.

      • Mag sein, dass ich von der falschen Altersgruppe ausgegangen bin.
        Doch das obige Studiendesign scheint mir auch so eine sehr schlechte Wegleitung zu sein, wenn es darum geht wie man Viertklässern die Taxonomie und Evolution beibringen soll.

        Warum denn soll man bei den taxonomischen Vorstellungen starten, die eventuell bei diesen Schülern schon vorhanden sind? Kinder und auch Schüler sind sehr offen für Neues. Ganz anders als Erwachsene, bei denen man in der Tat am besten beim bereits bestehenden Wissen anknüpft, weil etwas völlig neues sie überfordert.

        Ein anderer Ansatz wäre es den Wissenserwerb hier bei der Evolution und Taxonomie als Prozess zu sehen in dem die Schüler in eine neue Welt eingeführt werden und nicht als eine Lerneinheit, die bestehendes Wissen korrigiert oder/und ausbaut.

        Das Suggestive an den obigen Tieren scheint mir die Beschränkung auf Tiere, die den Kindern aus ihrer Umgebung bekannt sind und der Verzicht auf jegliche Bilder. Man könnte den Schülern auch Bilder von fremden Umgebungen mit fremden Tieren vorsetzen und sie dann nach der Kategorisierung fragen. Allerdings ist der Ansatz wohl grundsätzlich falsch. Aus dem Aussehen der Tiere kann man nicht ohne weiteres auf ihre entwicklungsgeschichtliche Verwandtschaft schliessen. Deshalb sollte man gar nicht damit anfangen. Ja bei Erwachsenen muss man falsche Vorstellungen korrigiren, weil sich diese falschen Vorstellungen tief ins Gehirn eingefressen haben. Bei KIndern ist das viel weniger nötig, weil sie noch offener für Neues sind.

  7. Joe Dramiga schrieb (11. Juni 2015):
    > Aufgabe 1: Freies Bilden und Benennen von Tiergruppen
    > […] Abbildung 2: Häufigkeit

    Mit welcher Häufigkeit wurde eigentlich die Gruppierung „Ernährung (Fleisch-, Pflanzenfresser)“ benannt bzw. benutzt ?

    Und mich wundert etwas, dass Kategorisierungen nach
    – Schlafenszeit (tagaktiv, nachtaktiv) und/oder
    – Schlafverhältnissen (Nest, Höhle, unspezifisch)
    offenbar nicht ausdrücklich auftraten.

  8. Zufällig traf ich auf diese Seite, die meine Untersuchung zutreffend referiert. Vielen Dank dafür.
    Wenn Herr Holzherr meint, due Untersuchung sei suggestiv und gebe such nur wissenschaftlich, so hat er offensichtlich nicht verstanden, wie frei die Befragten (auch höherer Klassenstufen antworten konnten. Die Ergebnisse war n keineswegs erwartet, sindern für Lehreir/-innen und Biologiedidaktiker überraschend. Die Untersuchung fragt ja gerade nicht nach systematischen Kategorien, die dem Biologen vertraut sind, sondern nach den eigenen Kategorien der Kinder. Was daran suggestiv sein soll, bleibt das Gemeint mnis von Herrn Martin Holzherr.
    Nochmals vielen Dank an Herrn Joe Dramiga.

  9. Hallo, vielen Dank für diesen unterhaltsamen und erkenntnisreichen Blog! (Ich bin nur über eine Sache gestolpert und möchte deshalb ganz kurz folgendes anmerken: Reptilien sind ebenfalls eine paraphyletische Gruppe, da aus Ihnen die Säuger und Vögel entspringen.) Viele Grüße, Papaya

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