Mit Endspieldatenbanken der Wahrheit auf der Spur

Ob es um die Torlinientechnik im Fußball oder die Hilfe von Computern bei mathematischen Beweisen geht: Expertensysteme haben in verschiedene Bereiche, in denen Menschen Entscheidungen treffen, wie Tor oder nicht Tor, wahr oder falsch, Einzug gehalten, so auch im Schach und dort im Endspiel, der Schlussphase der Partie, in der nur noch sehr wenige Steine auf dem Brett sind.

In der 5. Partie der aktuellen Schach-WM spielten Anand und Carlsen eine “Seeschlange” von 122 Zügen. Carlsen versuchte vergeblich das Endspiel König, Turm und Springer gegen König und Turm zu gewinnen, eine Konstellation die normalerweise Remis ist, die die schwächere Seite aber verlieren kann, wenn sie sich falsch verteidigt1, so geschehen in der Partie zwischen dem damaligen Weltranglistenersten der Männer, Garry Kasparov und der damaligen Weltranglistenersten der Frauen, Judit Polgar, in Dos Hermanas 1996. Seitdem versuchen, manchmal, auch andere Großmeister dieses Endspiel zu gewinnen, erst recht bei einer Weltmeisterschaft.

Doch wie lange sollen solche Gewinnversuche dauern?

Kann die stärkere Seite bis zum St. Nimmerleinstag spielen? Nein. Irgendwann muss Schluss sein.

Wenn ich die neuen FIDE-Regeln, die am 1. Juli diesen Jahres in Kraft getreten sind, richtig verstanden habe, hat man bei der Konstellation Turm und Springer gegen Turm dazu jetzt maximal 75 Züge Zeit, vorausgesetzt, dass die schwächere Seite, wenn Sie am Zug ist, vorher nicht durch die 50-Züge-Regel oder 3-malige Stellungswiederholung ein Remis reklamiert. (Entsteht 5-mal direkt hintereinander dieselbe Stellung, so ist die Partie ebenfalls Remis.)

Nach 75 Zügen ohne Bauernzug oder Schlagzug ist die Partie jedenfalls remis, ein etwaiges Matt im letzten Zug hat aber Vorrang.

Das liegt daran, dass im Endspiel eine Schachstellung nur irreversibel verändert werden kann, wenn
•    ein Bauer vorzieht,
•    ein Stein geschlagen wird,
•    oder nach dem Doppelzug eines Bauern ein Schlagen en passant möglich ist.

Mit welcher Materialverteilung kann man im Endspiel gewinnen?

Schauen wir uns einige der einfachsten Beispiele an: König und Figur(en) gegen König

Kategorie 1

König und Springer gegen König, König und Läufer gegen König: In diesen Endspielen kann die stärkere Seite den König nicht matt setzen, also nicht gewinnen. Die Partie ist remis.

Kategorie 2

König und Turm gegen König, König und Dame gegen König, König und 2 Läufer gegen König, König, Springer und Läufer gegen König: In diesen Endspielen lässt sich das Matt erzwingen. Die Partie ist gewonnen.

Kategorie 3

König und zwei Springer gegen König: Das Matt mit zwei Springern ist zwar technisch möglich, aber nur bei fehlerhaften Zügen des alleinstehenden Königs. Das Matt lässt sich also nicht erzwingen. Die Partie ist Remis

Allgemein strebt die schwächere Seite ein Endspiel der Kategorie 1 oder 3, die stärkere ein Endspiel der Kategorie 2 an. Der Weg dorthin ist in der Praxis jedoch mit vielen Stolpersteinen gepflastert.

Viel interessanter als Carlsens Versuch Blut aus einem Stein zu pressen, war daher die folgende Stellung aus der Partie Eric Hansen (Weiß, Kanada) gegen John Paul Gomez (Schwarz, Philippinen) in der letzten Runde der diesjährigen Schacholympiade in Tromsø, Norwegen.

2Springer

 Hansen – Gomez, Schacholympiade Tromsø 2014, Weiß gewinnt

Schachcomputer mit Endspieldatenbanken haben berechnet, dass in der Diagrammstellung bei beiderseits bestem Spiel Weiß in  92 Zügen gewinnt. Interessant wäre hier natürlich auch die Mindestzugzahl zum Gewinn gewesen, wenn die stärkere Seite immer die besten Züge macht und die schwächere Seite die schlechtesten.

Diese Stellung lässt sich also bei den derzeit gültigen Schachregeln sehr wahrscheinlich nicht gewinnen.

Die Stellung ist zwar theoretisch gewonnen aber in der Praxis werden nur sehr starke Großmeister (mit einer Elozahl über 2700) und Schachcomputer dieses Endspiel gewinnen können. Selbst wenn ein Hobbyspieler den allgemeinen Plan kennt, ist die detaillierte Umsetzung dieses Planes sehr sehr schwierig.

Das von Alexei Troizki umfassend dargelegte Gewinnverfahren sieht vor, dass ein Springer den Bauern durch Blockade am Vordringen hindert. Der andere Springer treibt zusammen mit dem König den gegnerischen König in eine Ecke. Danach wird der Blockadespringer zum Mattsetzen herangeführt. Dabei kann man dem König alle Zugmöglichkeiten nehmen, weil Schwarz mit dem Bauern wieder ziehen kann.

Weiß hat in der Diagrammstellung Glück, dass dieser Bauer noch nicht zu weit vorgerückt ist. Ist der Bauer bereits weit genug vorgerückt, so kann er durch seine Umwandlungsdrohung das drohende Matt verhindern. Im höheren Sinne ist der Bauer unverletzlich, weil durch das Schlagen dieses Bauern die Partie remis wird. Das Endspiel König und zwei Springer gegen König und Bauer ist also nicht allgemein gewonnen, sondern es kommt konkret darauf, wie weit der Bauer vorgerückt ist, ob ein Springer den Bauern rechtzeitig blockieren kann und ob der König dem Bauer zu Hilfe kommen kann.

Die grünen Felder markieren die Troizki-Linie.

Die grünen Felder markieren die Troizki-Linie.

Wenn ein schwarzer Bauer sicher hinter der Troizki-Linie blockiert ist, dann gewinnen zwei weiße Springer immer, allerdings nicht unbedingt innerhalb der 50-Züge-Regel. Wenn der Bauer die Troizki-Linie überschritten hat, dann gibt es Remis und Verlustzonen für den verteidigenden König. Die Remiszonen können sichere Ränder bzw..Ecken sein, müssen es aber nicht.

Es gibt einige andere Endspiele, die nur mit mehr als 50 Zügen oder nur aus bestimmten Positionen heraus gewonnen werden können. Beispiele sind König und Dame gegen König und Läuferpaar, König und Läuferpaar gegen König und Springer oder auch bestimmte Stellungen, in denen König, Turm und Läufer gegen König und Turm kämpfen. Allerdings sind diese Arten von Endspielen ziemlich selten in der modernen Turnierpraxis anzutreffen.

Mit Endspieldatenbanken2 kann man die Gewinnführung in diesen Endspielen lernen und trainieren, sodass sie zumindest unter Schachprofis mit der Zeit allmählich zum Wissensfundus werden. Die Spieler haben nun Anhaltspunkte dafür, wann es sich lohnt, weiter zu spielen.

Sollte man nun dank dieser neuen, durch Computer gewonnenen Erkenntnisse, die bestehenden Schachregeln ändern, um das Spiel fairer zu machen?

Eine Frage, die zwar seit einiger Zeit diskutiert wird, deren Bejahung aber bisher bei Profischachspielern kaum Unterstützer gefunden hat. Ich vermute, dass sich daran in den nächsten Jahren nichts ändern wird. Endspieldatenbanken werden für die Schachspieler weiter eine ähnliche Rolle wie die Beweisassistenten in der Mathematik spielen aber nie die Rolle einer Schiedsrichterhilfe wie die Torlinientechnik im Fußball.


 

Fußnoten

1. Indem die schwächere Seite in eine Stellung gerät, indem sie entweder das Matt nicht verhindern kann oder den Turm verliert. Natürlich kann theoretisch auch die schwächere Seite gewinnen, wenn die stärkere Seite sehr grobe Fehler macht, das ist aber im Profischach bei Turnierpartien mit normaler Bedenkzeit sehr unwahrscheinlich.

2. Die Nalimov-Endspieldatenbank besteht aus 12 DVDs mit insgesamt 100 GB Datenumfang. Sie enthält die Auswertungen und Varianten für Endspiele mit 3-4-5-6 Steinen.

:

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Computerschach ändert auch indirekt das Schachspiel von Menschen: nicht mehr der geniale alles verändernde Schachzug steht im Vordergrund, sondern das Stellungsspiel wobei der Bessere Fehler des anderen gnadenlos ausnützt. Das hängt damit zusammen, dass es nur noch sehr selten zu wirklich offenen Partien kommt. Fast jede denkbare Stellung kann heute von einem guten Schachspieler viel besser eingeschätzt werden als das früher – ohne Computer – der Fall war, denn wer warum im Vorteil ist lässt sich dadurch bestimmen indem man den Computer weiterspielen lässt. Heute braucht es also bessere Nerven um ein guter Schachspieler zu sein, Genialität ist hete weniger gefragt.

    • (…) Genialität ist he[u]te weniger gefragt.

      Mal abgesehen davon, dass es keine Genialität gibt, jedenfalls nicht so wie von vielen gemeint, der Schreiber dieser Zeilen findet ‘Original Thinker’ einen guten Ersatz:
      Garry Kasparov hat wohl auch wegen der Sache mit den Schachprogrammen retiriert.

      MFG
      Dr. W

      • Kasparov hat als einer der ersten konsequent sein Eröffnungsrepertuar mit Engines ausgebaut und sich mit deren Hilfe akribisch auf den nächsten Gegner vorbereitet. Kaum ein Gegner konnte ihn aus der Eröffnung heraus überraschen. Die meisten standen schon schlechter, ohne dass Kasparov mehr als sein Gedächtnis bemühen musste.

        • Eröffnungsrepert[oire]

          Kasparov hat jedenfalls einen Schlusspunkt gesetzt und ging ins Politische, konnte sich dort potentiell besser behaupten, wenn auch nicht entscheidend.
          Die real existierende Oligarchie oder Meritokratie wird hier hineingespielt haben, Russland ist ein großes Land, eine Vielvölkergemeinschaft, ein potentiell instabiles Land.
          Das Garry Kasparov aber wohl dem ebenfalls instabil gewordenen Schach vorgezogen hat.

          Nichts Schlechtes daran, der Schreiber dieser Zeilen sieht Russland bei Putin in besseren Händen, als in denjenigen vieler anderer.
          Klar!, es könnte besser laufen, es könnte die Aufklärung oder das Sapere Aude als grundgesetzlich bestimmend angenommen werden, aber – dies muss im “Westen” wohl noch hinzugelernt werden -, wenn die zivilisatorische Basis nicht da ist, kann nicht derart umgesetzt werden.
          Herr Dr. Dramiga könnte womöglich und diesbezüglich beispringend verlautbaren wollen.
          >:>

          MFG
          Dr. W

          • @ Herr Dr. Joe Dramiga :
            Auch wieder richtig oder fast, es war weiter oben ein kleiner Exkurs, der den frühen Rücktritt Garry Kasparovs ein wenig beleuchtete.

            Zum WebLog-Artikel ist nicht viel anzumerken, die Regeln des Schachs bestimmen ein Remis-Ende der Partie, wenn 50 Züge lang kein Bauer bewegt und keine Figur geschlagen wird, die Sinnhaftigkeit dieser Regel kann nachvollzogen werden, auch wenn retroanalytisch in bestimmten Endspielen Gewinnwege vorliegen, die über mehr als 50 Züge und sogar mehr als über 200 Züge dauern können, die aber eh kein Pro versteht und umsetzen kann.

            Das mit der “Wahrheit” war nett formuliert, es gibt in Spielen wie Schach “Wahrheit”, nicht aber in Spielen mit unvollständiger Information.

            MFG + einen schönen Sonntag noch,
            Dr. W

    • Nein. Schachverständnis und Niveau der professionellen Schachspieler haben sich mit Hilfe starker Chessengines deutlich verbessert. Engines kennen keine Dogmas und helfen den Menschen, tradierte Gedankenmuster zu überwinden.
      “Geniale Züge”, also sehr komplizierte, besonders den Amateur beindruckende, oft mit Figurenopfern verbundene Kombinationen (Taktik), haben alle Spitzenspieler drauf und versuchen dem Gegner durch gutes Positionsspiel dafür keinen Raum zu lassen.
      Die “Genialität” eines modernen Spitzenspielers besteht nach wie vor darin, einen Zug zu finden, welcher mittel- bis langfristig die Position auf dem Brett zu seinen Gunsten zu verändern vermag. Da ist sehr viel Intuition im Spiel, die aber durch scharfe Kalkulation abgesichert werden muss.

      • Zitat: “Schachverständnis und Niveau der professionellen Schachspieler haben sich mit Hilfe starker Chessengines deutlich verbessert. “ Dazu würde ja auch der starke Anstieg des ELO-Ratings für die besten Schachspieler passen. Man liest dazu in der Wikipedia:

        Vor ca. 20 Jahren gab es nur zwei Spieler mit einer Elo-Zahl größer 2700, und nur ca. 10–20 Spieler erreichten einen Wert über 2600. Im Juli 2010 hatten über 200 aktive Spieler eine Elo-Zahl größer 2600, davon 37 mindestens 2700; drei Spieler haben sogar eine Elozahl von 2800 oder höher, was vor 20 Jahren undenkbar schien.

        Die durchschnittliche Elo-Zahl der ersten 100 Spieler der Weltrangliste stieg zwischen Juli 2000 und Juli 2012 von 2644 auf 2704 Punkte, also eine Steigerung um 60 Wertungspunkte.[4]

        Allerdings wird die ELO-Zahl durch das relative Abschneiden gegenüber jetzt lebenden Gegnern bestimmt.

        Mein Frage deshalb: Würden heute die weltbesten Schachspieler mühelos gegen Schachgrössen der Vergangenheit gewinnen?
        Wenn Chessengines das Schachspielen verbessert haben, müsste das so sein.

  2. Jedenfalls bitter, dass nach Mühle, Backgammon und Dame nun auch Schach sozusagen notleidend geworden ist; an Poker und Go ist man auch dran, wobei sich diese Spiele noch den Algorithmen, der Rechnerleistung und der Retroanalyse oder Vollananalyse entziehen.

    MFG
    Dr. W

  3. Nach 75 Zügen ohne Bauernzug oder Schlagzug ist die Partie jedenfalls remis, ein etwaiges Matt im letzten Zug hat aber Vorrang.

    Verstehen Sie diese Regel? Nach 50 Zügen ohne Bauernzug und ohne Schlagen ist die Partie auf Antrag Remis, nach 75 Zügen immer. Wo ist da der Sinn?

    • Falls die schwächere Seite “vergisst” Remis zu reklamieren, würde die Zählung wieder von vorne beginnen und die nächste Möglichkeit zur Reklamation wäre dann erst wieder im 100. Zug. Das ist sozusagen die automatische “Notbremse”. Alle kommen zeitig ins Bett 😉

        • Eine 75 Züge-Regel gibt es im Schach womöglich zurzeit nicht, weder das dbzgl. Artikel-Zitat noch die letzte kommentarische Nachricht des werten hiesigen Inhaltegebers konnte vom Schreiber dieser Zeilen nachvollzogen werden.

          HTH
          Dr. W

        • Du hast damit Recht, dass man nicht bis zum 100. Zug warten muss. Der Spieler darf, wenn er wieder am Zug ist, den Antrag stellen. Voraussetzung dafür ist aber, dass die 50-Züge-Regel noch erfüllt wird (mindestens 50 Züge). Das heisst, wenn er nicht reklamiert und danach wird ein Bauer gezogen oder etwas geschlagen, beginnt die Zählung wieder von neuem.

          • Die Zählung beginnt nie von neuem. (Gerald Fix)

            Voraussetzung dafür ist aber, dass die 50-Züge-Regel noch erfüllt wird (mindestens 50 Züge). Das heisst, wenn er nicht reklamiert und danach wird ein Bauer gezogen oder etwas geschlagen, beginnt die Zählung wieder von neuem.

            Vermutung:
            Wenn ein Spieler die sog. 50-Züge-Regel nicht reklamiert, kann er dies ein wenig später tun, beispielsweise beim 51. Zug (sofern er nicht gerade matt (das Fachwort) gesetzt worden ist).

            MFG
            Dr. W (der sich noch ein wenig an dieser Aussage – ‘Mit Endspieldatenbanken [] kann man die Gewinnführung in diesen Endspielen lernen und trainieren, sodass sie zumindest unter Schachprofis mit der Zeit allmählich zum Wissensfundus werden.’ – reibt, selbstverständlich kann derart retroanalytisch gewonnene Erkenntnis oder Wissen nicht ‘trainiert’ werden, auch von den Pros nicht; wenn es Richtung 50 Züge geht, es gibt hier Grenzen der Erkenntnis oder des Wissens, “wg. Komplexität”)

  4. @webbaer
    selbstverständlich kann derart retroanalytisch gewonnene Erkenntnis oder Wissen nicht ‘trainiert’ werden, auch von den Pros nicht; wenn es Richtung 50 Züge geht, es gibt hier Grenzen der Erkenntnis oder des Wissens

    Doch. Das bringt enorm viel. Ich erlaube mir hier mal einen kleinen Exkurs, wie ein Schachspieler denkt.

    Schachspieler denken in Bildern – die eigentliche Rechenleistung findet dann statt, wenn der Spieler prüft, wie er ein Bild in ein anderes, für ihn besseres, überführen kann. Dies ist im Mittelspiel sehr komplex, im Endspiel wird es einfacher (abnehmende Zahl der Möglichkeiten durch geringere Figurenpopulation 🙂 Dummerweise wird es aber für beide Seiten leichter …

    Ein Standardendspiel ist das König-Läufer-Springer-gegen-König-Endspiel. Dieses ist auch für schwächere Spieler erlernbar, aber doch so schwierig, dass es ohne Kenntnis des Ablaufs nicht zu gewinnen ist. Es dauert 30 – 40 Züge. Ich – als einer dieser schwächeren Spieler – weiß, dass ich den König in die von meinem Läufer beherrschte Ecke drängen muss.

    Im ersten Schritt ist es ziemlich einfach, den gegnerischen König an den Rand zu drängen. Das schafft jeder. Leider flieht der König in die falsche Ecke. Jetzt erinnere ich mich an das Bild, wie es aussehen muss, wenn der König zwei Felder weiter nach innen steht. Dieses Bild ist, was die Zugfolge angeht, nicht sehr weit von der Eckstellung entfernt, ich kann es herbeiführen. Ich weiß auch, wie es aussehen muss, wenn der König zwei Felder weiter und dann nochmals zwei Felder weiter, also jetzt in der richtigen Ecke, steht. Die Zugfolge zwischen den Bildern ist nicht besonders schwierig. Dann wird, was wieder einfach ist, mattgesetzt.

    Ich brauche also, um dieses Endspiel zu gewinnen, lediglich 3 Bilder zu kennen. Dafür taugt die Endspieldatenbank.

    • @ Gerald Fix :

      Schachspieler denken in Bildern – die eigentliche Rechenleistung findet dann statt, wenn der Spieler prüft, wie er ein Bild in ein anderes, für ihn besseres, überführen kann.
      (…)
      Die Zugfolge zwischen den Bildern ist nicht besonders schwierig. Dann wird, was wieder einfach ist, mattgesetzt.

      Konsensvorschlag: Es könnte so sein, dass es retroanalytisch [1] möglich wird bei Spielen mit vollständiger Information neue Muster zu finden, die den Spielern in der Folge hilfreich werden; das Finden dieser neuen Muster könnte se-ehr schwierig sein.

      Es scheint Ihrem Kommentatorenfreund also ‘selbstverständlich, dass derart retroanalytisch gewonnene Erkenntnis oder Wissen nicht ‘trainiert’ werden [kann], auch von den Pros nicht; wenn es Richtung 50 Züge geht, es gibt hier Grenzen der Erkenntnis oder des Wissens, “wg. Komplexität”‘.

      MFG
      Dr. W

      [1] die Retroanalyse stellt in der Regel bei derartigen Spielen sehr große Datenbanken bereit mit Positionen und Spuelzügen, die die Einschätzung einer Position gleich lassen oder (wenn gewählt, dann immer: im Negativen) zu verändern in der Lage sind

      • @Webbaer Ich stimme Gerald Fixs Äußerungen zu. Was er beschreibt kann man gut in diesem Video verfolgen, indem das geometrische Gewinnverfahren, mittels der kleiner werdenden Dreiecke, von Deletang 1923 entwickelt, erklärt wird.

        Das Problem liegt weniger in der Anzahl der Züge, sondern in der Anzahl der verschiedenen Bilder, die sich ergeben und die man kennen muss. Das ist das Problem der Komplexität. Diese Komplexität wird aber durch Symmetrien (Drehung, Spiegelung der Stellung) reduziert. Das ist ähnlich wie man lernt den Zauberwürfel zu lösen.

  5. Selbstverständlich gibt es in jedem Spiel / Sport über die Jahre einen allg. Progress. Man sehe sich nur die Tennis- oder Fußballspieler von heute im Vergleich zu jenen von vor vielleicht 30 oder 40 Jahren an. So haben sich auch im Schach vielerlei Kenntnisse und Fertigkeiten verbreitert; man denke nur an die Technik des Qualitätsopfers (Petrosjan) oder an vielfachen Erkenntnissen zum Endspiel, zunächst noch ganz ohne Computer.

    So wie ein Stan Libuda im Kicken oder eine Yvonne Goolagong im Tennis wohl auch heute noch absolute Weltklasse wären, modernes Training, Taktik und Schläger etc. vorausgesetzt, würde sicher auch ein Schachmeister längst vergg. Zeiten heute weit vorne spielen; man sehe sich doch nur die durchaus modern wirkenden Damengambite und Strategien im !843er Match Staunton gegen Saint Amant an! (Die heute vorwiegend schlechte “Presse” für Staunton und später Tarrasch bedarf ohnehin der Korrektur, kann aber hier nicht geleistet werden)

    Der Computer bewirkte im Schach einen unglaublich rasch voran schreitenden Daten- und, richtig eingesetzt, auch Erkenntnis-Gewinn, obwohl natürlich ausschließlich mit den Kabelknechten noch kein Meister zu formen ist; Talent, Wille, Kondition, Phantasie usw. gehören auch dazu. Gleichwohl – mit Computern, Trainern usw. würde St. Amant – wenn er denn wollte – vermutlich rasch wieder in die Weltklasse aufschließen, obwohl es zu seiner Zeit in dieser Etage weltweit vielleicht ein halbes Dutzend Spieler gab und heute … hundert? Mehr?

    Selbstredend ist St. Amant ledigleich ein pars pro toto. Weil er aber einfach “dran” wäre, dass sich “die Historiker” einmal seinem offenbar hochinteressanten Leben zuwenden, wurde er hier auch nicht völlig zufällig in die Debatte eingeführt.

    [Event “Match”]
    [Site “Paris”]
    [Date “1843.11.25”]
    [EventDate “1843.??.??”]
    [Round “7”]
    [Result “0-1”]
    [White “de Saint Amant, Pierre Charles Fournier”]
    [Black “Staunton, Howard”]
    [ECO “D30”]

    1.d4 e6 2.c4 d5 3.e3 c5 4.Nc3 Nf6 5.Nf3 Nc6 6.Bd3 a6 7.O-O Bd6
    8.a3 b6 9.Re1 O-O 10.h3 Qc7 11.b3 Ne7 12.Bd2 Bb7 13.cxd5 exd5
    14.Kh1 Rae8 15.Ra2 Ne4 16.Bxe4 dxe4 17.Ng1 cxd4 18.exd4 Nf5
    19.Nce2 e3 20.fxe3 Rxe3 21.Qc1 Qxc1 22.Rxc1 Rxb3 23.Rc3 Rxc3
    24.Bxc3 Nh4 25.Nf3 Nxf3 26.gxf3 Bxf3+ 27.Kg1 Re8 28.Kf2 Bxe2
    29.Rxe2 Rxe2+ 30.Kxe2 Bxa3 31.Kd3 f6 32.Ke4 b5 33.Kd5 b4 0-1

    [Event “Match”]
    [Site “Paris”]
    [Date “1843.11.28”]
    [EventDate “1843.??.??”]
    [Round “9”]
    [Result “1-0”]
    [White “de Saint Amant, Pierre Charles Fournier”]
    [Black “Staunton, Howard”]
    [ECO “D40”]

    1.d4 e6 2.c4 d5 3.Nc3 Nf6 4.Nf3 c5 5.e3 Nc6 6.a3 b6 7.Bd3 Bd6
    8.cxd5 exd5 9.Bb5 Bb7 10.dxc5 Bxc5 11.b4 Bd6 12.Bb2 O-O 13.Ne2
    Qe7 14.O-O Rad8 15.Rc1 Ne5 16.Ned4 Nxf3+ 17.Qxf3 Qe5 18.g3 Ne4
    19.Qe2 Qg5 20.f4 Qg6 21.Rc2 Bc8 22.f5 Qh6 23.Bd3 Rfe8 24.Bc1
    Bd7 25.Qf3 Ba4 26.Rg2 Rc8 27.Re1 Ng5 28.Qxd5 Nh3+ 29.Kf1 Be5
    30.Rge2 Bxd4 31.Qxd4 Red8 32.b5 Qh5 33.g4 Rxd4 34.exd4 f6
    35.gxh5 1-0

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