Katholisches Kirchenrecht und Zeugung von Kindern

Mein Blognachbar Michael Blume, ein Religionswissenschaftler, beschäftigt sich u. a. mit dem evolutionären Erfolg religiöser Gemeinschaften. Er hat nachgewiesen, dass Menschen, die eine Religion praktizieren, im Durchschnitt deutlich höhere Kinderzahlen aufweisen als Konfessionsfreie. Gründe sind eigene Institutionen zur Unterstützung kinderreicher Familien wie Schulen, Hospize, Ferienlager und vieles mehr. Leider befasst er sich, meines Wissens nach, kaum mit den negativen (d. h. ausschließenden) religionskulturellen Faktoren, die als Confounder diese höheren Kinderzahlen einer Religionsgemeinschaft begünstigen, wahrscheinlich, weil ihre Auswirkungen demographisch nur marginal sind.

Als Beispiel für so einen negativen Confounder möchte ich heute einen Fall betrachten, der die problematische Beziehung zwischen katholischem Kirchenrecht und Reproduktionsbiologie beleuchtet:

Der italienische Bischof Lorenzo Chiarinelli hatte im Juni 2008 in Viterbe, Italien einem querschnittsgelähmten und dadurch impotenten Mann die kirchliche Trauung verweigert.

Diese, wie ich finde, ziemlich grausame Entscheidung des Bischofs ist im katholischen Kirchenrecht begründet: Die katholische Kirche betrachtet die Ehe als unwiderrufliche Bindung zwischen Mann und Frau mit dem Ziel, Kinder zu zeugen. Sie verurteilt sexuelle Handlungen, die nicht der Fortpflanzung dienen. Kein katholischer Bischof, kein katholischer Priester soll eine Trauung durchführen, wenn er weiß, dass eine Impotenz vorliegt, da dies ein Grund für eine Annullierung der Ehe sein kann.

Damit ein Mann mit einer Frau auf natürliche Weise Kinder zeugen kann, müssen mindestens drei Bedingungen gegeben sein:

1.    Die Fähigkeit zur Erektion

2.    Die ausreichende Produktion gesunder Samenzellen durch den Mann

3.    Funktionierende weibliche körpliche Anlagen, die zur Entwicklung eines Kindes nötig sind

Meistens meinen wir mit Impotenz die Impotentia coeundi. Es ist die Unfähigkeit zur Erlangung oder Aufrechterhaltung einer Erektion zur Durchführung des Beischlafes: die erektile Dysfunktion.

Eine andere Form der Impotenz ist die Impotentia generandi, was soviel bedeutet wie die Unfähigkeit ein Kind zu erzeugen bei normal erhaltener Erektion. Man(n) spricht deshalb von Zeugungsunfähigkeit. Es kommt zum Samenerguss aber die Quantität oder Qualität des Samens ist nicht ausreichend. Das heißt für mich, der Begriff Zeugungsunfähigkeit des Mannes bezieht sich primär auf die ausreichende Produktion (Synonym für Zeugung) gesunder Samenzellen als notwendige aber nicht hinreichende Bedingung. Kein Mann besitzt per se die Fähigkeit zur Zeugung eines Kindes. Es geht nur zusammen mit einer Frau.

Was ich aus reproduktionsmedizinischer Sicht nicht verstehe, ist die Tatsache, dass die Unfruchtbarkeit der Frau nach katholischem Kirchenrecht kein Ehehindernis ist. Hier meine ich die Impotentia gestandi, bei der der Embryo trotz normaler Konzeption (regelrechte Befruchtung der Eizelle) nicht bis zu einem lebensfähigen Kind ausgetragen werden kann.

Warum ist die Impotentia gestandi kein Ehehindernis?

Erstens ist es inkonsequent, dass nur die Form der männlichen Sterilität zum Trauungsverbot führt.

Zweitens ist es widersprüchlich, da gerade die Impotentia gestandi Sex ermöglicht, der keine Fortpflanzung zur Folge hat. Was bestimmt nicht im Sinne der katholischen Kirche ist.

Ebenso traurig und auch nach katholischem Kirchenrecht unhaltbar wäre ein Trauungsverbot wegen einer Impotentia coeundi gewesen  – obwohl das bei einer Querschnittslähmung, meiner Meinung nach, eher wahrscheinlich ist als eine Impotentia generandi. Dem Paar mit Impotentia coeundi, das keinen normalen Sex haben kann wird die Trauung verwehrt und dem Paar mit Impotentia gestandi das normalen Sex haben kann wird die Trauung erlaubt.

Kann mir das alles bitte ein katholischer Theologe erklären?

 

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

39 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wissenschaft?

    Herr Blume hat noch nie ein eigene empirische Feldstudie durchgeführt, sondern bisher immer die Ergebnisse anderer Wissenschaftler interpretiert.

    Nachgewiesen hat er dies auch nicht, sondern die Ergebnisse so – religionskonform – interpretiert.

  2. @Joe: Negative Auswirkungen

    Lieber Joe,

    vielen Dank für den Blogpost und den Hinweis. Tatsächlich bemühe ich mich, gerade auch in den Vorstellungen einzelner Religionsgemeinschaften durchaus auch je kritische Aspekte zu benennen und habe z.B. im neuen sciebook über die (reproduktiv außerordentlich erfolgreichen) Amish ein ganzes Kapitel ihren Problemen und Konflikten gewidmet.
    http://www.amazon.de/…ebooks-ebook/dp/B008X9EFPG

    Auch über das Thema ungewollter Kinderlosigkeit in der Bibel hatte ich hier neulich einen eigenen Beitrag gepostet:
    https://scilogs.spektrum.de/…derlosigkeit-in-der-bibel

    Und zuletzt noch der persönliche Hinweis, dass ich bewusst als Erwachsener einer evangelischen Landeskirche beigetreten bin, in der Frauen und Männer, Kinderreiche und Kinderlose einander gleichgestellt sind.

    Die römisch-katholische Kirche ist die größte Religionsgemeinschaft unseres Planeten, aber sie ist auch religionsgeschichtlich nicht einfach “die” Kirche. Insofern ist Dein schließender Aufruf an katholische Theologen m.E. schon berechtigt.

    Beste Grüße!

  3. Hallo Joe,
    ich fürchte ja, dass du dich in der Interpretation irrst und es tatsächlich um die Impotentia coeundi geht. Ja, das Kirchenrecht ist so primitiv: Die Ehe wird mit dem Koitus vollzogen. So war jedenfalls mein (Un-)Verständnis.

  4. Tja, leider….

    Blume ist ein religiös verwirrter Mensch, das muss man ihm zugute halten.

    Zu wissenschaftlichen Erkentnissen ist er – wie alle pseudowissenschaftlichen Menschen – leider nicht in der Lage.

    da lebt man lieber im Glauben statt im Wissen, so sind die Religioten…..

  5. Versuch, was zu verstehen…

    Also, Theologe bin ich. Katholischer nicht. Insofern muss ich für diese verkrümmten Dinge nicht grade stehen. Nur ein bisschen zu verstehen versuchen.
    Die katholische Kirche ist extrem verrechtlicht, dass alles durch Vorschriften geregelt ist, bis ins kleinste Teil (und bis in die empfindlichsten Teile…) Diese extreme Verrechtlichung (und Dogmatisierung) sucht unter anderen Religionen ihresgleichen; und findet sie nicht so leicht. In der römisch katholischen Religion hängt es wohl damit zusammen, dass da mal (als die Römer mit ihrem Latein am Ende waren) ziemlich schnell öffentlich-rechtliche Funktionen übernommen wurden, die weitgehend nach altem militärstaatlichem Muster gestrickt waren, nämlich nach römischem Recht. Fortan sprach die römische Kirche Lateinisch – die Sprache der alten Kolonialmacht.
    Zur Potenz. Vermutlich hat @Joachim Recht: dass nur die potentia coeundi gemeint ist – dass weitergehende Unfruchtbarkeit nicht dem Mann zugeschrieben wird. (Spermienzahl u.ä. – das konnte man ja früher auch nicht messen). Auch die römische Kirche hat natürlich naturkundliche Ansichten, die unabhängig von genaueren religiösen Meinungen als allgemeingültig angesehen wurden, übernommen. Das wäre nicht weiter schlimm: ist doch Recht, wenn man sich in Bezug auf Naturzusammenhänge an das hält, was man guten Gewissens als derzeitigen Stand des Wissens ansehen kann… ABER, man müsste eben auch den Fortschritt des Wissens zur Kenntnis nehmen:
    Die katholische Kirche hat aufgrund dieser früher unhinterfragten Ansichten ihre Gesetze gemacht und kann mit dem Fortschritt der (Natur)Wissenschaft diese Gesetze schlecht revidieren. Die können überhaupt schlecht revidieren.
    Evangelischerseits weiß ich, dass vor etwa zweihundert Jahren in Bezug auf Eherecht noch weitgehend Ähnliches galt. Und weiß von einem evangelischen Pfarrer, der (etwa ums Jahr 1800) aus einer Ehe, die sich bereits in den ersten Wochen als unglücklich herausstellte, nur mit der Begründung herauskam, er sei erwiesen impotent. Nun, er hat in anschließender Ehe (in etwa 20 Jahren) zwölf Kinder gezeugt. Solche juristische List stand wohl nicht jedem zur Verfügung. Ihm glückte es.
    Und es ist für uns in der evangelischen Kirche inzwischen selbstverständlich, dass solche Gesetze uns nichts mehr zu sagen haben. Die katholische Kirche hat eine viel längere Last der Geschichte und der Rechthaberei; aber auch dort sind Leute am Lernen. Ich will sie nicht weiter stören. Es gibt wohl manche Regelung – wenn man sie nicht an die große Glocke hängt.
    Nachtrag: Aber ich habe nicht begriffen, inwiefern die herzlose Entscheidung des italienischen Bischofs etwas beiträgt zur Diskussion darüber, wie stark „Religion“ („die“ Religion? Die „kath“ Religion? ) dem Reproduktionserfolg nützt oder ihn hemmt. Solche Einzelbeispiele sind ja für entsprechende Statistiken wirklich marginal. Für „Confounder“ könnte man eher anzuführen versuchen, dass viele Priester ein sexualhemmendes Klima zu erzeugen versuchen. Aber es sieht gar nicht danach aus, als ob sie großen Erfolg damit hätten. Manche Verbote reizen eher zum Widerspruch. Zur Reproduktion reicht’s allemal; und sicher nicht nur dazu. Bloß, das muss niemand an die große Glocke hängen 😉
    Und es würde der Diskussion nicht schaden, wenn bloße hämischen Beschimpfungen nicht statistikerisch überhand nähmen. Auch zu psychiatrisch relevanten Negativ-Aussagen solte man etwas Fachkompetenz durchscheinen lassen, sonst sind sie nur üble (und im Web leider auch übliche) Beleidigungen.

  6. Ehehindernisse

    In der katholischen Kirche ist die Eheschließung ein Sakrament, in der evangelischen Kirche ist sie das nicht. Daher nehmen es die Katholiken mit den Ehehindernissen auch genauer, schließlich gilt die Ehe als unauflöslich. Den hier erwähnten Fall eines Ehehindernisses findet man im ersten Link auf Seite vier. Unter dem Titel “Unfähigkeit zum Beischlaf” wird alles Relevante aufgezählt. Natürlich konnte man damals nur von offensichtlichen Dingen ausgehen. Schließlich stammt das kanonische Recht zum größten Teil aus dem Mittelalter.
    http://www.vaticarsten.de/…hindernisse-knoll.pdf

    Die unterschiedliche Bedeutung des Kirchenrechts für die römisch-katholische und für die evangelische Kirche kann man, in vereinfachter Form, hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/…isch-katholische_Kirche

  7. Ius Divinum

    Ich sehe, von @Mona kann man was lernen. Die “Unfähigkeit zum Beischlaf” gehört neben “Bestehendes Eheband” und “Blutsverwandschaft” zu den Ius Divinum (entschuldigt meine Unfähigkeit, den Plural zu bilden), also zu den durch Gott gegebenen Gesetzen. Das ist bemerkenswert, weil die Ehe in der Bibel nirgends wirklich definiert wird. Sie tritt zwar im Alten und Neuen Testament überall auf, wird aber stets als bekannt vorausgesetzt. Das einzige, was ich in der Bibel finde ist: “Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.”

    Die Ehe ist durch dieses Gesetz als lebenslange Beischlafgemeinschaft nicht blutsverwandter Menschen definiert.

    Vom Kirchenrecht her macht die Entscheidung des Bischhofs also Sinn. Was mich böse macht, ist die Lieblosigkeit hinter dieser Entscheidung. Das hat mich vermutlich zu dem Wort “primitiv” hingerissen. Vielleicht passt “altmodisch” besser.

  8. @Joachim

    “Ich sehe, von @Mona kann man was lernen.”

    Wie generös. Nun wird mir klar wie wichtig die Genderdebatte für SIE ist.

    Sorry, OT und überhaupt…. aber ich konnte es mir einfach nicht verkneifen.
    🙂

  9. Lebenslange Beischlafgemeinschaft

    @Joachim Wenn ich das Dokument, das Mona verlinkt hat, richtig verstanden habe, dann bedeutet dass, das auch eine Frau mit impotentia coeundi nicht getraut werden kann. Dabei wären zwei Fälle zu unterscheiden: Einmal die organische Impotenz – Unheilbare äußere Verwachsung, Entartung od. Enge der Scheide. Zweitens die funktionelle Impotenz: Unheilbarer Scheidenkrampf

  10. Religionsanhaenger tendieren dazu, anderen ihren Glauben aufzuzwingen. Das geht nur ueber Mission im weitesten Sinn und/oder ueber Indoktrination des Nachwuchses. Letzteres ist effektiver und haltbarer, da Kinder nun mal den Eltern etc. glauben (muessen), sonst sind sie verloren.

    Vor dieser Logik her muss auch der Katholizismus verstanden werden. Ist er nicht zufaellig die weltgroesste Religion (oder eine der verbreitetsten Religionen – keine Ahnung, inwiefern man den Zahlen trauen darf, ist ja viel Propaganda auch). Das ist schlichter Sozialdarwinismus, aber nicht genetisch, sondern auf Mem-Ebene. Und je mehr Macht eine Religion hat, desto ruecksichtsloser setzt sie sich durch. Beim Katholizismus sieht man das deutlich. Aber heute kann man den ja verlassen, wenigstens hier. Selber schuld also, wer sich gaengeln laesst.

    Insofern verstehe ich auch nicht, warum auf Dr. Michael Blume herumgehackt wird. Natuerlich ist er kein Wissenschaftler (sondern CDU-Politiker).

    Und es ist auch nicht seine Erkenntnis, dass sich Religioese im Schnitt staerker reproduzieren. Das behauptet er ja auch nicht, sondern weist nur immer wieder darauf hin. Und diese Tatsache muss man ernst nehmen, denn wenn die Religioesen wieder die absolute Macht haben, dann wird es nicht lustig. Wahrscheinlich fuerchtet er sich selbst davor, denn dann wird er mit seinem Religionssozialdarwinismus ja auch Probleme kriegen. Schließlich erklaert der ja, warum es noch Religionen gibt. Nicht, weil sie wahr sind, sondern weil sie durch Reproduktion und Indoktrination sich dauernd fortsetzen und perpetuieren.

  11. Danke! 🙂

    Jetzt möchte ich mich aber doch mal bei den anonymen Neidern und Hatern hier bedanken! Ihr motiviert mich sehr, Euch weiter zu bewegen! Und die Zugriffszahlen auf der Homepage sind auch wieder klasse! Danke, @Joe! 🙂

  12. Nochmal nachgehakt

    Man kann das katholische Eherecht in allen möglichen Richtungen sezieren. Und muss einige Entscheidungen, u.a. die des italienischen Bischofs gegenüber dem behinderten Bräutigam, kritisieren. Du nennst sie „ziemlich grausam“, Joachim nannte sie lieblos. Ich nannte sie „herzlos“; man könnte sicher noch weiter etikettieren. Könnte sie ja auch – zweideutig eindeutig – „lustlos“ nennen oder präziser: „lustfeindlich“
    Nun, ich nannte zuvor ein paar historische Zusammenhänge, aufgrund derer man zu verstehen versuchen kann, warum die katholische Hierarchie von diesem juristisch-dogmatischen Denken (mit seinen bekannten verstörend deprimierenden Folgen) besonders infiziert ist.
    Aber noch einmal ernsthaft nachgefragt: Inwiefern denkst du, Joe (oder denkt wer ?), dieses Kirchenrecht (und solche Einzelentscheidungen) habe einen statistisch relevanten positiven oder negativen Einfluss auf die Bereitschaft, Nachkommen in die Welt zu setzen und groß zu ziehen? Inwiefern hat diese rechtliche/rechtsgeschichtliche Frage etwas zu tun mit dem Thema (das Michael Blume mit einigen anderen als für die Religionswissenschaft wichtiges Thema bearbeitet): der Demographie religiöser Gemeinschaften im Allgemeinen oder der Katholiken im Besonderen?

  13. Alles relativ

    Hermann Aichele schrieb: “Und weiß von einem evangelischen Pfarrer, der (etwa ums Jahr 1800) aus einer Ehe, die sich bereits in den ersten Wochen als unglücklich herausstellte, nur mit der Begründung herauskam, er sei erwiesen impotent. Nun, er hat in anschließender Ehe (in etwa 20 Jahren) zwölf Kinder gezeugt. Solche juristische List stand wohl nicht jedem zur Verfügung. Ihm glückte es.”

    Unter Zugrundelegung des röm.-kath. Kirchenrechts, das in dem von Mona verlinkten Skript beschrieben ist, braucht man dafür nicht unbedingt eine “juristische List”. Es reicht die Rechtsfigur der “relativen Impotenz”.

  14. Sehr interessanter Punkt, Herr Aichele.

    Aber was bringen was-waere-wenn-Fragen hier? Wir haben doch keine Chance, das zu wissen.

    Viel wichtiger: Angenommen, eine “humanere” Kath. Kirche wuerde demographisch mehr Kinder zur Folge haben. So what? Waeren sie dann gluecklicher? Oder die Welt? Oder ist nicht jedes indoktrinierte Kind mehr ein Unglueck mehr, weil es beschaedigt ist und/oder andere beschaedigen wird?

    Und ueberhaupt: Wieso sollten mehr Menschen “besser” sein? Vielleicht fuer den Herrn Dr. Blume, weil er mehr Gefolgschaft dann hat und mehr Buchkaeufer kriegt.

    Aber fuer die Welt? Die ist doch schon jetzt oekologisch laengst ueber dem Limit!

  15. @RD: Dass sie diese Anmerkung mit Gender in Verbindung bringen, sagt doch mehr über Sie aus als über mich.

    Mir ging es darum, dass Mona den Entscheidenden Input in die Diskussion gebracht hat und es beschämte mich, dass ich ohne das von Mona genannte Dokument einfach ins Blaue spekuliert hatte. Es war also nicht generös, sondern demütig gemeint. Von Monas Art, Diskussionen mit Fakten zu würzen, sollte ich etwas lernen.

    Zum Thema: Mir gehts wie Hermann Aichele, ich sehe auch nicht, wie dieses Urteil etwas zur Reproduktionsrate beiträgt.

  16. Sinnfrage

    Man kann sich sehr ergeizig und selbstgerecht über altmodische/seltsame religiöse und soziale Regeln der kath. Kirche ereifern.
    Manchmal macht es aber auch ´mal Sinn, die Sinnfrage zu stellen – z.B. warum wurden solche Regeln erlassen und welchen Sinn haben sie?

    Z.B. gab es früher keine staatlichen Sozialsysteme und längerfristigen Geldanlagen; d.h. für Familien ohne Nachkommen gab es keine Chance zum Überleben für erwerbsunfähige Familienangehörige (Alte, Kranke, Dienstboten)

    Sehr strenge Regeln für das Heiraten (wer/wen) gab/gibt es in vielen unterschiedlichen Kulturen. Z.B. manchmal durften Männer erst eine Familie gründen, nachdem sie einen Feind getötet hatten.
    Bevor man also einseitig über die katholische Kirche den Stab bricht, sollte man sich vielleicht einmal völkerkundliche Infos zu dem Thema (wer darf warum/warum nicht/ unter welchen Bedingungen heiraten) betrachten und so den Horizont erweitern (das wäre doch was für ein e-book, Herr Blume ?). Dann wird man erkennen, dass die Regeln der kath. Kirche vergleichsweise human sind – auch wenn sie aus heutiger Sicht anders erscheinen.
    Noch ein Beispiel: z.B. durften manchmal ´Milchverwandte´ nicht heirsten (Milchbruder /-schwester); d.h. Kinder unterschiedlciher Eltern, die von der gleichen Amme gesäugt wurden.

  17. @KRichard

    Das ist es ja gerade, was mich verblüfft. Der Versorgungsaspekt scheint für die Kirche keine entscheidende Rolle zu spielen.
    Oder kennen Sie ein Dokument, aus dem der ersichtlich wird.

  18. @all

    Es wurde nach einem katholischen Theologen gerufen? (kommt ja nicht mehr so oft vor …) Nun denn, I’ll try my very best.

    Dem Autor und seinen Kommentatoren ist gemeinsam, dass sie das besondere Lebensgefühl und die besondere Lebensweise nicht verstehen, die das Katholischsein beinhaltet. Keinesfalls ist dies ein Vorwurf – denn auch die meisten (deutschen) Katholiken haben davon nur noch entfernte Ahnungen, wenn überhaupt.

    Auch ich selbst spreche aus einer unentschiedenen Position: Ich ahne langsam, worum es beim Katholischsein (Christsein) geht, und weiß noch nicht, ob ich das wirklich mittragen kann – reizen täte es mich schon …

    Christsein heißt: Leben im Geist universaler Geschwisterlichkeit; “katholisch” heißt in genau diesem Sinne: “allumfassend”. Diese Liebe ist nicht eigenes moralisches Verdienst, sondern es ist eine Gnade, dieser Liebe zu begegnen und in dieser Liebe liebend leben zu dürfen. Der Glaube ist die Zustimmung zu dieser Berufung, kein weltanschauliches Bekenntnis; er wird im Leben immer wieder angefragt, kann nicht ein für alle Mal “gesichert” werden.

    Die Familie und auch familiär-national geprägte Formen von Religiösität (überhaupt Religion als moralisch-rituelles System des Heilwerdens) stehen dieser universalen Liebe im Wege; sie erfahren daher im Neuen Testament erhebliche Kritik, genauso wie Reichtum und Besitz. Der Ruf ergeht in Richtung eines einfachen, bescheidenen Lebens, offen für jeden Menschen, der mir begegnet, allein der Liebe verpflichtet; an die Liebe glauben, heißt an all das nicht mehr glauben müssen, was die Menschen sonst so antreibt.

    Im Zusammenhang mit der Ehe kritisiert Jesus ein scheinbar gesetzeskonformes Verhalten eines Ehemanns, der seiner Frau formal korrekt den Scheidebrief aushändigt – während er sie faktisch jedoch mit einem Tritt in den Hintern in die Wüste schickt. Hier fällt dann der Satz, dass der Mensch nicht trennen soll, was Gott (sprich: die Liebe) verbunden hat. Die Liebe endet nicht, sie verbindet zwei Menschen bis zu ihrem Tod; die Ehe ist eine mögliche Gestaltungsform dieser Liebe – und ohne diese Liebe wäre sie nichts als ein Konkubinat, ein gut bürgerliches Beischlafarrangement. — Viele heiraten (auch kirchlich), die der Liebe noch gar nicht begegnet sind. — Die Unauflöslichkeit der Ehe kann sinnvoll nur aus der Unauflöslichkeit der Liebe abgeleitet werden.

    Es gibt, um es zugespitzt zu sagen, für Christen bzw. genauer: für die wahrhaft Liebenden, die wahren Freunde Jesu Christi, keinen guten Grund zu heiraten; ihnen steht ein wesentlich freieres Leben offen. Es gibt für wahrhaft Liebende auch feinere und erregendere Formen zwischenmenschlicher Begegnungen als Sex.

    (Aus kirchlicher Sicht besteht der Missbrauchsskandal genau in der perfiden Vermischung/Verwechslung dieser feineren Formen von Intimität und geschwisterlicher Liebe mit Sex durch die Täter, was jedes Vertrauen nachhaltig untergräbt.)

    Nun heiraten Christen aber doch bzw. manche waren verheiratet als die Sache vor 2000 Jahren ins Laufen kam. Die Lebensform Ehe – natürlich keine christliche Erfindung – wird in der katholischen Kirche nun eingebunden in das katholische Leben, und zwar indem sie zu einem hervorgehobenen Zeichen und von innen völlig verwandelt wird – das wird meistens übersehen!

    Wahre Liebe zwischen Menschen ist der Kern des christlichen Glaubens, darum dreht sich ohnehin alles – aber speziell die Ehe wird als die Verbindung von Mann und Frau, aus der ein neuer Mensch (bzw. gerne auch mehrere neue Menschen!) hervorgeht/en zum Zeichen für die Fruchtbarkeit der Liebe: für die Liebe Gottes, der wir uns verdanken, für die Liebe zwischen Christus und seiner Kirche usw. Es geht in der Ehe als Sakrament (als Zeichen) also gerade um diese besondere, zeichenhafte Fruchtbarkeit der Liebe zwischen zwei Menschen. Es geht also KEINESFALLS um eine Abwertung anderer Formen und Wege wahrer Liebe, wenn sie aufgrund der jeweiligen Gegebenheiten DIESE Zeichenfunktion VON VORNHEREIN nicht haben können und daher keine sakramentale Ehe in diesem Sinne sein können.

    Ich betone nochmals: die Liebe von der ich hier rede, ist nicht die romantische Liebe des Begehrens und Besitzens, der sexuellen Befriedigung usw. – also: die Liebe, von der wir eigentlich alle die ganze Zeit reden (eros). Gemeint ist auch im Zusammenhang mit der Ehe, die geschwisterliche Liebe (agape), die die erotische Liebe heiligt, heilt, befreit, in einen umfassenderen Kontext stellt.

    Ich weiß nicht, ob der Bischof in dem konkreten Fall lieblos gehandelt hat: ich weiß nicht, wie er mit den Beteiligten gesprochen hat, ob er mit ihnen in einem wirklichen persönlichen Kontakt stand – oder ob er tatsächlich lieblos nach Paragraphenlage entschieden hat. Lieblos = unchristlich; das braucht dann keinen weiteren Kommentar. Ich würde hier jedoch nicht zu schnell fern-urteilen wollen.

    Das Kirchenrecht ist übrigens die Konsequenz daraus, dass die Kirche reale Lebensgemeinschaft realer Menschen ist – keine hochgeistige Idee. Kollege Aichele liegt ganz falsch, wenn er glaubt, in der evangelischen Kirche gäbe es so etwas Unappetitliches wie Kirchenrecht nicht; da wird mindestens so viel Politik gemacht und auf Paragraphen herumgeritten wie bei den Katholen! Ein Problem wäre lediglich die Verselbständigung des Rechts, nicht das Recht an und für sich, das wie Spielregeln *ein* probates Mittel sein kann, um das Zusammenleben der Christen zu regeln.

    Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass man die katholische Kirche so sehr mit Ehe und Familie identifiziert – sodass jeder, dem die Ehe “verweigert” wird, gleich “aus der Kirche gedrängt” erscheint. – Aber es ist eigentlich ganz anders: Die katholische Kirche kennt Besseres als die gutbürgerliche Ehe. Und für diese Ehe bietet sie einen umfassenderen “Rahmen”.

    Mir ist die völlig andere Logik dieser Art von Liebe klar; mein Kommentar wirkt hier auf den Scilogs sicher sehr befremdlich. Aber so ist es nun einmal: das Neue Testament spricht von den “Kindern des Lichts” und den “Kindern der Welt”. Natürlich geht diese Unterscheidung durch jeden einzelnen von uns mitten hindurch und keinesfalls hat irgendjemand oder die Kirche als Ganzes die wahre Liebe für sich gepachtet – aber ich glaube, der katholischen Kirche ist ziemlich klar, wofür sie steht und an welchem Maßstab sie gemessen wird. Sie ist definitiv nicht dafür da, den normalen gesellschaftlichen Abläufen und unseren üblichen Vorstellungen von Liebe ihren Segen zu erteilen; das wäre mittlerweile ohnehin überflüssig wie ein Kropf.

    Von Liebenden, die niemanden besitzen wollen, die sich völlig zur Verfügung stellen können und zu Opfern bereit sind, wenn dies erforderlich sein sollte – von solchen Menschen, Unverheirateten und Verheirateten, braucht die Welt und auch die Kirche eher mehr als weniger.

  19. Die Ehe im AT und die moderne Zivilehe

    @Joachim
    Danke für das Lob. Und ja, der Bischof hat im Sinne des Kirchenrechts entschieden. Aus heutiger Sicht mag uns das altmodisch vorkommen, aber in biblischen Zeiten wurden Ehen arrangiert. Liebesheiraten dürften eine seltene Ausnahme gewesen sein. Der Hauptzweck einer Ehe bestand darin, den Fortbestand der Familie durch männliche Nachkommen zu sichern. Deshalb gilt das Recht auf ehelichen Verkehr auch für die Frau, denn diese hatte ein Interesse daran Mutter zu werden, weil im Falle einer Verwitwung die Kinder für sie sorgen mussten. Siehe auch:
    http://www.bibelwissenschaft.de/…5383d880ee58cd/

    Die sog. Zivilehe gibt es in Deutschland noch gar nicht so lange. “Das heutige Zivilrecht in Frankreich und auch das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) in Deutschland berufen sich auf Napoleons “Code civil”. (…)
    Eine weitere Errungenschaft der napoleonischen Reformen des “Code civil” war die Zivilehe und damit eine von der Religionszugehörigkeit unabhängige Form des Ehebundes. Die Zivilehe wurde auf deutschem Boden ab 1798 zunächst in den französisch besetzten Gebieten am Rhein eingeführt. Preußen führte die Zivilehe 1874 ein und Reichskanzler Otto von Bismarck machte sie 1876 im Zuge des sogenannten Kulturkampfs gegen die katholische Kirche für das gesamte Deutsche Reich verbindlich.”
    Quelle: http://www.planet-wissen.de/…on/napoleon_top.jsp

    Ob das oben genannte Urteil etwas zur Reproduktionsrate beiträgt? In unserer Zeit sicher nicht mehr, aber es ist wahrscheinlich für alle Katholiken ein Signal, sich wieder darauf zu besinnen, dass eine kath. Ehe auf Nachkommen ausgelegt ist. Wie Michael Blume sicher bestätigen wird, sind Katholiken nicht so vermehrungsfreudig, wie manch andere Religionsgemeinschaft. Wahrscheinlich ist das darauf zurückzuführen, dass die rigiden Vorschriften, wie das Verbot die Pille zu nehmen, so weit von der Lebensrealität der modernen Menschen entfernt sind, dass sich niemand daran hält.
    Im kath. Bayern ist zwar der Staat und die Kirche noch sehr eng verquickt, was aber zur Folge hat, dass kirchliche Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeheime auch Andersgläubigen oder Konfessionslosen zur Verfügung stehen müssen, da es oft gar keine anderen Einrichtungen in der Gegend gibt. Zudem werden diese Einrichtungen heutzutage sowieso vom Staat finanziert oder zumindest bezuschusst.

    Zur Versorgungsehe schrieben Sie: “Das ist es ja gerade, was mich verblüfft. Der Versorgungsaspekt scheint für die Kirche keine entscheidende Rolle zu spielen.”

    Das kath. Kirchenrecht stammt ja noch aus feudaler Zeit, wo zwischen Herrschaft und Dienstboten unterschieden wurde. Rechte hatten da nur erstere, letztere hatten in erster Linie Pflichten. Für Dienstboten gab es z.B. in manchen Gegenden ein Heiratsverbot, d.h. sie durften entweder gar nicht heiraten oder nur Ehepartner wählen, die den gleichen Dienstherren hatten. Viele Bayern, die im 19. und 20. Jahrhundert nach Amerika auswanderten, erhofften sich dort nicht nur eine bescheidene Existenz, sondern wollten auch dem Heiratsverbot entgehen und eine eigene Familie gründen. Ein bekanntes Beispiel ist die Heimatdichterin Emerenz Meier: http://www.atelierundfriends.de/…erermuseum.html

  20. @Joachim

    Wenn Nachkommen da sind, dann kann eine Familie/Gemeinschaft längerfristig existieren – das ist nur ein praktischer Sinn von solchen Heiratsregeln. Im religiösen Sinn ist damit die langfristige Verehrung Gottes gesichert.
    Für manche Regeln gibt es mehrere Gründe, auch wenn diese nicht eindeutig benannt und niedergeschrieben wurden. Eine solche (aus heutiger Sichtweise) argumantativ hieb- und stichfeste Dokumentation war früher nicht nötig. Manche Glaubensregeln haben sich aus dem entwickelt, was sich als sinnvoll und nützlich herausgestellt hat – ohne dass jeder einzelne Nutzen schriftlich dokumentiert ist.

    Ein anderes Beispiel hierfür wären die vielen Fastenzeiten/-regeln die es früher auch in allen Kulturen gab: weil es oft wenig zu Essen gab, halfen diese sozialen Regeln, die Nahrungsvorräte zu rationieren und so das Überleben zu sichern; mit dem Gefühl etwas gesellschaftlich/gottgefällig Gutes getan zu haben. Gleichzeitig wirken diese Regeln synchronisierend für ein Gesellschaftssystem und stabilisieren es dadurch: man erkennt sofort, wer sich daran hält und wer nicht – d.h. auf wen man sich verlassen kann und auf wen eher nicht.
    Bei uns ist die Fastenzeit im Frühjahr, einer Zeit wo die Wintervorräte weitgehend aufgebraucht waren und die Natur noch nicht genug neue Nahrungsmittel lieferte

  21. Kinderzahl und Kinderzeugung

    @ Hermann Aichele In den evolutionsbiologischen Studien, die Michael Blume des Öfteren zitiert, geht es doch häufig darum, dass Religiöse im Durchschnitt mehr Kinder haben als Konfessionslose weil sie mehr Kinder zeugen. Dieses katholische Kirchenrecht betrifft doch direkt die Zeugung von Kindern, indem es nämlich unfreiwillig kinderlose Paare abschreckt dieser Religionsgemeinschaft beizutreten oder gar verhindert eine Ehe unter den Vorgaben dieser Religionsgemeinschaft zu führen. Weiterhin wird von der katholischen Kirche der Gebrauch von Kondomen und Antibabypille offiziell missbilligt. In diesem Sinne findet eine Art negative Selektion durch religionskulturelle Faktoren statt. Also nicht nur “Seid fruchtbar und mehret euch” sondern auch wer das nicht tun kann oder nicht tun möchte braucht sich nicht bei uns blicken zu lassen. Das diese negativen Faktoren wahrscheinlich nicht statistisch relevant sind habe ich ja schon ganz am Anfang meines Posts erwähnt.

  22. @ Christian Hoppe

    Sie schreiben: “Dem Autor und seinen Kommentatoren ist gemeinsam, dass sie das besondere Lebensgefühl und die besondere Lebensweise nicht verstehen, die das Katholischsein beinhaltet. Keinesfalls ist dies ein Vorwurf – denn auch die meisten (deutschen) Katholiken haben davon nur noch entfernte Ahnungen, wenn überhaupt.”

    Ja, Katholischsein beinhaltet ein anderes Lebensgefühl, aber anders als Sie es hier beschreiben. Ich bin, wie alle meine Vorfahren, in Bayern aufgewachsen und wir haben hier den Katholizismus schon mit der Muttermilch verabreicht bekommen. Ihren romantischen Vorstellungen kann ich daher leider nicht zustimmen. Der kath. Kirche geht es auch nicht um Liebe, sondern um Macht. Ihre Vorstellungen gehen hingegen eher vom Urchristentum aus. Viele Katholiken würden so eine Anschauung auch begrüßen, daher gibt es hier immer wieder große Meinungsverschiedenheiten zwischen verschiedenen Bischöfen (wie dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der jetzt neuer Chef der Glaubenskongregation in Rom ist) und den Gläubigen.

    Weiter schreiben Sie: “Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass man die katholische Kirche so sehr mit Ehe und Familie identifiziert – sodass jeder, dem die Ehe “verweigert” wird, gleich “aus der Kirche gedrängt” erscheint. – Aber es ist eigentlich ganz anders: Die katholische Kirche kennt Besseres als die gutbürgerliche Ehe. Und für diese Ehe bietet sie einen umfassenderen “Rahmen”.

    Dem stimme ich zu, siehe dazu auch meinen letzten Kommentar. Allerdings sehe ich den “umfassenden Rahmen” eher in der Machtstruktur der kath. Kirche verwirklicht.

  23. Kinderzeugung,Sex und Kirchenrecht

    @ Christian Hoppe Danke, dass Du Dich hier zu Wort gemeldet hast. Ich achte deine persönliche Glaubensauffassung. In Bezug auf die reproduktionsbiologischen Tatsachen deren Konsequenzen für die Kinderzeugung oder den Vollzugs des Beischlafs und das darauf bezogene Kirchenrecht bin ich aber trotz deiner Ausführungen leider immer noch keinen Schritt weiter.

  24. @Mona, @Joe

    @Mona
    Ich akzeptiere natürlich die Zurückweisung meiner Darstellung, aber “romantisch” ist diese sicher nicht; sie ist, denke ich, gut biblisch/neutestamentlich fundiert und daraus lässt sich z.B. eine Motivation für das (klösterliche) Leben in der Ehelosigkeit sowie in Armut und Gehorsam ableiten, das den Katholizismus stark prägt. Ich kann aber nichts dafür, dass sich die bayrische Bürgerlichkeit den guten Jesus einfach unter den Nagel gerissen und auf die Fahnen geschrieben hat.

    @Joe
    Na ja, ob das so ganz meine persönlich Glaubensüberzeugung ist, das weiß ich noch gar nicht; aber ich kann nachvollziehen, dass dieser Lebensentwurf fasziniert. Warum bist Du mit Deinem Thema mit meinem Kommentar nicht weiter? Ich versuche doch zu begründen, warum die Ehe bestimmte Voraussetzungen hat – bzw. anders herum, warum Liebesbeziehungen bestimmte Kriterien erfüllen müssen, um in der katholischen Kirche zum Zeichen bzw. Sakrament erhoben zu werden. Eine VON VORNHEREIN bekannte Unmöglichkeit oder Unwilligkeit, in dieser Beziehung Kinder zu bekommen, steht DIESEM speziellen Zeichen eben im Wege. Genau das versucht das Kirchenrecht abzubilden – wenn ich es richtig verstehe.

  25. Bürgerlichkeit @Christian Hoppe

    Ich würde jetzt nicht unbedingt von einer “Zurückweisung” sprechen. Ich schrieb ja auch, dass Ihre Ansichten durchaus mit dem Urchristentum konform gehen. Und Sie wissen selbst, dass sich nicht (nur) “die bayrische Bürgerlichkeit den guten Jesus einfach unter den Nagel gerissen und auf die Fahnen geschrieben hat.” Da gab es mächtige Vorreiter, wie das Heilige Römische Reich (später: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation), das vom Mittelalter bis zum Jahr 1806 dauerte. Erst danach gab es das Königreich Bayern, das von 1806 bis 1918 existierte und natürlich feudale Strukturen aufwies.

    Eine (erste) rechtliche Definition des Bürgerstandes stammt aus dem Jahre 1794 und ist im preußischen Landrecht festgelegt, das in Bayern erst sehr viel später eingeführt wurde. Insofern gab es in Bayern nicht viele bürgerliche Fahnen. Die kath. Religion ist jedoch in der Verfassung des Freistaates Bayern fest verankert, was ihre große Macht hierzulande erklärt. Die kath. Kirche darf z.B. auch bei weltlichen Lehrstühlen mitreden (Stichwort: Konkordatslehrstühle) und hat somit die Kontrolle über das was gelehrt oder nicht gelehrt werden darf.

  26. @ Christian Hoppe schrieb:

    “Eine VON VORNHEREIN bekannte Unmöglichkeit oder Unwilligkeit, in dieser Beziehung Kinder zu bekommen, steht DIESEM speziellen Zeichen eben im Wege.”

    Ich kenne dauerhaft gelungene unfruchtbare Liebesbeziehungen, die Kinder aus fruchtbaren aber weniger oder gar nicht gelungenen Liebesbeziehungen adoptiert haben. Was sollten diesen liebend Erziehenden bezüglich des Sakraments der Ehe im Wege stehen?

  27. @Mona, @Geoman

    Mona, klasse Antwort, mir gefällt diese wissensreiche, freundliche, aber sehr bestimmte Kritik. — Wähernd das, was man offiziell so von der Kirche zu hören bekommt, im großen Ganzen sich nicht zu unterscheiden scheint von weltlicher Politik, weiß ich eben doch von Menschen in der Kirche, die den eigentlichen “geistigen Strom” der Sache Jesu leben.

    Geoman, die Adoption ist eine Möglichkeit für Paare, die obwohl sie ursprünglich für Kinder bereit waren und in dieser Hoffnung auch geheiratet haben, dann doch keine Kinder bekommen können. — Die Frage, was bei adoptionsbereiten, nicht zeugungsfähigen Paaren im Hinblick auf die Eheschließung geschieht, finde ich jedoch zu 100% berechtigt – und kann sie nicht i.S.d. Kirchenrechts beantworten.

  28. Fruchtbarkeit?

    Wenn es der Kirche tatsächlich bei der diskutierten Bestimmung um die Fruchtbarkeit ginge, müßte sich das doch z.B. auch in Widerstand gegen die Wiederverheiratung älterer Witween zum Ausdruck kommen. Ist da etwas bekannt? – Ich denke, es geht darum, daß der (zumindet einmalige) Geschlechtsakt sehr hoch gehängt wird, und als Besiegelung der Eheschließung gilt.

  29. Alter

    Wieder ein sehr guter Punkt! Wenn man älteren Menschen jenseits der Zeugungsfähigkeit die Eheschließung ermöglicht – obwohl keine Kinder mehr zu erwarten sind – hat man keinen Grund mehr, nicht auch andere Liebes- und Lebensgemeinschaften zu sakramentaler Würde zu erheben, wenn dort aus anderen Gründen ebenfalls keine Kinder zu erwarten sind.

    Ich muss zugeben: die Sache hat doch mehr und mehr Haken, wenngleich der erste Grundgedanke vielleicht irgendwie noch nachvollziehbar rekonstruiert werden kann …

  30. Kirchliche Trauung ohne Standesamt

    @Christoph Deblon

    Witwen oder Witwer haben ja schon mal eine gültige Ehe geschlossen und demnach in der Regel auch Kinder. Da gibt es von kirchlicher Seite keine Probleme. Im Jahre 2009 wurde sogar das Personenstandsrecht geändert, das nun auch eine kirchliche Trauung ohne vorherige Eheschließung vor dem Standesamt erlaubt. Dieses Gesetz kommt in erster Linie verwitweten Personen zugute, weil sie dadurch die Hinterbliebenenrente nicht verlieren. Steuerliche Vergünstigungen, wie Ehegattensplitting etc., gibt es dadurch aber nicht.
    http://www.theology.de/…rauungohnestandesamt.php

  31. Katholische Zeugung /@Joe Dramiga

    »Er [Michael Blume] hat nachgewiesen, dass Menschen, die eine Religion praktizieren, im Durchschnitt deutlich höhere Kinderzahlen aufweisen als Konfessionsfreie. Gründe sind eigene Institutionen zur Unterstützung kinderreicher Familien wie Schulen, Hospize, Ferienlager und vieles mehr.«

    Die Gründe und Ursachen für diese beobachtete Korrelation liegen sicher nicht in den „eigenen“ Institutionen der Religiösen, zumindest nicht in Westeuropa. Zumindest hier bei uns auf dem Dorf haben die Menschen, die regelmäßig die Gottesdienste besuchen, keine *eigenen* Einrichtungen, die zu größeren Familien animieren würden.

    Die plausibelste Annahme scheint mir zu sein, dass religiöse Praxis häufig mit einem bestimmten weiblichen Rollenbild einhergeht. Die wichtigsten Faktoren bei der Familienplanung dürften immer noch sozio-ökonomischer Natur sein (sieben Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung ist einfach wenig komfortabel, um nur ein Beispiel zu nennen).

    Außerdem muss festgehalten werden, dass die Menschen, die hierzulande am allerhäufigsten in katholischen Kirchenräumen anzutreffen sind (und von den Erhebungen möglicherweise auch gar nicht erfasst wurden), in der Regel überhaupt keine Kinder haben.

    »In den evolutionsbiologischen Studien, die Michael Blume des Öfteren zitiert, geht es doch häufig darum, dass Religiöse im Durchschnitt mehr Kinder haben als Konfessionslose weil sie mehr Kinder zeugen.«

    Das kann man kaum besser auf den Punkt bringen. Und das ist wohl auch das Einzige, was wirklich empirisch gesichert ist.

    »Dieses katholische Kirchenrecht betrifft doch direkt die Zeugung von Kindern, indem es nämlich unfreiwillig kinderlose Paare abschreckt dieser Religionsgemeinschaft beizutreten oder gar verhindert eine Ehe unter den Vorgaben dieser Religionsgemeinschaft zu führen.«

    Richtig, solche an sich religiösen Paare könnten sich in der von Dir zitierten Grafik Blumes dann in der Rubrik „never“ (religious worship attendance in adults) wiederfinden. Was die Interpretation der Daten zusätzlich erschweren würde.

  32. Fruchtbarkeit2

    Mangels einer “kirchennäheren” Quelle zitiere ich dieses Aquin-Referat:

    http://schwul-und-liberal.blogspot.de/…hive.html

    “Die Einschränkung von Sexualität auf Fortpflanzung ist eher evangelisch als katholisch, jedenfalls wenn ich hier ein wenig einseitig Thomas von Aquin als wichtigsten katholischen Kirchenlehrer einsetzen darf. Sterile Ehen sind gültig. Eine Ehe ohne Geschlechtsverkehr ist “eigentlich” ungültig – eine “Josephsehe” ist nur dann gültig, wenn sichergestellt ist, dass beide Partner aus freien Stücken dem Verzicht auf Geschlechtsverkehr zugestimmt haben. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist nach Thomas der Urgrund der Ehe und Zeichen der Verbundenheit der Eheleute. Eine Gründung im Wunsch nach Fortplanzung besteht nicht, denn ob ein Kind gezeugt würde, läge sowieso in Gottes Hand. Das ist konsequent gedacht: Falls die Ehe nur auf Zeugung von Nachwuchs und der Sicherung von dessen Aufzucht gerichtet sei, so sagt Thomas ausdrücklich, dann müsste sie ja nach den Wechseljahren der Frau und dem Erwachsenwerden der Kinder aufhören zu bestehen.”

  33. Ius divinum und Thomas von Aquin

    @ Christoph Deblon Danke für die Erläuterungen des Thomas von Aquin. Das erklärt für mich einiges. Problematisch in Bezug auf die impotentia coeundi finde ich besonders, dass es unter einem ius divinum geregelt ist.

    Als ius divinum wird das Recht betrachtet, das sich unmittelbar auf den Willen Gottes zurückführen lässt. Es gilt als vorgegeben, überzeitlich und dem übrigen kirchlichen Recht übergeordnet. Göttliches Recht kann demzufolge vom kirchlichen Gesetzgeber nicht geändert oder aufgehoben werden.

  34. Frauenthemen @Balanus

    Ich denke auch, “dass religiöse Praxis häufig mit einem bestimmten weiblichen Rollenbild einhergeht.” Wir fragen uns immer nur, warum religiöse Frauen mehr Kinder bekommen, drehen wir den Spieß doch mal um und fragen uns, was die Gründe sind, warum Frauen weniger Kinder bekommen. In Afrika beispielsweise sinken die Geburtenraten, sobald Frauen Zugang zu einer weiterführenden Bildung erhalten und damit nicht mehr allein auf die angestammte Frauenrolle festgelegt sind.
    http://www.kfw-entwicklungsbank.de/…04_41000.jsp
    Und hier:
    http://www.berlin-institut.org/…usforderung.html

    In den entwickelten Ländern, wie Deutschland, hängt die Geburtenrate anscheinend wesentlich von der Anzahl der Betreuungseinrichtungen für Kinder ab, das erklärt auch, warum in vielen östlichen Bundesländern mehr Kinder geboren werden, als im Westen. Das kath. Bayern rangiert, bezüglich der Geburtenrate, nur mehr vor den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg, sowie dem Saarland.
    http://de.statista.com/…-pro-frau-2007-und-2008/

    Kinderbetreuung ist demnach auch das häufigste Frauenthema. Die hier verlinkte Studie stammt zwar aus Österreich, aber in Deutschland dürfte es ähnlich sein. http://diestandard.at/…as-haeufigste-Frauenthema

  35. @ Mona

    In den entwickelten Ländern, wie Deutschland, hängt die Geburtenrate anscheinend wesentlich von der Anzahl der Betreuungseinrichtungen für Kinder ab, das erklärt auch, warum in vielen östlichen Bundesländern mehr Kinder geboren werden, als im Westen.

    Das ist keine Erklärung, sondern eine Mutmaßung. Den Zusammenhang zwischen den beiden Zahlen herzustellen dürfte sehr schwierig sein. Das kann auch andere Gründe haben.

  36. @Martin Huhn

    Das sollte auch keine “Erklärung” sein, sondern war in der Tat als Mutmaßung gemeint, daher schrieb ich ja “anscheinend”. Außerdem dachte ich da in erster Linie an Bayern und hier schaut es mit Bereuungseinrichtungen wirklich nicht so gut aus.

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