Die Spanische Fliege ist ein Käfer

1772 verklagten zwei Prostituierte in Marseille den Marquis de Sade: Er habe sie mit Anispastillen vergiftet, die mit dem Öl der Spanischen Fliege bestrichen waren. Mit diesen Pastillen habe er sie sich, für Gruppensex und Analverkehr, gefügig gemacht, so ihr Vorwurf. Die Richter verurteilten daraufhin den Marquise in Abwesenheit – er war bereits nach Italien geflohen – zum Tode1.

Die Spanische Fliege (Lytta vesicatoria) ist ein Käfer, der zur Familie der Ölkäfer (Meloidae) gehört. Ölkäfer werden sie deshalb genannt, weil sie bei Berührung ein öliges Wehrsekret aus den Mundwerkzeugen und den Beingelenken tropfenförmig auspressen. Nur die Männchen produzieren dieses Wehrsekret, das in der Hämolymphe und in den Anhangsdrüsen der männlichen Geschlechtsorgane gespeichert wird. Während der Paarung übertragen die Männchen das Wehrsekret auf die Weibchen, die damit nach der Paarung ihre Eier bestreichen, um den Nachwuchs vor Fressfeinden zu schützen.

Credit: By Stefanie Hamm [Public domain], from Wikimedia Commons Die Spanische Fliege (Lytta vesicatoria) ist ein Ölkäfer.

Das Wehrsekret enthält Cantharidin2, ein starkes Reizgift, dem die aphrodisische Wirkung nachgesagt wird. Auf der Haut und vor allem auf den Schleimhäuten des Menschen löst es die sehr schmerzhafte Bildung von Blasen3 aus, die Brandblasen sehr ähnlich sind.

Der Verzehr von Cantharidin wirkt stark anregend auf den Harntrakt und führt zu einem kribbelnden Gefühl, bei Männern zu einer anhaltenden aber ziemlich schmerzhaften Erektion. Es kommt zu einem starken Harndrang – während das Wasserlassen gleichzeitig blockiert ist. Weitere Folgen sind eine Blasenentzündung, Blut im Harn und eine Schädigung der Nieren4.

Die Strukturformel von Cantharidin

Mit einigen dieser Symptome hatten Napoleons Soldaten bei seinem Ägypten-Feldzug im Juli 1798 zu kämpfen. Sie hatten in den Sümpfen des ägyptischen Nildeltas Frösche gefangen und verspeist. Diese ernährten sich vor allem von diesen Ölkäfern und lagerten das Cantharidin ein, ohne selbst Schaden daran zu nehmen.

Bei der Familie der Feuerkäfer (Pyrochroidae) ist Cantharidin ein Lockpheromon, welches die Männchen attraktiv für die Weibchen macht. Auch beim Blumenkäfer (Anthicus floralis) spielt Cantharidin eine Rolle bei der Paarung: Die Weibchen überprüfen vor der Paarung den Cantharidingehalt der Vorratsbehälter unter den Flügeln der Männchen und machen davon ihre Paarungswilligkeit abhängig. Die Blumenkäfer können den Stoff allerdings nicht selbst produzieren, sondern entnehmen ihn toten Ölkäfern.

Fußnoten

1. Er wurde später in einem Berufungsverfahren freigesprochen.

2. Cantharidin (C10H12O4) ist ein Monoterpen, das 1810 von dem französischen Chemiker Pierre Jean Robiquet isoliert wurde.

3. Cantharidin wird von den Lipidmembranen der Epidermiszellen aufgenommen, wodurch Serinproteasen freigesetzt werden, Enzyme, die die Peptidbindungen in Proteinen spalten. Das verursacht den Zerfall von Desmosomal-Plaques, zellulären Strukturen, die an der Zell-Zell-Adhäsion beteiligt sind, was zu einer Ablösung der Tonofilamente führt, die Zellen zusammenhalten. Der Prozess führt zum Verlust zellulärer Verbindungen (Akantholyse) und letztlich zur Blasenbildung der Haut.

4. Die für den Menschen geringste tödliche Dosis LDLo liegt bei etwa 0,5 mg/kg Körpergewicht

Weiterführende Literatur

Game of Insect Males

    Veröffentlicht von

    Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

    4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    1. Insbesondere per se nicht-reproduktive Sexualität ist, soweit dies der Schreiber dieser Zeilen beurteilen kann, als eher Fachfremder, mit dem Gebrauch von Wirkstoffen verbunden, die enthemmen, sozusagen öffnen sollen.

      Intellektuell, auch sittlich niedrig, muss hier nicht näher eingegangen werden, Sie, werter Joe, sind womöglich bis hoffentlich straight, wie es sich womöglich auch gehört, und nicht fern der dbzgl. Gepflogenheiten anzutreffen.
      Dr. W amüsiert sich allerdings, dies darf eingeräumt werden, gelegentlich über Schilderungen aus der sozusagen sexuell aggregierten Szene, bspw. auch aus dem Hause Berghain (Berlin).
      Köstlich, was von dort berichtet wird, oder?

      MFG + schöne Woche,
      Dr. Webbaer

    2. Joe Dramiga schrieb (8. April 2018):
      > […] 2. Cantharidin (C10H12O4) […]

      > Die Strukturformel von Cantharidin [ https://scilogs.spektrum.de/die-sankore-schriften/files/Cantharidin.svg_.png ]

      Die Struktur von Cantharidin entspricht wohl eher der folgenden (als Keilstrichformel gezeigten):
      https://en.wikipedia.org/wiki/File:Cantharidin_structure.png

      p.s.
      SciLogs-Kommentar-HTML-Formatierungs-Test:

      “C<sub>10</sub>H<sub>12</sub>O<sub>4</sub>” wird dargestellt als “C10H12O4”.

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