Die Sankoré-Schriften

BLOG: Die Sankore Schriften

Die Welt ist voller Rätsel
Die Sankore Schriften

Für den Philosophen Hegel war Afrika ein geschichtsloser Kontinent – dieses falsche Bild korrigierte bereits der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth (1821-1865), nachdem er im malischen Timbuktu 1853/54 die Sankoré-Schriften studierte. Trotzdem war in Europa noch hundert Jahre später wenig bekannt über dieses afrikanische Schrifterbe. Wertvolle Handschriften, von Frankreich während seiner Kolonialherrschaft in Mali geraubt, lagen unbeachtet in der Pariser Nationalbibliothek. Der britische Afrikanist John Hunwick begann mit seinen Manuskriptforschungen 1965 – ohne zu ahnen, welche Menge an Schriftstücken auftauchen würde.  

Die malische Stadt Timbuktu 1828
Abb.1: Die malische Stadt Timbuktu 1828

Laut den Chroniken kam der malische Herrscher Mansa Musa auf der Rückkehr von seiner Reise nach Kairo, im Jahr 1325,  durch die Handelsstadt Timbuktu. Timbuktu gewährte allen Völkern und Religionen Gastrecht und förderte damit ein Klima intellektueller Vielfalt und Toleranz. Mansa Musa war so beeindruckt vom geistigen und sozialen Milieu dieser Stadt, dass er den andalusischen Architekten Abu Ishak al-Sahili damit beauftragte, die Sankoré-Moschee neu zu erbauen. Sie sollte zur Universität werden.

Damals hatte das Arabische in Teilen Nord- und Westafrikas eine ähnliche Rolle wie das Latein in den Klöstern und Universitäten des europäischen Mittelalters. Es war über Jahrhunderte die Schriftsprache der geistigen und religiösen Eliten. Im Arabischen ist „Dschamîa“ (Universität) die feminine Form des Wortes „Dschâmî“(Moschee). Diese sprachliche Bedeutungsnähe ist ein Hinweis darauf, dass im Arabischen Gebetsorte und Hochschulen in direkter Beziehung zueinander standen und dass sich die islamischen Universitäten an die Moscheen angliederten. So ist es nicht verwunderlich, dass einige Moscheen gleichzeitig die ältesten Universitäten darstellen. Hier gibt es eine Parallele zu den christlichen Klöstern in Europa: Die ersten Universitäten in Europa schlossen sich häufig an die alten Kloster- und Domschulen an, unter denen schon im 8. und 9. Jahrhundert einzelne, wie beispielsweise Tours, St. Gallen, Fulda, Lüttich, Paris als scholae publicae zahlreiche Schüler von auswärts an sich gezogen hatten. Die Mönche übernahmen die Rolle der Traditionsbewahrung und –vermittlung. Die Klöster wurden zum Bewahrer der theologischen und antiken Schriften.  

Die Sankoré Universität in Timbuktu, Mali
Abb.2: Die Sankoré Universität in Timbuktu

Neben dem Studium des Korans wurde in Sankoré, wo der Unterricht in den Vorhöfen der Universität im Freien stattfand, ein breites Spektrum an Fächern angeboten. Die Studenten wurden in Handel, Arbeitsethik, Schneiderei, Landwirtschaft ausgebildet.

Bei den Handschriften der Universität Sankoré, die bis in das 14.Jahrhundert zurückgehen, handelt es sich keineswegs ausschließlich um Abschriften oder Auslegungen des Korans; mehrheitlich behandeln die Texte Fragen des Rechts, der Mathematik, Astronomie, Biologie, Medizin und weiterer Disziplinen. Auch Chroniken, Huldigungen, Ratgeber und Korrespondenzen finden sich darunter.

Viele Schriften kamen erst in den letzten Jahrzehnten ans Licht. Im 17. und 20. Jahrhundert litten die Bürger Timbuktus erst unter der marokkanischen, dann unter der französischen Besatzung. Notabeln und Gelehrte versteckten ihre Bibliotheken oder mauerten sie zum Schutz vor Schändung und Raub ein. Im 18. und 19. Jahrhundert kam zusätzlich zu den Schriften auf Arabisch eine reiche Literatur in afrikanischen Sprachen hinzu, die sogenannte Ajami-Literatur, die sich der arabischen Schrift  bediente.

Zwei Handschriften über Astronomie
Abb.3: Zwei Handschriften aus Timbuktu über Astronomie

Die meisten Handschriften von Timbuktu (Schätzungen gehen von 300 000 bis 700 000 aus) gehören allerdings nicht der Universität Sankoré sondern waren und sind zu einem großen Teil im Besitz eingesessener Familien oder privater Sammlungen. Um die wichtigsten Bestände vor der Vergessenheit und dem Zerfall zu retten und öffentlich zugänglich zu machen wurde das Ahmed-Baba-Institut  gegründet. Es platzt jedoch aus allen Nähten. Vor 40 Jahren für die Archivierung von 5000 Manuskripten erbaut, beherbergt es mittlerweile über 30 000 Schriften; 5000 davon wurden bereits restauriert und archiviert. Tatsächlich sind die Bibliotheken vor allem der Beweis, "dass Afrika seit nahezu tausend Jahren am islamischen Wissen teilhat", meint der deutsche Islamwissenschaftler Albrecht Hofheinz; er betreut an der Universität Oslo ein Projekt zur Digitalisierung der Handschriften.

Ein Dokumentarfilm der amerikanischen Ford Foundation über die Handschriften von Timbuktu
 
Ein Dokumentarfilm des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera über die Handschriften von Timbuktu
 

 

Weiterführende Links

Bibliotheken in der Wüste am Beispiel der Stadt Timbuktu

Ein neues Haus für die Handschriften von Timbuktu

Aus den Sandlöchern in die digitale Bibliothek

Kick it like Einstein: Der Islam in Ghana – Gastbeitrag von Max Heidelberger

Bildnachweis

Abb.1  "Die malische Stadt Timbuktu 1828“

English: Original caption: "Vue d’une partie de la ville de Temboctou, prise du sommet d’une colline, à l’Est-Nord-Est." Timbuktu looking west. Caillié had visited Timbuktu is 1828. Three mosques are depicted. In the foreground is the Sidi Yahia Mosque. On the right hand side is the Sankoré Mosque. In the middle distance is the Grand Mosque (Djingareyber Mosque).

Source: Caillié, René (1830), Journal d’un voyage à Temboctou et à Jenné, dans l’Afrique Centrale: précédé d’observations faites chez les Maures Braknas, les Nalous et d’autres peuples; pendant les années 1824, 1825, 1826, 1827, 1828, Volume 2, Paris: Imprimerie Royale. Plate 6 between pages 310 and 311. Downloaded from Gallica

Autor: René Caillié (1799-1838)

Quelle: Wikimedia Commons

Abb.2 "Die Sankoré Universität in Timbuktu"

Sankore Mosque, Timbuktu once one of the largest universities in the islamic world
Autor: "upyernoz"

Quelle: Wikimedia Commons

Lizenz:Attribution 2.0 Generic

Abb.3 "Zwei Handschriften aus Timbuktu über Astronomie "

Quelle: Wikimedia Commons

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

12 Kommentare

  1. Übersetzungen

    Gibt es eigentlich auch Übersetzungen der alten Schriften in europäische Sprachen?
    Denn so würde das Wissen einer breiten Öffentlichkeit und Forschung zugänglich. Wissen, welches nur in Blatt- bzw. Buchform konserviert wird, ist nahezu wertlos

  2. Aha, jetzt weiß ich endlich, was es mit dem Blognamen auf sich hat.

    Finde ich schon heftig, daß für Hegel Afrika keine Geschichte hatte. Wie kann man so eine Behauptung aufstellen?

    Wie ist es mit Äthiopien? Gibt es da vergleichbares zu berichten? Das Christentum ist ja auch eine Schriftreligion und somit müßte es in Äthiopien doch auch Schriften geben.

  3. @KRichard

    Laut des Blogs Bibliothekarisch.de http://bibliothekarisch.de/…stadt-timbuktu-mali/

    sind gerade 12 wissenschaftlichen Institutionen in Europa mit den Handschriften beschäftigt. Wahrscheinlich gibt es schon vereinzelt Übersetzungen für die Experten aber ich denke kaum für die breite Öffentlichkeit.

  4. @Martin Huhn

    Bestimmt gibt es sowas auch in Äthiopien. Ich werde mal einen äthiopischen Freund von mir fragen.

  5. @KRichard

    Ich habe mich in meinem vorigen Kommentar vertan. Ich meinte “in Timbuktu” nicht “in Europa”.

  6. Klasse!

    Was für ein spannender Blogpost! Ich hatte über die Schriften schon verschiedentlich gelesen, aber da harren ja noch Schätze der Entdeckung!

    Spannend finde ich auch das Neuro-Forschungsfeld des Bloggers! Werden wir auch darüber einmal zu lesen bekommen? *Hoff* Auf jeden Fall schon mal ein “Herzlich Willkommen!”

  7. Ge’ez das

    @Martin Huhn

    In Äthiopien gibt es Ge’ez das “Latein” Äthiopiens. Es ist eine semitische Sprache und eine Schrift. Das Schriftsystem für Ge’ez wurde von dem südarabischen Alphabet abgeleitet. Es gab damals 33 Buchstaben in Ge’ez. Im Gegensatz zur arabischen Schrift wurde Ge’ez aber von links nach rechts geschrieben. Die ersten schriftlichen Zeugnisse auf Ge’ez stammen aus dem 1. Jahrhundert nach Christus,aus dem alten Reich von Aksum (heutiges Nordäthiopien/Eritrea). Nach der Übernahme des Christentums als Staatsreligion (4. Jahrhundert) wird Ge’ez die Sprache der Liturgie und Kirchenliteratur. Texte in Ge’ez sind in vielen tausenden Handschriften überliefert.

  8. @Michael Blume

    vielen Dank für das herzliche Willkommen.
    Ich bin auch gespannt was die Schriften zu Tage fördern. Mich interessiert was die Menschen damals gedacht haben.
    Ich werde demnächst auch wieder über Neurothemen bloggen.

  9. @ Dramiga

    Schönen Dank für die Recherche.

    In der Bibel in Apostelgeschichte 8, 26-39 wird von einem Kämmerer aus Äthiopien berichtet, der im Propheten Jesaja gelesen hat. Wird wohl in Hebräisch gewesen sein. Der hat sich dann später von Philippus taufen lassen und ist wieder nach Äthiopien zurückgekehrt. Von daher dachte ich mir, mußte es dort christliche Literatur geben.

  10. Pingback:Romeo, Julia und der Tod - Interview mit Joe Dramiga » Freistetter talkt » SciLogs - Wissenschaftsblogs

  11. Aus meinem Blog:
    “Für Goethe hatte die indigene Bevölkerung in Mimik und Tanz ‘große Ähnlichkeit mit den Affen’. Immanuel Kannt, der Königsberger Moralist, befand in seiner ‘Menschenkunde oder philosophischen Anthropologie’ über die Ureinwohner kategorisch: ‘Das Volk der Amerikaner nimmt keine Bildung an. Es hat keine Triebfeder … Sie … sorgen auch für nichts und sind faul.’ Der Zyniker Hegel hatte sein Ohr ganz am Puls der Zeit des europäischen Rassismus: Die ‘Wälder Brasiliens’ hallten ihm wider von ‘fast unartikulierten Tönen entarteter Menschen’.”
    Goethe, Kant, Hegel… Glaubt nicht an die klugen Köpfe! “Bildung” entsteht nicht in der Studierstube und bedeutet nicht die Kenntnis des Werkes der Geistesgrößen, Bildung hat etwas mit “sich ein Bild machen” zu tun, mit Hinreisen und schauen. So wie z. B. Alexander von Humboldt es getan hat.
    Das Zitat stammt aus dem ZEIT-Artikel http://www.zeit.de/2008/52/DOS-Die-zweite-Entdeckung-Amerikas

  12. Pingback:Die Promotion schadet der geistigen Gesundheit » Detritus » SciLogs - Wissenschaftsblogs

Schreibe einen Kommentar