Der bürgerliche Lebensstil als kulturimperialistisches Instrument im Belgisch-Kongo

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Die Sankore Schriften

Als der Kongo belgische Kolonie war, lebten die Belgier dort in abgeschotteten Wohnvierteln. Diese kleine Elite von Kaufleuten, Beamten, Lehrern, Ärzten, Ingenieuren legte Wert auf Bildung, die Familie und die Kultivierung ihrer Privatsphäre. Sie beeinflusste nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens nach ihren bürgerlichen Vorstellungen und konnte demzufolge, nach Max Webers Definition von Macht, als die herrschende Klasse im Kongo bezeichnet werden. 

Die belgische Bürgerkultur und die Évolués

Bürgerliche Kultur beschrieb den einzig wahren Lebensstil, die einzig legitime Weltsicht, weil sie den Anspruch erhob, Bürgerkultur zu sein. Diesem Anspruch widersprach sie gleichzeitig durch eine, an Habitus und Ethos gebundene Verbindlichkeit. Konnte man den bürgerlichen Habitus mit all seinen Symbolformen nicht aufweisen oder stellte man ihn partiell in Frage, war man vom modernen Gesellschaftleben ausgeschlossen.

An der beliebten Salon- und Festkultur beispielsweise konnte nur teilnehmen, wer ein bestimmtes Erscheinungsbild, im Bezug auf Kleidung, Frisur und Körperhaltung besaß, sich gewählt auszudrücken und Gespräche über gesellschaftlich relevante Themen zu führen wusste. Der Besuch von Kultur- und Bildungseinrichtungen, Museen und Kunstwerkstätten oder auch der regelmäßige Diskurs über Politik, Wissenschaft und Philosophie in Lesegesellschaften und Vereinen setzte eine gewisse Allgemeinbildung voraus, die nur eine Minderheit der Gesellschaft von Haus aus mitbrachte. Diese öffentlichen Umgangsformen wirkten einerseits identitätsstiftend nach Innen und andererseits sozial ausgrenzend nach Außen, denn „[w]er die kulturellen Regeln nicht beherrschte,wird [sic] durch sie ausgeschlossen.“

Wider aller wertebezogener Ziele, eine Kultur für Jedermann zu schaffen, funktionierte die soziale Praxis des Bürgertums distinktiv, „um ein gewisses Maß an bürgerliche Exklusivität zu erhalten“ und  vereinheitlichend,  um  als  Gruppierung  überhaupt  zu  existieren. Die  Klassifizierung Bürgertum geschieht also auf Grund der ähnlichen Verhaltensmuster,der bürgerlichen Kultur, und ihrer Abgrenzung zu anderen Gruppen.

So beschreibt Katharina Thielen in ihrem Fachartikel [1] die Kultur des deutschen Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert. Was sie dort beschreibt, galt jedoch genauso für die Kultur des belgischen Exilbürgertums im Kongo: Sie war ihren Werten nach allumfassend in der Praxis jedoch sozial ausgrenzend – und das bekam besonders die kleine Schicht der gebildeten Kongolesen zu spüren:

Ihnen wurden begrenzte Privilegien in Aussicht gestellt, z. B. der Besuch öffentlicher Einrichtungen, Spazierengehen nach Einbruch der Dunkelheit, Kauf alkoholischer Getränke, bessere Behandlung in Krankenhäusern, Zugang zu Kabinen auf Schiffen. Voraussetzungen waren ein bestimmtes Bildungsniveau, die Zugehörigkeit zum Christentum und der Erwerb des offiziellen Titels Évolué (Zivilisierter) [2]. Dafür mussten die Bewerber sich einem aufwendigen und erniedrigenden Eignungstest unterziehen, der darin bestand, dass sie bei unangemeldeten Hausbesuchen auf unterschiedlichste Attribute und Verhaltensweisen hin überprüft wurden: Monogamie, Sauberkeit im Haus, Kurzhaarfrisur, Tragen gebügelter Kleidung, Unterhose und polierte Schuhe. Essen mit Besteck und am Tisch und schließlich: immer ein Taschentuch dabeihaben.

Auf die Kontrolle der bürgerlichen Lebensführung folgte eine Abschlussprüfung, bei der man die Gesinnung des Bewerbers unter die Lupe nahm. Als Lumumba, der erste Premierminister des unabhängigen Kongo, sich 1953 zu dieser sogenannten „Immatrikulation“ meldet, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können, wird er nach seiner Lektüre gefragt. Seine Angaben – Bücher zur Politik, Geschichte und den französischen Kolonien in Afrika – erscheinen verdächtig, und er besteht die Prüfung erst im zweiten Anlauf.

Lumumba erkennt die perfide Strategie der Entfremdung, die Bevölkerung in „Eingeborene“ und „Évolués“, zu spalten, die vor allem als Puffer zwischen der Bevölkerung und den Besatzern dienen sollen, und analysiert sie in seinen Schriften. Er fordert die Kongolesen auf, die Werte der afrikanischen Kultur zu bewahren und mit den brauchbaren Elementen der europäischen Kultur zu verbinden.

Mobutus kulturelles Programm der Authenticité

Nous sommes â la recherche de notre authenticité

Joseph-Desiré Mobutu, Februar 1971

Im Oktober 1970 lässt der kongolesische Diktator Joseph-Desiré Mobutu das Land in Republik von Zaire umbenennen. Im Februar 1971 greift er Lumumbas Idee auf und entwickelt das mit dem Begriff Authenticité umschriebene kulturelle Programm der nationalen Integration, das später auch als Mobutuismus bezeichnet wurde [3].

Der Kongo habe seine Seele und seine Würde verloren, so Mobutu, er müsse sie wieder entdecken und wieder beleben. Das Bewusstsein für eigene Leistungen in Kultur und Gesellschaft gelte es wieder wachzurufen. Kongolesische Traditionen, Nähe zur Natur, Bindung an die Gemeinschaft, gegenseitige Hilfe, Achtung von Älteren und Ahnen wurden dabei betont. Die Werte der Vorfahren sollten als Quelle der eigenen Erneuerung und Entwicklung dienen. Authenticité war demnach die Überwindung kolonial induzierter Entfremdung, die Besinnung auf die eigene Persönlichkeit und Identität. Mobutu beauftragte seinen Berater Sakombi Inongo die Ideen der Authenticité durch Reden und Bücher ins Volk zu tragen.

Als äußeres Zeichen der Abkehr von ihrer kolonialen Vergangenheit war es den Kongolesen von nun an verboten europäische Anzüge und Krawatten zu tragen. Mobutu schrieb den Männern vor den kurzärmeligen Abacost, eine Abkürzung für die französische Forderung “à bas le costume” (wörtlich “Runter mit dem Anzug”), zu tragen. Der Abacost ähnelte sehr dem chinesischen Mao-Anzug. Im Februar 1972 wurden alle christlichen Vornamen afrikanisiert.

Ab Mitte der 70er erlahmte die Authenticité, unter anderem, da der betriebene Personenkult um Mobutu nicht den gewünschten Erfolg beim Volk zeigte. Mit dem beginnenden Machtverlust Mobutus ab 1990 wurden neben dem Abacost auch Anzüge und Krawatten nach westlichem Vorbild wieder offiziell zugelassen.

Weiterführende Literatur

[1] Katharina Thielen, (2011), Die Macht des Bürgertums im 19. Jahrhundert – Auswirkungen des bürgerlichen Wertesystems auf die Gesellschaft, Skriptum 1, Nr. 2, S. 66-85

[2] Joséphine T. Mulumba, (2014), PATRICE ĖMĖRY LUMUMBA – Eine Kongolesische Tragödie, In “Visionäre Afrikas“ S. 287 -293, Peter Hammer Verlag

[3] Dietmar Rieger (Herausgeber), Stephanie Wodianka (Herausgeber), Klaudia Knabel (Herausgeber), (2005), Nationale Mythen – kollektive Symbole (Formen der Erinnerung) Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht; Auflage: 1., Aufl.

Aimé Césaire, (1966), IM KONGO, Ein Stück über Patrice Lumumba, Verlag Klaus Wagenbach Berlin

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

9 Kommentare

  1. Heute liest man in der Wikipedia über Mobutu Sese Seko:

    Mobutu herrschte in einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas.

    Zur Festigung seiner noch jungen Herrschaft benutzte er eine Kombination aus Gewalt, Korruption und der frühzeitigen Ausschaltung möglicher alternativer Machtzentren, eine Kombination, die für seine ganze weitere Herrschaft prägend blieb. Hierzu engagierte Mobutu auch ausländische Söldnertruppen. Anders als die bisherigen Politiker des jungen Landes fand er seine Machtbasis nicht in einer Partei oder einer Ethnie (also in irgendeiner Weise dem „Volk“), sondern im von ihm kontrollierten Militär und in seinem Verbündeten, den USA.

    Wenn also Mobutu sich gegen den Kolonialismus auflehnte, so engagierte er dennoch ausländische Màchte wie die USA und Frankreich um sein Volk zu unterdrücken. Das scheint mir ein Widerspruch zum Anspruch den er stellte.

  2. Um zum Bildungsbürgertum gehören musste man also bestimmte Kriterien erfüllen, die in der Kolonie Belgisch-Kongo sogar explizit überprüft wurden. Wer den Test bestand und aufgenommen wurde gehörte damit fast schon zu den Kolonisten.
    Es wäre eine interessante Frage, welche heutigen Regierungen in Afrika, die ja jetzt nach der Entkolonialisierung und Unabhängigkeit aus Einheimischen bestehen sich so verhalten wie diejenigen, die von den Kolonisten als Évolué betrachtet wurden. Oder mit anderen Worten: Gibt es Regierungen in Afrika, die sich selbst ähnlich verhalten wie die ehemaligen Kolonisatoren?

  3. Skuril , und scheinbar so weit weg , diese militante Bürgerlichkeit und ihr anmaßender Anspruch , Andere zu erniedrigen und ihnen fortwährend zu sagen , wie sie zu leben haben. Oder doch nicht?

  4. Interessant vielleicht, zumindest für Cineasten, vielleicht auch in diesem Zusammenhang die französische Kolonisierung Vietnams, der in ‘Apocalypse Now’ ein eigenes Kapitel gewidmet worden ist.

    Ganz am Rande angefragt würde den Schreiber dieser Zeilen auch interessieren, ob der werte hiesige Inhaltegeber in Bezug auf seine Vorfahren vielleicht irgendwie kolonial geprägt ist.

    MFG
    Dr. W

  5. Pingback:Markierungen 05/22/2015 - Snippets

  6. Die Kultur der Kolonisatoren bestimmte und bestimmt immer noch auch die Kultur der Kolonisierten. Das lässt sich in Indien aber auch in Afrika feststellen. Der Versuch eine eigene, authentische Position aufzubauen ist eine natürliche Gegenreaktion, die aber weitgehend zum Scheitern verurteilt ist, wenn das tägliche Leben durch die neue Kultur, die die Moderne brachte, bestimmt wird.

    Wenn die Kolonisatoren dann noch Ausgrenzung pflegten, selbst gegenüber den gebildeten Kolonisierten, die ja die natürlichen Kandidaten für die ersten postkolonialistischen Regierungen waren, dann kann man sich zunehmend vorstellen wie schwierig der Weg in die Unabhängigkeit für die ehemaligen Kolonialländer war. Wie das Beispiel Belgisch-Kongo zeigt, genügte eigentlich nicht einmal Bildung, Habitus und Verhalten um in der Gesellschaft der Kolonisten akzeptiert zu sein und aufgenommen zu werden, nein, es brauchte auch noch die richtige politische Gesinnung dazu. Andernfalls war man ein Feind, der recht skrupellos liquidiert wurde wie das bei Lumumba durch eine stille Einigung zwischen den USA,den belgischen Kolonisatoren und ihren Getreuen wie dem damaligen Offizier Mobutu, der Fall war.

    • @ Herr Holzherr :
      Die Kolonisation [1] war ein Macht- wie Zivilisationsmittel, das so wie so gesehen werden darf. [2]

      Beim vorgefahrenen Text, dem werten Inhaltegeber sei Dank, fallen dem Schreiber dieser Zeilen u.a. die Überschrift ‘Der bürgerliche Lebensstil als kulturimperialistisches Instrument im Belgisch-Kongo‘, Einschätzungen wie ‘die perfide Strategie der Entfremdung’ und der lakonische Exit mit ‘ab 1990 wurden neben dem Abacost auch Anzüge und Krawatten nach westlichem Vorbild wieder offiziell zugelassen’ auf.
      Insofern würde fast auf Humor getippt werden, hier.

      MFG
      Dr. W

      [1]
      ‘Cultivare’, ‘Kultur’ etc. stecken drin.

      [2]
      Sentinelesen u.a. ausgenommen.

  7. ZITAT: “Das Bewusstsein für eigene Leistungen in Kultur und Gesellschaft gelte es wieder wachzurufen.”

    Weder Kultur noch Gesellschaft können durch irgendwelche “Besinnungen” und “Wachrufungen” auf mehr oder weniger vergangene “Werte” oder “Leistungen” geschaffen werden. Kultur und Gesellschaftsmodelle sind Prozesse die sich dauerhaft und authentisch nur aus der tatsächlichen täglichen Lebenspraxis heraus, also von “ganz unten” her, entwickeln können. Alles andere ist aufgesetzt und künstlich und führt zum schlussendlichen Niedergang.

    Die tatsächliche HEUTIGE Lebenspraxis nicht nur in Ländern wie dem ehemaligen Belgisch-Kongo ist aber eine solche, die der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung eine sich selbst erhaltende freie Lebenspraxis verwehrt. Die Menschen werden ÜBERALL in Abhängigkeit von “Unternehmern” oder staatlichen Institutionen gehalten, die es den BÜRGERLICHEN, den Geld besitzenden Herrschenden ermöglicht, die gesamten de facto gesellschaftlichen “Erträge” für ihre eigenen, letztlich sehr zweifelhaften Privatbedürfnisse nach Glanz, Schein und Macht zu befriedigen.

    Der bürgerlich europäische Lebensstil ist genauso entfremdet wie derjenige der afrikanischen Einheimischen, die Anzüge tragen oder mit Messer und Gabel essen müssen, um als “entwickelte” Menschen (évolués) angesehen zu werden. Evolué mit “zivilisiert” zu übersetzen ist ziemlich unglücklich. Es sollte besser “entwickelt” heißen. Der “évolué” wäre dann ein Kongolese, der die westlich bürgerliche Grundentfremdung zumindest oberflächlich “entwickelt” und angenommen hat.

    Wer die afrikanische Elite z.B. im diplomatischen Paris beobachtet, weiß, wie tief diese Entfremdung bei den HEUTE vor Ort herrschenden in Afrika entwickelt ist. Das galt/gilt genauso für Ghadafi wie für Mobutu oder Zuma.

    Nicht nur die Afrikaner, sondern alle ehemaligen kolonisierten Völker und vor allem die ehemaligen Kolonialvölker selbst MÜSSEN diese Bürgerlichkeit, diesen bloßen Schein von Kultur über Bord werfen (und zwar ganz kleinteilig und bescheiden von ganz “unten” her), wenn sie für ihre Nachkommen eine nachhaltige und lebenswerte soziale wie ökologische Zukunft vorbereiten möchten. Der bürgerliche Lebensstil bedeutet nichts anderes als bloßes Gerede von “Werten” und in der Praxis: “Nach mir die Sintflut” …

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