Daten für die Kosten-Nutzen-Analyse der Corona-Schließungen

Damit das Coronavirus SARS-CoV-2 sich langsamer ausbreitet, beschlossen Bund und Länder am 16. März 2020 das öffentliche Leben weitreichend einzuschränken. Diese Beschlüsse schadeten manchen Bereichen1 der Wirtschaft sehr. Die Politiker entschieden nämlich alle Geschäfte zu schließen, die nicht zur Versorgung der Bevölkerung notwendig sind wie z. B. Diskotheken, Restaurants, Theater und Museen. Offen blieben hingegen z. B. Supermärkte, Apotheken, Banken und Poststellen. Dieser Geschäfte öffneten aber unter Auflagen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen.

Immer wieder gab es Stimmen, die bemängelten, dass diese Entscheidungen zwar plausibel waren, aber nicht von Daten unterstützt wurden. Das kann sich in Zukunft, sollte es im Herbst zu einer zweiten Infektionswelle kommen, zumindest für die USA ändern, denn Wirtschaftswissenschaftler vom Massachuetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA haben, angelehnt an das North American Industry Classification System (NAICS), Geschäfte in den USA in 26 Branchen eingeteilt und sich unter zwei Aspekten angeschaut: ihre Wichtigkeit für die Volkswirtschaft und ihr Übertragungsrisiko für SARS-CoV-2. Für beide Aspekte haben sie jeweils eine Rangliste erstellt und die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift PNAS publiziert [1].

Entscheidungsfindung in einem sozialen Kontext

Bewertung der Branchen für die Volkswirtschaft

Um die wirtschaftliche Wichtigkeit zu bewerten, verwendeten die Ökonomen Daten zum Gehalt/Lohn, Einkommen und zur Beschäftigung vom Statistischen Bundesamt der USA. Die Geschäfte, die in der Studie analysierten, wurden, repräsentierten 1,43 Millionen Firmen, 32 Millionen Angestellte, 1,1 Milliarden Dollar an Lohn- und Gehaltszahlungen und 5,6 Milliarden Dollar an Geschäftseinnahmen. Die Forscher befragten zusätzlich 1.099 Personen zu ihrem Wohlbefinden und zu ihren Präferenzen bezüglich der Arten von Geschäften, die während einer Pandemie geöffnet bleiben sollen.

Eine wichtige Einschränkung bei der Datenerhebung bestand darin, dass die Forscher keine Informationen über Verbindungen oder Komplementaritäten zwischen den Branchen aufnahmen. Wenn eine Branche stillgelegt wird, könnte sie die Einnahmen, die Beschäftigung, die Kundenbesuche einer anderen Branche verringern z. B. durch den Entzug eines wichtigen Inputs. So könnte z. B. die Schließung der Fleischbetriebe die Einnahmen der Steakhäuser verringern. Natürlich kann die Einschränkung einer Branche die Einnahmen, die Beschäftigung, die Kundenbesuche einer anderen Branche auch erhöhen z. B. durch eine effektive “Verteuerung” eines nahen Substituts oder eine erhöhte Nachfrage. So könnte z. B. die Schließung der Kinos dazu führen, dass Streaming Dienste ihre Preise erhöhen. So könnte für Bürobetriebe der Wechsel ins Home Office dazu führen, dass Entwickler von Videokonferenz-Software und Internetprovider, die Preise erhöhen.

Wirtschaftlich wichtige Geschäfte, die relativ wenig Publikum anziehen, schneiden in der Studie am besten ab; wirtschaftlich weniger bedeutende Geschäfte, die eine Ansammlung von Menschenmassen erzeugen, schneiden schlechter ab. Banken schnitten in der Studie am besten ab, da sie wirtschaftlich bedeutend sind aber eine relativ geringe Besucherdichte haben und relativ selten besucht werden. Bei der wirtschaftlichen Bedeutung rangieren sie an erster Stelle von 26 Geschäftsarten, beim Übertragungsrisiko aber nur an 14.

Überrascht waren die Forscher darüber, dass viele amerikanische Bundesstaaten Schnaps- und Tabakläden für essenziell hielten, sodass diese offenbleiben durften. “Was uns wirklich auffällt, sind Schnaps- und Tabakläden”, sagt Benzell, einer der Autoren der Studie. “Die meisten Bundesstaaten haben zugelassen, dass Schnapsläden geöffnet bleiben. Das ist aus unserer Sicht eine etwas schlechte Entscheidung, denn Schnapsläden schaffen keinen großen sozialen Wert. Wenn man die Menschen fragt, welche Läden sie geöffnet haben möchten, dann stehen Schnapsläden ganz unten auf dieser Liste. Sie haben nicht so viele Einnahmen oder Angestellte, und sie neigen dazu, diese kleinen, überfüllten Orte zu sein, an denen sich die Leute recht nahekommen.” In der Studie rangieren die Schnapsläden hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Bedeutung auf Platz 20 der 26 Unternehmenstypen, hinsichtlich des Risikos jedoch auf Platz 12.

Bewertung der Branchen für das Ansteckungsrisiko

Da die meisten Menschen während einer Pandemie versuchen, das Haus so wenig wie möglich zu verlassen haben die Forscher auch auf das kumulative Ansteckungsrisiko für den Einzelnen geschaut. Das kumulative Risiko ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine zufällig ausgewählte Person der Risikopopulation innerhalb eines bestimmten Zeitraums (z. B. ein Monat) sich an einem Ort einem Ansteckungsrisiko aussetzt. Ein Kino hat z. B. ein geringeres kumulatives Ansteckungsrisiko als eine Kantine, da nicht so viele Leute jeden Tag ins Kino gehen aber viele Leute jeden Tag in die Kantine. Kantinen haben in einem Monat also ein höheres kumulatives Risiko als Kinos.

Um das individuelle kumulative Ansteckungsrisiko und das Übertragungsrisiko anhand von Massenansammlungen zu bewerten, untersuchten die Forscher anonymisierte Standortendaten von 47 Millionen Handys im Zeitraum von Januar 2019 bis März 2020. Die Daten beinhalteten Besuche in 6 Millionen verschiedenen Geschäften in den USA. Die 26 Geschäftstypen in der Studie machten 57 Prozent dieser Besuche aus, was bedeutet, dass die Studie einen breiten Bereich der Wirtschaft abdeckt.

Bei den Standortdaten haben die Forscher die Tatsache vernachlässigt, dass in einigen Standorten körperliche Aktivitäten wie z. B. Laufen, Tanzen oder Sex stattfinden oder dass sich “Superspreader” dort unverhältnismäßig oft aufhalten können.

Fazit der Forscher

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Studie nationale Bewertungen enthält, und räumen ein, dass es möglicherweise auch einige regionale Unterschiede in der Wirkung gibt. Dennoch zeigte die Studie keine signifikant unterschiedlichen Ergebnisse für städtische und ländliche Umgebungen. “Wenn die Regierung eines Bundesstaats die Ergebnisse dieses Fachartikels für ihre Maßnahmen anwenden möchte, wäre es vielleicht besser, ihre eigenen Daten in die Entscheidungsfindung einzubeziehen”, sagt Co-Autor Nicolaides.

Ausblick der Forscher

Einige Unternehmenstypen stellen sich auf die Pandemie ein, indem sie Schutzmaßnahmen einführen, wie z. B. eingeschränkte Kundenzahl in Friseursalons oder Trennwände an Supermarktkassen. Einige dieser Anpassungen werden wahrscheinlich vorübergehende Änderungen sein, aber andere Geschäftspraktiken könnten im Covid-19-Zeitalter bestehen bleiben. Es wäre in der Zukunft interessant, zu untersuchen, wie gefährlich diese Art von Geschäften noch für die Übertragung sind, wenn diese Maßnahmen fortgesetzt werden.

Fußnoten

  1. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag schätzt, dass jedes vierte Unternehmen in Deutschland aufgrund der Coronakrise Umsatzeinbußen von mehr als fünfzig Prozent hinnehmen muss. Verlierer der Covid-19-Pandemie waren Luftfahrt, Tourismus, Messebetreiber, Konzerte, Theater, Kinos, Restaurants und Caterer, Sportveranstalter, Unternehmen mit globalen Lieferketten, Ölkonzerne, (Solo-)Selbstständige

Weiterführende Literatur

[1]. Seth G. Benzell, Avinash Collis, Christos Nicolaides. (2020) Rationing social contact during the COVID-19 pandemic: Transmission risk and social benefits of US locations. Proceedings of the National Academy of Sciences, DOI: 10.1073/pnas.2008025117

Das Konzept der QALY: Wenn Gesundheitsökonomie auf Medizinethik trifft

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

10 Kommentare

  1. Eigene Schnapsläden gibt es eigentlich nur, wo der Verkauf im Supermarkt eingeschränkt ist, sonst könnten die gar nicht mithalten.
    “Schnapsläden” waren also überall geöffnet, über die Supermärkte.
    Auch in Schweden gibt es eine strenge Regulierung, die nur nicht aufgefallen ist, weil es keinen strengen Lockdown gab.
    Und ja, Alkohol ist systemrelevant, was würde passieren, wenn sich Millionen von Menschen plötzlich nüchtern am Arbeitsplatz wiederfänden…

    • In der Studie geht es um die USA und dort wird meines Wissens nach in den meisten Bundesstaaten Alkohol nur in extra Schnapsläden und nicht in Supermärkten verkauft

      • Umso überraschender, daß sie in der Studie überrascht waren über die Öffnung von Schnapsläden, daß man nicht einfach den Verkauf von Alkohol stoppen kann, müßte denen doch klar sein. Oder sind die schon so abgehoben, daß die diesen einfachen Umstand nicht mehr erkennen?

  2. Wenn Mensch sein Zusammenleben auf der Basis eines globalen Gemeinschaftseigentum OHNE Wettbewerb / wettbewerbsbedingte Symptomatik organisieren würde, dann könnte im Falle einer Krise heruntergefahren werden, OHNE existenziell-unternehmerische Probleme als einzig überlebenswichtige Kommunikation neu zu beschwören – dem Kreislauf des geistigen Stillstandes in Stumpf-, Blöd-, Schwach- und Wahnsinn endlich ein vernunftbegabt-menschenwürdiges Ende, dann klappt’s auch mit Klimawandel und Ernährung der Weltbevölkerung.

  3. Danke für diesen Bericht / diese Einschätzung, Herr Dr. Joseph Dramiga, a.k.a. Joe, danke Joe!

    Die hier gemeinte Güterabwägung, es wird der absehbare Gesundheitsschaden eines Staatsvolks, sog. Bevölkerung eingeschlossen, mit dem wirtschaftlichen Schaden desselben verglichen, der durch die Abwehrmaßnahmen, in diesem Fall gegen “Corona”, die aktuelle Corona-Variante ist gemeint, entsteht, kann nur sehr unzureichend wissenschaftlich und im “Ex Inter” bearbeitet werden.

    Dr. Webbaer will an dieser Stelle, als erfahren in der Wirtschaft (die Kneipe ist nicht gemeint) unterwegs gewesen und seiend, anmerken, dass derartige Rechnungen nicht funktionieren, denn die diesbezüglichen Datenlagen werden nur unzureichend erfasst und “WiWis” theoretisieren dann nur wild.

    Derartiges Vorhaben übersteigt zumindest zurzeit die Möglichkeit der Wissenschaft.

    Ansonsten verweist Dr. W gerne so :

    1.) -> https://www.finanzen.net/index/nasdaq_composite
    2.) -> https://www.finanzen.net/index/dax (hoffentlich werden die Daten den Zeitraum “ein Jahr” meinend so dargestellt, am 21.06.2020, wie vom Schreiber dieser Zeilen beabsichtigt)

    Aus diesseitiger Sicht :
    Der Markt meint, die “Sache ist gegessen”, das Virus ist mindergefährlich, das wirtschaftliche Geschäft geht “ab wie Sau”.


    Insgesamt rät der Schreiber dieser Zeilen an bei der Bewertung von Entwicklung, bei der Bewertung von hier gemeinter wirtschaftlicher Entwicklung, insbesondere diese COVID19-Geschichte meinend, auf keinen Fall sogenannten Experten (auch sog. Gesundheitsexperten) in ihren kleinen Einschätzungen zu folgen, was die Gefährlichkeit der Bedrohung betrifft (es liegt mit COVID-19 eine Gefahr vor, kein Risiko, Luhmann legte auf diese Unterscheidung stets wert), sondern dem Markt, der die aggregierte Schwarmintelligenz darstellt wie monetarisiert.

    Übrigens rät Dr. Webbaer ebenfalls an i.p. (Wieder-)Wahlchancen von Donald J. Trump nicht sog. Experten und Meinungsforschern zu vertrauen, sondern dem Betting-Markt.
    (Lägen sogenannte Experten i.p. US-Wahl richtig, sie “wissen” ja idR dass Biden gewinnen wird, würden sie am Betting-Market reich werden können, sie betten aber dort nicht, sondern verlautbaren nur, um die Menge zu bearbeiten, zu beeinflussen, denn genau dafür werden sie bezahlt.)

    HTH (“hope to help” / “hope this helps”)
    Dr. Webbaer

  4. Bonuskommentar hierzu, SCNR :

    Das ist aus unserer Sicht eine etwas schlechte Entscheidung, denn Schnapsläden schaffen keinen großen sozialen Wert. Wenn man die Menschen fragt, welche Läden sie geöffnet haben möchten, dann stehen Schnapsläden ganz unten auf dieser Liste. [den Artikeltext, des dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Eintrags, zitierend, einen sogenannten Experten]

    Dr. Webbaer vermutet gegenteilig, dass der Suff so manche im zeitweise anfälligen sogenannten Home Office befallen hat, extra-befallen hat, sozusagen.
    Die gesundheitlichen Folgekosten, i.p. Remidität * könnten beachtlich sein.
    Vgl. auch mit der sog. Prohibition, die in den Staaten so vor 100 Jahren herum versucht worden ist; blöde war halt, dass die Brennerei recht einfach ist und der Mensch wie auch Bär erfindungsreich.)

    *
    Dieses d-sprachig gemeinte Wort ist gerade erfunden worden, es gab es zuvor noch nicht, es macht abär Sinn.

  5. Ursache und Wirkung-Analyse – Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch.
    Als Mensch aber anfing auch daraus ein Geschäft zu machen, war Vernunftbegabung im Kreislauf des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies” bis zum nun “freiheitlichen” Wettbewerb um … manifestiert.

    Dieser Virus ist bestimmt unsere letzte Chance, damit uns Umwelt und “Zusammenleben” nicht wie angedroht/vorhergesehen um die Ohren fliegt!

  6. @ Kommentatorenfreund ‘hto’

    Dr. W merkt, anthropologisch stets bemüht, gerne an, dass das Johannes-Evangelium in seinem, wie einige finden, sehr schönen Intro klar war, vergleiche :
    -> https://www.biblegateway.com/passage/?search=Johannes+1&version=LUTH1545

    Der Anfang der hier gemeinten besteht im Wort, in der so gemeinten Konzeptualisierung von Inhalt.
    Sieht dies Dr. Joseph Dramiga anders?
    Das Wort und weitere Worte meinend, dann Redewendungen, sind faszinierend, das Wort selbst ist frei und ungebunden, es entstammt dem hier gemeinten Primaten aus seiner Tonalität heraus, alles andere ist unklar.

    Sicherlich will Dr. Webbaer den hiesigen und dankenswerterweise Vorätigen nicht diesbezüglich gesondert anfragen, denn der hat wohl i.p. schwarzen Identitarismus aktuell viel zu tun.

    Das Wort war abär der Anfang, nichts mit Bestattung und so, der Bär, äh, Mensch. wurde zum Menschen durch das Wort,
    MFG – Wb

  7. 1,43 Millionen Firmen, 32 Millionen Angestellte, 1,1 Milliarden Dollar an Lohn- und Gehaltszahlungen und 5,6 Milliarden Dollar an Geschäftseinnahmen – das wären 770 Dollar Einnahmen bzw 34,38 Dollar Lohn- und Gehaltszahlungen je Angestellter.

    Sind hier möglicherweise Trillion and Billion bzw. in der deutschen Übersetzung Milliarden und Billionen etwas verrutscht?

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