Black History Month 2011: Der gestrichene Absatz der Unabhängigkeitserklärung

Die Sankore Schriften

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wurde ein wichtiger Absatz vor der Unterzeichnung gestrichen. Die Gedanken, die in diesem Absatz formuliert sind, verschwanden zwar von dem Papier, aber nicht aus den Köpfen der Menschen und sollten über fast drei Jahrhunderte die Geschichte der Schwarzen in den USA prägen. 

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776

Am 4. Juli 1776 sagten sich die 13 britischen Kolonien in Nordamerika von ihrem Mutterland los. In der Einleitung dieser Unabhängigkeitserklärung wurden jedem Menschen Grundrechte zugesichert:

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness.

Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveränderlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.

 

 Abb.1: Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 

 

Thomas Jefferson (1743-1826) war für den ersten Entwurf dieser Unabhängigkeitserklärung verantwortlich. Obwohl er zu der Zeit selbst über 170 Sklaven besaß, hatte er in den Beschwerdekatalog gegen den britischen König George III. (1738-1820) auch den Vorwurf des Sklavenhandels aufgenommen. Auf dem Kontinentalkongress 1774 in Philadelphia stellte er seinen Entwurf vor. Die Mehrheit der Vertreter aus den 13 Kolonien lehnte die folgende Passage jedoch ab, vor der Unterzeichnung wurde sie entfernt:

He has waged cruel war against human nature itself, violating it’s [sic!] most sacred rights of life and liberty in the persons of a distant people who never offended him, captivating and carrying them into slavery in another hemisphere or to incur miserable death in their transportation thither.

Er hat einen grausamen Krieg gegen die menschliche Natur selbst geführt und die heiligsten Rechte auf Leben und Freiheit der Angehörigen eines fernen Volkes verletzt, die ihn nie beleidigt haben, indem er sie gefangengenommen und als Sklaven in eine andere Hemisphäre verschleppt oder sie auf dem Transport dorthin einen elenden Tod hat sterben lassen.

Die Amistad-Gerichtsprozesse 1839-1841

Im Februar 1839 entführten portugiesische Sklavenjäger eine große Gruppe Afrikaner aus Sierra Leone und brachten sie mit dem Sklavenschiff Teçora nach Havanna, Kuba ein damaliges Zentrum des Sklavenhandels. 53 Afrikaner (darunter vier Kinder) wurden von zwei spanischen Plantagenbesitzern gekauft und auf den kubanischen Schoner La Amistad (span.: Die Freundschaft) gebracht. Das Ziel der Amistad war eine Insel in der Karibik, wo die Afrikaner auf einer Plantage arbeiten sollten. Am 1. Juli 1839 eroberten die Afrikaner mit einer Rebellion das Schiff, töteten den Kapitän und den Koch und befahlen den Spaniern nach Sierra Leone zu reisen.


Abb.2: Sengbe Pieh
Sengbe Pieh (1815-1879) war der Anführer der Sklavenrevolte an Bord des spanischen  Schiffes La Amistad. Der Stammesangehörige der Mende war ein verheirateter Reisbauer und Vater von drei Kindern. 1842 gelangte Sengbe Pieh wieder nach Sierra Leone, wo damals Bürgerkrieg  herrschte. Seine Familie fand er nicht mehr vor, sie ist wahrscheinlich selbst Opfer von Sklavenhändlern geworden.

Am 24. August 1839 erreichte die Amistad Long Island, New York und wurde dort von dem amerikanischen Zweimaster Washington gekapert. Die Plantagenbesitzer wurden befreit, die Afrikaner gefangen genommen und nach New Haven, Connecticut gebracht.

Die erste Anklage lautete Mord wurde aber später fallen gelassen, die zweite war Meuterei. Der amerikanische Präsident Van Buren wollte die Afrikaner an Kuba ausliefern. Die spanischen Plantagenbesitzer, die spanische Regierung und der Kapitän des Zweimasters Washington sahen die Afrikaner als ihr persönliches Eigentum und erhoben alle Besitzansprüche. Das Bezirksgericht in Connecticut lehnte diese Besitzansprüche ab, weil die Afrikaner illegal als Sklaven gehalten wurden. (1808 war der Sklavenhandel in den USA verboten worden.) Zusätzlich entschied das Bezirksgericht das der Fall eine Sache der Bundesgerichte ist. Im Januar 1841 ging der Fall ging an den Obersten Gerichtshof der USA. Die Verteidigung der Afrikaner übernahmen amerikanische Abolitionisten, die durch John Quincy Adams, einem ehemaligen US-Präsidenten, vertreten wurden. Adams argumentierte, dass die Afrikaner ein Menschenrecht haben für ihre Freiheit zu kämpfen.

". . . each of them are natives of Africa and were born free, and ever since have been and still of right are and ought to be free and not slaves . . ."

S. Staples, R. Baldwin, and T. Sedgewick, Aufsichtführende der Amistad-Afrikaner, 7. Januar 1840

Das Oberste Gericht schloss sich dieser Meinung an und sprach die Afrikaner frei.  35 der Afrikaner kehrten nach Sierra Leone zurück. Die anderen waren auf See gestorben oder im Gefängnis während sie auf das Urteil des Obersten Gerichts gewartet hatten.

Die „I Have A Dream“ Rede von Martin Luther King 1963

Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King seine berühmte „I Have A Dream“ Rede in  Washington DC. In ihr spielte er nicht nur auf die in der Unabhängigkeitserklärung genannte Gleichberechtigung aller Menschen an, sondern zog auch den Bogen zu den Nachwirkungen der Sklaverei, welche die Menschen auch nach deren Verbot 1865 offensichtlich noch trennte


Abb.3: Martin Luther King Martin Luther King auf einer Pressekonferenz am 6. November 1964

I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: „We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal.“ I have a dream that one day on the red hills of Georgia the sons of former slaves and the sons of former slave owners will be able to sit down together at the table of brotherhood.

Ich habe einen Traum, dass sich diese Nation eines Tages erheben wird, um der wahren Bedeutung ihres Glaubensbekenntnisses –  “Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind“ – gerecht zu werden. Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern auf den roten Hügeln von Georgia gemeinsam am Tisch der Bruderschaft sitzen können.

 

Weiterführende Links

Der Inhalt der Unabhängigkeitserklärung

Bildnachweis

Abb.1: Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung

Declaration-of-independence-broadside-cropped.jpg
Declaration of Independence
Date: 4th July 1776
Source: Wikimedia Commons

Abb.2: Sengbe Pieh

Sengbe Pieh.jpg
Portrait of Sengbe Pieh (Joseph Cinqué) by Nathaniel Jocelyn (1796-1881).
Original held by the New Haven Colony Historical Society, New Haven, CT
Date: 1840
Source: Wikimedia Commons

Abb.3: Martin Luther King jr.

Martin Luther King Jr NYWTS 6.jpg
Rev. Martin Luther King, head-and-shoulders portrait, seated, facing front, hands extended upward, during a press conference/World Telegram & Sun photo by Dick DeMarsico.
Date : 6th Nov 1964

Source: Library of Congress Prints and Photographs Division.
New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection.

 

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

2 Kommentare

  1. Heilige Menschenrechte u. Besitzrechte

    Danke für diesen Artikel. Ja, manchen sind eben nicht nur die Menschenrechte heilig sondern auch ihre Besitzrechte. Und wenn die kollidieren, haben sich – frei nach Marx – , immer die Menschenrechtsideale blamiert.
    Manchen ist auch nichts mehr heilig; weil sie autonom sein wollen; und merken nicht, wie sie von ihrem angeblich autonom machenden Besitz besessen werden.

    Och, und das begegnete mir schon so oft, wie immer die anderen schuld sind und man das Kind NICHT beim Namen nennt:
    “captivating and carrying them into slavery in another hemisphere”. Was diese andere Weltregion ist – das sagt man dann lieber doch nicht…
    Danke für Deine Benennung so mancher Widersprüche. Und danke auch für Deinen Beitrag zu Anton Wilhelm Amo.

  2. @H.Aichele

    Menschenrechte vs Besitzrechte… Da sagst Du was! Zum Glück hat sich da im Laufe der Geschichte diesbezüglich einiges zum Besseren entwickelt. Es war ein Abschied auf Raten: 1808 Verbot des Sklavenhandels in den USA, 1865 Verbot der Sklaverei in den USA. Von 1876 bis 1964 gab es dann die sogenannten Jim Crow-Gesetze die die “Rassentrennung” zwischen Schwarzen und Weißen im öffentlichen Leben vorschrieben(außer in der Armee). Ironischerweise nannte man das “separate but equal”.

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